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Joni Seager: Der Frauenatlas

Rezensiert von Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund, 16.03.2023

Cover Joni Seager: Der Frauenatlas ISBN 978-3-446-26829-6

Joni Seager: Der Frauenatlas. Ungleichheit verstehen: 164 Infografiken und Karten. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2020. 207 Seiten. ISBN 978-3-446-26829-6. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR.

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Thema

Der Frauenatlas thematisiert die Lebensbedingungen und die weltweite Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und veranschaulicht diese mit Hilfe von datenbasierten Infografiken und kurzen Texten. Es sind Informationen und empirische Daten zu unterschiedlichsten Themen in Zusammenhang mit Frauen, ihrer Lebenssituation und ihren Rechten zusammengestellt und visualisiert, vom globalen Gendergap-Index über den Zugang zu Bildung und zu Verhütungsmitteln bis hin zur Vertretung von Frauen in nationalen Regierungen. Neben globalen Vergleich finden sich immer wieder auch länderspezifische Vertiefungen, insbesondere zum Zusammenhang von Gender mit anderen Faktoren wie ethnischer Zugehörigkeit und Gesellschaftsschicht.

Autorin

Joni Seager ist Geografin und seit 1988 Professorin für Global Studies an der Bentley University in Boston. Sie lehrt und forscht zu Internationaler Entwicklung und Umweltpolitik, zu globaler politischer Ökonomie und Ökologie, zu Gender und internationaler Entwicklung. Als Expertin für globale Strategien berät sie u.a. die Vereinten Nationen.

Entstehungshintergrund

Die erste Auflage des Frauenatlas – mit dem Untertitel „Daten, Fakten und Informationen zur Lage der Frauen auf unsere Erde“ – hat Seager 1986 geschrieben (deutsche Ausgabe 1987), damals zusammen mit Ann Olsen. Für die dritte Auflage werden auch Daten zu Veränderungen in den Lebensbedingungen von Frauen innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte dargestellt.

Aufbau 

Nach einer Einleitung werden Daten zu acht Themenbereichen aufbereitet:

  • Frauen in der Welt
  • Wie Frauen „in ihre Schranken gewiesen“ werden
  • Geburtsrechte
  • Körperpolitik
  • Gesundheit
  • Bildung und Vernetzung
  • Besitz und Armut
  • Macht

Abschliessend findet sich ein umfassendes Quellenverzeichnis, das nach den acht Themenbereichen gegliedert ist.

Inhalt

In der vier Seiten umfassenden Einleitung erläutert Joni Seager kurz ihren internationalen und vergleichenden Ansatz, mit dem sie „eine feministische Neukartierung der Welt, bei der die Erfahrungen von Frauen näher betrachtet und ernst genommen werden“ (S. 7) vornehmen will. Neben Gemeinsamkeiten sollen auch Unterschiede zwischen Frauen anerkannt und dargestellt werden, dies anhand der „Bruchlinien von Race, Alter, Sexualität, Religion, Gesellschaftsschicht und Herkunft“ (S. 9). Gleichzeitig hinterfragt sie die Tauglichkeit der Unterscheidung zwischen ‚entwickelten‘ und ‚unterentwickelten‘ Ländern und betont, Fortschritte bei der Veränderung der Lebensrealität von Frauen seien keine Selbstverständlichkeit, sondern stets fragil, umkehrbar und damit potentiell gefährdet. Mit dem Frauenatlas möchte sie sowohl die Gesellschaftsanalyse wie auch den sozialen Aktivismus bereichern (vgl. S. 9). 

Das erste inhaltliche Kapitel Frauen in der Welt nimmt den Einfluss staatlicher Politik auf die Lebensbedingungen von Frauen in den Blick. Eine erste Abbildung zeigt die Unterzeichnerstaaten der UN-Konvention zur Beseitigung jeglicher Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW). Anders als die aller meisten Staaten haben die USA diese Frauen-Konvention zwar 1980 unterzeichnet, aber nie ratifiziert. Sudan, Somalia, Iran, Palau und Tonga haben sie noch nicht unterzeichnet.

Der Globale Gendergap-Index misst die Lücke bei der Gleichstellung von Mann und Frau in den Bereichen Gesundheit und Lebenserwartung, Zugang zu Bildung, wirtschaftliche Teilhabe und politische Beteiligung, der jährlich von der OECD veröffentlichte Sozialinstitutionen- und Gender-Index (SIGI) den Grad der Diskriminierung. Die weltweiten Unterschiede sind hier sehr gross, und reichen von geringer Diskriminierung (in 15 % der Länder) und kleinem Gender-Gap bis zu sehr starker Diskriminierung (16 % der Länder). Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen bei der Geburt lag 2015 bei 74 Jahren, bei Männern bei 70 Jahren (wobei sich der Gendergap am unteren und oberen Ende der Skala verringert). Weitere Ausführungen und Infografiken beziehen sich auf die Rechte von Lesben, Schwulen und transgender Personen, auf das Durchschnittsalter von Frauen bei der ersten Heirat, die Scheidungsrate, die Anzahl von Kinderehen und die weltweite Grösse der Haushalte. Anhand von Daten aus den USA wird der Zusammenhang von Haushaltszusammensetzung und Armut sowie Race und Geschlecht deutlich gemacht. Verschiedene Grafiken greifen die Situation von geflüchteten Menschen, von Krisengebieten und Interventionen zur Friedenssicherung auf.

Das zweite Kapitel – Wie Frauen „in ihre Schranken gewiesen“ werden – geht auf die praktischen Beschränkungen ein, denen Frauen in ihrem öffentlichen und privaten Leben unterworfen sind. Hier sind Informationen zu massivsten Benachteiligungen aufgrund – überwiegend religiös begründeter – Gesetze zusammengestellt: über einschränkende Bekleidungsvorschriften, Gehorsamspflicht gegenüber dem Ehemann, Ehren- oder Mitgiftmorde, Zwangsheirat. Die Daten zu häuslicher und sexueller Gewalt hingegen zeigen, dass es sich hier um weltweit verbreitete Phänomene handelt.

Das umfangreichste Kapitel des Buches trägt den Titel Geburtsrechte und enthält Informationen und Daten in Zusammenhang mit der Gebärfähigkeit von Frauen. Die durchschnittliche Anzahl der Geburten pro Frau variierte 2015 zwischen 1,2 (in Hongkong, Portugal, Singapur und Südkorea) am einen und 7,6 (Niger), 6,4 (Somalia) und 6,1 (Mali) am anderen Ende. Auch beim durchschnittlichen Alter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes gibt es grosse Unterschiede (31 Jahre in Singapur, 30 in Deutschland, Irland und Japan, gegenüber 18 im Tschad, 19 in Bangladesch und Nicaragua). Mehrere Infografiken illustrieren den Zugang zu und die Präferenz von Verhütungsmitteln und machen deutlich, dass insbesondere in vielen afrikanischen Staaten der Zugang zu modernen Verhütungsmitteln nicht gewährleistet ist. Fast überall auf der Welt geht die Müttersterblichkeit zurück, in den USA allerdings steigt sie wieder, insbesondere bei schwarzen Frauen. Bei diesem Thema zeigt sich der Einfluss von Race, Lebensort und ethnischer Herkunft besonders deutlich: In Panama beispielsweise war die Müttersterblichkeit bei den indigenen auf dem Land lebenden Frauen zehnmal höher als im nationalen Durchschnitt (der bei 70 pro 1000 000 Lebendgeburten liegt, S. 70). Daten zu Abtreibungsraten zeigen einen deutlichen Zusammenhang mit der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln; der Prozentsatz der unsicheren Abtreibungen lag weltweit bei 45 %. Die geschlechtsbezogene Selektion dabei hat zugenommen: Mittlerweile wird in 20 asiatischen und osteuropäischen Ländern ein Frauenmangel konstatiert

Im Kapitel Körperpolitik reichen die Informationen vom ersten Jahr der Teilnahmemöglichkeit von Frauen an olympischen Spielen über Schönheitswettbewerbe und -operationen bis hin zur Situation bezüglich Genitalverstümmelung, die insbesondere in einigen afrikanischen Ländern nach wie vor erlaubt ist. Des Weiteren finden sich Daten zu polizeilich registrierten Straftaten gegen Kinder, zu Sextourismus, Prostitution, Pornographie und den globalen Handelsströme des Sexhandels. Zum Thema Gesundheit werden Daten aufbereitet zur Verbreitung von Brustkrebs, HIV, Tuberkulose und Malaria, zu Trinkwasserverschmutzung, Verfügbarkeit von Toiletten sowie zu verschiedenen Aspekten von Umweltverschmutzung

Zum Thema Arbeit wird einleitend konstatiert, dass unbezahlte Arbeit im Leben von Frauen eine grössere Rolle spielt als in dem von Männern. In jedem Land leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeit als Männer; wohl leisten diese mehr bezahlte Arbeit, wenn man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammenzählt, ist die zeitliche Arbeitsbelastung von Frauen aber grösser. In Bezug auf den Anteil berufstätiger Frauen gibt es weltweit grosse Unterschiede, Einkommens-Diskriminierung von Frauen hingegen ist ein generelles Problem (wobei hier auch ethnische Zugehörigkeit eine wichtige Rolle spielt). Im informellen Wirtschaftssektor und bei Teilzeitarbeit sind Frauen überrepräsentiert. Ausserdem sind hier interessante Daten zu Kinderarbeit, zu Frauen in der Landwirtschaft, zu Arbeitsmigration sowie zu Hausangestellten und Migration aufbereitet, wie z.B.: 24 % aller internationalen Migrantinnen, die als Hausangestellte arbeiten, taten dies in Südostasien/​Pazifik, 22 % in Nord-, Süd- und Westeuropa; in Malaysia etwa arbeiten Hausangestellte 66h pro Woche.

Das Kapitel Bildung und Vernetzung zeigt die Benachteiligung von Frauen in vielen Ländern Afrikas, Südasien, Mittel- und z.T. Südamerikas auf, insbesondere in armen Familien. In Bezug auf Alphabetisierung gab es in den letzten beiden Jahrzehnten grosse Fortschritte. Waren es 1990 weltweit erst 69 % der Frauen, die lesen und schreiben können, lag der Anteil in den Jahren 2010–2014 bei nunmehr 82 %. Von den Analphabet:innen jedoch sind knapp zwei Drittel Frauen. Auch weisen einzelne Länder noch immer hohe Analphabetismus-Raten auf (Niger 89 %, Mali 78 %, gemäss Daten von 2013–2015). In Bezug auf digitale Teilhabe gibt es grosse Unterschiede zwischen den Ländern. Bei der Internetnutzung hat sich der Gendergap deutlich verkleinert, beim Besitz eines eigenen Handy hingegen ist er vielerorts gross (insbesondere in Südostasien und Subsahara-Afrika sind es weniger als die Hälfte der Frauen, die ein eigenes Handy haben).

Unter dem Titel Besitz und Armut wird ökonomische Ungleichheit – u.a. zwischen Männern und Frauen – thematisiert. In einzelnen Ländern sind Frauen nach wie vor rechtlich benachteiligt in Bezug auf den Besitz von Land und bei Erbrechten. Insbesondere in Afrika (und teilweise Südasien) leben viel Haushalte in extremer, mehrdimensionaler Armut. In den europäischen Ländern liegt das Armutsrisiko bei Frauen insgesamt leicht höher als bei Männern, der Gendergap ist jedoch kleiner geworden. Daten aus den USA und Lateinamerika zeigen, dass das Armutsrisiko neben Geschlecht auch beeinflusst wird von ethnischer Zugehörigkeit, Wohnort (Stadt/Land), Alter, Behinderung und Haushaltszusammensetzung. Das Jahrzehnt von 2010 bis 2020 sei geprägt von wirtschaftlicher Ungleichheit, wird zusammenfassend festgehalten. Denn 2017 befanden sich 88 % des weltweiten Vermögens im Besitz von 10 % der Gesamtbevölkerung. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung – ganz überwiegend weisse Männer – besass die Hälfte des globalen Vermögens.- Das letzte Kapitel ist dem Thema Macht gewidmet. Hier werden Daten zu genderspezifischen Machtverhältnissen aufgelistet, etwa zur Einführung des Frauenwahlrechts, zum Militärdienst, ausführlich zu Frauen in nationalen Regierungen, im EU-Parlament und bei der UNO sowie zu Quotenregelungen. 

Diskussion

Die neuste Ausgabe des Frauenatlas enthält eine Vielzahl von äusserst interessanten Informationen zur Situation und Benachteiligung von Frauen weltweit. Es ist eine sehr lehrreiche, aber keine vergnügliche Lektüre, wird doch – trotz der Fortschritte bei Bildung – die nach wie vor bestehende, teilweise massive Benachteiligung von Frauen deutlich, insbesondere wenn sie keine weisse Hausfarbe haben und in schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen leben. Joni Seager hat eine sehr nachvollziehbare Auswahl von Daten getroffen, insbesondere weil sie immer wieder einen Intersektionalitäts-Zugang nutzt und bei länderspezifischen Vertiefungen neben Gender auch andere Kategorie wie Race, ethnische Zugehörigkeit u.a. nutzt. In kurzen Textteilen werden wesentliche Aussagen prägnant formuliert. Seagers Blick ist differenziert, die Datengrundlage valide, die Aussagen sind gehaltvoll. Die graphische Umsetzung und die vielseitige und überzeugende farbliche Aufmachung machen das Buch ansprechend. In den kurzen Textenteilen finden sich neben prägnanten Zusammenfassungen eines Sachverhaltes allerdings auch manche Zuspitzungen, die dem Buch eher den Charakter eines pseudowissenschaftlichen Buches geben. Meistens stammen die kurzen Textteile aus der Feder der Wissenschaftlerin, manchmal aber auch aus derjenigen der feministischen Aktivistin, welche Dinge vereinfacht, etwa bei fettgedruckten Eingangszitaten zu Beginn eines Kapitels wie demjenigen von Margaret Atwood „Männer haben Angst, dass Frauen über sie lachen könnten, Frauen haben Angst, dass Männer sie töten könnten“ (S. 37). Dabei geht tendenziell verloren, dass das Buch gut auch für eine wissenschaftliche Recherche genutzt werden kann, sind doch die Infografiken wissenschaftlich fundiert und über ein Quellenverzeichnis referenziert. Als Wissenschaftlerin hätte ich mir ausserdem ein übersichtlicheres, herkömmlich nummeriertes Inhaltsverzeichnis gewünscht. 

Fazit

In diesem Frauenatlas findet die Leserin, der Leser empirisch fundiertes, gekonnt aufbereitetes und visualisiertes Wissen zur Lebensrealität von Frauen weltweit, gegliedert in acht Themengebiete. Mit Hilfe von anschaulichen Infografiken und sehr kurzen Texten werden Daten und die wichtigsten Informationen quasi ‚auf einen Blick‘ vermittelt. Der Atlas ist ein wichtiges Hilfsmittel für alle, die sich schnell über die Lebensbedingungen von Frauen und gesellschaftliche Ungleichheit weltweit informieren wollen. Für Wissenschaftler:innen sind die Quellenangaben ein wichtiger Zugang zu einer eigenständigen noch tiefer gehenden Recherche.

Rezension von
Prof. Dr. Ursula Hochuli Freund
Themenschwerpunkte: Professionelles methodisches Handeln, Soziale Diagnostik und Prozessgestaltung, Frauen- und Geschlechterforschung.
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Es gibt 1 Rezension von Ursula Hochuli Freund.

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Zitiervorschlag
Ursula Hochuli Freund. Rezension vom 16.03.2023 zu: Joni Seager: Der Frauenatlas. Ungleichheit verstehen: 164 Infografiken und Karten. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (München) 2020. ISBN 978-3-446-26829-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29308.php, Datum des Zugriffs 05.03.2024.


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