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Barbara Hofmann-Huber: Qigong in der Psychotherapie

Rezensiert von Prof. Dr. med. Alexander Trost, 04.04.2022

Cover Barbara Hofmann-Huber: Qigong in der Psychotherapie ISBN 978-3-497-02888-7

Barbara Hofmann-Huber: Qigong in der Psychotherapie. Selbstwirksamkeit aus der inneren Mitte. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. 175 Seiten. ISBN 978-3-497-02888-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
Reihe: Psychotherapie
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Thema

Yoga, TaiChi, Zen und andere östliche Praktiken der Zentrierung und Selbstregulation in Körper, Seele und Geist haben längst auch in den westlichen Kulturen ihren festen Platz gewonnen. In Zeiten sich auflösender äußerer Gewissheiten und Strukturen, von existenziellen Krisen zwischen Klimawandel und Friedenssorgen allenthalben suchen Menschen nach Möglichkeiten, ihre Mitte zwischen den Zumutungen äußerer Ereignisse und innerer Bedrängnisse in Achtsamkeitspraktiken zu gewinnen, die einen leib-seelischen Anker versprechen. Die vergleichsweise leicht zu erlernenden Bewegungsabfolgen des Qigong gewinnen zunehmend einen Platz in der psychotherapeutischen Landschaft.

Die Autorin

Barbara Hofmann-Huber ist seit 1984 als psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Freiburg niedergelassen. Sie sie hat sich seit langem auch im QiGong weitergebildet und verbindet diese „Praxis der Lebenspflege“ mit ihrer täglichen therapeutischen Praxis. Sie bietet Seminare und Fortbildungsreihen zum Thema in Deutschland und China an und ist Co-Sprecherin des Arbeitskreises Qigong und Psychotherapie in der Medizinischen Gesellschaft für Qigong Yangsheng.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort zu ihrem Buch führt die Autorin an, dass es letztlich ihr Interesse an sich vordergründig widersprechenden Polaritäten war, das sie mit der chinesischen Philosophie und ihrer Praxis, dem Qigong, in Resonanz brachte. Aus der Verbindung mit ihrem Kollegen und Lebensgefährten Hans-Georg Huber, einem analytischen Körperpsychotherapeuten entstand dann die gemeinsame psychotherapeutische Praxis. Angesichts der zunehmenden psychischen Probleme, insbesondere bei der Selbstregulierung von Affekten und Impulsen, Gedanken und Gefühlen, bot es sich für sie an, die übende Qigong-Praxis in die Psychotherapie zu integrieren.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Geleitwort der Sinologin Gundula Linck, und einem hinführenden Vorwort „Beginn einer Reise“, eröffnet Hofmann-Huber ihren Text mit einer Definition von „Selbstkultivierung“ als Kernkompetenz. Dieser Begriff aus der traditionellen chinesischen Philosophie bezeichnete ursprünglich eher moralische Aspekte der Selbsterziehung; die Autorin gebraucht den Ausdruck Selbstkultivierung in einem umfassenderen und ganzheitlichen Sinn, der die „Lebenspflege“ (Yangsheng) mit einschließt.

Das Buch umfasst zwölf übersichtliche Kapitel die jeweils noch weiter untergliedert sind.

Im 1. Kapitel „Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung“ entwickelt die Autorin das heute so bedeutsam gewordene Konzept der Selbstwirksamkeit mit den Aspekten Selbstregulation, leibliche Autonomie und Ambiguitätstoleranz, sowie Präsenz und Lebensenergie die sich sowohl auf die Selbstwahrnehmung als auch als Empathie auf das Hineinspüren in die Erlebniswelt des sozialen Gegenübers beziehen.

Mit dem 2. Kapitel „Die Lenkung von Qi als Selbstheilungskompetenz“ führt Hofmann-Huber in das chinesische Konzept der Lebensenergie Qi ein, wobei sie die dazugehörigen Gegensatzbegriffe Yin und Yang im Sinne eines Fließgleichgewichtes zwischen energetischen, aber auch neurologischen Polaritäten darstellt. Anschließend beschreibt sie den Schlüsselbegriff der Selbstkultivierung, der analog zur Pflege eines Gartens gebraucht wird, und stellt ihn dem neuropsychologischen Konzept der Selbststeuerung gegenüber. Letztendlich geht es immer um Selbstwirksamkeit – in der TCM durch „Lenkung des Qi“. Das Krankheitsverständnis in der TCM und die Beschreibung der fünf großen Felder der TCM-Behandlung im 3. Kapitel bilden dann die Grundlage der Emotionsregulation in der TCM.

Anschließend (Kap. 4) erläutert die Autorin die Wirkungsweisen von Qi und Qigong für die Psychotherapie. Die Praxis des Qigong als Praxiskonzept der Lebenspflege hilft Selbstlenkung eigenverantwortlich zu üben. Das Erlernen einer bewussten Körperwahrnehmung und die Fähigkeit, mit widerstreitenden Kräften umzugehen, werden dadurch gefördert.

Das 5. Kapitel „Qigong-Anwendungen im klinischen Bereich“ widmet sich den Verbindungen und Unterschieden zu anderen Entspannungsverfahren und erläutert, zumindest kurz, die therapeutische Arbeit bei Strukturdefiziten.

Der Umgang mit Emotionen ist Gegenstand des umfangreichen 6. Kapitels und im 7. wird dann die therapeutische Beziehung als entwicklungsfördernder Raum und das Wachsen einer psychischen Struktur in den Blick genommen. Neben der körperlichen Praxis entfaltet das Qigong seine Bedeutung auch in der Stärkung von Bewusstheit und Mentalisierung (Kapitel 8).

In den nächsten drei Kapiteln „Heilungsprozesse bei Traumata“, „Depressionen und Burnout“, sowie „Die Entwicklung von Resilienz“ wird die Synergie zwischen Qigong und Psychotherapie auf drei Feldern psychotherapeutischer Arbeit konkret und anschaulich aufgezeigt.

Das 12. und letzte Kapitel fokussiert auf die Selbstregulation und Selbstfürsorge der Therapeut:in. Selbstkultivierung sei die Basis für erfolgreiches therapeutisches Arbeiten. Auch hier findet sich, wie am Ende der meisten Kapitel, eine gut ausführbare Übungsanleitung für eine meditative oder aktive Qigong-Praxis.

Ein kurzes Resümee zu Selbstwirksamkeit und Selbstkultivierung beschließt den Textteil des Buches. Es folgen ein Glossar, das Literaturverzeichnis sowie ein Sachregister.

Diskussion

Qigong ist seit langem ein wichtiger und bewährter körperpsychotherapeutischer Baustein in psychosomatischen Kliniken, während es in der psychotherapeutischen Praxis bislang nur am Rande Beachtung findet. Dieses Buch schließt eine Lücke, indem es auf der einen Seite den ganzen Kosmos der traditionellen chinesischen Medizin, insbesondere der „Lebenspflege“, dem Yangsheng, mit seinem übenden Zweig, dem Qigong zugänglich und verständlich macht. Gleichzeitig schafft die Autorin eine tragfähige Brücke zu westlichen psychotherapeutischen Konzepten wie Selbstwirksamkeit, Mentalisierung oder Resilienz. Die hohe Qualität der Durchdringung von klinischen und neurobiologischen Aspekten mit den selbstwirksamkeitsstärkenden Methoden des Qigong werden insbesondere in den Kapiteln zu Trauma und Depression deutlich. Übende Verfahren waren schon immer integraler Bestandteil von Psychotherapie; Qigong allerdings geht darüber hinaus, indem es langfristig die eigene Zentrierung, Balancierung und Selbstregulation fördert und so Resilienz aufbaut.

Ein gut lesbares und verständliches Kompendium, das auch praktische Übungen umfasst, und Lust auf die Anwendung des Qigong in der psychotherapeutischen Praxis macht.

Fazit

Ausgehend von aktuell viel beachteten westlichen Konzepten der Selbstwirksamkeit und der Selbstregulation bringt die Autorin, in einer Gegenüberstellung mit Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin wie die „Lebenspflege“, die Essenz des Qigong zu einer körperpsychotherapeutischen Herangehensweise zusammen. Sie zeigt, wie dieses ganzheitlich übende Verfahren beispielsweise bei Trauma und Depression Stabilisierung und Resilienz fördert. Dabei wendet sie die Wirkprinzipien des Qigong auch auf die therapeutische Beziehung und Selbstfürsorge der Therapierenden an. Ein rundum empfehlenswertes Kompendium, das neugierig auf eine wirksame und leicht erlernbare Methode macht.

Rezension von
Prof. Dr. med. Alexander Trost
Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie, systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (DGSF), TZI-Lehrbeauftragter (RCI)

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Es gibt 4 Rezensionen von Alexander Trost.

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Zitiervorschlag
Alexander Trost. Rezension vom 04.04.2022 zu: Barbara Hofmann-Huber: Qigong in der Psychotherapie. Selbstwirksamkeit aus der inneren Mitte. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2019. ISBN 978-3-497-02888-7. Reihe: Psychotherapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29309.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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