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Roger Money-Kyrle, Heinz Weiß (Hrsg.): Die Psychologie von Krieg und Propaganda

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 26.04.2022

Cover Roger Money-Kyrle, Heinz Weiß (Hrsg.): Die Psychologie von Krieg und Propaganda ISBN 978-3-95558-299-9

Roger Money-Kyrle, Heinz Weiß (Hrsg.): Die Psychologie von Krieg und Propaganda. Ausgewählte Schriften Band I. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2022. 200 Seiten. ISBN 978-3-95558-299-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Roger Money-Kyrle: Ausgewählte Schriften - 1
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Gewalt, Kriege, Menschheitsverbrechen entstehen in den Köpfen von Menschen

Ist der Mensch des Menschen Freund oder Feind? Ist der Mensch, wenn er Macht hat, ein Egozentriker oder ein Empathiker? Ist für ihn Krieg ein anderes Mittel der Herrschaft, oder ein vermeidbares Mittel der Auseinandersetzung? Ist die Vision vom „Ewigen Frieden“ eine moralphilosophische, kantische Illusion oder eine menschengemachte Hoffnung? Die Tolstoische Erzählung vom „Krieg und Frieden“ (1863/69) formuliert die Bedeutung der „positiven und negativen Freiheit“ als individuelle und kollektive Herausforderung: „Unsere persönlichen Eigenarten… machen uns ‚unfrei‘, wenn sie uns behindern, andere Perspektiven einzunehmen“ (vgl. dazu: Corinne Michaela Flick, Wie viel Freiheit müssen wir aufgeben, um frei zu sein?; 2022, www.socialnet.de/rezensionen/29300.php).

Entstehungshintergrund

Der britische Psychoanalytiker Roger Ernle Money-Kyrle (1898 -1980) gilt als Vertreter einer sozialanthropologischen, politischen Bewertung und Therapie bei psychoanalytischen Fragen der öffentlichen, propagandistischen, manipulativen Beeinflussung der öffentlichen Meinung und Gefolgschaft. Er entwickelte seine theoretischen und praktischen, psychologischen und psychoanalytischen Konzepte zum Über-Ich anhand der Arbeiten der österreich-britischen Psychoanalytikerin Melanie Klein. Die Erkenntnis, „Begierden könnten entäußert und in andere verlagert werden“, in propagandistische, faschistische Programme und Ideologien, hat er in Analysen des Nazi-Regimes aufgezeigt. Er entwickelte damit Verbindungen zwischen der Psychoanalyse und den Gesellschafts-, Kulturwissenschaften, der Anthropologie, Ästhetik und Ethik.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber – der Stuttgarter Psychoanalytiker Heinz Weiß und die Tübinger Lehranalytikerin Claudia Frank – stellen, erstmals in deutscher Sprache, ausgewählte Schriften von Money-Kyrle mit dem Hinweis vor, dass „sein Werk von der Anwendung psychoanalytischer Erkenntnisse auf gesellschaftliche und politische Fragen durchzogen (sei) – auf Fragen, die nicht nur die Geschehnisse seiner Zeit prägten, sondern auch gerade überaus aktuell wirken“. Neben dem Vorwort des Herausgeberteams und der „Autobiographischen Notiz“, wird das Buch in sieben Kapitel gegliedert: Im ersten wird „eine psychoanalytische Analyse von Kriegsursachen“ vorgenommen; im zweiten wird die psychologische Frage gestellt: „Wie entstehen Kriege?“; im dritten geht es um „die Psychologie der Propaganda“; im vierten werden „Soziale Konflikte und die Herausforderung für die Psychologie“ thematisiert; im fünften geht es um „Anmerkungen zu Staat und Charakter in Deutschland“; im sechsten „Über das Vorurteil“; und im siebten Kapitel wird „Ein psychoanalytischer Blick auf die Politik“ gerichtet.

Die Originaltexte der einzelnen Kapitel werden kurz vom Herausgeberteam mit historischen Erläuterungen eingeordnet und auf aktuelle Bezüge verwiesen. Die Einsicht, dass Krieg eine „soziale Krankheit“ und „Vernunftverlust“ ist, wird nicht anonym und distanziert begründet, sondern mit der Feststellung, dass die Individuen in einer paranoiden Gesellschaft Meinungen, Einstellungen, Rechthabereien, Machtgelüste und Ängste entwickeln, die Gewalt als einzig mögliche Lösung erscheinen lassen. Es sind imaginative, aggressive, aufoktroyierte, bewusste und unbewusste, menschengemachte Motive, die zu Kriegen führen: „Das Streben des zivilisierten Menschen nach Macht, Prestige und Besitz übersteigt bei Weitem das, was er vernünftigerweise für ein angenehmes Leben braucht“- Weil Propaganda, Einflussnahme auf Meinungen und Einstellungen von Individuen und Gemeinschaften immer schon Mittel waren (und weiterhin sind), gesellschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Gruppen ideologischen Willen aufzuzwingen, bedarf es bei der Frage, wie Propaganda wirkt, der Betrachtung von direkten und indirekten Beeinflussungen und nach der Reichweite. Sie wirken umso deutlicher, je angepasster, unkritischer und nicht intellektueller die Adressaten sind. Die Auseinandersetzung mit sozialen Konflikten, als sowohl alltägliche, als auch als politisch gemachte Irritationen, offenbart, dass der Glaube an die Gutmütigkeit und Ehrlichkeit von Diktatoren und die Richtigkeit von autoritären, faschistischen, undemokratischen Systemen vielfach kritische Positionen und Wissen überlagert: „Daher können selbst Menschen, die eigentlich nicht rachsüchtig sind, ein erhebliches Maß an Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Menschen an den Tag legen, die, seien es Individuen oder Minderheiten, anderswo das Opfer legalisierter Verfolgung sind“. Der Blick auf die Mentalitäten und Einstellungen der Deutschen vor, während und nach der nationalsozialistischen Herrschaft gibt frei, dass die Mehrzahl der Erwachsenen und Heranwachsenden autoritär, obrigkeitsstaatlich und nationalistisch dachten, was auch die zögerlichen, schuldzurückweisenden, verschweigenden Auseinandersetzungen mit den Menschheits- und Kriegsverbrechen der Nazis erklärt. Vorurteile, Stereotypenbildungen und Rassismen entstehen und wirken sich meist nicht aus durch von außen eingebrachte Projektionen; sie sind vorhanden und werden durch Ideologie gefestigt. Eine prägende, aktivierende, dogmatische Bedeutung entsteht durch Intoleranz, der nicht tolerantes, empathisches Verhalten entgegengesetzt wird: „Wenn … viele soziale Konflikte vor allem auf einem Vorurteil beruhen und weniger auf einen Konflikt ums Überleben, dann ist ein tieferes und umfassenderes Verständnis für seine psychologischen und sozialen Determinanten … eine notwendige Voraussetzung für eine harmonischere Welt“. Wo „irrationale Aufladungen durch Politik“ stattfinden, entwickeln sich die Untugenden wie Neid, Eifersucht, Höherwertigkeitsvorstellungen und Machtgelüste. Die Abwehrmechanismen können sich nur durch politisches Denken und Handeln entwickeln, und durch die Kompetenz, Einstellungen und Verhaltensweisen zu ändern, also Perspektivenwechsel zu vollziehen.

Diskussion

Die bisher im wissenschaftlichen, fachspezifischen und interdisziplinären deutschen Diskurs kaum aufgenommenen psychoanalytischen und soziophilosophischen Schriften von Roger Money-Kyrle, die sich auseinandersetzen mit den gesellschaftlichen, politischen Entwicklungen in den Jahrzehnten vor, während des Zweiten Weltkriegs und dessen Ende im Deutschland – überwiegend aus der Sicht Großbritanniens – vermitteln überraschend ein Déjà Vu auf die heutige, unsichere Zeit. Viele seiner psychologischen und anthropologischen Analysen, etwa zu Fragen nach einem „gerechten Krieg“, zu Situationen von Gefolgschaft und Kritik, von Hegemonie und Friedfertigkeit, von Indoktrination, Demagogie, Agitation und Aufklärung, lassen sich passgenau auf die „Zeitenwende“ übertragen. Es ist verdienstvoll, dass die Herausgeber, unterstützt von einer Reihe von internationalen Institutionen, die Edition von Kyrles Werk in deutscher Sprache herausgibt. In vier Bänden werden seine Schriften vorgelegt: Band 1: Die Psychologie von Krieg und Propaganda; Band 2: Klinische Beiträge; Band 3: Theorien; Band 4: Ethische und philosophische Fragen.

Fazit

Wissenschaftliche – vergessene, verloren gegangene, nicht verdienstgemäß präsentierte – Arbeiten erhalten nicht selten eine neue Aufmerksamkeit durch aktuelle, besorgniserregende lokale und globale Situationen. Weil Völkerrechtsverstöße, Überfälle und Kriege – wie heute wieder – niemals akzeptiert und hingenommen werden dürfen, bedarf es des Blicks auf Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Der englische Psychoanalytiker Roger Money-Kyrle kann uns mit seinen Schriften Anregungen geben und zu aktivem Widerstand gegen Kriegsverbrechen auffordern!

Die Edition der Schriften von Money-Kyrle dürfte nicht nur für Psychologen und Psychoanalytiker von Interesse sein, und der notwendigen und nützlichen, wissenschaftlichen Dokumentation Genüge tun, sondern auch Anregungen und Herausforderungen für den interdisziplinären Diskurs über Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität bieten.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1546 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.04.2022 zu: Roger Money-Kyrle, Heinz Weiß (Hrsg.): Die Psychologie von Krieg und Propaganda. Ausgewählte Schriften Band I. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2022. ISBN 978-3-95558-299-9. Reihe: Roger Money-Kyrle: Ausgewählte Schriften - 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29307.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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