Jörg Dinkelaker, Kai-Uwe Hugger: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern
Rezensiert von Prof. Dr. Johannes Schädler, 22.07.2026
Jörg Dinkelaker, Kai-Uwe Hugger: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Schule, Medienpädagogik, Erwachsenenbildung. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2021. 209 Seiten. ISBN 978-3-8252-5461-2. 19,90 EUR.CH: 26,90 sFr.
Reihe: Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns - Band 2. UTB - 5461.
Thema
Die Publikation referiert Entwicklung und Stand der Fachdiskurse zu Professionalität und Professionalisierung in Bezug auf die pädagogischen Handlungsfelder Schule, Medienpädagogik und Erwachsenenbildung.
Autor*innen
Prof. Dr. Jörg Dinkelaker, Institut für Pädagogik, Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg Prof. Dr. Kai-Uwe Hugger, Department Erziehungs‑ und Sozialwissenschaften, Universität zu Köln Prof. Dr. Till-Sebastian Idel, Institut für Pädagogik, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Dr. Anna Schütz, Service Agentur „Ganztägig lernen“ Berlin, Deutsche Kinder‑ und Jugendstiftung Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern Dr. Silvia Thünemann, Erziehungs‑ und Bildungswissenschaften, Universität Bremen
Entstehungshintergrund
Die Publikation ist der zweite von drei Bänden der Reihe ‚Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns‘. Die drei Bände geben gleichzeitig die Kurseinheiten des gleichnamigen Moduls wieder, das für den Masterstudiengang Bildung und Medien: eEducation an der FernUniversität in Hagen angeboten wird. Der von Helsper (2021) verfasste Band 1 der Reihe versucht theoretisch zu fassen, was Professionalität und professionelles Handeln in pädagogischen Berufen grundsätzlich ausmacht und beschreibt die Anforderungen an professionelles pädagogisches Handeln in Bezug auf unterschiedliche Lebensalter sowie aktuelle Diskurslinien im Hinblick auf Professionalisierung und Deprofessionalisierung. In Band 3 beschreibt Fritz Schütze in komprimierter Form die Anforderungen an das professionelle pädagogische Handeln im Feld der Sozialen Arbeit und den Handlungstypus der Fallanalyse und Fallarbeit als zentrale professionelle Handlungslogik in sozialarbeiterischen Berufen. Die Texte im vorliegenden Band sind als Lehr‑ und Lernmaterialien konzipiert und enthalten Reflexionsfragen, die die Auseinandersetzung der Leser*innen mit den Inhalten unterstützen sowie Hinweise zu weiterführender Literatur.
Aufbau
Die Publikation ist in drei weitgehend eigenständige Teile gegliedert, die sich mit ihrem jeweiligen Fokus (Schule, Erwachsenenbildung, Medienpädagogik) alle auf Professionalität und Professionalisierung beziehen. Dabei ist zu erkennen, dass die Autor:innen einem in Band 1 der Reihe von Helsper (2021) ausgearbeiteten theoretischen Referenzrahmen folgen. Im Kern der pädagogischen Professionalität geht es demnach darum, durch wissenschaftliche Ausbildung erworbene Wissenschaftlichkeit mit der dauerhaften Aufgabe der Reflexion pädagogischer Praxis zu verbinden.
Alle drei Abhandlungen wollen einen Überblick über die Entwicklung der Diskurse zur pädagogischen Professionalität im jeweiligen Handlungsfeld geben und aktuelle Positionen darin einzuordnen. Dies geschieht in komprimierter Form. Wohl nicht zuletzt aufgrund ihrer Erarbeitung als Lehr‑ und Lernmaterialien sind die Texte gut durchgearbeitet und durch eingestreute Merk‑ und Frageblöcke sowie gezielte Literaturhinweise hilfreich didaktisiert.
Inhalt
Die von Till-Sebastian Idel, Anne Schütz, Silvia Thünemann verantwortete Abhandlung zum Themenbereich der Professionalität in der Schule referiert im ersten Teil fünf zentrale Ansätze schulbezogener Professionsforschung. Gemeinsam ist den beschriebenen Ansätzen vor allem, die Ablehnung des nativistischen Leitbildes eines „geborenen Erziehers“ und die Annahme, dass Professionalität im Lehrerinnenberuf „durch Lernen erworben und damit in und durch Professionalisierungsprozesse ausgebildet werden kann“ (S. 18). Den persönlichkeitsbezogenen oder kompetenztheoretischen Ansätzen zur Erforschung der Lehrerinnen-Professionalität, die einer eher psychologischen Perspektive zugeordnet werden, stellen die Autorinnen strukturtheoretische und kulturtheoretische Ansätze gegenüber, die eher soziologisch ausgerichtet sind. Quer dazu positionieren sie in ihrem Überblick den berufsbiografischen Ansatz in der Lehrerinnenforschung, der sowohl inhaltlich als auch forschungsmethodisch keine klare Zuordnung ermöglicht. Es gelingt den Autor*innen knapp und präzise, die verschiedenen Ansätze voneinander abzugrenzen und die jeweiligen Erklärungspotenziale und kritischen Punkte herauszuarbeiten.
Im Weiteren versuchen die Autorinnen generelle Fragestellungen des Professionalitätsdiskurses auf das Themenfeld Schule und auf deren Relevanz für professionelles Lehrerinnenhandeln zu beziehen. Die Ausführungen sind dazu informativ und anregend. Insbesondere hervorzuheben sind die Ausführungen zum Verhältnis von Schulorganisation und deren begrenzender und zugleich ermöglichender Wirkung auf die professionelle Autonomie der Lehrerinnen und Lehrer. Im abschließenden Teil befassen sich die Autorinnen damit, welche Wirkungen die strukturellen Änderungen im Handlungsfeld Schule auf professionelle Anforderungen an Lehrerinnen haben. Konkret geht es etwa um die Folgen individualisierter Lernkulturen für solidarische Beziehungsgestaltungen im Klassenverband, aber auch um die Tendenz, dass in schulischen Kontexten zunehmend Personen pädagogisch tätig sind, ohne Lehrerinnen zu sein. Aufgeworfen wird die Frage, was es für die Gestaltungsautonomie der Lehrer*innen bedeutet, wenn Schule zu einer „multiprofessionellen Organisation“ wird (S. 71).
Im Teil 2 der Publikation gibt Kai-Uwe Hugger einen Überblick über Entwicklung und Stand des Professionalisierungsdiskurses in der Medienpädagogik. Er verbindet dies mit einem Plädoyer für eine systematische professionstheoretische Grundlegung. Ausgegangen wird dabei davon, dass das medienpädagogische Aufgabenfeld in den vergangenen Jahren sowohl hinsichtlich der Adressatengruppen, der institutionellen Settings als auch der Qualifikation der medienpädagogisch Handelnden eine weitreichende Ausweitung erfahren hat. Deren Kernaufgaben werden generell in der komplexen Förderung von Medienkompetenz und Medienbildung im gesamten Bereich des Erziehungs‑ und Bildungswesens gesehen, wobei vielfältige Erwartungen bestehen. Der Autor erläutert diese Zusammenhänge und geht dabei insbesondere auf die Unterschiede zwischen beruflichem und professionellem Handeln ein. Auf Basis eines kritischen Abrisses zur Entwicklung medienpädagogischer Konzepte, der mit einer anschaulichen Klärung einschlägiger Begriffe einhergeht (Medienkompetenz, medienpädagogische Kompetenz, Medienbildung, Mediendidaktik), bilanziert er ein empirisches Forschungsdefizit bezüglich des professionell-medienpädagogischen Handelns. Dieses bezieht der Autor auf die Frage, wie „(wissenschaftliches) Wissen und (fallbezogenes) Handeln-Können“ in einer Strategie medienpädagogischer Professionalisierung systematisch miteinander verknüpft werden können. Das größte Potenzial hierfür sieht Hugger in einer „vernetzenden Professionalisierungsstrategie“ (S. 84, H.i.O.). Diese Herangehensweise wird aus seiner Sicht am ehesten gegenwärtigen Anforderungen gerecht, weil sie Adressat:innen nicht mehr primär beschützen oder über Gefahren der Mediennutzung aufklären will, sondern diese als „Medien-Nutzer*innen (betrachtet), die ihr Handeln prinzipiell selbst bestimmen können“ (S. 117). An dieser Stelle zeigt sich der Autor einem emanzipatorischen Ansatz verpflichtet, der zweifellos sympathische Züge hat. Allerdings wäre vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um die (offensichtlich intentional erzeugte) Suchtwirkung der Social-Media-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen die Frage, ob die Balance zwischen Schutz und Selbststeuerung medienpädagogisch neu bearbeitet werden muss.
Nach der Darstellung von informativen Fallbeispielen von medienpädagogischen Projekten in der außerschulischen Jugendmedienarbeit schließt der Autor mit einer komprimierten Zusammenfassung seiner Ausführungen.
Im dritten Teil der Publikation stellt Jörg Dinkelaker die spezifischen Bedingungen und Dynamiken des Diskurses zu Professionalisierung und Professionalität des pädagogischen Handelns in der Erwachsenenbildung vor. Dabei wählt er sowohl einen historischen als auch einen fachlich-systematischen Zugang. Historisch gesehen ordnet er das Bemühen um die Etablierung einer Berufsgruppe, die die Aufgabe der Erwachsenenbildung verantwortet, in den Prozess der Etablierung und Ausweitung der Bildungsangebote für Erwachsene ein, der Mitte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung gewann und bis heute anhält. In pädagogisch-systematischer Perspektive sieht er die Tatsache, dass sich pädagogisches Handeln hier nicht auf Kinder, sondern auf Erwachsene bezieht, als anhaltend klärungsbedürftige Bedingung der Professionalisierungsdiskussion in der Erwachsenenbildung. Wie die Lernenden und das Lernen in der Erwachsenenbildung gesellschaftlich gesehen werden, hat Einfluss auf das professionelle Selbstverständnis der Lehrenden. Auch dies unterscheidet die Professionellen in der Erwachsenenbildung von anderen pädagogischen Berufsgruppen. Dinkelaker erläutert seine Argumentation in fünf Schritten: Zunächst diskutiert er die Begriffe „Profession“, „Professionalisierung“ und „Professionalität“ aus Sicht der Erwachsenenbildung. Dann folgen Ausführungen zum Aufgabenbereich der Programmplanung, die Dinkelaker als „Spezifikum der Erwachsenenbildung“ und als „Kern erwachsenenpädagogischer Professionalität“ beschreibt (S. 143). Im dritten Teil referiert der Autor Konzepte des Lehrens in Bildungsveranstaltungen für Erwachsene, die durchaus lesenswert sind, aber angesichts neuerer Entwicklungen im Hinblick auf „Lebenslanges Lernen Aller“ oder hinsichtlich der digitalisierten Lehr‑ und Lernpraxis etwas antiquiert erscheinen. Die grundlegende Bedeutung dieser Veränderungsdimensionen für die Professionalisierungsdebatte in der Erwachsenenbildung macht der Autor dann auch zum Gegenstand seiner weiteren Ausführungen in den abschließenden Textteilen. Bei aller gegebenen Widersprüchlichkeit einer Pädagogik für Erwachsene und einer digitalen Entgrenzung des Lehr‑ und Lernsettings sieht Dinkelaker dennoch auch künftig wichtige Aufgaben für weitere Entwicklung pädagogischer Professionalität in der Erwachsenenbildung, die sich von einem Dienstleistungsverständnis abgrenzt. Diese sollte aber keine exklusive Zuständigkeit für das Aufgabenfeld beanspruchen, sondern sich ergeben „aus dem Auftrag einer unterstützenden, professionellen Begleitung lehrender und lernender Erwachsener (…) (S. 191).
Diskussion
Die Publikation zu Professionalität und Professionalisierung in den Handlungsfeldern Schule, Erwachsenenbildung, Medienpädagogik ermöglicht eine aufschlussreiche Vergleichsperspektive auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede pädagogisch Handelnder in schulischen und außerschulischen Tätigkeitsbereichen. Die Texte aller Autor*innen sind anspruchsvoll theoretisch fundiert, gleichzeitig aber verständlich und gut lesbar formuliert. Inhaltlich wird deutlich, dass die Professionalisierungsdiskurse in den jeweiligen Feldern vielleicht mehr als zuvor passende Antworten auf die Frage des Umgangs mit dem von Luhmann & Schorr (1982) beschriebenen „Technologiedefizit“, m.a.W. mit der Ungewissheit der Wirkungen ihrer Interventionen suchen. Dabei wird deutlich, wie verschieden die Ausgangssituationen der pädagogischen Berufsgruppen in den betreffenden Feldern sind. Während Schule als Institution eine lange professionsprägende Tradition hat, sind die Professionalisierungsdiskurse in der Erwachsenenbildung und Medienpädagogik viel stärker durch Suchbewegungen geprägt.
Fazit
Die Stärke der vorliegenden Publikation liegt darin, dass sie einen komprimierten, aber fundierten Überblick gibt. Allerdings scheinen einige Textteile bereits älteren Charakters, sodass die Auseinandersetzung mit aktuellen Herausforderungen von Diversität, Inklusion und v.a. den digitalen Veränderungen etwa im Kontext von Künstlicher Intelligenz zu kurz kommt bzw. fehlt.
Insgesamt ist das Buch für die einschlägige pädagogische Ausbildung empfehlenswert.
Literatur
Werner Helsper (2021): Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns: Eine Einführung. Verlag Barbara Budrich (Opladen & Toronto), 2021
Niklas Luhmann & Karl-Erhard Schorr: Das Technologie-Defizit der Erziehung in der Pädagogik. In: Luhmann, N. Schorr, K.E. (Hg.) Zwischen Technologie und Selbstreferenz. Suhrkamp – Verlag. Frankfurt/M, S. 11–40
Fritz Schütze (2021): Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit. Verlag Barbara Budrich (Opladen & Toronto), 2021
Rezension von
Prof. Dr. Johannes Schädler
Zentrum für Planung und Evaluation
Sozialer Dienste (ZPE), Uni Siegen
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