Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Søren Mau: Stummer Zwang

Rezensiert von Arnold Schmieder, 16.05.2022

Cover Søren Mau: Stummer Zwang ISBN 978-3-320-02384-3

Søren Mau: Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2021. 359 Seiten. ISBN 978-3-320-02384-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Theorie
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Vom „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ ist bei Marx im ‚Kapital‘ die Rede, wobei Mau auch von „ökonomische(r) Macht“ (S. 16) spricht, worin implizit anklingt, wie er diese zum einen geläufige und zum anderen bisher wenig problematisierte Formulierung von Marx aufnimmt und ausbuchstabiert, und zwar nicht nur im Rückgriff auf das Gesamtwerk Marx՚, sondern auch unter Bezugnahme auf Sekundärliteratur und Theorien, die entweder an Marx anschließen oder als kritische Erklärungsansätze in anderer Weise das Phänomen der Macht deuten. Der Autor betont, „die kritische Theorie von Marx“ enthülle die „sozialen Beziehungen, die in den ökonomischen Kategorien verborgen sind“, und decke auf, „dass es sich um Beziehungen der Herrschaft“ handele (S. 19). Er will „(a)usgehend von einer genauen Lektüre und einer kritischen Rekonstruktion der unvollendeten Kritik der politischen Ökonomie von Marx (…) zu erklären versuchen, warum die Macht des Kapitals die Form eines ‚stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse‘ annimmt“ (S. 18), und zwar mit dem Ziel, „eine Theorie der ökonomischen Macht des Kapitals zu entwickeln.“ Mau will verstehen, „wie der Kapitalismus funktioniert, oder genauer gesagt, wie es dem Kapital gelingt, sich als eine soziale Logik zu verfestigen, der alle gehorchen müssen.“ Eine „solche Theorie“ sei „in Marx՚ Schriften nicht (zu) finden“ und auch in diesem Sinne seien sie „unvollendet“ (S. 24 f.). Der Autor tritt an, diese „soziale Logik“ theoretisch zu erhellen, wobei seine Schrift „lediglich erkennen lassen“ soll, „wie die Macht des Kapitals selbst ohne ideologische oder gewaltsame Herrschaftsform wirksam werden kann“; zu beachten sei, dass der „Kapitalismus niemals existieren könnte, ohne unsere Denkweise zu prägen“ (S. 29 f.). Um Macht (und Herrschaft) kreist der Autor wesentlich in seinem Buch. Maus Erkenntnisziel, wie er im Fazit resümiert, ist, „diese spezifische Form der Macht näher zu beleuchten, um sie systematisch von der auf Zwang und Ideologie beruhenden Macht zu unterscheiden und ihre Quellen und Mechanismen auszumachen“ (S. 318). Unter (nicht nur) theoriekritischen Rückgriffen zeigt der Autor, dass es, um diesen „Zustand“ der Macht des Kapitals herbeizuführen, einer „neuen Konfiguration der Macht“, „einer Menge Gewalt (bedurfte), aber einmal etabliert konnte ein Teil dieser Gewalt durch den ‚stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse‘ ersetzt werden“ (S. 315). Mit seiner „systematischen Untersuchung“ will der Autor zugleich eine Handreichung für „Sensibilität für die Besonderheit der Situation“ (S. 391) erreichen, gemäß einer Ausrichtung politischen Handels auf das, was Lenin als das „‚innerste Wesen, die lebendige Seele des Marxismus‘“ bezeichnet habe, nämlich „‚die konkrete Analyse einer konkreten Situation‘“ (zit. ebd.). Schlussendlich gehe es auch mit seinem Beitrag um „Demontage des zerstörerischen, unterdrückerischen und albtraumhaften Systems, das als kapitalistische Produktionsweise bekannt ist, und damit zur Schaffung der Bedingungen der Möglichkeit eines freien Lebens – auch bekannt als Kommunismus“ (ebd.).

Der Autor

Dr. Søren Mau ist Postdoc und promovierte am Institut für Kulturstudien der Süddänischen Universität (SUD). Er ist Mitglied im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Historical Materialism und des Beirats der Dänischen Gesellschaft für Marxistische Studien.

Inhalt

Zu „Stummer Zwang“ hat Michael Heinrich ein Vorwort beigesteuert, in dem er seine anfängliche Verwunderung über die von Mau aufgegriffene Thematik bekundet, die ihm bislang „fast schon selbsterklärend“ erschienen war, er schnell aber eingesehen habe, dass sie von „zentraler Bedeutung“ ist (S. 11). Die Bedeutung konturiert Mau in seiner sehr ausführlichen Einleitung, und er kündigt an, dass er weiter als Marx eine „systematische Analyse dieser historisch neuartigen Form der sozialen Herrschaft“ auszuformulieren antritt. Es bestünde aber „kein Zweifel, dass der Kapitalismus ohne die ständige Präsenz ideologischer und repressiver Macht unmöglich wäre“ (S. 16 f.). Mau konzentriert sich nach eigenem Bekunden auf den nach Marx „idealen Durchschnitt“ der kapitalistischen Produktionsweise, „das heißt mit der Logik, Struktur und Dynamik, die das Wesen des Kapitalismus in seinen verschiedensten historischen und geographischen Ausprägungen ausmachen“ (S. 18). Dringlich scheint dem Autor seine Analyse, weil eh in den etablierten Wirtschaftswissenschaften ein Bestreben erkennbar sei, „Herrschaftsverhältnisse in der Ökonomie zum Verschwinden zu bringen, was jedoch „auch in anderen Bereichen der Sozialwissenschaften (…) weit verbreitet“ sei (S. 22). Für sein Buch gelte, dass es „keine marxologische Abhandlung ist; sein letztendliches Ziel ist es, nicht Marx, sondern den Kapitalismus zu verstehen“, wobei jedoch manchmal „Letzteres das Erstere“ voraussetze (S. 25).

Das Buch ist in drei Teile mit insgesamt dreizehn Kapiteln und jeweils Unterkapiteln gegliedert und schließt mit einem kürzeren Fazit. Es folgt ein umfangreiches Literaturverzeichnis und eine Danksagung.

Im ersten Hauptkapitel Bedingungen entfaltet Mau in kritisch reflektierendem Rückgriff auf Marx die Begriffe Macht und Herrschaft und auch den Begriff des Kapitals, um ausweisen zu können, was Macht des Kapitals bedeutet. Hier kommt der Autor (u.a.) gleich eingangs auf Foucault zu sprechen, dessen Machttheorie nicht vereinfachend diskurstheoretisch zu verstehen sei, und grenzt dessen Analysen gegen Ansätze „konstruktivistische(r) Idealistinnen“ ab (wie Laclau, Mouffe, Fairclough, Butler). Foucaults „Feindseligkeit“ gegenüber dem Ideologiebegriff rühre aus seiner „Ablehnung des vulgären Althusserianismus und des kruden Ideologiebegriffs der Aufklärung“ was aber nicht mit dem „Begriff der Ideologie tout court gleichgesetzt werden“ könne. Foucaults Kritik am Marxismus sei hinsichtlich des „traditionellen Marxismus“ und des „orthodoxen Marxismus-Leninismus“ richtig, nicht aber „als Kritik am Marxismus als solchem“ zu verstehen (S. 41 ff.). Aber Foucault verstünde nicht, „die soziale Logik zu bestimmen, die eben jenen ‚infinitesimalen Mechanismen‘ der Macht, die er so eifrig unter die Lupe nehmen will, zugrunde liegt“ (S. 46). Unter der Zwischenüberschrift „Kapital: eine soziale Logik“ fragt der Autor danach, was Macht ist, erläutert dazu den Marxschen Begriff des „automatische(n) Subjekt(s)“ und skizziert die Diskussionen um diesen Begriff, um mit Marx zu intervenieren und zu der Aussage zu kommen: „Der Machtbegriff sollte also dahingehend erweitert werden, dass er sowohl die Beziehungen zwischen sozialen Akteuren als auch die emergenten Eigenschaften dieser Beziehungen erfasst. Diese emergenten Eigenschaften sind rein gesellschaftlicher Natur, aber sie können nicht als Beziehungen zwischen sozialen Akteuren begriffen werden, auch wenn letztere notwendige Bedingungen ihrer Existenz sind. Die Macht des Kapitals kann dann als die Fähigkeit des Kapitals, dem gesellschaftlichen Leben seine Logik aufzuzwingen, definiert werden“, wobei „Herrschaft als eine spezifischere Form der Macht“ zu verstehen sei und „die Macht des Kapitals immer mit Herrschaft verbunden ist“, als „‚Macht über‘“ (S. 55 ff.).

Im Anschluss setzt sich Mau kritisch mit dem historischen Materialismus, mit Staats- und Ideologietheorien sowie Theorien ökonomischer Macht auseinander, um schließlich auf die „soziale Ontologie der ökonomischen Macht“ zu kommen, wobei im „klassischen Marxismus (…) die soziale Ontologie ‚die materialistische Geschichtsauffassung‘ (hieß)“ (S. 79). Wie diese ‚Ontologie‘ nach Marx kontrovers diskutiert wurde, führt Mau bis zu einer Übereinstimmung mit Althusser und Heinrich, „dass Marx 1845 tatsächlich mit einem theoretischen Humanismus gebrochen hat“ (S. 95). Um (u.a.) zu der Feststellung zu kommen, es mache „keinen Sinn, entweder die Individuen oder die sozialen Beziehungen als primär zu betrachten“ (S. 107), argumentiert er gegen Althusser, man brauche den Begriff der sozialen Ontologie i. S. von Marx, und er hält gegen die Humanisten, der Kapitalismus ließe sich nicht mit deren Begriff der menschlichen Natur kritisieren. Vertiefend wendet sich der Autor (u.a.) der Körperlichkeit des Menschen und dem Werkzeuggebrauch zu, um sich zum Abschluss dieses Hauptkapitels der Frage zuzuwenden, wie „Mehrarbeit herausgepumpt“ wird, wobei die „bloße Möglichkeit von Mehrarbeit (…) nur die Möglichkeit von Klassenherrschaft erklären (kann), niemals aber ihre Aktualität“ (S. 121). Es sei erst einmal „nichts inhärent Unterdrückendes“ daran, „Mehrarbeit zu organisieren und deren Ergebnisse zu verteilen“ (S. 313). Die „Fähigkeit zu Mehrarbeit“ zusammen mit der speziellen „Reproduktion der sozialen Beziehungen“ erkläre, „wie sich soziale Herrschaftsverhältnisse reproduzieren können, indem sie in die Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens eingebunden werden. Sie erklärt damit die Möglichkeit ökonomischer Macht“ (S. 126).

Im zweiten Teil Beziehungen werden die Produktionsverhältnisse als „eine der beiden Hauptquellen der ökonomischen Macht des Kapitals untersucht“ (S. 31), wobei der Autor sich hier unter Absehung von der „historischen Entstehung des Kapitalismus“ mit den „Bedingungen“ beschäftigt, „unter denen Arbeitskraft ständig auf dem Markt verfügbar ist“, was darauf führe, „dass es sich in Wirklichkeit um ein Herrschaftsverhältnis handelt“ (S. 129). Er widmet sich dem Begriff der Klasse, Proletarierinnen und Arbeiterinnen, um auf „transzendentale Schuld“ in dem Sinne ‚von Geburt an‘ zu kommen, dass die Arbeiter:innen „Teil der notwendigen Bedingung der Möglichkeit sozialer Reproduktion in einer von der Logik des Kapitals beherrschten Gesellschaft ist“ und das „transzendental verschuldete Subjekt von Anfang an zum Kapitalismus gehörte“; zudem sei „transzendentale Verschuldung (…) die Grundlage des zinstragenden Kapitals“ (S. 139 f.).

Über die Erklärung unpersönlicher Klassenherrschaft leitet Mau von Kant, der unter dem „transzendenten Bereich“ das verstanden habe, „was jenseits des Feldes möglicher Erfahrung“ liege, über zu Hardt und Negri, die dieses „begriffliche Schema auf Machtverhältnisse“ übertragen hätten (145 f.), und zu Foucaults Biomacht, der sich „bewusster über die historische Besonderheit moderner Machtformen und ihres Zusammenhangs mit der kapitalistischen Produktion“ sei als Agamben mit seiner ‚Biopolitik‘, der mit seiner „ausschließliche(n) Konzentration auf den Staat und die Souveränität blind für die Produktionsverhältnisse“ sei, um mit Marx und da schon mit Blick auf die ursprüngliche Akkumulation daran zu erinnern, dass das Kapitalverhältnis nicht dadurch hergestellt wurde, „dass Kapitalisten dem Gesetz aus dem Wege gingen, sondern durch die aktive Intervention des Staates zur Unterstützung der aufstrebenden Kapitalistenklasse und die Intensivierung der gesetzlichen Regelung des Lebens jener, die zu den ländlichen Lohnarbeiterinnen werden sollten“ (S. 152 f.). Unter „Kapitalismus und Differenz“ kommt Mau dann ausführlicher auf die „unentlohnte Hausarbeit“ von „proletarischen Frauen“ (S. 155), womit auch die Frage aufgeworfen sei, „auf welchen Abstraktionsebenen die Frage nach dem Verhältnis von Kapital und Geschlecht gestellt werden sollte“ (S. 165). Auch stelle sich die Frage nach dem Verhältnis von Kapital und Rassismus, wobei die „Verstrickung von Rassismus und Verwertung des Werts“ nicht dazu zwinge, „den Rassismus in der Kernstruktur der kapitalistischen Produktionsweise zu verorten“ (S. 169), alldieweil „sich allein durch eine dialektische Analyse des Kapitalismus in seinem ideellen Durchschnitt nicht bestimmen“ lasse, „auf welche spezifische Art von Differenz das Kapital setzen wird.“ Gleichwohl sei in Rückschau auf diese ‚Differenzen‘ „etwas Wichtiges über den stummen Zwang des Kapitals“ zu entnehmen, „nämlich dass das Kapital immer in einer Welt operiert, die von allen möglichen Antagonismen und Hierarchien durchsetzt ist, die es gleichzeitig stärken und von ihm gestärkt werden“ (S. 175).

Mau schickt voraus, der Markt sei „nicht nur Ergebnis und Ursache der Macht des Kapitals: Er selbst ist einer ihrer Mechanismen“ (S. 177) und er sei „unfrei, weil er Herrschaft voraussetzt“ (S. 220), bevor er sich der „universellen Macht des Werts“ zuwendet (S. 176), wobei uns die „Theorie des Werts“ lehre, „dass der Markt nicht nur Herrschaftsverhältnisse vermittelt (und verbirgt)“, um mit Roberts hervorzuheben, „‚er ist selbst die Ausübung einer willkürlichen Macht‘“ (S. 187). Über Kritiken an diesem Punkt angelagerten anderer Arbeiten (u.a. Heinrich und ausf. Postone), auch des Fetischbegriffs bei Marx, kreist der Autor um die Begriffe Wert, Klasse und Konkurrenz, wobei er kurz Theoreme über das Verschwinden der Klasse und die Bedeutung des Werts vorstellt und kritisiert (u.a. Grigat, Jappe, Ellmers, später Wertformtheoretiker wie Elbe und Heinrich), um selbst zu formulieren: „Der Wert setzt die Klasse voraus, aber die Klasse setzt nicht den Wert voraus, und weiter, die „Klassenherrschaft ist (…) eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung des Werts“ (S. 209). Zudem sei es „verfehlt, die Klassenherrschaft als solche mit persönlichen Herrschaftsverhältnissen gleichzusetzen oder ihr eine ‚abstrakte‘ Herrschaft entgegenzusetzen“ (S. 211). Im Zusammenhang des Stichworts Konkurrenz wird der/die Leser:in darauf aufmerksam gemacht, die Theorie der Verteilung des Mehrwerts lehre uns, „dass die Ausbeutung ein Verhältnis ist, das auf der Ebene der gesellschaftlichen Totalität angesiedelt ist, oder dass die Arbeit durch das Kapital als solches ausgebeutet wird, und nicht durch einzelne Kapitalistinnen“ (S. 219).

Da „Konkurrenz eine klassenübergreifende Form der Macht“ sei, setze sie „Klassenherrschaft nicht nur voraus, sondern verstärkt und intensiviert sie, da sie die Kapitalistin dazu zwingt, die Arbeiterinnen innerhalb der Produktionssphäre zu disziplinieren und zu unterjochen“ (S. 220). Das ist Thema des dritten Teils Dynamik, im Näheren einer zweiten Hauptquelle der ökonomischen Macht des Kapitals, wie sie sich aus sozialen Beziehungen ergeben, woraus ersichtlich werde, dass sich die ökonomische Macht des Kapitals „zum Teil als das Ergebnis seiner eigenen Ausübung“ erweise (S. 31). Es geht dem Autor auch darum, wie er mehrfach betont, zu zeigen, dass er nicht behauptet, „dass sich das Kapital ausschließlich auf den stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse stützt, noch dass es das jemals könnte“ (S. 281). Mau beginnt mit der „Despotie der Subsumtion“, wobei es ihm auch in den folgenden Unterkapiteln um mehr als den ‚Stummen Zwang‘ geht, nämlich um Dynamiken, bei Marx „‚Bewegungsgesetze‘“ genannt, „die sich auf allen Ebenen der ökonomischen Totalität äußern“. Er setzt mit dem an, „was sich am Arbeitsplatz abspielt, wo die Macht des Kapitals die Form der Macht des Kapitalisten annimmt“ (S. 222), wobei zu den „Kapitalistinnen (…) auch bezahlte Manager (…) als ‚Personifikationen‘ des Kapitals“ gehören (ebd, Anm. 2). Dabei sei die „Autorität des Kapitalisten am Arbeitsplatz (…) lediglich die Erscheinungsform der unpersönlichen Macht des Kapitals“, die „Despotie am Arbeitsplatz (…) nichts anderes als die Metamorphose des unpersönlichen und abstrakten Zwanges“ (S. 229 f.). Nach Erläuterung von formeller und reeller Subsumtion, wobei die reelle Subsumtion der „Prozess“ sei, „durch den der eine Aspekt – der Verwertungsprozess – sich mit dem anderen, dem materiellen Charakter des Arbeitsprozesses, verzahnt oder in ihn eingreift“ (S. 231), zeigt Mau auf, wie sich hier auch Disziplinierungen geltend machen, (u.a.) durch „(k)örperliche Kalibrierung“ (bspw. die klassischen „tayloristischen Zeit- und Bewegungsstudien“ [S. 234]), die Herrschaft der abstrakten Zeit, die Umstrukturierung von Qualifikationen. Darin (u.a.) zeige sich die „Fähigkeit der Verwertungslogik, den Produktionsprozess gesellschaftlich und materiell neu zu gestalten“, was auf der „Macht (…) der Kapitalistinnen“, die ihnen durch die „Produktionsverhältnisse verliehen wird“, beruhe, und in „diesem Sinne“ sei „die reelle Subsumtion ein Effekt der Macht des Kapitals“ (S. 245).

„Die totale Subsumtion von allem?“, fragt Mau im Anschluss und hält zunächst fest, dass das Kapital, „(s)olange es in der Lage ist, die grundlegenden Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion fest im Griff zu behalten, (…) nicht alles akribisch kontrollieren“ muss, wobei die „Sphäre der Produktion das Bollwerk der Macht des Kapitals“ sei, „auch wenn sich die Logik der Verwertung von dort aus wie Wellen in einem Teich ausbreitet“ und somit der Autor nicht „die tiefgreifenden Auswirkungen der Logik Kapitals auf Bereiche jenseits der Produktionssphäre leugnen“ will. Was man aber brauche, wolle man die „Macht des Kapitals“ verstehen, sei ein „begriffliche(r) Apparat, mit dem sich die unterschiedlichen Haltungen des Kapitals zu den verschiedenen Momenten der gesellschaftlichen Totalität erfassen lassen“ (S. 246 ff.). Mau schließt mit umfassenderen Analysen der kapitalistischen Umgestaltung der Natur an, wobei die „reelle Subsumtion von Natur und Arbeit in der Landwirtschaft eine unglaublich wichtige Grundlage der Macht des Kapitals in unserer Zeit“ sei (S. 267). Weiter behandelt er die logistische Macht und merkt an, dass die „Behauptung von Marx, dass der Transport als Teil des Produktionsprozesses zu betrachten“ sei, „noch nie solche Bedeutung wie in der heutigen Zeit“ hatte, wobei es um den „konstante(n) Warenfluss“ geht (S. 275 f.). Aufgezeigt wird, dass „neue Verwundbarkeiten“ entstehen und der „Gebrauchswert einiger Technologien einem Bedürfnis entsprechen könnte, das nur in einer kapitalistischen Gesellschaft existiert“, was bei der „Logistik des Kapitals“ der Fall sei, unbeschadet der Frage, ob nicht eine „postkapitalistische Gesellschaft (…) einige der beteiligten Technologien übernehmen könne“ (S. 284 f.). In toto sei zu erkennen, berücksichtige man „nur die Produktionsverhältnisse“, übersähe man eine „wichtige Quelle“ der „ökonomischen Macht des Kapitals“, gemeint ist die „durch diese Verhältnisse in Gang gesetzte Dynamik“ (S. 288 f.). Seine Argumentation führt Mau weiter entlang der Thematiken – und auch hier wie allenthalben an Marx orientiert – Überschussbevölkerung, einem „Mechanismus der Herrschaft“ (S. 294) und Krise, prominent der „‚Epidemie der Überproduktion‘“ (Marx, zit. S. 297), fort, wobei eine Krise aus dem Widerspruch zwischen dem entstünde, „was aus Sicht des einzelnen Kapitals rational ist, und dem, was aus Sicht des kapitalistischen Systems als Ganzes rational ist“ (S. 299). Dabei analysiert der Autor Krisen auch als Quellen der Macht, (u.a.) als „wichtige Auswirkung auf das Verhältnis zwischen Kapital und Staat“, abstrakte Machtmechanismen, „durch die sich das Kapital dem gesellschaftlichen Leben aufdrängt“ und immer auch eine „Krise der proletarischen Reproduktion“ (S. 306 ff). Mau kommt zu seiner Frage: „Aber was ist mit der jüngsten Krise?“, und er zitiert vorher Benanav und Clegg, die schrieben, dass die „‚Ära einer tiefen Krise des Kapitalismus (…) von einer noch tieferen Krise der praktischen Opposition gegen den Kapitalismus begleitet‘“ ist (zit. S. 310). Bevor der Autor in seinem zusammenfassenden Fazit in die „konkrete Analyse einer konkreten Situation“ (Lenin, s.o.) entlässt, verweist er in seinem Schlusssatz dieses Teils nachdrücklich darauf, dass die „Kräfte des Kapitals (…) sehr wohl (wissen), dass eine Krise eine hervorragende Gelegenheit ist, den Griff des Kapitals auf das gesellschaftliche Leben zu verstärken.“ Und Mau mahnt: „Das sollten auch wir Kommunisten beherzigen“ (S. 312).

Diskussion

Nicht nur „wir Kommunisten“, möchte man ergänzen, und allen radikaldemokratischen links-oppositionellen Kräften anraten, ihre Optik auf überall sprießende Reformvorschläge scharfzustellen, um auch darin das Fortwirken des „stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse“ (s.o.) zu erkennen. Weniger mit dem stummen Zwang der ökonomischen Macht und eher mit der Vorherrschaft männlicher Dominanz auf der Oberfläche von Gesellschaft scheint Maus Parteinahme für die weibliche Form zu tun zu haben, was Mau über den ganzen Text durchhält. Das mag irritieren, setzt sich doch die gendergerechte Form langsam durch. Allerdings ist auch das ein Punkt, den das Kapital keinesfalls „akribisch kontrollieren“ (s.o.) muss. Ein Stolperstein für die Wertverwertung ist diese ‚politisch korrekte‘ Sprachregelung nicht. So wie Mau auf das Thema „Arbeiterinnen“ (diesmal tatsächlich weiblich) eingeht, konterkariert es jene historische und aktuelle „rohe Gleichmacherei“ (Marx/Engels) – was das Kapital im Vorübergehen abwinken dürfte, solange mit solchen Reformen reklamierenden Ansprüchen (so wichtig sie auch sind) keine Barrikaden gegen das Wachstumsmantra errichtet oder der Verwertung größere Stolpersteine in den Weg gelegt werden.

Maus sehr reichhaltige Studie wird nicht nur, aber insbesondere in der ‚linken‘ Presse lobend hervorgehoben. Er greift marxistische Diskussionen auf, die seit Jahrzehnten geführt werden, gleicht sie mit Marxʼ Schriften ab und versteht es, die neuralgischen Punkte knapp und präzise zu benennen, analytische Schwächen einzukreisen und zugleich verschiedene wissenschaftliche Positionen nach seiner Lesart und Interpretation zu verschwistern (z.B. wo er antritt, Foucaults Begriff der Macht für eine wie von ihm vorgeschlagene marxistische Diskussion fruchtbar zu machen). Mit seiner Studie entfaltet der Autor für Leser:innen gut nachvollziehbar, dass und wie unsere alltägliche Lebensführung und -gestaltung von den vorausgesetzten kapitalistischen Verhältnissen durchdrungen ist. Damit sind seine Analysen zum stummen Zwang, immer vom „idealen Durchschnitt“ (s.o.) der kapitalistischen Produktionsweise ausgehend, zugleich Hinweise auf die Konstitution von Subjektivität – auch da im „idealen Durchschnitt“. Vor allem wird dies deutlich, wo Mau argumentiert und zeigt, dass und wie Zumutungen und Zwänge zentral aus Lohnarbeit auf Psyche und Physis dirigierend wirken. Und bündig heißt es, der Kapitalismus könne niemals existieren, „ohne unsere Denkweisen zu prägen“ (s.o.).

Stolpern könnte man bei der Lektüre darüber, dass und wie Mau für seinen Begriff der Macht z.B. Foucault fruchtbar zu machen versucht, wie er marxistische Theorie scheintʼs mehr zerlegt als immanent kritisiert, wie er sich von der kritischen Theorie (insb. Adorno) distanziert bzw. abzuheben versucht u.a.m. Das aber muss detaillierteren und mit den jeweiligen Theorien vertrauten Diskussionen im Einzelen vorbehalten bleiben, die im Wesentlichen an seiner Botschaft zur Prominenz des „stummen Zwangs der ökonomischen Verhältnisse“, jener knappen und bislang nicht sonderlich problematisierten Bemerkung von Marx, rühren.

Ohne desavouierenden Unterton kann man Maus Studie als „nachgerüstete(n) Zirkulationsmarxismus“ (Stache) betrachten. Er hebt dem Eindruck nach auf das vierte Kapitel in Marxʼ ‚Kapital‘ ab. In diesem sicherlich zentralen Kapitel zeigt Marx, dass aus dem Warentausch (der Zirkulation) Mehrwert nicht erklärt werden kann (s. „Widersprüche der allgemeinen Formel“ [Marx]) und mit dem „Kauf und Verkauf der Arbeitskraft“ (Marx) der Übergang zur Produktionssphäre erfolgt, wobei gezeigt wird, dass Arbeitskraft als besondere Ware Wert schafft, was der entscheidende Punkt zur Lösung des ‚Rätsels‘ Mehrwert ist. Maus Hervorhebung der Zirkulation ist nicht zur Gänze falsch, aber lediglich ein Teil im ‚Begriff‘ des Kapitals. Und das Kapitel zur „Verwandlung von Geld in Kapital“ bei Marx umgreift ja nicht ‚das Kapital‘, wie es Marx analysierte. Für Mau ist es das Marktverhältnis, welches das Ausbeutungsverhältnis vermittelt – was soweit richtig ist. Sein Argument: Die Zirkulationsform des Kapitals (G-W-Gʼ) lässt sich ohne die Ausbeutung der Lohnarbeit und somit Produktion von Mehrwert nicht realisieren. Zweck des Tausches von Waren auf dem Markt für die Generierung von Profiten setzt die kapitalistische Produktionsweise voraus (sonst bliebe nur G-W-G). Das bedeutet nicht, dass der Wert eine „unmittelbare Wirkung von Klassenherrschaft“ (S. 209) ist und diese primär. Wert lässt sich nicht allein aus der Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln ableiten. Insofern ist Klassenherrschaft eine „notwendige, aber keine hinreichende Bedingung des Werts“ (s.o.). Die Produktion der einzelnen Produktionseinheiten für den Markt muss hinzutreten, der als Markt – wie historisch ersichtlich – nicht notwendig das Klassenverhältnis impliziert. Mau unterteilt in „horizontale“ und „vertikale“ Beziehungen; unter ‚horizontal‘ fällt (u.a.) Klasse und Ausbeutung und unter ‚vertikal‘ (u.a.) Wert, Konkurrenz und Markt. Sein Argument resp. seine These: „Die horizontalen und die vertikalen Beziehungen, die für die kapitalistischen Produktionsverhältnisse konstitutiv sind, müssen daher als zwei miteinander verbundene, aber unterschiedliche Quellen der Macht des Kapitals verstanden werden“ (S. 209 f.). Logisch lassen sich die horizontalen und vertikalen Beziehungen nicht auseinander ableiten, jedoch resultiere die Macht des Kapitals aus Wechselwirkung und Kombination dieser Beziehungen, und zwar dadurch, dass der Markt für Einzug der Arbeiter:innen in die Unternehmen sorgt, laut Mau ist es demnach eben das Marktverhältnis, welches das Ausbeutungsverhältnis vermittelt. Pointiert und auf den ‚stummen Zwang‘ bezogen: „Die Proletarierinnen sind den Kapitalistinnen mittels einer Reihe von Mechanismen unterworfen, die gleichzeitig jeden der Logik der Verwertung unterwerfen, und umgekehrt sind alle der Verwertung unterworfen, weil die Klassenverhältnisse die Verselbstständigung des Werts ermöglichen“ (S. 316), wobei die „Autorität des Kapitalisten am Arbeitsplatz“ als „Despotie am Arbeitsplatz“ dann „Erscheinungsform der unpersönlichen Macht des Kapitals“ ist, „nichts anderes als die Metamorphose des unpersönlichen und abstrakten Zwanges, die sich aus der Überschneidung der beiden für die kapitalistischen Produktionsverhältnisse konstitutiven Trennungen ergibt“ (s.o.). – Spätestens damit könnte Mau eine Diskussion darüber befeuern, welchen ‚Begriff‘ er vom Kapital hat. Doch ist das unter dem Strich und zumal für seine Thematik von Belang?

Von Belang scheint es zunächst, wo Mau das Thema, ob es sich beim Fetischismus um eine Praxis oder um eine verzerrte Wahrnehmung handelt, mit einer Kritik an Heinrich mit Marx zurechtzurücken unternimmt. Von Belang scheint auch, dass er zwar mit Marx zunächst aus dem Begriff des Kapitals allgemeine Bewegungsgesetze ableitet, dabei aber nicht auf den (systemisch immanenten) Begriff des Widerspruchs abhebt, mit dem empirische, gleichwohl nicht ‚wesensnotwendige‘ Bewegungen auf der Oberfläche bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften einzukreisen wären (ob Infrastrukturpolitiken, Kommodifizierungen, Ökonomisierungen des Sozialen, Erscheinungsformen und Organisierungen von Widerständen, was Mau selbst z.T. benennt). – Doch da Mau mit dem Wort von Lenin die „konkrete Analyse einer konkreten Situation“ (s.o.) reklamiert, ist ein daraus folgendes Desiderat einzulösen (und dies nicht zuletzt ‚klassentheoretisch‘), was auch einschließen mag, und da durchaus angeleitet von Maus Studie, sich auf die Lektüre von Marx zu besinnen. Richtig bleibt, dass es im Kapitalismus eine „soziale Logik“ gibt, die sich ‚verfestigt‘ (ob und wie „es dem Kapital gelingt“, provoziert – wie angedeutet – die Frage nach Maus ‚Begriff‘ des Kapitals). Sicherlich wird unsere „Denkweise“ durch die Produktionsweise und die Produktionsverhältnisse geprägt (ob abschlusshaft, ist eine weitere Frage). Und ob und wie dieser sozialen Logik „alle gehorchen müssen“ (s.o.), wirft die Frage nach im Kapitalismus systemisch zumindest als Möglichkeit angelegtem ‚Ungehorsam‘ auf. Gehört dann noch diese analytische Frage in den Bereich, von dem Mau meint, „dass wir es vermeiden sollten, alles mit Bezug auf die Logik des Kapitals erklären zu wollen“ (S. 175)?

Fazit

Das Buch empfiehlt sich nicht nur wegen seiner erfrischenden Verständlichkeit und somit Leser:innenfreundlichkeit, nicht nur wegen seines umfangreichen Literaturverzeichnisses, das zu Vertiefungen einlädt, sondern vor allem auch wegen der intimen Kenntnisse des Autors von Marxʼ Werk. Es steht zu erwarten, dass mit dieser Schrift weiterführende und fruchtbare Diskussionen initiiert werden.

Rezension von
Arnold Schmieder
Mailformular

Es gibt 116 Rezensionen von Arnold Schmieder.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 16.05.2022 zu: Søren Mau: Stummer Zwang. Eine marxistische Analyse der ökonomischen Macht im Kapitalismus. Karl Dietz Verlag (Berlin) 2021. ISBN 978-3-320-02384-3. Reihe: Theorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29304.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht