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Ralph-Christian Amthor, Carola Kuhlmann et al. (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach dem Ende des Nationalsozialismus

Rezensiert von Prof. Dr. Gerd Stecklina, 12.04.2024

Cover Ralph-Christian Amthor, Carola Kuhlmann et al. (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach dem Ende des Nationalsozialismus ISBN 978-3-7799-6352-3

Ralph-Christian Amthor, Carola Kuhlmann, Birgit Bender-Junker (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach dem Ende des Nationalsozialismus. Band 2: Institutionen, Ausbildung und Arbeitsfelder Sozialer Arbeit nach 1945. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 276 Seiten. ISBN 978-3-7799-6352-3. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.
Band 2 .

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Thema

Ausgehend von der Annahme, dass „die Entwicklung der frühen Nachkriegszeit in der BRD und DDR“ im Hinblick auf die Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit bisher – im Gegensatz zu der im Nationalsozialismus – „weniger beleuchtet wurde“, nehmen sich beide Bände dieser Thematik an (S. 9): Der besondere Fokus liegt hierbei auf Kontinuitäten und Diskontinuitäten zur Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus und der Frage danach, wo sich Stetigkeiten in der Nachkriegszeit zu Konzepten und Maßnahmen dieser Zeit zeigen, aber auch, wo eine Neuorientierung stattfand. Beide Bände richten ihren Fokus auf unterschiedliche Gegenstände. Während im Band 1 „Berufsbiografische Verläufe zwischen ideologischen Kontinuitäten, Migration und Reeducation“ in Zentrum rücken, liegt der Schwerpunkt im Band 2 vorwiegend auf „Institutionen, Ausbildung und Arbeitsfelder Sozialer Arbeit nach 1945“.

Herausgeber:innen

Die Herausgeber:innen beschäftigen sich seit langem – mit unterschiedlicher inhaltlicher und zeitlicher Schwerpunktsetzung – mit der sozialpädagogischen und sozialarbeitswissenschaftlichen Geschichtsschreibung und können auf eine Reihe von Veröffentlichungen und Herausgeber:innenschaften zu dieser Thematik verweisen.

Ralph-Christian Amthor, Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit, Geschichte und Theorie, an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt, beschäftigt sich seit langem insbesondere mit der Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit.

Carola Kuhlmann ist Professorin an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe. Ein wesentlicher Arbeitsschwerpunkt ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sozialen Arbeit, insbesondere der des Nationalsozialismus, der Heimerziehung und der Frauenbewegung als soziale Bewegung.

Birgit Bender-Juncker, Professorin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, forscht u.a. zu den Selbstpositionierungen von Gründer:innen von Fachhochschulen Sozialer Arbeit und zum Widerstand von Sozialarbeiter:innen im Nationalsozialismus.

Entstehungshintergrund

Beiden Sammelbänden liegen Vorträge und weitere durch die Herausgeber:innen eingeworbene Beiträge der im Oktober 2019 von der AG „Historische Sozialpädagogik/​Soziale Arbeit“ organisierten Tagung „Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Sozialpädagogik/​Sozialarbeit im Übergang vom Nationalsozialismus zur Nachkriegszeit“ zugrunde. Die Tagung an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt war die 15. Tagung der AG „Historische Sozialpädagogik/​Soziale Arbeit“. Inzwischen fanden zwei weitere Tagungen – 2022 an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg sowie 2024 an der Hochschule RheinMain – statt.

Aufbau

Der zweite Band umfasst insgesamt 17 Beiträge, die durch die Einleitung und die Vorstellung der einzelnen Beiträge durch die Herausgeber:innen sowie das Autor:innenverzeichnis abgerundet werden. Zwei Beiträge sind von jeweils drei Autor:innen verfasst, ein Beitrag von Zweien und bei 14 Beiträge zeichnet jeweils ein/e Autor:in verantwortlich.

Thematisch untergliedert sind die Beiträge in vier Themenkomplexe: 1. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in einzelnen Anstalten und Arbeitsfeldern, 2. Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Nachkriegszeit, 3. Kontinuitäten im Umgang mit „asozialen“ Jugendlichen in Ost und West, 4. Von den Volkspflegeschulen zur Höheren Fachschule – inhaltliche Kontinuitäten zur NS-Zeit, neue Methoden und Reeducation.

Im 1. Themenkomplex werden in fünf Beiträgen unterschiedliche Institutionen und Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit erörtert. Während Holger Wendelin sich näher mit der Institution und dem Personal der evangelischen Düsselthaler Anstalten auseinandersetzt, rückt bei Reinhard Neumann die Entwicklung des Knabenrettungs- und Brüderhauses Lindenhof ins Zentrum. In beiden Beiträgen werden Kontinuitäten, aber auch Diskontinuitäten über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit sichtbar. Aber auch die Unterschiede hinsichtlich der Entwicklung in der BRD und der DDR werden offenbar. Eine Auseinandersetzung mit der Zeit von 1933–1945 findet in beiden Institutionen – so die Autoren – nur, wenn überhaupt, in Ansätzen statt. Ingo Harms zeigt in seinem Beitrag sehr anschaulich auf, wie sich der Bezirksverband Oldenburg im Nationalsozialismus mit der Fürsorgepolitik arrangierte und dies eine zentrale Bedeutung für die langjährige Entwicklung der oldenburgischen Psychiatrie und Heimerziehung nach 1945 hatte. Der katholischen Behindertenhilfe widmet sich Annerose Sieber in ihrem Beitrag. Sie stellt Ergebnisse der Studie „Heimkinderzeit“ vor, der maßgeblich Interviews mit ehemaligen Heimbewohner*innen zugrunde liegen. Die von der Autorin diskutierten Ergebnisse zu institutionellen Rahmenbedingungen, zu Alltagspraktiken und zur Gewalt in der Behindertenhilfe machen auf das höchst aktuelle Erfordernis institutionelle Settings, Ausbildungs- und Fortbildungssysteme und den Einrichtungsalltag immer wieder neu zu reflektieren. Jürgen Eilert zeigt in seinem Beitrag die personelle und ideologische Kontinuität im Arbeitsfeld der Jugendpsychiatrie anhand der Person des Kinder- und Jugendpsychiaters Herrmann Stutte auf. Dabei wird deutlich, dass eugenische Menschenbilder Grundlage von Stellungsnahmen und Gutachten auch in der Zeit ab 1945 waren, und hier von Kontinuität in der Bewertung von Menschen ausgegangen werden muss. Die dahinterliegenden menschlichen Schicksale, Entwicklungsverwehrung und Vorenthaltung von Teilhabe lassen sich nur erahnen.

In einem 2. Themenbereich werden in drei Beiträgen ganz unterschiedliche Entwicklungen aufgezeigt. Neben Kontinuitäten zu Erziehungsvorstellungen der Weimarer Republik und/oder des Nationalsozialismus, lassen sich auch neue Handlungsansätze und Entwicklungen in der Sozialen Arbeit erkennen. In ihrem Beitrag beschreiben Rita Braches-Chyrek und Julia Gottschalk für die Zeit nach 1945 in Bezug auf Kindheitsvorstellungen und -vorläufe sowohl die Kontinuität nationalsozialistischer Erziehungsvorstellungen und traditioneller Familienmodelle als auch die Veränderungen in Hinblick auf das Eltern-Kind-Verhältnis und neue Freiheitsräume. Die Darstellung erfolgt auf der Basis vorliegender Literatur zu Kindheitsverläufen. Melanie Oechler diskutiert in ihrem Beitrag Veränderungen in den Ansätzen der Jugendarbeit in Frankfurt/Main nach 1945. Deutlich wird in dem Artikel, dass es sowohl eine Neuorientierung gab als auch Kontinuitäten zu Ansätzen aus der Weimarer Republik sichtbar werden. Norman Böttcher dokumentiert in seinen Darlegungen das Erfordernis der Neubegründung jüdischer Sozialarbeit unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nach der Shoa, wobei er dies speziell anhand jüdischer Jugendarbeit nach 1945 darlegt. Davon ausgehend, beschreibt Norman Böttcher anschaulich die Neukonzipierung jüdischer Jugendarbeit vor dem Hintergrund der Shoa und der Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft hat.

Der 3. Themenbereich umfasst sechs Beiträge und stellt den Umgang mit Heranwachsenden nach 1945 in der BRD und DDR ins Zentrum der Erörterungen. In ihrem Beitrag erörtert Anne Hans den Fachdiskurs zur Unerziehbarkeit in der Jugendhilfe. Hierbei stützt sie sich auf Materialien der Wohlfahrtsverbände und zeigt auf, dass der Terminus „Unerziehbarkeit“ zentral sowohl für den zeitgenössischen psychiatrisch-medizinischen als auch den sozialarbeiterischen Diskurs nach 1945 war. Die in den Jahren nach der Gründung der BRD einsetzende Diskussion um das Verständnis der Unerziehbarkeit als sekundäres Problem – und nicht mehr als primäres – verweisen aber auch auf Diskontinuitäten sowie die Komplexität von Veränderungsprozessen und unterschiedliche Positionen von Wohlfahrtsverbänden. Claudia Streblow-Poser zeigt in ihrem Beitrag anhand von Fallakten einerseits die Kontinuität des Diskurses um und der Zuschreibung von Asozialität nach 1945 auf. Sie spricht in diesem Zusammenhang von „aktiv betriebenen Sozialrassismus“ (S. 153). Andererseits verweist sie aber auch auf gesellschaftliche Veränderungen und Machtverschiebungen, die sich in einem zunehmenden Einfluss von Gerichten bei Entscheidungen zur Unterbringung widerspiegelt. Die Deutungshoheit des Jugendamtes wird hierdurch infrage gestellt und geht mit einem Veränderungsprozess beim Jugendamt einher. Christa Paul zeichnet sehr anschaulich den Fall „Erika Weber“ nach, und dokumentiert eindrücklich die Entmündigungspraxis und die Verwahrungspraxis von Menschen durch die Hamburger Sozialbehörde. Dass sich die Entmündigungsfrage auch wie ein roter Faden durch die Geschichte der BRD zieht und für die Betroffenen mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, fehlender sozialer und persönlicher Anerkennung sowie Entschädigungsverweigerung verbunden war, wird in dem Beitrag prägnant problematisiert. Oliver Gaida diskutiert in seinem Beitrag den Umgang mit Asozialität sowohl in Ost- wie Westdeutschland anhand der Jugendfürsorge in Berlin. Stigmatisierungen von Menschen als „arbeitsscheu“ und „sexuell verwahrlost“ waren in Ost- als Westdeutschland die gängige Praxis. Aus den von ihm untersuchten Akten zeigt sich nicht nur der stigmatisierende Diskurs, sondern ebenso die Kontinuität nationalsozialistischen Wortguts. Nach Oliver Gaida trug auch die Soziale Arbeit wesentlich zur Ausgrenzung und Stigmatisierung von Menschen bei. Auch in der DDR gab es eine Kontinuität der Stigmatisierung der sog. „Asozialen“, wie der Beitrag von Wiebke Dierkes deutlich werden lässt. Einher ging dies mit einer Kriminalisierung der Personengruppe, die als „Asoziale“ stigmatisiert wurden. Wiebke Dierkes arbeitet in ihrem Beitrag heraus, dass mit der Etikettierung von Menschen als „arbeitsscheu“ und „asozial“ ein Gegenbild zu den Vorstellungen einer sozialistischen Arbeitsgesellschaft geschaffen wurde, welches auch „in einer klaren Kontinuität des NS-Regimes“ steht (S. 205). Fragen der Entstehungsgeschichte des Jugendarrestes werden von Maria Meyer-Höger in ihrem Beitrag diskutiert. Im Beitrag wird der lange Vorlauf bis zur Einführung des Jugendarrests im Jahre 1940 aufgezeigt, die bis in die Zeit des Kaiserreichs reichen und in der nationalsozialistischen Zeit im Zuge der Jugendstrafrechtsreform wieder forciert wurden. Jedoch kann nach Maria Meyer-Höger nur bedingt von einer Kontinuität der Diskussion gesprochen werden, da es im Nationalsozialismus nicht mehr „um eine spezialpräventive „kurze Besinnungshaft“ ging, sondern um die Demonstration von Effizienz und Stärke in der Bekämpfung von Jugendkriminalität“ (S. 221). Zugleich konstatiert die Autorin eine Kontinuität bis in die BRD hinein, sowohl was das Ziel des Jugendarrestes, als auch der personellen Besetzung des Jugendrechtsausschusses der Akademie für Deutsches Recht betrifft.

Im 4. Themenkomplex des Bandes werden sowohl Kontinuitäten zur NS-Zeit als auch Neuansätze in Bezug auf Methoden und Reeducation aufgezeigt. Hierbei gehen die Autor:innen auch von einer personalen Kontinuität nach 1945 aus. Kontinuität und Neuanfang werden von Doris Neppert in ihrem Beitrag zur Wohlfahrtsschule Schleswig-Holstein aufgeworfen. Dies erfolgt anhand von Lehrplänen sowie Unterlagen zu „entnazifizierten“ Dozent:innen und Schüler:innen. Die „Entnazifizierung“ der Schüler:innen nimmt im Beitrag viel Raum ein, zeigt aber auch anschaulich die Komplexität des Prozesses auf. Bei den Lehrplänen lassen sich Kontinuitäten erkennen, eugenische und rassenbiologische Grundsätze wurden weiterhin gelehrt (vgl. S. 231). Jedoch zeigen sich über die Zeit auch eine Reihe von Veränderungen. Diese betreffen insbesondere Reeducationprogramme und „Summerschools“. Zu den neuen Entwicklungen trug nach Doris Neppert auch der Austausch mit Kolleg:innen aus anderen Ländern und Auslandsaufenthalte bei. Dieter Röh, Barbara Dünkel und Friederike Schaak geben in ihrem Beitrag einen Einblick in die Entwicklung in die Soziale Frauenschule und dem Sozialpädagogischen Institut Hamburg. Sie fragen anhand von Personen, Lehrinhalten und -plänen sowie der Entnazifizierung nach inhaltlichen und personellen Kontinuitäten. In ihrem Resümee kommen die Autor:innen zu dem Schluss, dass es „in der direkten Nachkriegszeit [.] es an einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus [fehlte]“ (S. 254). Eine Neuausrichtung fand erst in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren statt. In dem Beitrag von Sandro Bliemetsrieder, Gabriele Fischer und Julia Gebrande werden die Inhalte der Sozialen Frauenschule Stuttgart am Beispiel der Prüfungsfragen diskutiert. Ziel ist es, Kontinuitäten und Diskontinuitäten zurzeit des Nationalsozialismus zu extrahieren, und dies jeweils auf der Ebene von Konzepten, Methoden und Ideologien. Anhand von Fällen aus den Jahren 1946 und 1954 wird dies exemplarisch aufgezeigt. Deutlich wird in dem Beitrag, dass der Rückgriff auf das Recht gerade in unsicheren Zeiten gegeben ist. Sandro Bliemetsrieder, Gabriele Fischer und Julia Gebrande sprechen in diesem Zusammenhang von „einem unreflektierten Rechtspositivismus“ (S. 271) seitens der Sozialarbeiter:innen. Die Autor:innen fordern deshalb mit Staub-Bernasconi „Rechtssicherheit und Gerechtigkeit zusammenzudenken“ (ebd.).

Diskussion

Der 2. Band fragt nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach 1945. Hierbei stehen institutionelle und arbeitsfeldbezogene Entwicklungen ebenso im Zentrum wie Aspekte des Ausbildungssystems. Wie im Titel angelegt, zeigen die 17 Beiträgen, dass die Zeit nach 1945 in der Sozialen Arbeit von Stetigkeit und fließendem Übergang aber auch Veränderungen, von Neuem gekennzeichnet ist. Jedoch scheint eine intensive Auseinandersetzung mit dem Erbe des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus zu jener Zeit noch nicht möglich zu sein. Dies war, wie dies auch in einem Teil der Beiträge herausgearbeitet wird, mitunter dem „Pragmatismus“, aber auch der fehlenden Bereitschaft der Institutionen und der Professionellen, sich mit der eigenen Verstrickung im Nationalsozialismus und eigenen ideologischen Konstrukten auseinanderzusetzen, geschuldet. In den vorliegenden Beiträgen des Bandes dokumentiert sich dezidiert, dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit von einer Vielzahl an Kontinuitäten auszugehen ist: diese betrafen nicht nur ideologische Muster und Positionen, sondern auch Vorstellungen von Fürsorge, Verwahrlosung und Asozialität sowie die Familienbilder. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es hinsichtlich der Vorstellungen zur Arbeitsgesellschaft, Verwahrlosung und Asozialität Vergleichbarkeiten in Ost- und Westdeutschland erkennbar sind. Eine die DDR und die BRD übergreifende Studie, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich der Vorstellungen zur Sozialen Arbeit in der Nachkriegszeit diskutiert, steht noch aus. Auch in den Positionen zur Eugenik und Rassenhygiene nach 1945 zeigt sich, dass diese wesentlich das Denken der Professionellen nach 1945 geprägt haben. Dies lässt sich, wie die Beiträge dokumentieren, sowohl mittels Aktenanalyse und Analyse des Ausbildungssystems als auch in den propagierten Menschenbildern aufzeigen. Zugleich kommt in den Beiträgen die Kontinuität des eugenischen Denkens über die Zeit des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit hinaus zu kurz. Hierdurch besteht die Gefahr, dass die Verankerung dieses Gedankenguts bereits im Kaiserreich und in der Zeit der Weimarer Republik in der Wissenschaft, in Behörden, sozialarbeiterischen und institutionellen Konzepten und in der praktischen Arbeit ausgeblendet bleibt.

Deutlich wird in den Beiträgen auch, dass es neue, nichtstigmatisierende und -strafende Ansätze in der Sozialen Arbeit in der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre schwer hatten, sich durchzusetzen. Hierzu trugen nicht nur die weiterbestehenden Ideologien bei, sondern auch rechtliche, institutionelle und personelle Kontinuitäten. Personal, welches ein kritisches Denken an den Tag legte, war noch in der Minderheit und konnte sich, wie dies in einzelnen Beiträgen anklingt, nur bedingt durchsetzen. Deren Geschichte stärker in den Blick zu nehmen, und hierdurch auch Hierarchien und Machtungleichheiten in sozialarbeiterischen Institutionen aufzudecken, bedarf noch der Erforschung. Im Beitrag zur Fürsorgeerziehung und Entmündigung in Hamburg zeigt das Beispiel „Erika Weber“ gleichermaßen, dass es eine große Kontinuität hinsichtlich der behördlichen Positionen und Vorgehensweisen gab, die es verunmöglichten, in der Zeit des Nationalsozialismus auf der Basis der nationalsozialistischen Rechtsprechung getroffenen Entscheidungen zu hinterfragen bzw. zu revidieren. Die Verweigerung der Anerkennung von während der Zeit des NS getroffenen Entscheidungen als nationalsozialistisches Unrecht – als Voraussetzung des Rechts auf Entschädigungszahlungen – bedarf der weiteren Analyse des Anteils der Sozialen Arbeit, den sie hierzu beigetragen hat.

Die Beispiele, die dokumentieren, dass sich etwas zu ändern beginnt, zeigen vor allem Veränderungen im Ausbildungssystem und beim Personal. Zugleich wird deutlich, dass die Entnazifizierung in der Leitungsebene nur bedingt erfolgte bzw. auch die Curricula aus der Zeit des Nationalsozialismus über einen längeren Zeitraum weiterbestanden.

Die Beiträge im Band zeichnen ein sehr differenziertes und vielfältiges Bild dessen, was Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Sozialen Arbeit in der Zeit ab 1945 bis in die 1960er Jahre hinein ausmacht. Im Band kommen die Verstrickungen von Institutionen der Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus zur Sprache.

Fazit

Der besondere Verdienst des Bandes ist es, aus ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven die Kontinuitäten von rassenbiologischen Positionen und Menschenbildern in der Sozialen Arbeit auch nach 1945 aufzuzeigen. Diesen Kontinuitäten müssen sich die Disziplin und Praxis der Sozialen Arbeit ebenso stellen, wie es ihr gelingen muss, die „jungen, zarten Pflänzchen“ des Neuen, die sich nach 1945 etablieren konnten, aufzuzeigen.

Rezension von
Prof. Dr. Gerd Stecklina
Professor für Theorie und Geschichte der Sozialen Arbeit an der Hochschule München, Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften
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Es gibt 2 Rezensionen von Gerd Stecklina.

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Zitiervorschlag
Gerd Stecklina. Rezension vom 12.04.2024 zu: Ralph-Christian Amthor, Carola Kuhlmann, Birgit Bender-Junker (Hrsg.): Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach dem Ende des Nationalsozialismus. Band 2: Institutionen, Ausbildung und Arbeitsfelder Sozialer Arbeit nach 1945. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6352-3. Band 2 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29293.php, Datum des Zugriffs 21.05.2024.


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