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Andreas Mairhofer, Christian Peucker et al.: Herausforderungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 14.03.2023

Cover Andreas Mairhofer, Christian Peucker et al.: Herausforderungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ISBN 978-3-7799-6871-9

Andreas Mairhofer, Christian Peucker, Liane Pluto, Eric van Santen: Herausforderungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Empirische Erkenntnisse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-6871-9. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

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Thema

Die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) stellt ein komplexes Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit dar. Zumeist wird sie von privaten Trägern angeboten, die durch Kofinanzierung von Kommunen und in Kooperation mit öffentlichen Trägerschaften wie dem Jugendamt aktiv sind und doch zugleich unter deren Kontrolle stehen. In einer sich stetig wandelnden Gesellschaft sind die hier tätigen Fachkräfte mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, die von außen oft nicht oder anders gesehen werden als sie den Sozialen an der Basis bewusst sind. Das sogenannte „doppelte Mandat“, also in der Spannung zwischen Klienten und dem gesellschaftlichen Auftrag zu stehen, ist so mit vielen Dilemmata verbunden, denen die Einrichtungen oft mit eigenen Herangehensweisen begegnen. Diese zu beleuchten ist Anliegen der bundesweiten Befragung des Deutschen Jugendinstitutes (DJI), die 2018 zum zweiten Mal stattfand und deren Ergebnisse nun vorliegen.

Autor:innen

Dr. Andreas Mairhofer, MA, Dipl.-Sozialpädagoge (FH), ist wissenschaftlicher Referent in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut (DJI) München und dort Mitarbeiter im Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel – Leistungen und Strukturen“.

Christian Peucker, Dipl.-Soziologe, ist wissenschaftlicher Referent in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut München und dort Mitarbeiter im Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel – Leistungen und Strukturen“.

Dr.in Liane Pluto, M.A. Erziehungswissenschaften, ist wissenschaftliche Referentin in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut München und dort Mitarbeiterin im Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel – Leistungen und Strukturen“.

Dr. Eric van Santen, Dipl.-Soziologe, ist wissenschaftlicher Referent in der Abteilung Jugend und Jugendhilfe am Deutschen Jugendinstitut München und dort Mitarbeiter im Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel – Leistungen und Strukturen“.

Im vorliegenden Band werden Herausforderungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, wie z.B. der Inklusion von jungen Menschen mit Behinderung oder der Mitwirkung an Angeboten der Ganztagesbetreuung von Schulkindern, auf der Grundlage der zweiten bundesweiten DJI-Befragung von Jugendzentren analysiert. Die empirischen Befunde werden ergänzt durch eine umfassende Beschreibung der Strukturen des Arbeitsfeldes.

Aufbau und Inhalt

Der Blick der Studie richtet sich auf die Perspektive der Einrichtungen Offener Kinder- und Jugendarbeit, also auf deren strukturelle und institutionelle Voraussetzungen für die Arbeit. Es geht somit nicht um die Meinung von Fachkräften oder die Einschätzung der jugendlichen Besucher:innen. Die Ergebnisse spiegeln die Sicht von 1350 Einrichtungen bundesweit wider, was 45 % der im Jahr 2018 angeschriebenen Institutionen sind.

Drei Ebenen werden analysiert, die jedoch in der Praxis nicht unabhängig voneinander stehen, sondern miteinander verwoben sind (vgl. 13f): die Herausforderungen an die Gestaltung von Rahmenbedingungen des Feldes der OKJA (z.B. durch die kommunale Jugendpflege), Herausforderungen an die Organisation und konzeptionelle Ausgestaltung der Einrichtungen (insbesondere durch die Träger) und Herausforderungen, die sich auf das fachliche Handeln der Fachkräfte beziehen (Stichwort: Qualifikation des Personals).

Die Kapitel widmen sich hier folgenden ausgewählten Aspekten der Studie: 

  • Strukturelle Merkmale der Einrichtungen: Hier werden u.a. die Räumlichkeiten und ihre Nutzungen sowie Öffnungszeiten, Angebotspaletten und weitere Aspekte in den Blick genommen.
  • Geflüchtete Kinder und Jugendliche erreichen: Insbesondere seit 2015 gehören junge geflüchtete Menschen zu den Nutzenden der Einrichtungen der OKJA. Die somit entstandenen Bedarfe werden dargestellt.
  • Inklusiv sein: Inwieweit Besucher:innen mit Behinderung die Einrichtung nutzen können, wird von verschiedenen Seiten aus betrachtet.
  • Kinder und Jugendliche beraten: Erörtert wird, welche Probleme und Fragen der Lebensbewältigung vor Ort eine Rolle spielen und zur Sprache kommen.
  • Profil in der Nachmittagsbetreuung wahren: Hier interessiert, in welcher Weise die Einrichtung an der Schnittstelle zu einer Schule bzw. Ganztagsbetreuung agiert.
  • Freiwilliges Engagement sehen und sichtbar machen: Bei diesem oft vernachlässigtem Aspekt betrachtet die Studie Anzahl, Alter und Aufgabenbereiche im Ehrenamt.
  • Personal finden: Hier interessieren die Qualifikations-, und Altersstruktur sowie Strategien der Personalfindung und -bindung.
  • Finanzielle Ressourcen bekommen: Gezeigt wird, welche Themen und Angebote in welcher Entwicklungsstruktur gefördert werden sowie die entsprechenden Voraussetzungen und Konsequenzen für diese Arbeit.
  • Kommunale Unterstützung erhalten: Schließlich erläutert die Studie das Zusammenspiel der öffentlichen und privaten Träger von OKJA auf kommunaler Ebene in Bezug auf Verantwortung und gegenseitige Unterstützung. 

Zu diesen genannten werden weitere Herausforderungen kurz in den Blick genommen, jedoch nur ansatzweise skizziert (13-22): Digitalisierung meistern, demokratische Bildung fördern, sich legitimieren müssen, Angebote kontinuierlich an Bedürfnisse und Wünsche der Adressat:innen anpassen, eigenes Profil bei Kooperationen sichern, Sozialraumbezug herstellen, optisch und lebenspraktisch erreichbar sein, jugendlichen Raum für eigene Aktivitäten bieten, Balance finden zwischen Offenheit für alle und Offenheit für bestimmte Zielgruppen, in Zeiten der Corona-Pandemie Kontakt halten.

Diskussion

Immer ist es ein asymmetrischer Blick, der die Jugendforschung bestimmt, denn Ältere spekulieren über die jungen Heranwachsenden und machen sich Gedanken, wie sie deren Lebensbewältigung effektiv unterstützen können. Aktuell zu nennen sind zwei renommierte Autor:innen wie Krafeld (2022), der seinen emanzipatorischen Zugang zu stressenden Jugendlichen darstellt oder Hafeneger (2022), der aufschreibt, „Was wir über Jugendliche wissen sollten“. Sie wie auch weitere Theoretiker:innen wenden sich in ihren Publikationen an die Akteure der Jugendarbeit und skizzieren Ansätze, in denen sie ihr mehr oder minder praxisbezogenes Wissen weitergeben.

Die Autor:innen des Deutschen Jugendinstitutes nehmen in ihrer Studie demgegenüber die Bedingungen der Einrichtungen in den Blick, in denen diese Arbeit stattfinden kann. Sie publizieren ihre vier Jahre zuvor erhobenen empirischen Daten. Das ist schon ein langer Zeitabstand, was unter anderem dadurch deutlich wird, dass die Corona-Pandemie 2018 noch keine Rolle spielte. Aktuelle Publikationen gehen auf die Bedeutung der Pandemie als relevantes Thema für die Soziale Arbeit mit jungen Menschen umso mehr ein (vgl. z.B. Dohmen 2021; Gravelmann 2022; Hafeneger 2021).

Gleichwohl sind die vom DJI beschriebenen Herausforderungen auch aktuell noch relevant und ihre Darstellung ist eine wichtige Erkenntnisbasis für die in der Praxis tätigen Fachkräfte. Die eigene Einrichtung kann vergleichend zu den anderen in den Blick genommen werden und der bundesweite Fokus relativiert und/oder bestätigt manch hauseigene Einschätzung in Bezug auf Veränderungsmöglichkeiten. Beachtenswert sind zudem die „weiteren Herausforderungen“ (z.B. Angebote kontinuierlich an Bedürfnisse und Wünsche der Adressat:innen anpassen; vgl. 13–22), die von den Autor:innen quasi am Rande der Studie erfasst werden und deshalb nur marginal im Text besprochen werden. Diese Themen verdienen es jedoch unbedingt, in nachfolgenden Forschungsarbeiten noch deutlicher in den Blick genommen zu werden. Denn gerade in der OKJA zeigen sich immer mehr Schnittstellen zu anderen Bereichen der Sozialen Arbeit, die Fachkräfte vor solche zusätzliche Herausforderungen stellen. Insofern bietet die Studie eine notwendendige Folie für weitere empirische Forschung – dann aber unter Einbeziehung der Fachkräfte und der Adressat:innen selbst.

Fazit

Das Buch ist hilfreich für Mitarbeiter:innen in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, um die eigene Arbeit zu reflektieren und mit anderen Einrichtungen – bundesweit – vergleichend in den Blick zu nehmen.

Literaturangaben

Dohmen, Dieter (Hrsg.): Generation Corona? Wie Jugendliche durch die Pandemie benachteiligt werden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel).

Gravelmann, R. (2022): Jugend in der Krise. Die Pandemie und ihre Auswirkungen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel).

Hafeneger, B. (2022): Was wir über Jugendliche wissen sollten. Eine Einführung in die Jugendforschung. Wochenschau-Verlag (Frankfurt am Main).

Hafeneger, B. (2021): Jugend und Jugendarbeit in Zeiten von Corona. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main).

Krafeld, F.J. (2022): Emanzipatorische Arbeit mit stressenden Jugendlichen. Umstritten, aber erfolgreich. Beltz Juventa (Weinheim/​Basel).

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 43 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 14.03.2023 zu: Andreas Mairhofer, Christian Peucker, Liane Pluto, Eric van Santen: Herausforderungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Empirische Erkenntnisse. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6871-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29285.php, Datum des Zugriffs 22.06.2024.


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