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Manfred Cierpka (Hrsg.): Möglichkeiten der Gewaltprävention

Cover Manfred Cierpka (Hrsg.): Möglichkeiten der Gewaltprävention. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. 2., überarbeitete Auflage. 254 Seiten. ISBN 978-3-525-46209-6. 27,90 EUR.
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Thema

Jugendliche Gewalt und Gewaltproblematik ist eine Herausforderung, die nicht nur die Fachkräfte interessiert, sondern die gesamte Gesellschaft. Es gibt nicht nur zahlreiche Forschungen und Handbücher zu den Ursachen und Motivlagen der Gewalttäter, sondern auch Handreichung, Sammelbände und Monographien, die sich mit den Präventions- und Interventionsmaßnahmen von Gewalt beschäftigen. In den meisten Veröffentlichungen zu diesem Themenkomplex werden die Ursachen von Gewalt und Gewaltprävention im Kontext von unterschiedlichen Handlungsfeldern (Schule, Jugendhilfe etc.) behandelt. In diesem vorliegenden Sammelband ist die Schwerpunktsetzung sowohl im theoretischen Abschnitt als auch im theoretisch-praktischen Teil auf die Kinder im Kontext der Familie gerichtet.

Herausgeber

Prof. Dr. Manfred Cierpka, Psychiater, Psychoanalytiker und Familientherapeut, ist Ärztlicher Direktor des Instituts für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg und wissenschaftlicher Leiter der Lindauer Psychotherapiewochen.

Aufbau

Dieses Buch ist abgesehen vom Vorwort und thematischer Einführung des Herausgebers in zwei Kapiteln aufgeteilt.

1. Zur Entstehung von Gewalt

Das erste Kapitel trägt den Titel „Zur Entstehung von Gewalt“ und beinhaltet zwei Einzelbeiträge.

Im Eingangsbeitrag erläutert Manfred Cierpka anhand eines Fallbeispiels mit einem sechsjährigen Jungen in einer therapeutischen Einrichtung die individuelle Entwicklung der Gewalt im Kontext der Familie. Mit dem Eingangsbeispiel aus der Therapie möchte der Autor aufzeigen, dass die Gewalt der Kinder kein neues Phänomen, sondern eher alltäglicher Natur ist. Er verweist darauf, dass die Gewaltbereitschaft von Kindern in den letzten 30 Jahren nicht nur in der Kriminalstatistik gestiegen ist, sondern auch in repräsentativen Untersuchen (vgl. Cierpka, S. 17.f). In weiteren Teilen seines Beitrages beschäftigt sich der Autor mit den Gewaltformen, wie z. B. physische, psychische oder verbale Gewalt, um nur einige wenige zu nennen. Er stellt allerdings fest, dass nach bisherigen Erkenntnissen die Gewalt in der Familie die meist verbreitete Form Gewaltausübung darstellt (vgl. ebd., S. 19f). Die elterliche Gewaltanwendung beinhaltet nach Cierpka Vernachlässigung, emotionaler und sexueller Missbrauch oder körperliche Misshandlung (vgl. ebd.). In weiteren Teilen seines Beitrags geht der Autor auf die psychologischen Bedingungen der Gewaltentstehung im Säuglings- und Kindesalter ein, wie z. B. Empathie- und Bindungsstörung oder Aggression und Gewalt als Folge von Traumatisierung. Seinen Beitrag schließt der Autor mit „Geschlechterunterschiede“ im Kontext von aggressivem und gewalttätigem Verhalten.

Der zweite Aufsatz des ersten Teils stammt von Ulrich Tiber Egle, Mediziner und Hochschullehrer an der Universität Mainz. Der Aufsatz von Egle trägt den Titel „Langzeitfolgen früher Stressfaktoren“. In seinen Ausführungen referiert der Autor in erster Linie aus Längsschnittsstudien, die national und international zum Thema „frühere Stresserfahrungen“ durchgeführt wurden. Des Weiteren zitiert der Verfasser aus den Studien, die zum Thema Risiko- und Schutzfaktoren bei Kindern festgestellt wurden. Er leitet daraus die Langzeitfolgen ab, die die früheren Stressfaktoren ausgelöst haben. Zu diesen Risiko- und Schutzfaktoren zählt der Autor zwar neben den psychologischen Aspekten auch die sozialen. Aber in weiteren Teilen seiner Ausführungen konzentriert er sich auf die psychologischen und medizinischen Schwerpunkte der Gewalt und Gewaltentwicklung in familiären Zusammenhängen.

Diese zwei Einführungsthemen stellen den theoretischen Rahmen des Buches, das von Medizinern geschrieben wurde, dar. Fast alle zentralen Subthemen, die mit Gewalt und Konflikten zu tun haben, werden bearbeitet. Aufgrund der persönlichen Qualifikation der Autoren liegt der Schwerpunk der Begründungsstränge zu Gewaltanwendung und Gewaltentstehung in erster Linie im psychologisch-medizinischen Bereich. Auch wenn die vorgestellten Theorieansätze sowie die Ergebnisse der nationalen und internationalen Forschungen teilweise anspruchsvoll sind, sind die Texte gut bis sehr gut lesbar.

2. Maßnahmen zur Unterstützung von Kind und Familie

Der Hauptteil dieses Buches ist das zweite Kapitel mit dem Titel „Maßnahmen zur Unterstützung von Kind und Familie“ und enthält folgende acht Einzelbeiträge:

  • Manfred Cierpka Besser vorsorgen als nachsorgen. Möglichkeiten der psychosozialen Prävention
  • Angelika Gregor und Manfred Cierpka Elternseminare
  • Consolata Thiel-Bonnay, Manfred Cierpka und Astrid Cierpka Präventives Beratungsmodell für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern
  • Gerhard J. Suess und Rüdiger Kißgen Frühe Hilfen zur Förderung der Resilienz auf dem Hintergrund der Bindungstheorie: das STEEP-Modell
  • Annett Kuschel und Kurt Hahlweg Gewaltprävention – Allianz von Eltern, Kindergarten und Schule
  • Klaus A. Schneewind „Freiheit in Grenzen“ – Plädoyer für ein integratives Konzept zur Stärkung von Elterkompetenzen
  • Friedrich Lösel, Andreas Beelmann, Sefanie Jaursch, Ute Koglin und Mark Stemmler Entwicklung und Prävention früher Probleme des Sozialverhaltens: Die Erlangen-Nürnberger-Studie
  • Andreas Schick und Manfred Cierpka Prävention gegen Gewaltprävention an Schulen: das FAUSTLOS-Curriculum

Das Herzstück des Buches stellt das zweite Kapitel dar, in dem sehr unterschiedliche Methoden vorgestellt werden, die nicht nur an Frühintervention und –prävention abzielen, sondern an Nachhaltigkeit. Die Beiträge „Elternseminare“ und „Präventives Beratungsmodell für Familien mit Säuglingen und Kleinkindern“ machen exemplarisch deutlich, dass der Herausgeber nicht nur an sehr frühe Förderung interessiert ist, sondern in erster Linie die Kompetenzen der Eltern fördern oder erweitern möchte. All diese Präventionsmodelle wurden vom Herausgeber sehr sorgfältig im Hinblick auf die einzelnen Autoren und Themen ausgewählt. Fast alle Methoden sind ähnlich gegliedert (Definition, Inhalte, Methode(n), Ziele), was die Lesbarkeit und Vergleichbarkeit erleichtert. Die einzelnen Methoden bzw. Programme werden nicht nur beschrieben, sondern auch mit Evaluationsergebnissen oder Wirksamkeit angereichert. Die Methode FAUSTLOS, die in erster Linie in Grundschulen oder Kindertagestätten Anwendung findet, wird abweichend von Familie vorgestellt. Denn diese Methode arbeitet primär an der Stärkung und Akzentuierung des Sozialen Verhaltens, das nicht nur den Lehrkräften und Sozialarbeitern zu Gute kommt, sondern auch den Eltern.

Zielgruppen

Praktikerinnen und Praktiker aus allen Bereichen der Jugendhilfe, die mit gewalttätigen und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen und deren Eltern arbeiten sowie Lehrende und Studierende an den Hochschulen. Des Weiteren kann das Buch allen Interessierten der benachbarten Disziplinen wie Psychologie, Psychotherapie oder Medizin uneingeschränkt empfohlen werden.

Fazit

Die Konzentration auf den Bereich der Familie mag auf dem ersten Blick vielleicht zu kurz kommen. Aber ein Buch, das sich ausschließlich mit dem Thema Gewaltprävention für den Elementar- und Familienbereich beschäftigt, gibt es selten. Die meisten Bücher zu diesem Themenkomplex konzentrieren sich auf die Zeit der Adoleszenz oder Postadoleszenz. Ein sehr gut lesbares und strukturiertes Buch, das ich allen empfehlen möchte, die vor allem an Frühförderung, Prävention und Nachhaltigkeit interessiert sind. Denn Gewaltprävention muss sehr früh ansetzen und vor allem nachhaltige Wirkung zeigen, was in diesem Buch auf eine hervorragende Art und Weise gelöst wird.


Rezension von
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 01.07.2009 zu: Manfred Cierpka (Hrsg.): Möglichkeiten der Gewaltprävention. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-525-46209-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2931.php, Datum des Zugriffs 31.03.2020.


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