Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Josef Held (Hrsg.): Menschenbild

Rezensiert von Prof. Dr. Anton Schlittmaier, 05.10.2022

Cover Josef Held (Hrsg.): Menschenbild ISBN 978-3-86754-816-8

Josef Held (Hrsg.): Menschenbild. Argument Verlag (Hamburg) 2021. 248 Seiten. ISBN 978-3-86754-816-8. 13,00 EUR.
Reihe: Texte kritische Psychologie - 9.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die Frage „Was ist der Mensch?“ ist von grundlegender Natur. Eine Gesellschaft, die als entfremdete Gesellschaft im Sinne von Karl Marx (1818 – 1883) und Friedrich Engels (1820 – 1895) zu begreifen ist, verhindert, dass der Mensch menschlich sein kann. Klaus Holzkamp (1927 – 1995) in den 1970er Jahren bereits die anthropologischen Voraussetzungen der Allgemeinen Psychologie kritisiert. Dabei spielte die Evolutionsforschung eine wichtige Rolle. Der Band präsentiert neue Erkenntnisse zu diesem Themenkomplex.

Autoren

Die Herausgeber sind Josef Held und Klaus Weber. Josef Held ist Leiter der Tübinger Forschungsgruppe Kritische Psychologie und Subjektwissenschaft. Klaus Weber lehrt an der Hochschule München und vertritt die Schwerpunkte Sozialpsychologie, Soziale Arbeit und Faschismus, Resozialisierung, Subjekt und Gesellschaft sowie Gesellschaftskritik.

Entstehungshintergrund

Das Buch gehört in die Rehe „Texte kritische Psychologie“ und beendet diese Reihe.

Aufbau

Der Band enthält die folgenden Beiträge:

  • Josef Held: Menschenbild und menschliche Natur
  • Klaus Weber: Das gesellschaftliche Subjekt oder: Die Macht der Verhältnisse
  • Frigga Haug: Hilfsbereitschaft als Überlebensstrategie – Hryds Forschungen zu Jungenaufzucht und Menschwerdung
  • Christine Zunke: „Rollback“ in die Steinzeit? Kritik der evolutionären Psychologie am Beispiel ihrer Begründung von Geschlechtscharakteren 
  • Vanessa Lux: Gattung – Gen – Epigen
  • Michael Zander: Michael Tomasellos vergleichende Entwicklungspsychologie und die gesellschaftliche Natur des Menschen
  • Wolfgang Fritz Haug: Menschwerdung
  • Wolfgang Maiers: Bewusstsein ein unauflösliches Rätsel? Dialektisch-materialistische Perspektiven auf das psychophysische Problem
  • Tobias Kröll: Intersein und Engagement – zum buddhistischen Menschenbild von Thich Nhat Hanh
  • Klaus Holzkamp: Historischer Materialismus und menschliche Natur – Rezension des Buches von Georg Rückriem (Hg.) Pahl-Rugenstein, Köln 1978

Der Aufbau orientiert sich daran, neuere Erkenntnisse zur Evolutionsforschung, zum Marxismus, Feminismus, zur Genforschung, zur vergleichenden Tier-Mensch Forschung, zur Kritik an biologistischen Ansätzen sowie zur Thematik Religion und Menschenbild aufzuzeigen.

Inhalt

Josef Held führt durch seinem Beitrag in die Thematik der Kritischen Psychologie ein. Zu unterscheiden sind das Menschenbild und die menschliche Natur. Nur letztere kann als wissenschaftlich bezeichnet werden. Während das Menschenbild allzu häufig durch einen genetischen Determinismus geprägt ist, legt die Kritische Psychologie die menschliche Natur – die eben keine biologische ist – frei. Der Mensch reagiert nicht einfach nur auf Reize, sondern auf Signale. Signale stehen in Zusammenhängen und begründen Bedeutung.

Menschliche Entwicklung ist damit nie nur natürliche Entwicklung, sondern immer eingebettet in gesellschaftliche Zusammenhänge. Den natürlichen Menschen gibt es nicht. Der Mensch ist immer ein gesellschaftliches Wesen und letztlich geformt durch spezifisch gesellschaftlichen Strukturen. Die Versuchsperson der bürgerlichen Psychologie ist somit ein Abstraktum. Sie regiert auf eine fixe Struktur, ohne diese selbst ändern zu können. Neuere Forschungen bestätigen die Kritische Psychologie. So sind Kultur, Sprache und Kunst gegenüber dem Werkzeugbereich als Ursachen des Gehirnwachstums entscheidend. Dies verweist auf die Bedeutung von Intersubjektivität und gesellschaftlich vermittelter Handlungsfähigkeit. Insgesamt begreift Held den Menschen als Subjekt. Die grundlegende Kategorie der menschlichen Natur bildet die Handlungsfähigkeit, die sich in spezifischen Kontexten konkretisiert, was zahlreiche Implikationen für Forschung und Praxis hat. Hervorzuheben ist dabei der Subjektstatus der einen emanzipatorischen Ansatz sowohl in der Forschung wie in der sozial(pädagogischen) Praxis beinhaltet. Bei letzterer ist der Klient nicht Objekt, sondern Subjekt, zu dem eine Beziehung der Intersubjektivität besteht.

Klaus Weber führt den Ansatz weiter, indem er den Zugang über eine Feuerbachthese wählt. Dabei legt er zuerst nahe, dass das menschliche Wesen das Ensemble der menschlichen Verhältnisse sei. Folgt man Louis Althusser (1918 – 1990) ist der Einzelne völlig machtlos den Verhältnissen ausgeliefert. Dem kontrastiert der Autor Ernst Bloch (1885 – 1977), der dem Einzelnen die Möglichkeit des Widerstandes konzediert. Hilfreich, um den Widerspruch zu überwinden, ist Holzkamps Unterscheidung zwischen restriktiver und verallgemeinerter Handlungsfähigkeit. Nur letztere kann die Rahmenbedingungen so verändern, dass ein freieres Leben möglich ist. Weber fragt nun, ob Holzkamp die Chancen des Subjekts auf seine Befreiung nicht zu idealistisch einschätzt. Eine eindeutige Antwort wird nicht gegeben. Trotzdem bleibt die Hoffnung auf die „…kluge, radikale Arbeit für die „Bewohnbarkeit“ dieser Welt“ (S. 58).

Frigga Haug befasst sich mit der Hilfsbereitschaft als Überlebensstrategie, was auch in Bezug auf die Möglichkeiten einer Überwindung der kapitalistischen Struktur der Gesellschaft eine wichtige Thematik ist. Die übliche darwinistische Vorstellung, dass wir Egoisten sind, greift zu kurz. Hilfsbereitschaft und Empathie haben einen Überlebenswert. Der Mensch ist nicht von Natur aus Egoist, sondern ein soziales Wesen. Aber auch dies ist keine Konstante. Durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden Umlernprozesse eingeleitet, die die Errungenschaften der Evolution zurückschrauben können. Erneut könnte der Mensch mehr einer Leitung durch egoistische Motivationen verfallen. Insgesamt ist bei Sahra Hrdys (*1946) die Thematik der weltverändernden Kraft der Arbeit nachzuarbeiten. Diese verändert nicht nur die Welt, sondern schafft immer auch Rahmenbedingungen für die Selbstgestaltung durch gesellschaftliche Beeinflussungsstrukturen.

Christine Zunke setzt sich kritisch mit der evolutionären Biologie auseinander. Diese behandelt den Menschen wie einen Automaten. Die Freiheit wird völlig negiert. Die Grundausstattung des Menschen ist evolutionär entstanden, also durch biologische Mechanismen, und ist an die Gesellschaft der Gegenwart nicht angepasst. Nicht Widersprüche kapitalistischer Gesellschaften produzieren psychisches Leid, sondern eine Inkompatibilität zwischen unserer biologischen Ausstattung, die auf Steinzeitverhältnisse abgestimmt ist, und unserer gegenwärtigen Gesellschaft, die von uns Verhaltensweisen fordert, für die wir nicht programmiert sind: „So bildet die evolutionäre Psychologie den herrschenden Sexismus ab und legitimiert ihn, indem sie ihn als eine natürliche Anlage des Menschen behauptet“ (S. 101).

Vanessa Lux diskutiert das Verhältnis zwischen genetischer Ausstattung und gesellschaftlicher Struktur, also die Frage, ob die gesellschaftliche Seite des Menschen biologischer Fundamente bedarf: „Aus der Perspektive…der Entwicklungssysteme als Einheiten der Evolution stellt sich allerdings die Frage, ob die Herausbildung der gesellschaftlichen Natur…wirklich auf die genetische Information in ihrer engen Fassung…zurückgewirkt haben muss“ (S. 126). Letztlich sind die empirisch vorfindlichen Größen entscheidend. Annahmen über eine veränderte DNA bleiben spekulativ.

Michael Zander untersucht Michael Tomasellos (* 1950) vergleichende Entwicklungspsychologie in ihrem Verhältnis zur gesellschaftlichen Natur des Menschen. Dabei kommt er zu einem positiven Resultat über Tomasellos Forschungen und kritisiert die Ausgrenzung der Kritischen Psychologie aus dem Diskurs der Wissenschaften. Tomasellos Forschung bestätigt auf neuartige Weise Aussagen der Kritischen Psychologie.

Wolfgang Fritz Haug untersucht die Thematik der Menschwerdung. Dabei nimmt auch er Bezug auf Tomasello, bezieht allerdings ein weites Spektrum von Theoretikerin in seine Darstellung ein. Insbesondere die Bedeutung der Arbeit für die Menschwerdung wird akzentuiert.

Wolfgang Maiers behandelt das psychophysische Problem aus dialektisch-materialistischer Perspektive. Dabei ist das Bewusstsein nicht als isolierte Existenz zu betrachten, sondern in seiner Einbettung in den Lebenszusammenhang. Letzteres verhindert auch, dass das Bewusstsein als empirisch nicht zugänglich gefasst wird.

Tobias Kröll untersucht das buddhistische Menschenbild von Thich Nhat Hanh (* 1926). Dabei ist die Überwindung von Leid in der Natur und der Gesellschaft ein zentrales Ziel dieses Menschenbildes.

Der letzte Beitrag des Buches geht auf 1978 zurück. Klaus Holzkamp erörtert die Beziehung zwischen Historischem Materialismus und menschlicher Natur. Dabei handelt es ich um eine Rezension eines von Georg Rückriem (* 1934) herausgegeben Buches. Bei letzterer handelt es sich um eine Streitschrift, die den Begriff „menschliche Natur“ verteidigt und die Position vertritt, dass dieser Begriff mit dem Sozialismus vereinbar sei.

Diskussion

Der Herausgeberband präsentiert zahlreiche Beiträge, die im Kontext der Kritischen Psychologie stehen. Eine Ausnahme bildet hier der Beitrag zum Buddhismus, von dem sich einer der Herausgeber distanziert. Der Beitrag soll nach dessen Auffassung gegen solche „Lehren“ immunisieren.

Insgesamt macht es das Buch dem Leser nicht leicht. Es fehlt im Grunde eine strukturierte Einleitung, die einen Vorblick gibt, welche Themen behandelt werden und welche Thesen hier jeweils im Zentrum stehen. Interessant für den Leser wäre es eine Vorahnung zu bekommen, welche Positionen kritisiert werden, welche Spannbreite die Alternativpositionen haben und in welcher Position sich die einzelnen Autoren verorten.

Natürlich kann man die Auffassung vertreten, dass der Leser die einzelnen Beiträge durchlesen soll, und sich dann sukzessive einen Überblick verschaffen kann, was die Thesen der einzelnen Beiträge sind. Positiv zu erwähnen ist, dass am Endes des Bandes die einzelnen Autoren mit Vita genannt werden, was zumindest hilft die Beiträge einzuordnen.

Inhaltlich ist der Band in seiner Bewertung sicher davon abhängig, wie man zum dialektischen und historischen Materialismus steht. Positiv ist zu sehen, dass teilweise der Versuch unternommen wird, Erkenntnisse der Kritischen Psychologie mit Aussagen von Wissenschaftlern aus anderen Richtungen zu unterstützen.

Fazit

Insgesamt ein etwas schwer zugänglicher Überblick zur Kritischen Psychologie, der die Auseinandersetzung mit Positionen der Evolutionsforschung darlegt und dabei die gesellschaftliche Natur des Menschen in den Vordergrund stellt.

Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Professur für Philosophie und Grundlagen der Sozialen Arbeit an der Berufsakademie Sachsen
Website
Mailformular

Es gibt 30 Rezensionen von Anton Schlittmaier.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 05.10.2022 zu: Josef Held (Hrsg.): Menschenbild. Argument Verlag (Hamburg) 2021. ISBN 978-3-86754-816-8. Reihe: Texte kritische Psychologie - 9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29270.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht