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Tanja Hoff, Renate Zwicker-Pelzer (Hrsg.): Beratung und Beratungs­wissenschaft

Rezensiert von Dr. Axel Bernd Kunze, 31.08.2022

Cover Tanja Hoff, Renate Zwicker-Pelzer (Hrsg.): Beratung und Beratungs­wissenschaft ISBN 978-3-8487-7846-1

Tanja Hoff, Renate Zwicker-Pelzer (Hrsg.): Beratung und Beratungswissenschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. 239 Seiten. ISBN 978-3-8487-7846-1. 25,00 EUR.
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Thema

Beratung als „psychosoziales Handlungsformat“, so das Verständnis der beiden Herausgeberinnen, spielt in zahlreichen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle, aber auch darüber hinaus. Zu denken ist etwa an pädagogische, lehrende oder seelsorgerische Berufe. Der Bedarf an einem Kompendium, das in beratungsfachliche Fragen einführt, geht über den Bereich der Sozialen Arbeit hinaus. Der vorliegende Band verfolgt das Ziel, das Handlungsfeld Beratung sichtbarer zu machen, aber auch zu präzisieren. Denn nicht alles, so die Herausgeberinnen in ihrer Einführung, was alltagssprachlich unter Beratung laufe, erfülle die hierfür notwendigen Standards. Vielmehr bedürfe Beratung eines ethisch fundierten Handlungskonzeptes, das auf Partizipation und Teilhabe setze.

Herausgeberinnen, Autoren und Autorinnen

Beide Herausgeberinnen kommen aus der angewandten Wissenschaft: Tanja Hoff ist Professorin für Klinische und Beratungspsychologie im Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln. Renate Zwicker-Pelzer war früher am Fachbereich Gesundheitswissenschaften derselben Hochschule Professorin für Erziehungswissenschaften und Beratung gewesen.

Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes sind – neben den beiden Herausgeberinnen – Jörg Baur, Rolf Jox, Rainer Krockauer, Andreas Reiners, Franz-Christian Schubert, Isabell Stobba und Armin G. Wildfeuer.

Kontext

Der Band richtet sich sowohl an Studierende als auch Beraterinnen und Berater in der beruflichen Praxis. Dem Kompendium liegt eine doppelte Motivation zugrunde: Mit ihm wollen die beiden Herausgeberinnen sowohl einen Beitrag zur Professionalisierung in den Disziplinen Beratung und Counseling leisten als auch die wissenschaftliche Theoriebildung in der Beratungswissenschaft unterstützen. Der Band vereint sowohl arbeitsweltliche als auch lebensweltliche Perspektiven auf Beratung.

Der Band liegt in zweiter, aktualisierter und erweiterter Auflage vor.

Aufbau

Der Band gliedert sich in acht Kapitel, die einen gut nachvollziehbaren Gedankengang ergeben: von Grundlagenthemen über konzeptionelle Aspekte bis zu Fragen der praktischen Anwendung:

  1. Einführung
  2. Grundlagen (Tanja Hoff, Renate Zwicker-Pelzer und Franz-Christian Schubert)
  3. Erklärungsmuster: Counseling-Bedeutung und -verständnis aus interdisziplinärer Sicht (Andreas Reiners, Armin G. Wildfeuer, Rainer Krockauer, Tanja Hoff, Renate Zwicker-Pelzer, Jörg Baur und Rolf Jox)
  4. Formate und Orte von Beratung (Renate Zwicker-Pelzer)
  5. Konzepte in der Beratung (Tanja Hoff)
  6. Exemplarische Arbeitsfelder (Renate Zwicker-Pelzer)
  7. Arbeitsweltliche Beratung in den Formaten von Supervision und Coaching (Renate Zwicker-Pelzer)
  8. Serviceteil

Dem Band vorangestellt sind zwei Vorworte, einmal zur zweiten, einmal zur ersten Auflage sowie Abbildungs- und Tabellenverzeichnis. Am Ende finden sich ein Autorenspiegel, ein hilfreiches Stichwortverzeichnis sowie eine Übersicht zu den weiteren Bände der Reihe „Kompendien der Sozialen Arbeit“, in welcher der Band erscheint.

Inhalt

Im Grundlagenkapitel arbeiten die beiden Herausgeberinnen zunächst heraus, wie sich Beratung zunehmend zu einer eigenständigen Fachdisziplin entwickelt habe. Beratung stelle professionelle Leistungen für Selbstermächtigung, Lebensbewältigung und -führung zur Verfügung. In der psychosozialen Beratung gehe es darum, Belastungen und Ressourcen in drei Dimensionen zu thematisieren: im Blick auf die Person, die Biographie und die jeweilige Umwelt. Die Klienten und Klientinnen sollten dabei angeregt werden, eigene Führung in der Lebensgestaltung zu übernehmen. Beratung müsse verschiedene Dimensionen in den Blick nehmen: vom Mikrokosmos, der personalen Beziehung zwischen Beratenden und Klienten, über den Mesokosmos, die Lebenswelt in Gestalt von Familie, Lebens-, Arbeitsorten und Organisation, bis zur Makroebene der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Franz-Christian Schubert beleuchtet in einem Teilkapitel die historische Entwicklung spezialisierter Beratung. Diese disziplinären Entwicklungslinien werden verknüpft mit ihren gesellschaftlichen Kontexten, etwa aktuellen Finanzkrisen oder gesetzlichen Veränderungen.

Das Folgekapitel zu den Erklärungsmustern für Beratung und Counseling schließt an die historische Betrachtung an, indem es eine Bilanz der seit den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts einsetzenden eigenständigen Disziplinbildung einer Beratungswissenschaft zieht. Diese sei eine Art „Lattenzaun“, welcher die disziplinär verschieden geprägten Formen von Beratung zusammenhalte: von der Philosophie und Theologie über die Psychologie oder die Soziologie, Politik- und Rechtswissenschaft bis zur Pädagogik. Die verschiedenen interdisziplinären Sichtweisen auf Beratung werden dann in einzelnen Teilkapiteln von verschiedenen Beiträgern und Beiträgerinnen vorgestellt.

Unterscheiden lassen sich formelle, halbformelle und informelle Formate von Beratung. Informelle Tür-und-Angel-Situation dienten nicht selten als Einstieg in formelle Beratungsprozesse. Zwicker-Pelzer zeigt im vierten Kapitel auf, welche Charakteristika die verschiedenen Beratungskonzepte prägen, ob es um präventive oder akut-helfende, freiwillig oder verpflichtende, aufsuchende oder zugehende, Einzel- oder Gruppenberatung gehe. Näher expliziert werden von ihr dann noch einmal Beratungsformate im Kontext von Pflege und Betreuung: ein Feld, das in einer alternden Gesellschaft an Bedeutung gewinnt.

Die Mitherausgeberin, Tanja Hoff, diskutiert verschiedene Konzepte von Beratung, etwa psychotherapeutisch, verhaltensorientierte, integrativ ansetzende oder personenzentrierte Ansätze. Ein Aufgabenfeld der künftigen Beratungsforschung sieht sie darin, stärker als bisher zu untersuchen, welche Beratungsansätze bei welchen Problemen und bei welchen Zielgruppen notwendig und hilfreich seien. In einem eigenen Teilkapitel beschäftigt sich Franz-Christian Schubert des Weiteren mit Konzepten systemischer Beratung.

Exemplarische Arbeitsfelder lebensweltlicher Beratung, die im weiteren Verlauf des Bandes näher vorgestellt werden, sind die Beratung mit Familien in prekären Lebenslagen, der Bereich der Frühen Hilfen, die Beratung von Alleinerziehenden und Stieffamilien oder Beratung in interkulturellen Kontexten. Dabei kommen sowohl Formen einer Komm- als auch Geh-Struktur in der Beratung zur Sprache. Für eine ethisch verantwortliche Beratung sei es wichtig, so Zwicker-Pelzer, auf Freiwilligkeit, Ziel- und Ergebnisoffenheit zu achten.

In einem eigenen Kapitel werden mit Supervision und Coaching zwei einflussreiche Formate arbeitsweltlicher Beratung thematisiert. Zwicker-Pelzer, die ebenfalls für dieses Kapitel verantwortlich zeichnet, lässt eine deutliche Sympathie für Supervision durchblicken. Eine gute Supervision gehe weiter als Coaching (im Text mehrfach als „Wundermittel“ bezeichnet) und helfe dabei, die verschiedenen Phänomene zwischen Team, Gruppe und Leitung zu strukturieren. Supervision kann einen wertvollen Beitrag leisten, Arbeitszufriedenheit zu sichern und Konflikten vorzubeugen. Sie ist interdisziplinär ausgerichtet, fördert eine Bandbreite an personalen, sozialen und umweltbezogenen Kompetenzen – und dies nicht allein bei Problemen, sondern grundsätzlich im arbeitsweltlichen Alltag.

Der Serviceteil versammelt Adressen von Berufs- und Fachverbänden, Weiterbildungseinrichtungen und eine Liste an Fachzeitschriften. Ferner findet sich dort eine Tabelle an Studienmöglichkeiten.

Diskussion

Das Kompendium vermittelt einen übersichtlichen, verständlichen, umfassenden Einblick in den aktuellen Stand der Beratungswissenschaft, der über den Bereich der Sozialen Arbeit hinaus auch für andere Disziplinen von Bedeutung ist, etwa für die sozialpädagogische Fachschulausbildung, in welcher der Rezensent beruflich unterwegs ist (hier zwar nicht für die Hand der Auszubildenden, wohl aber für Lehrkräfte, die sich didaktisch-sachanalytisch in das Themenfeld einarbeiten wollen). Der Band verengt den Blick nicht auf eine bestimmte Sicht auf Beratung, sondern stellt unterschiedliche Konzepte gleichberechtigt vor. Etwas mehr Raum hätte allerdings die arbeitsrechtliche Beratung in Gestalt von Coaching und Supervision, inbesondere um die Fehleinschätzung auszuräumen, als habe Supervision immer nur in krisenhaften Situationen ihren Ort.

Deutlich wird, wie ausdifferenziert sich Beratung heute darbietet und welchen Eigenwert beratungswissenschaftliche Fragen nicht allein innerhalb der Disziplin der Sozialen Arbeit besitzen. Ein Desiderat bleibt aber zu vermerken: Die Herausgeberinnen heben bereits in der Einleitung, aber auch in weiteren Kapiteln des Bandes immer wieder auf die starken ethischen Implikationen beratungswissenschaftlicher Fragestellungen ab, und dies zu recht. Auch wenn ethische Aspekte immer wieder im Band angesprochen werden, wäre es hilfreich gewesen, diese noch einmal in einem eigenen Kapitel zur Ethik der Beratungswissenschaft und Beratungspraxis zu bündeln. Ein solches Kapitel wäre auch gut im Rahmen von Lehrveranstaltungen zur Ethik der Sozialen Arbeit zu nutzen.

Inwiefern die Vertiefungs- und Diskussionsfragen am Ende der einzelnen Kapitel didaktisch hilfreich sind, sei dahingestellt. Solche passen eher in ein Lehrbuch, dass dann aber in Stil und Aufbau etwas anders hätte zugeschnitten werden müssen. Auch ohne diese Zutat wäre das Buch Studierenden der Sozialen Arbeit zu empfehlen. Hilfreich zum Verständnis des Dargestellten sind die verschiedenen Abbildungen und Graphiken im Band. Positiv hervorzuheben ist in jedem Fall, dass der Band die verschiedenen Handschriften nicht verschleiert, sondern jeweils ausweist, welche Teilkapitel aus welcher Feder stammen.

Fazit

Die beiden Herausgeberinnen haben ein überzeugendes Kompendium vorgelegt, das in verschiedenen Arbeitsfeldern, in denen Beratung eine Rolle spielt, auch über den Kontext der Sozialen Arbeit hinaus, wertvolle Dienste leisten wird.

Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent für Erziehungswissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
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Es gibt 62 Rezensionen von Axel Bernd Kunze.

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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 31.08.2022 zu: Tanja Hoff, Renate Zwicker-Pelzer (Hrsg.): Beratung und Beratungswissenschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2022. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8487-7846-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29298.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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