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Hans Corsten (Hrsg.): Handbuch Digitalisierung

Rezensiert von Dr. Alexander Brandenburg, 04.07.2022

Cover Hans Corsten (Hrsg.): Handbuch Digitalisierung ISBN 978-3-8006-6562-4

Hans Corsten (Hrsg.): Handbuch Digitalisierung. Verlag Franz Vahlen GmbH (München) 2022. 1348 Seiten. ISBN 978-3-8006-6562-4. 160,00 EUR.
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Thema

Digitalisierung besteht darin, analoge in digitale Formate umzuwandeln. Digitalisierung bedeutet, dass mittels digitaler Technologien zum einen interne Prozesse optimiert werden, zum anderen neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle entstehen. Allerdings wäre es falsch, die Digitalisierung auf die Industrie beschränken zu wollen, wie es im Begriff „Industrie 4.0“ geschieht. Im industriellen Bereich findet lediglich 25 Prozent der Bruttowertschöpfung in Deutschland statt, während im tertiären Sektor 73 % erwirtschaftet werden. Wenn von „der Digitalisierung“ die Rede ist, geht es somit um den Wandel, den digitale Entwicklungen gesellschaftsübergreifend in allen gesellschaftlich relevanten Sektoren bewirken. Entsprechende Synonyme sind „digitale Transformation“ oder „digitale Revolution“, die diesen Veränderungsprozess betonen. Doch ist die Digitalisierung in ihrem Ablauf keine Revolution, sondern ein evolutionärer Prozess, der an bekannte Technologien anknüpft und diese weiterentwickelt. Mit einem hohen Grad an Komplexität ausgestattet, wird die Digitalisierung von unterschiedlich vielen Disziplinen durchdrungen. Der Digitalisierungsgrad in Deutschland befindet sich unter den EU-Ländern im unteren Mittelfeld.

Herausgeber

Das Handbuch wird von Univ. Professor Dr. Stefan Roth (Marketing an der Technischen Universität Kaiserslautern) und Univ. Professor Dr. Hans Corsten (Produktionswirtschaft an der Technischen Universität Kaiserslautern) herausgegeben. Der vorliegende Sammelband – so heißt es im gemeinsamen Vorwort – stellt einen Versuch dar, einerseits die Diskussion zu versachlichen und spektakuläre Einschätzungen, die eher den Charakter von Prophezeiungen haben, zu relativieren und eine wissenschaftliche Einschätzung zu ermöglichen, andererseits dem Querschnittscharakter der Digitalisierung gerecht zu werden. Vor diesem Hintergrund umfasst das Handbuch Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen: Informatik, Jurisprudenz, Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaftslehre und Gesellschaftswissenschaften gehören dazu.

Aufbau und Inhalt

62 Beiträge (davon 9 in englischer Sprache) von 114 durchweg als Expert:innen ausgewiesenen Autor:innen stehen den Leser:innen zur Verfügung, um sich einen vielfältigen und differenzierten Einblick in das komplexe Phänomen der Digitalisierung verschaffen zu können.

Jeder Beitrag enthält – wenn notwendig- Abbildungen und Tabellen. Mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis werden die einzelnen Beiträge abgeschlossen.

Das Handbuch ist in fünf Kapitel gegliedert, die jeweils eine Perspektive im Fokus haben:

Generelle Perspektive

Wie werden Unternehmungen ihrer Verantwortung im Kontext der Digitalisierung gerecht? Welche Auswirkungen ergeben sich für Unternehmen und menschlicher Arbeit bis hin zur Plattformökonomie?

Folgende Beiträge werden u.a. vorgestellt: „Gedanken zur Digitalisierung“, „Plattform-Management“, „Digital Nudging“, „Belastungen durch digitale Arbeit“.

Technologische Perspektive

Hier steht die die Informationstechnologie als zentrale Basis der Digitalisierung im Zentrum des Interesses:

Folgende Beiträge werden u.a. vorgestellt: „Cyber-physische Systeme“ „Blockchain und Distributed-Ledger-Technologien“ „Artificial Intelligence“, „Digitale Zwillinge“.

Funktionale Perspektive

Es wird eine wirtschaftsübergreifende Sichtweise eingenommen: Beschaffung, Produktion und Marketing werden analysiert. Darüber hinaus werden auch das Controlling, die Wertschöpfungsketten, das Supply Chain Management und die Konsequenzen für Geschäftsmodelle zum Thema gemacht. Die Perspektive der Marktforschung und des Dienstleistungsmanagements bestimmt einige Analysen:

Folgende Beiträge werden u.a. vorgestellt: „Data Analytics als Treiber der Digitalisierung von Geschäftsmodellen“, „Künstliche Intelligenz in der Produktionssteuerung“, „Adaptive Fertigung“, „Digitalisierung und Preissysteme“.

Institutionelle Perspektive

Im Zentrum dieser Perspektive stehen einzelne Wirtschaftszweige, die durch die fortschreitende Digitalisierung nachhaltig beeinflusst werden. Gesundheitswesen, Handel, Finanzberatung, Unternehmensberatung, die öffentliche Verwaltung und das Sportmanagement:

Folgende Beiträge werden u.a. vorgestellt: „Kooperative Dienstleistungen im digitalen Zeitalter“, „Digitale Anlagenberatung“, „Digitalisierung im Gesundheitswesen“, „Erfolgreiche digitale Transformation im Sport“.

Gesellschaftliche Perspektive

Neben Beiträgen aus den Bereichen der Unternehmensethik, des Kulturwandels, des Gesellschaftsrechts, des Datenschutzes, des Verbraucherschutzes und der Kryptowährungen werden auch soziologische Themen erörtert, wie die Frage, ob es gerechtfertigt ist, von einer digitalen Gesellschaft zu sprechen:

Folgende Beiträge werden u.a. vorgestellt: „Digitale Gesellschaft“, Informationsmacht-Eine Manipulationsmaschine?“, „Innovationen für den Kulturwandel im Kontext der Digitalisierung“,“ Kryptowährungen und Stablecoins- Chancen und Gefahren“.

Zu einer etwas ausführlicheren Vorstellung habe ich mir den Beitrag „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ von Univ.-Prof. Dr. Martin Gersch ausgesucht:

Im Gesundheitswesen werden eine Reihe von Verbesserungspotenzialen vermutet: Gerade bei den daten- und wissensintensiven Leistungen, die insbesondere bei den verschiedenen, zumeist auf Zusammenarbeit angewiesenen Leistungserbringern fällig werden, dürfte die Digitalisierung einige Vorteile bringen. Begriffe wie Digital Health oder digitale Gesundheit beschreiben die Nutzung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien für die Ermöglichung, Erstellung und Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen.

Verbesserungspotenziale durch eine Digitalisierung werden auch durch die Vermeidung von Medienbrüchen erwartet, die oft beim Übergang von einem Medium in ein anderes entstehen und die Gefahr der Informationsverfälschung und eine Verlangsamung der Informationsbearbeitung nach sich ziehen können. Aber auch einzelne ineffiziente Prozessketten wie die Ausgabe papierbasierter Rezepte dürften mit der Digitalisierung effizienter werden.

Im Verlauf der Digitalisierung wird die Verfügbarkeit neuer Daten auf Anbieter- und Nachfragerseite anwachsen: Zunehmend mehr Prozesse werden durch Nutzung von digitalen Schnittstellen, Sensorik und Wearables in Echtzeit messbar. Hinzu kommen gänzlich neue Daten, u.a. Genom-Sequenzierung und menschliche Keimbahnen. Jede Datenquelle wird dabei zum Ausgangspunkt neuer Entwicklungen.

Die Verbesserungsoptionen potenzieren sich, wenn es gelingt, bisher nicht verfügbare oder nicht kombinierte Daten in integrierte Datenbasen als Grundlage von Analysen bisher nicht erkannter Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung, zur Koordination oder Anreizung vorteilhafter Verhaltensweisen („nudging“)auf Anbieter- und Nachfrageseite zu nutzen.

Die Rahmung arbeitsteiliger Praktiken durch IT-basierte Anwendungen ermöglicht aber nicht nur das Aufdecken bisher nicht bekannter Zusammenhänge, sondern auch die Standardisierung und Skalierung des aktuellen medizinischen Wissens als Grundlage und Rahmung täglichen Handelns in arbeitsteiligen Strukturen, z.B. durch kontinuierliche, evidenzbasierte Weiterentwicklung von Qualitätsindikatoren als Bestandteil medizinischer Leitlinien.

Folgt man den Vorstellungen der digitalen Transformationsforschung stehen wir erst am Anfang der Digitalisierung des Gesundheitswesens, das für uns noch einige Überraschungen bereithält.

Diskussion

Die digitale Durchdringung der Gesellschaft dürfte nicht die letzte der großen Transformationen gewesen sein, die auf die Menschen zugekommen sind. Bisher haben die Menschen Wege und Mittel gefunden mit solchen Prozessen der Erneuerung von Technik, Technologie und Gesellschaft umzugehen. Oftmals greifen solche Entwicklungsschübe auf Bausteine zurück, die schon lange vorher existierten und die nun auf neue Art verwertet werden. Solche Entwicklungen entstehen nicht von heute auf morgen und sie haben Vorlauf- und Einführungszeiten. In dieser Zeitspanne kann sich der Mensch auf die neue Entwicklung einstellen und das Für und Wider diskutieren. Direkte Fehlentwicklungen werden behoben, Irrwege vermieden und Extremitäten ausgeschlossen. Doch bleiben auch Ärgernisse und Fehlentwicklungen. Im Laufe der Implementation des Neuen wird es akzeptabel, sofern es seine Verheißungen für die Macher und deren Kunden wirklich werden lässt. Alles sollte besser sein als früher! Aber gibt es nicht auch eine Fülle von unbeabsichtigten negativen Nebenfolgen, die meistens unter den Tisch fallen und von denen niemand etwas hören will!

Fazit

Angesprochen sind alle diejenigen, die sich aus beruflichen Gründen einen umfassenden und vertiefenden Einblick in die Digitalisierung – dieses wichtige Feld der beginnenden Zukunft – verschaffen wollen und dabei theoretische Fundierung sowie praktische Relevanz schätzen. Aber auch der Bürger, der sich über die für die Zukunft relevanten Entwicklungen informieren möchte, ist mit diesem kompakten Werk bestens bedient. So ein Handbuch wird man nicht jeden Tag aufschlagen, aber immer dann, wenn der Bedarf nach Klärung einsetzt und wenn das Verstehen von grober Vermutung in Genauigkeit wechseln muss. In keinem Bücherschrank, jedenfalls in keiner der Allgemeinheit verpflichteten Bibliothek sollte dieser viele Kund:innen zufriedenstellende „Schinken“ von über 1000 Seiten fehlen!

Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 04.07.2022 zu: Hans Corsten (Hrsg.): Handbuch Digitalisierung. Verlag Franz Vahlen GmbH (München) 2022. ISBN 978-3-8006-6562-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29299.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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