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Hanna Gundlach: Jugendliche Eltern und Familienbildung

Rezensiert von Ronja Jäger, 30.03.2022

Cover Hanna Gundlach: Jugendliche Eltern und Familienbildung ISBN 978-3-658-35921-8

Hanna Gundlach: Jugendliche Eltern und Familienbildung. Eine qualitative Untersuchung zur Nutzung sowie Nicht-Nutzung sozialer Dienstleistungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2021. 524 Seiten. ISBN 978-3-658-35921-8. D: 65,41 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 77,50 sFr.
Reihe: Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion - Band 24
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Thema

Dem vorliegenden Werk liegt der empirische Befund zugrunde, dass jugendliche Eltern sozialstaatliche Angebote nur selten wahrnehmen, obwohl diese alle Familien adressieren. Insbesondere jugendliche Eltern gelten daher aus defizitärer Sicht als schwer zu erreichende Adressat:innen. Da sie aufgrund normativer gesellschaftlicher Erwartungen jedoch einem hohen Risiko ausgesetzt sind, Stigmatisierungen zu erleben, ist es in der qualitativen Sozialforschung und der Entwicklung sozialstaatlicher Dienstleistungen von besonderem Interesse, die individuellen Begründungsmuster jugendlicher Eltern zu analysieren und die normativen Annahmen über den Familienbegriff darüber hinaus in die Analyse einzubeziehen. Hanna Gundlach richtet ihr Augenmerk daher auf die Gründe für dieses (Nicht-)Nutzungsverhalten, indem sie mittels qualitativer Interviews und Fokusgruppen in ein bislang wenig erforschtes Feld vordringt und die Bedingungen dieses Nutzungsverhaltens erforscht. Basierend auf den Daten, die mit Fokus auf jugendliche Eltern und Fachkräfte der Familienbildung erhoben werden, präsentiert Gundlach schließlich eine handlungstheoretisch ausgerichtete Analyse, die in einer Grounded Theory – also einer Methode der Sozialforschung zur Erhebung und Auswertung qualitativer Daten – zur (Nicht-)Nutzung von Angeboten der Familienbildung durch jugendliche Eltern mündet. Somit entsteht ein Handlungsmodell, das die multidimensionalen Wechselwirkungen von (Nicht-)Nutzungsbedingungen und ihren Auswirkungen im lebensweltorientierten Kontext jugendlicher Eltern beschreibt.

AutorIn

Dr. phil. Hanna Gundlach ist derzeit als Referentin in der Hamburger Behörde für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration tätig. Dort arbeitet sie im Amt für Familie, Abteilung Gestaltung der Jugendhilfe im Referat Kinder- und Jugendpolitik. Zuvor schloss Gundlach ihr Studium mit dem Master of Arts Sozialpolitik ab.

Aufbau

Das 524-seitige Buch ist der 24. Band der Reihe „Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion“, die von Karin Böllert herausgegeben wird, und erstreckt sich über vier Teile:

  • Teil I Forschungsstand, theoretische Verortung und Forschungsinteresse
  • Teil II Methodologische und methodische Verortung
  • Teil III Empirische Ergebnisse
  • Teil IV Diskussion der Erkenntnisse und Schlussfolgerungen.

Diese Teile sind in insgesamt neun Kapitel mit jeweiligen Unterkapiteln untergliedert. Eingeleitet wird der Band durch eine Beschreibung jugendlicher Eltern als Adressat:innen und potenzielle Nutzer:innen von sozialstaatlichen Angeboten. Die zwei darauffolgenden Kapitel fokussieren die lebensweltorientierten Umstände der jugendlichen Elternschaft sowie theoretische Grundlagen der Familienbildung als Angebote der Kinder- und Jugendhilfe. Im Anschluss daran wird der aktuelle Forschungsstand dargelegt, bevor die subjektorientierten Zugänge zu jugendlichen Eltern als Adressat:innen und Nutzer:innen von Angeboten der Familienbildung diskutiert werden. Das daran anschließende Kapitel nimmt das Forschungsdesign der Arbeit in den Blick, nachfolgend werden die Ergebnisse sowie Praxisimplikationen und zukünftige Forschungsperspektiven präsentiert. Ergänzt werden die jeweiligen Ausführungen und Ergebnisse durch diverse eingefügte Abbildungen und Tabellen. Den Band beschließt ein Literaturverzeichnis.

Inhalt

Das erste Kapitel dieses Werks informiert über die Relevanz der Forschung, bevor es sich dem Problemaufriss widmet und das Spannungsfeld beschreibt, in dem sich die jugendliche Elternschaft befindet – diese gilt demnach nicht nur als statistische Seltenheit, sie weicht darüber hinaus oftmals auch von der gesellschaftlichen Normvorstellung ab. Die Konsequenz daraus sieht Gundlach in einem emotionalisierten und moralisierten öffentlichen Diskurs, der in erster Linie eine defizitäre Sichtweise einnimmt.

Das zweite Kapitel fokussiert den Forschungsgegenstand, indem zunächst die öffentliche Wahrnehmung und das wissenschaftliche Verständnis von jugendlichen Eltern dargestellt wird. Im weiteren Verlauf nimmt Gundlach einige Begriffsbestimmungen vor und beleuchtet die theoretischen Grundlagen, um schließlich ein detailliertes Bild der Lebenswelt jugendlicher Eltern als Fokus der Forschung zeichnen zu können.

Im dritten Kapitel der Arbeit werden eingangs die Entwicklungsgeschichte der Institutionalisierung der Familienbildung und ihr gesetzlicher Rahmen aufgearbeitet, bevor normative Vorstellungen von Familien und ihr Progress im Laufe der Zeit diskutiert werden. Gundlach beschreibt die Wechselwirkungen zwischen diesen normativen Erwartungen und sozialstaatlichen Leistungen, die sich schließlich auch in der Gestaltung des gesetzlichen Rahmens manifestieren. Dabei werden Erziehungskompetenzen und Adressierungsprozesse in der Familienbildung betrachtet, um schließlich die Ambivalenz zwischen Unterstützung und Kontrolle, die Reproduktion sozialer Missstände und das Forschungsinteresse detailliert abzubilden.

Das vierte Kapitel stellt den aktuellen nationalen und internationalen Forschungsstand zur Familienbildung heraus, aber auch eine Forschungslücke in diesem Feld: Gundlach sieht einen blinden Fleck in der Analyse der Ursachen für die (Nicht-)Nutzung von Angeboten der Familienbildung durch jugendliche Eltern an den sie mit ihrem Werk anknüpft.

Im fünften Kapitel werden die forschungstheoretischen und -praktischen Perspektiven der Sozialen Arbeit und der Erwachsenenbildung miteinander in Beziehung gebracht und hinsichtlich der Begründungsmuster für eine (Nicht-)Nutzung diskutiert. So entsteht ein interdisziplinäres Forschungsdesign, das schließlich nach den Bedingungen für das Nutzungsverhalten von sozialstaatlichen Angeboten durch jugendliche Eltern forscht.

Das sechste Kapitel bildet dieses Forschungsdesign in seiner Gänze ab. Gundlach begründet ihre Wahl der Grounded-Theory-Methodologie und der Art der Stichprobenziehung, anschließend erläutert sie deren theoretische Grundlagen. Für die Studie wurden mittels Interviews und Fokusgruppen Daten von insgesamt je 16 jugendlichen Eltern und Fachkräften erhoben und schließlich anhand der Grounded-Theory-Methodologie ausgewertet.

Das siebente Kapitel widmet sich der Rekonstruktion der Bedingungen für das Nutzungsverhalten von Angeboten der Familienbildung durch jugendliche Erwachsene sowie der Präsentation der Forschungsergebnisse. Es beschreibt die darauf basierende Entwicklung eines Handlungsmodells zur (Nicht-)Nutzung von sozialstaatlichen Angeboten sowie dessen Unterteilung in verschiedene Kategorien. Gundlach beschließt das Kapitel mit einer Veranschaulichung der Prozesse der (Nicht-)Nutzung durch eine Falldarstellung und resümiert deren lebensweltliche Bedingungen und Folgen. Die Forschung stellt schließlich heraus, dass die Eigenschaften des sozialen Umfelds und des Unterstützungsnetzwerks jugendlicher Eltern sowie ihre bisherigen Erfahrungen ihr Handeln beeinflussen und sich somit auch auf ihr Nutzungsverhalten auswirken. Darüber hinaus wird das Nutzungsverhalten von weiteren Faktoren bedingt, die den Angeboten der Familienbildung und ihrer Form der Adressierung inhärent sind.

Im achten Kapitel werden ausgewählte Forschungsergebnisse diskutiert, in einen Zusammenhang mit verschiedenen Deutungsmustern und empirischen Forschungszugängen gebracht und schließlich hinsichtlich des Konzepts des Stigma-Managements dargestellt. Darüber hinaus werden die Ursachen und Prozesse der (Nicht-)Nutzung in einen theoretischen Kontext eingebettet.

Das neunte Kapitel beschließt den Band, präsentiert potenzielle zukünftige Forschungsperspektiven sowie Praxisimplikationen, die aus der Forschung abgeleitet werden können – und ordnet diese schließlich in den aktuellen Fachdiskurs ein.

Diskussion

Das Buch nimmt eine adressat:innenbezogene Forschungsperspektive ein und bietet somit eine Alternative zum vorherrschenden wissenschaftlichen Fokus. Die Vulnerabilität jugendlicher Eltern verdeutlicht zudem die Notwendigkeit einer kritischen Reflexion ihrer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung, nicht zuletzt, um die Gestaltung der Adressierung dieser Zielgruppe entsprechend ausrichten zu können. Diese kritische Auseinandersetzung nimmt Gundlach in ihrer Arbeit vor, indem sie unter Einbeziehung der normativen Erwartungshaltungen an jugendliche Eltern die individuellen Begründungsmuster für das Nutzungsverhalten dieser Adressat:innen erforscht. So entwirft sie schließlich ein Handlungsmodell, das die vielfältigen Wechselwirkungen von Bedingungen und Konsequenzen der (Nicht-)Nutzung in der Lebensweilt jugendlicher Erwachsener beschreibt. Trotz des – in der qualitativen Sozialforschung nicht unüblichen – kleinen Samples gewinnen Leser:innen somit einen umfassenden Einblick in das Spannungsfeld der jugendlichen Elternschaft und erhalten einen Überblick über die komplexen Prozesse der (Nicht-)Nutzung von Angeboten der Familienbildung durch jugendliche Eltern. Die Autorin merkt jedoch selbst an, dass die im Handlungsmodell und dessen Kategorien aufgeführten Strategien nicht ohne Weiteres auf andere jugendliche Eltern und abweichende Situationen übertragbar sind. Somit lässt sich das Modell nicht direkt in eine Handlungspraxis übersetzen.

Fazit

Hanna Gundlach dringt mit ihrem Werk in ein bislang wenig erforschtes Feld vor und ermöglicht mit ihrer Arbeit ein perspektivisches Umdenken. Während in der bisherigen Forschung, aber auch im öffentlichen Diskurs, in erster Linie eine defizitäre Betrachtung der (Nicht-)Nutzung von Angeboten der Familienbildung durch jugendliche Eltern vorgenommen wurde, fokussiert Gundlach die subjektiven Begründungsmuster der Adressat:innen und bettet diese in verschiedene wissenschaftliche Disziplinen ein. Das Werk veranschaulicht die Rekonstruktion der Bedingungen, die dem Nutzungsverhalten hinsichtlich sozialstaatlicher Angebote durch jugendliche Eltern zugrunde liegen. Somit eröffnet die Autorin die Möglichkeit einer Betrachtung der Thematik aus handlungstheoretischer Perspektive, die darüber hinaus neue Praxisimplikationen offeriert.

Rezension von
Ronja Jäger
Master Bildungswissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
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Es gibt 1 Rezension von Ronja Jäger.

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Zitiervorschlag
Ronja Jäger. Rezension vom 30.03.2022 zu: Hanna Gundlach: Jugendliche Eltern und Familienbildung. Eine qualitative Untersuchung zur Nutzung sowie Nicht-Nutzung sozialer Dienstleistungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-658-35921-8. Reihe: Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion - Band 24. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29295.php, Datum des Zugriffs 24.09.2022.


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