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Richard Rohrmoser: Antifa

Rezensiert von Prof. Dr. Tom Mannewitz, 06.05.2022

Cover Richard Rohrmoser: Antifa ISBN 978-3-406-76097-6

Richard Rohrmoser: Antifa. Portrait einer linksradikalen Bewegung. Verlag C.H. Beck (München) 2022. 208 Seiten. ISBN 978-3-406-76097-6. 14,95 EUR.
Reihe: C.H. Beck Paperback - 6414
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Thema

Das Erregungspotenzial der Antifa (als Bewegung) und des Antifaschismus (als politisches Aktionsfeld) ist beträchtlich. Das zeigten im Frühjahr 2019 einige Antifa-Sticker in der Hamburger Ida-Ehre-Schule; das zeigte im Herbst desselben Jahres der Antifa-Button der Linken-Bundestagsabgeordneten Martina Renner während einer von der AfD initiierten Plenardebatte; das zeigte schließlich Renate Künasts Forderung im März 2020, die Antifa stärker mit staatlichen Geldern zu fördern. In allen drei Fällen war die Aufregung groß. Sie dürfte maßgeblich damit zusammenhängen, dass über „die“ Antifa wenig bekannt ist, das über Stereotype hinausgeht. Wissenschaftliche Studien sind dünn gesät. Das Thema wird stattdessen von zwei anderen Publikationsformaten beherrscht: Verfassungsschutzberichten einerseits, Darstellungen aus der Szene andererseits.

Autor

Der Mannheimer Zeithistoriker Richard Rohrmoser, derzeit im Gymnasialdienst tätig, ergänzt die wenigen soziologischen Darstellungen (etwa von Nils Schuhmacher) um einen historisch ausgreifenden Gesamtüberblick. Aber: Mannheim? Wer sich mit der Materie länger beschäftigt, hätte eher mit Darstellungen aus Bremen, Chemnitz, Göttingen, Hamburg gerechnet. Rohrmoser selbst wurde promoviert mit einer Arbeit über „Sicherheitspolitik von unten“ – anderes Thema, ähnlicher Forschungsschwerpunkt.

Aufbau und Inhalt

Die Darstellung gliedert sich in fünf weithin chronologisch sortierte Abschnitte. Leitend war für den Autor die Idee, das als „undifferenziert“ (S. 15) bezeichnete Bild „der“ Antifa als „Systemoppositionelle“ und „schwarzgekleidete Terrorist*innen“ zu korrigieren. Das erste Kapitel zum Ursprung der Antifaschistischen Aktion innerhalb der Kommunistischen Partei Deutschlands sowie deren Wurzeln im Ersten Weltkrieg, aber auch dem – kommunistischen – Widerstand im Nationalsozialismus bildet hierfür den Auftakt. Zudem findet bei Rohrmoser der vielfach übersehene „Antifaszisten-Tag“ (S. 33) von 1923 Erwähnung. Auf ihn folgten ein als „Schlageter-Kurs“ bekanntes nationalbolschewistisches Intermezzo und die durch Grigori Sinowjew postulierte, von der Komintern verordnete Sozialfaschismusthese von 1924, die eine breite Front gegen den Nationalsozialismus lange Zeit verhinderten und an deren Konsequenzen – Verfolgung, Verhaftung, Ermordung – auch der späte Schwenk zur Volksfront nichts mehr änderte.

Kapitel 2 stellt die „traditionellen“ antifaschistischen Organisationen in der Bundesrepublik (VVN-BdA, KPD, DKP, KB, Linke) dar, darüber hinaus das besondere Verhältnis der DDR zum Antifaschismus als Legitimationsgrundlage autokratischer Herrschaft. Während auf den Realsozialismus allerdings nur drei Seiten entfallen (an späterer Stelle noch einmal acht), äußert sich Rohrmoser zu den Organisationen im Westen ausführlicher. Sie stehen bei ihm im Vordergrund.

Kapitel 3, das mit 100 Seiten umfangreichste, ist im Grunde ein Buch im Buch, das die Autonome Antifa beleuchtet – und zwar beginnend bei ihren Wurzeln in der Autonomia Operaia und der Spontiszene bis hin zur heutigen Fantifa. Dieser historiographisch geprägte Abschnitt kommt im Grunde auf nahezu alle prägenden Traditionen, Wegmarken und Scheidelinien in deskriptiver Weise zu sprechen – ohne mit Kritik zu sparen: Antideutschen wirft Rohrmoser beispielsweise „rassistische Ressentiments“ (S. 155) vor, Antiimperialisten „unterkomplexe[..] Schwarz-Weiß-Schemata“ (S. 157).

Kapitel 4 nimmt eine Bilanzierung „der“ Antifa, ihrer Spannungsverhältnisse und Probleme vor, während der letzte Abschnitt ihren gesellschaftlichen Wert auszutarieren sucht. Hier nimmt Rohrmoser die Bewegung vor angeblichen Bestrebungen in Schutz, sie entsprechend dem „Hufeisenschema“ (S. 177) mit Rechtsextremisten gleichzusetzen. Der Autor führt hierzu ungleiche Motive und variierende Gewaltstatistiken an. Die Antifa fungierte ihm zufolge häufiger als „Korrektivkraft“ (S. 185) und „Seismograph“ (S. 187) für die Gesellschaft.

Diskussion

Rohrmosers kenntnisreiche Gesamtdarstellung ist insgesamt von solidarischer Kritik getragen. Der Autor scheint mit den Zielen der Antifa zu sympathisieren, ohne deren große blinde Flecken – Stichwort: Gewalt – zu verschweigen. Die kritischen Töne fallen allerdings mitunter leise aus: Wenn im Antifaschistischen Infoblatt der Gewalt aus rein taktischen Motiven (nichts bewirkt) abgeschworen wird (S. 130), stellt sich die Frage, inwiefern von einem „Minimalkonsens für humanistische Werte“ der Bewegung (S. 13) – auch im Selbstbild – gesprochen werden kann. Wie sehr orientiert sich die Antifa am „Gemeinwohl“ und den „Gesamtinteressen der Gesellschaft“ (S. 15), wenn in ihr Visier nicht allein Rechtsextreme, sondern auch „rechte“ (S. 69) und „rechtskonservative[..]“ (S. 87) Aktivitäten geraten? Oder wenn ihr Antifaschismus Ausdruck einer grundlegenden Systemfeindschaft ist?

Auch so manche andere Einschätzung in diese Richtung irritiert: Von VVN-BdA, KPD, DKP und KB heißt es, sie hätten u.a. auf die „Demokratisierung“ (S. 60, 67) Deutschlands gezielt. Wohlgemerkt: Organisationen, die sich zum Teil direkt oder indirekt auf den Marxismus-Leninismus (oder gar Mao) beriefen, die von der DDR finanziert wurden und/oder von Kommunisten dominiert waren. Der Kommunistische Bund verstand seinen Antifaschismus gar dezidiert als „Kampf gegen das politische und soziale System“ (S. 68). Der von Rohrmoser kritisierte und als „Hufeisenschema“ bezeichnete Äquidistanzansatz, der auf die eigentlich banale Tatsache hinweist, Demokratiefeindschaft sei kein Alleinstellungsmerkmal von Nationalisten und Rassisten, hätte hier womöglich Abhilfe geschaffen. Wer gegen Nazismus und Faschismus kämpft, dem geht es nicht immer um den Schutz der Demokratie.

Hinzu kommen ein paar kleinere inhaltliche Leerstellen: Bei der historischen Darstellung fehlen Namen wie Benedetto Croce, der dem italienischen Antifaschismus seine entscheidende Prägung verlieh, und Luigi Sturzo, der die Wesensverwandtschaft zum Bolschewismus herausstellte. Zudem scheinen für den Autor Autonome und Antifa identisch zu sein. Dabei übersieht er die relative Bedeutung anderer Themenfelder in diesem Spektrum. Was hat es mit Antifaschismus zu tun, wenn in Leipzig Baukräne in Brand gesetzt werden (S. 12)? Und wie wichtig ist das Thema für die Interventionistische Linke (IL), die „aktiv gegen Patriarchat, Rassismus und Kapitalismus insgesamt kämpft“ (S. 160), wirklich? Faschismus fehlt in der IL-Aufzählung, auch wenn sich die Gruppe sozialstrukturell zum Teil aus der Antifa-Szene speist. Dies ist das eine. Andererseits fehlt im Buch die Welle „antifaschistischer“ Überfälle auf Rechtsextremisten und deren Treffpunkte im Frühjahr 2021 komplett, fehlen auch andere jüngere Trends, etwa der Popularitätsgewinn der Migrantifa.

Fazit

Antifaschismus ist nicht per se linksextrem. Es kommt auf die Motive an. Doch diese innerhalb der Antifa-Bewegung zu wenig kritisch zu beleuchten, darin liegt wohl die größte Schwäche dieser ansonsten profunden Darstellung über eine der am stärksten polarisierenden Bewegungen in Deutschland. Die wenigen inhaltlichen Fehlstellen in Rohrmosers Buch sind vor dem Hintergrund der Detailfülle und dem Charakter einer Einführung hinnehmbar. Rohrmosers sympathisierendem Duktus zum Trotz: Wer sich an das Thema herantasten will, der wird hier fündig, ohne Apologetik (oder Polemik) fürchten zu müssen.

Rezension von
Prof. Dr. Tom Mannewitz
Professor für politischen Extremismus und politische Ideengeschichte an der Hochschule des Bundes in Berlin
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Es gibt 1 Rezension von Tom Mannewitz.

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Zitiervorschlag
Tom Mannewitz. Rezension vom 06.05.2022 zu: Richard Rohrmoser: Antifa. Portrait einer linksradikalen Bewegung. Verlag C.H. Beck (München) 2022. ISBN 978-3-406-76097-6. Reihe: C.H. Beck Paperback - 6414. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29296.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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