Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Maria-Teresa Diez Grieser: Mentalisieren bei Traumatisierungen

Rezensiert von Dr. Jürgen Beushausen, 29.04.2022

Cover Maria-Teresa Diez Grieser: Mentalisieren bei Traumatisierungen ISBN 978-3-608-98386-9

Maria-Teresa Diez Grieser: Mentalisieren bei Traumatisierungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 256 Seiten. ISBN 978-3-608-98386-9. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR.
Reihe: Mentalisieren in Klinik und Praxis, Band 7
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Mentalisieren wird auf dem Buchcover als Schlüsselkompetenz in der Therapie von Traumatisierungen bezeichnet. Die Autorin und der Verlag wollen ein Grundlagenwerk zum Thema Mentalisieren und Trauma vorstellen, dass mit zahlreichen klinischen Fallbeispielen Traumaprozesse und ihre Auswirkungen über die Lebensspanne betrachtet. Menschen, die in ihrer frühen Kindheit und häufig im Verlauf ihres Lebens ungenügende Beziehungserfahrungen gemacht oder Misshandlungen erlebt haben, würden Therapieangebote benötigen, die äußerlich als auch innerlich Sicherheit vermitteln. Mit dem Mentalisierungsansatz werden Konzepte und Vorgehensweisen vorgestellt, die dazu beitragen, die misslingende Selbst- und Beziehungsregulation von traumatisierten Menschen innerhalb des geschützten Rahmens einer therapeutischen Beziehung zu verstehen, im Hier und Jetzt zu erleben, Narrative dafür zu entwickeln und mentalisierend zu integrieren.

Autorin

Maria Teresa Diez Grieser, Dr. phil. ist tätig als Fachpsychologin für Psychotherapie, Psychoanalytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Nach langjähriger Tätigkeit im klinischen Bereich und in der Präventionsforschung arbeitet sie als psychoanalytische Psychotherapeutin und Supervisorin in eigener Praxis in Zürich. Seit 2016 leitet Maria Teresa Diez Grieser den Forschungsbereich und die Angebotsentwicklung in den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St. Gallen. 

Entstehungshintergrund

Der Klett-Cotta Verlag stellt eine Reihe von Bänden vor, in denen Anwendungsmöglichkeiten mentalisierungsbasierter Maßnahmen in wichtigen Störungsfeldern vorstellt werden.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort und der kurzen Einleitung weist die Autorin auf dem Hintergrund ihrer langen Berufserfahrung darauf hin, dass traumatisierten Menschen aufgrund von Erfahrungen in der Kindheit oder wegen extremer Traumatisierungen über die Lebensspanne keine ausreichenden Fähigkeiten zur Selbst- und bzw. Regulation entwickeln können. Daher seien in der Behandlung die Mentalisierungsansätze hilfreich, die transdisziplinären Konzepte und Vorgehensweisen zur Verfügung stellen. Wichtig sei es, die betroffenen Personen frühzeitig zu unterstützen und neben Psychotherapien auch traumapädagogische Arbeitsfelder einzubeziehen.

Im zweiten Kapitel „Alles Trauma?“ werden zur Einführung erste Fallbeispiele vorgestellt, auch, um abgrenzend zu verdeutlichen, dass in einzelnen Fällen das Berichten von Traumata den Hintergrund haben kann eine Opferidentität benennen zu können.

Im dritten Kapitel über „Traumatisierungen und Traumaprozesse“ beschäftigt die Autorin sich mit der Definition von Trauma, in der sie auch die Bedeutung sozialer Dimensionen benennt. Für die Betroffenen sei es wesentlich um mit dem Erlebten zurechtkommen, wie sich die Allgemeinheit zum individuellen Elend der traumatisierten Personen verhalte. Dabei seien die Wirkungen der traumatischen Ereignisse von verschiedenen Faktoren wie dem Entwicklungsstand, der aktuellen psychischen Konstitution und dem sozialen Umfeld abhängig. Beim Kleinkind würde durch die Beziehungstraumatisierung der gesamte Entwicklungsprozess beeinträchtigt.

Im vierten Kapitel werden Traumatisierungsformen benannt, hier folgt die Autorin der klassischen Typ I und Typ II Unterscheidung, um dann im kurzen Kapitel fünf die Bedeutung der Bindung zu betonen.

Das sechste Kapitel thematisiert die Zusammenhänge von komplexen Traumatisierungen und dem Mentalisieren. Ausgeführt wird unter anderem, dass komplexe Traumatisierungen nicht nur das Bindungssystem beeinträchtigen, sondern auch insgesamt negative Effekte auf die Entwicklung des Mentalisierens haben, so auch auf die Fähigkeit in belastenden Situationen Hilfe bei anderen Menschen zu suchen oder diese anzunehmen. Beschrieben werden im Weiteren sogenannte prämentalistische Modi, hierzu gehören der Körpermodus, der teleologische Modus, der Äquivalenzmodus und der Als-ob-Modus.

Das siebte Kapitel thematisiert „Belastungen und ihre traumatisierenden Wirkungen über die Lebensspanne“. In diesem längeren Kapitel werden Traumatisierungen in Bezug auf die Lebensphasen, beginnend mit der pränatalen Entwicklung, erörtert. Im Weiteren werden Auswirkungen auf die frühe Kindheit, die mittlere Kindheit, das Jugendalter, das Erwachsenenalter und das Alter erörtert.

Im achten Kapitel beschäftigt sich die Autorin mit Zusammenhängen zwischen Körper, Mentalisieren und Traumatisierungen. Hier wird darauf verwiesen, dass bereits früh im Bereich der Kinderpsychotherapie Psychoanalytiker den Körper als den wichtigsten Kommunikationskanal zwischen Mutter und Kind beschreiben haben. So sei zu beobachten, dass traumatisierte Menschen ihren Körper als ekelhaft empfinden. Immer wieder würden Patient*innen von einer gänzlichen Abspaltung des Körpererlebens berichten. Der Körper sei der Ort, wo Erlebtes eingeschrieben wird.

Im neunten Kapitel wird der Zusammenhang zwischen Affekten, Mentalisieren und Traumatisierungen erörtert. Unter einem Affekt versteht die Autorin eine körperliche Reaktion ohne bewusste Repräsentanz, während Emotion definiert sei als Folge einer mächtigen Affektwelle. Gefühle hingegen seien bewusst wahrgenommene oder erlebte Emotionen. Traumatisierungen könnten bei Kindern und Jugendlichen zu einem Stillstand in der Affektentwicklung führen, während bei Erwachsenen eine Traumatisierung zur Regression führen kann. Heftige Wut, Rache-. Scham- und Schuldgefühle können lebenslang bestehen, da eine beruhigende und haltende Erfahrung einer überwiegend positiven Intersubjektivität, die auf Affektspiegelung und -abstimmung basiert, fehlt. Stattdessen seien die Beziehung und das Selbsterleben durch Bedrohungsgefühle und einem Gefühl des Alleinseins bestimmt. Wichtig ist auch der Hinweis, dass die Position eines Hilfesuchenden einen beschämenden Anteil beinhalten kann, da sich diese als schwach, nicht normal oder bedürftig zeigen muss. Dieses Schamgefühl führt oft dazu, dass die Betroffenen nicht alles erzählen und kann auch dazu führen, dass sie möglichst viel Kontrolle über die Situation behalten wollen oder auch aggressive Verhaltensweisen zur Abwehr der Scham nutzen.

Die Autorin beschäftigt sich im zehnten Kapitel mit dem Zusammenhang zwischen Dissoziationen und Traumatisierungen, um dann im Kapitel elf die transgenerationale Traumatisierung zu thematisieren.

Hier wird insbesondere Bezug genommen zu sehr frühen kindlichen Entwicklungen, in der projektive und introjektive Mechanismen vorherrschen würden, wobei das Kind traumatische Erfahrungen der Eltern in sich aufnehmen würde. Die Kinder würden sich die Ereignisse selbst zu schreiben (S. 107). Auf diese Weise verbinde die traumatische Erfahrung unbewusst Eltern und Kinder. Auf andere Modelle, die versuchen diese Zusammenhänge zu erklären, geht die Autorin bis auf Anmerkungen zur Epigenetik nicht ein.

Im umfangreichen zwölften Kapitel geht die Autorin auf die Bedeutung einer psychodynamisch-mentalisierungsorientierten Traumatherapie ein. Dieser Ansatz verfüge, so die Autorin, mit der Beziehungsorientierung, der Betonung der Affektregulation sowie der Konzentration auf die Kommunikation neben dem Mentalisierungsansatz über passende Theoriebausteine und eine wirksame Praxis. Betont wird die Bedeutung epistemisches Vertrauen aufzubauen, gemeint ist hier das basale Vertrauen in eine Person als eine sichere Informationsquelle. Neue gute passende Beziehungsangebote ermöglichen, dass die Betroffenen trotz Belastungen und negativen Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen, von denen sie oftmals misshandelt oder unzureichend versorgt wurden, das Gefühl entwickeln können, dass es vertrauens- und glaubwürdige Gegenüber geben kann, die verständnisvoll, achtsam und mitfühlend Befindlichkeiten und Bedürfnisse wahrnehmen und darauf reagieren können. In pädagogischen und therapeutischen Kontexten sind Interventionen besonders wirksam, wenn die Klienten Erklärungen und Interpretationsversuche der Fachpersonen annehmen und nutzen können. Für die Wahrnehmung dessen ist die Fokussierung auf Übertragungen und Gegenübertragungen bedeutsam.

Im Weiteren werden Kernstücke einer mentalisierungsorientierten Psychotherapie vorgestellt, hierzu gehören allgemeine Konzepte der Traumatherapie, wie emotionale Resonanz und Empathie, beruhigen, Stress regulieren, ermutigen, anregen und unterstützen beim Spielen (bei Kindern), Gefühle vorsichtig validieren und benennen und sich anbahnende Störungen oder destruktives Agieren früh zu stoppen (S. 157). Vorgestellt werden zudem unterstützende Informationsmaterialien für traumatisierte Menschen und es werden Hinweise im Umgang mit Übertragungen und Gegenübertragung gegeben. Auch beschäftigt sich die Autorin mit dem Thema wie das Mentalisieren bei traumatisierten Eltern gefördert werden kann. Auf diesen Seiten finden Fachkräfte verschiedener psychosozialer Professionen Anregungen für ihre Arbeit mit Familien. Im Anschluss stellt die Autorin einen Bezug zu traumapädagogischen Haltungen und Interventionen her und thematisiert wie das mentalisieren bei Pflegeeltern gefördert werden kann. Abschließend weist sie darauf hin, wie mentalisieren auch in Bildungseinrichtungen und im schulischen Kontext gefördert werden könnte. Das Kapitel schließt mit Hinweisen wie auch mentalisieren in personellen Netzwerken zu fördern wäre. Hier geht es darum, reflexive Kompetenzen bei Fachpersonen und Vertreter*innen von Institutionen zu fördern, um für traumatisierte Menschen möglichst gute entwicklungsfördernde Bedingungen zu schaffen. Auch in diesem Kapitel sind die Ausschnitte aus den Falldarstellungen hilfreich.

Im abschließenden 13. Kapitel werden Chancen und Grenzen des Mentalisierens bei Traumatisierungen zusammengefasst. Den Abschluss bildet ein kurzes Schlusswort mit dem Hinweis, mentalisieren auch im Familiensetting oder im einem Gruppensetting zu nutzen. Das Buch schließt mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis (25 Seiten).

Diskussion

Einführend werden wichtige Hintergründe der Traumatisierungen benannt, allerdings werden über die Mentalisierungsprozesse bereits Kenntnisse bei den Leser*innen vorausgesetzt. Hier wäre eine kleine erste Einführung hilfreich gewesen. Umfangreich und kenntnisreich fasst die Autorin in ihrem Buch die Hinweise verschiedenster Autor*innen zum Forschungsstand zusammen. Allerdings werden bei der Darstellung empirischer Forschung die Hintergründe oftmals nicht näher ausgeführt. Wenn zum Beispiel (S. 61) auf eine umfangreiche repräsentative Stichprobe verwiesen wird, nach der 20 % der Mädchen und 8 % der Jungen angeben, mindestens einmal Opfer von sexuellen Übergriffen geworden zu sein. Nicht deutlich wird, was hier unter sexuellen Übergriffen verstanden wird. Ein anderes Beispiel: in den Ausführungen über das Jugendalter wird ausgeführt, dass das Bestreben Jugendlicher, sich von den Eltern zu lösen und eine eigene Identität zu finden, mit großer Unsicherheit verbunden ist. „Ein Jugendlicher, der aufgrund mangelnder Mentalisierungsfähigkeit Teile seines selbst in eine Bezugsperson projizieren muss, um sich zu stabilisieren, wird in seiner Identität bedroht, wenn er sich zu weit von seiner Bezugsperson entfernt.“ (S. 59f) Sind dies Einzelbeobachtungen oder handelt es sich hier um eine Beschreibung aus einer psychoanalytischen Therapie? Manche Aussagen sind für mich als Systemiker lediglich Konstruktionen, ich hätte mir daher gewünscht, dass man manche Anmerkungen und Deutungen insbesondere bei den Fallbeispielen als Hypothesen benannt würden.

Für mich ist auch nicht schlüssig, inwieweit sich wirklich prämentalistische Modi (S. 43ff) auf bestimmte Monate der kindlichen Entwicklung zurückführen lassen, so zum Beispiel beim sogenannten teleologischen Modus auf die Zeit zwischen dem neunten und dem 18. Lebensmonat.

Geeignet ist dieses Buch insbesondere für Fachleute, die sich ausführlicher mit in der Entwicklungspsychologie und der Psychoanalyse beschäftigt haben. Vorgestellt wird in diesem Buch, wie ein Mentalisierungskonzept in eine Traumatherapie integriert werden kann. Angegeben wird vom Verlag, dass sich dieses Buch an Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenen-Psychotherapeut*innen, Psychiater*innen, Psychoanalytiker*innen, Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen und Fachpersonen aus der Kinder- und Jugendhilfe richtet. Allerdings wird nur im zwölften Kapitel erörtert, wie und inwieweit sich dieses Konzept auf andere Unterstützungsformen anderer professioneller Helferinnen als in einer Psychotherapie übertragen lässt.

Fazit

Psychotherapeut*innen wird mit diesem Buch eine praxisorientierte kenntnisreiche Darstellung der Grundlagen und der Behandlungstechnik des Mentalisierens bei traumatisierten Patienten*innen vorgestellt. 

Rezension von
Dr. Jürgen Beushausen
lehrt als Studiendekan im Masterstudiengang „Psychosoziale Beratung in Sozialer Arbeit“ an der Diploma Hochschule. Er ist zudem als Supervisor und in der Weiterbildung tätig.
Website
Mailformular

Es gibt 55 Rezensionen von Jürgen Beushausen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 29.04.2022 zu: Maria-Teresa Diez Grieser: Mentalisieren bei Traumatisierungen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-98386-9. Reihe: Mentalisieren in Klinik und Praxis, Band 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29301.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht