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Alan Sroufe: Der Weg zur eigenen Persönlichkeit

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 22.06.2022

Cover Alan Sroufe: Der Weg zur eigenen Persönlichkeit ISBN 978-3-608-98082-0

Alan Sroufe: Der Weg zur eigenen Persönlichkeit. Wie Bindungserfahrungen uns lebenslang prägen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 216 Seiten. ISBN 978-3-608-98082-0. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Jede Lebensphase von der Geburt bis zum Erwachsenenalter hat ihre eigenen Herausforderungen und Konfliktfelder. Es geht um die großen Fragen, wie wir werden, wer wir sind, warum es so schwer, aber nicht unmöglich ist, sich zu ändern und wie Menschen geholfen werden kann, die in ihrer frühen Kindheit unzureichende Bindungs- und Beziehungserfahrungen gemacht haben.

Autor

Alan Sroufe, Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher, ist emeritierter Professor am Institute of Child Development an der University of Minnesota.

Aufbau und Inhalt

Alan Sroufe erklärt, dass dieses Buch sowohl eine beschreibende Darstellung der aufeinanderfolgenden Entdeckungen in dieser „Revolution in der Psychologie“ ist sowie die persönlichen Bedeutungen, die Sroufe für sich ableitete, erfassen und ausdrücken soll.

Er eröffnet das erste Kapitel mit dem Geständnis, dass sein Großvater mütterlicherseits seine Großmutter erschossen hatte, dies aber lange ein Familiengeheimnis war, von dem er erst spät durch einen Versprecher einer Tante erfuhr. Dieses kurze Kapitel erzählt von Kindheit bis zum Studium. Für Psychologie als Hauptfach entschied er sich, weil er sich und seine Eltern besser verstehen wollte.

Als ausgebildeter Behaviorist bemerkte er aber, dass der Behaviorismus seine Fragen nicht erklären konnte. Sroufe beschreibt im zweiten Kapitel frühe Einflüsse, seine Begeisterung für die frühkindlichen Emotionen und dessen Erforschung und seine Bekanntschaft mit der Bindungstheorie. Er erläutert Bindung als Konzept, die „fremde Situation“ als Forschungsinstrument und die Bindungsmuster.

Im dritten Kapitel geht Sroufe auf die emotionale Entwicklung und die Emotionsregulation im ersten Lebensjahr ein und bekräftigt, dass emotionale und kognitive Entwicklung organisiert sind und Hand in Hand gehen. Die Darstellung eigener Studien, verbunden mit einer genauen Erläuterung der wissenschaftlichen und persönlichen Erkenntnisse, wird im vierten Kapitel weitergeführt und die weitere Entwicklung von der Bindung des Säuglings zur Autonomie des Kleinkindes bis hin zum Vorschulkind erfasst.

Im fünften Kapitel werden die Anfänge der großen Minnesota-Studie vorgestellt und erste Ergebnisse über Auswirkungen der Qualität elterlichen Verhaltens und der Bindungsqualität in den ersten beiden Lebensjahren berichtet. Sroufe erklärt die desorganisierte Bindung sowie die Auswirkung von grenzverletzendem Verhalten der Eltern. Anschließend beschreibt der Autor die Herausforderungen durch eine so umfangreiche Längsschnittstudie (Gewinnung und langfristige Betreuung der Versuchsfamilien, ethische Problemstellungen) und geht auch auf persönliche Herausforderungen in dieser Zeit ein.

Im Zentrum des siebten Kapitels steht das organisierte Verhalten des Vorschulkindes. Sroufe überlegt, wie der Frage nach Kontiunität der Entwicklung erfasst werden kann. Keine Kontinuität besteht bezüglich einzelner Verhaltensweisen, vielmehr muss gefragt werden, welcher Bereich der Entwicklung in welcher Phase im Focus steht. So konzentrierte sich die Studie im Vorschulbereich auf Selbstvertrauen, Selbstachtung, Selbststeuerung, Unabhängigkeit, Empathie und Beziehungsaufbau zu Gleichaltrigen.

Das nächste Kapitel thematisiert die Weiterführung im Grundschulalter. Auch hier erweist es sich, dass Bindungssicherheit die soziale Orientierung, die Kompetenz mit Gleichaltrigen und die emotionale Gesundheit fördert. Die Entwicklungsaufgaben der mittleren Kindheit hat auch die Sommercamp-Studie zum Thema. Sroufe entwickelte die Entwicklungspsychopathologie mit. Die frühe Bindungsqualität, die Bindungsgeschichte steht im Zusammenhang mit psychischen und Verhaltensauffälligkeiten.

Mit der Frage nach Veränderungen im Entwicklungsverlauf bereitet Sroufe das Thema des neunten Kapitels vor. Laut Sroufe konnte gezeigt werden, dass sich die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit mit den Thesen der Bindungstheorie vereinbaren lässt. Die Merkmale früher Beziehungen werden vom Kind schrittweise verinnerlicht und zeigen sich im Alter von 10 oder 11 Jahren im Verhalten, der mentalen Welt und den Beziehungen zu Gleichaltrigen. Es zeigt sich, Resilienz und positive Veränderungen sind sowohl beeinflusst durch die frühe Kindheitsgeschichte wie den derzeitigen verbesserten Lebensumständen.

Im zehnten Kapitel ist die Studie in der Adoleszenz angelangt, in der eine radikale Transformation des kindlichen Denkens und Fühlens erfolgt. Es wurde die familiäre Situation erfasst und Beobachtungen im Jugendcamp ausgewertet. Es geht in dieser Altersphase um gemischtgeschlechtliche Gruppen, der Beteiligung und der sozialen Kompetenz.

Auch im Übergang in die Erwachsenenwelt (Kapitel 11) hat eine sichere Bindung in der frühen Kindheit prognostischen Wert. Diese jungen Erwachsenen hatten im Durchschnitt stabile soziale Netzwerke, waren aktiv in Schule oder Beruf eingebunden und hatten Vorstellungen über die Zukunft; sie zeigten insgesamt eine bessere Resilienz. Die frühkindlichen Daten zeigen auch Vorhersagekraft bezüglich der elterlichen Zuwendung für die eigenen Kinder. Diesen generationsübergreifenden Effekt veranschaulicht Sroufe vor allem am Beispiel der Desintegration.

Im zwölften Kapitel zieht Sroufe seine Lehren aus der Forschung und dem Leben. Er resümiert, dass frühe Erfahrungen kein unabänderliches Schicksal und auch spätere Erfahrungen wichtig sind. Er veranschaulicht dies am Beispiel eines Hauses: Die frühe Kindheit legt das Fundament, das Dach ist aber nicht weniger wichtig. Das Fundament erlegt dem weiteren Aufbau Grenzen auf, aber ohne Dach würde das Haus trotz stabilem Fundament bald zusammenfallen. Er geht der Frage nach, warum Veränderungen so schwierig sind und wie sie sich trotzdem erreichen lassen und bringt die Ergebnisse seiner Arbeit mit seiner eigenen Lebensgeschichte in Zusammenhang.

Im Nachwort freut er sich, welche Entwicklung und Anerkennung die Bindungstheorie und Bindungsforschung gefunden hat, warnt aber vor Verzerrung und Missbrauch.

Diskussion

Das Buch umfasst eine beschreibende Darstellung der aufeinanderfolgenden Entdeckungen im Forscherleben von Alan Sroufe sowie der persönlichen Bedeutungen, die er für sich ableitete. Er erwähnt auch die glücklichen Zufälle, die seinen Lebenslauf entscheidend beeinflusst haben.

Als Forschungsergebnis zeigt sich, dass eine sichere Bindung in der frühen Kindheit keine Garantie für eine problemlose Zukunft ist, aber einen gewissen Schutz vor Widrigkeiten bietet und die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass später verfügbare Hilfen besser genutzt werden. Die frühen Erfahrungen gehen nicht verloren.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit sind nicht pessimistisch, sondern optimistisch, denn es stimmt nicht, dass unsichere Bindung ein „verlorenes Kind“ beschreibt. Veränderungen zum positiven sind möglich. Sroufe stellt heraus, wie Veränderungen beschaffen sein müssen und wodurch negative Veränderungen verhindert werden können. Frühe Hilfen sind aber umso erfolgreicher, je früher Problemfamilien und ihre Kinder erreicht werden.

Neben der Wissensvermittlung regt das Buch zum Nachdenken über die eigene Person an. Hinter allem wird die große, überzeugende und einfühlsame Persönlichkeit von Alan Sroufe deutlich sichtbar.

Zielgruppen

Alle, die sich für die menschliche Entwicklung interessieren

Fazit

Das Buch vermittelt, wie Bindungserfahrungen unsere Persönlichkeit prägen. Alan Sroufe stellt die Ergebnisse seiner kreativen Forschung (Minnesota-Studie), verbunden mit seinem Lebenslauf, dar. Er geht auch den Fragen nach, warum es so schwer ist, sich zu verändern, und wie Menschen geholfen werden kann, die in ihrer frühen Kindheit unzureichende Bindungserfahrungen gemacht haben.

Zum Abschluss zitiere ich Mary Main: „Dieses Buch ist wunderbar“.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 176 Rezensionen von Lothar Unzner.

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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 22.06.2022 zu: Alan Sroufe: Der Weg zur eigenen Persönlichkeit. Wie Bindungserfahrungen uns lebenslang prägen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-98082-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29290.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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