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Ute Backmann: Sexualität in der Konzentrativen Bewegungstherapie

Rezensiert von Prof. Dr. med. Alexander Trost, 06.04.2022

Cover Ute Backmann: Sexualität in der Konzentrativen Bewegungstherapie ISBN 978-3-497-03059-0

Ute Backmann: Sexualität in der Konzentrativen Bewegungstherapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. 172 Seiten. ISBN 978-3-497-03059-0. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.
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Thema

Theorie und Methodik der Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) basieren auf tiefen- und entwicklungs-psychologischen sowie lerntheoretischen Denkmodellen. Die KBT gehört z.B. in vielen psychosomatischen Kliniken zum Standardrepertoire eines körpertherapeutischen Zugangs zu tiefliegenden Konfliktthemen und strukturellen Problemen. Damit kommt sie notwendigerweise auch mit den sexuellen Dimensionen von Körperlichkeit und Identität in Berührung. Angesichts einer großen Zahl sexueller Traumatisierungen bei psychosomatisch Erkrankten, die einen enttabuisierten und kontextsensiblen Umgang mit dieser Thematik erwarten, war es an der Zeit, ein Kompendium für die Arbeit mit der KBT vorzulegen.

Autorin

Ute Backmann, Diplom- Sozialarbeiterin und MA der Kultur- und Sozialwissenschaften, ist KBT-Therapeutin an der Heidelberger Uniklinik und in freier Praxis. Sie ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Supervisorin sowie Dozentin an verschiedenen Institutionen.

Entstehungshintergrund

Das Buch entspringt den Erfahrungen der Autorin mit ihrer psychosomatischen Klientel auf dem Hintergrund der häufig anzutreffenden Störungen in der psychosexuellen Entwicklung, als Folge von sexueller Gewalterfahrung oder sexualisierter Lebensatmosphären, die sich auf das sexuelle Selbsterleben auswirken.

Aufbau und Inhalt

die Autorin gliedert das kompakte Werk in sechs wiederum stark untergliederte Hauptkapitel. Davor ist ein Vorwort gestellt, danach ein kurzes Kapitel mit abschließenden Gedanken. Es folgen ein Literaturverzeichnis und ein Sachregister.

  1. Einführung: die ersten zehn Seiten widmet Frau Backmann in aller Kürze dem Begriff der Sexualität, die sie von der biologischen, psychologischen, soziologischen und philosophischen Seite betrachtet. Kurze Ausführungen gelten der Unterscheidung zwischen Gender und Sex, eine etwas längerer Abschnitt der Sexualität in der Psychoanalyse.
  2. Grundlagen der konzentrativen Bewegungstherapie: auf weiteren neun Seiten umreißt die Autorin knapp dieses am längsten eingeführte psychodynamisch orientierte Verfahren der Körperpsychotherapie.
  3. Sexualität als Thema in der konzentrativen Bewegungstherapie (40 Seiten): Nach einer kurzen Abhandlung zu Geschichte der Thematik in der KBT und der Leibphänomenologie geht es um unterschiedliche psychoanalytische Modelle der sexuellen Entwicklung, deren Phasen durch KBT-Übungen bzw. kurze Kasuistiken illustriert werden. Neben der klassischen Psychoanalyse finden sich auch Modelle der analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs, der Charakteranalyse Wilhelm Reichs, dem Konzept der konstitutionellen Homosexualität von Judith le Soldat sowie, etwas ausführlicher, der Verführungstheorie von Jean Laplanche. Besonders beeindruckt zeigt sich die Autorin vom Konzept der „Einschreibung“ des sexuellen Erlebens von Lebensbeginn an durch die nächsten Bezugspersonen in den Körper, die dann logischerweise in die „Konstitutionelle Geschlechtervielfalt“ (Ilka Quindeau) mündet.
  4. Sexueller Leib und Körper in der körperpsychotherapeutischen Praxis: nach der Vorstellung der psychosexuellen Entwicklungskonzepte betrachtet die Autorin nun praxisorientiert die Körperlichkeit von Sexualität zwischen normativer Anatomie, Intersexualität und geschlechtlicher wie sexueller Identität. Sexuelle Orientierung und Selbsterleben, Sinnlichkeit, Berührung und Tastsinneserfahrung werden jeweils mit vielen Praxisbeispielen erläutert bis hin zur Konstituierung sexueller Selbstermächtigung. Ein weiteres Unterkapitel nimmt sexualisierte Atmosphären, auch in der Therapie, in den Blick.
  5. Sexualität unter störungsspezifischen Aspekten: in diesem Kapitel geht es um die KBT-Arbeit am Körperbild, der inneren Repräsentanz des eigenen körperlichen Seins, im Kontext unterschiedlicher psychosomatischer Störungen als Traumafolge. Auch hier findet sich eine Vielzahl an kurzen Kasuistiken, die die KBT-Arbeit lebendig illustrieren.
  6. Reflexionsimpulse für Therapeutinnen und Therapeuten: Dieser wichtige Abschnitt beleuchtet die Persönlichkeit der KBT-Therapeutin inklusive sexueller Übertragung und Gegenübertragung, dem persönlichen sexuellen Skript, wie auch Hinweisen zu Körperkontakt, Berührung und Sprache.
  7. Abschließende Gedanken: Auf persönliche Weise beschreibt die Autorin auf zwei Seiten ihre eigene Entwicklung im Zusammenhang der Beschäftigung mit dem Thema des Buches. Hier greift sie nochmals die Erweiterung der Triebtheorie von Jean Laplanche auf, der sexuelle Identität als eine „Einschrift“ in den Körper begreift. Hier reflektiert sie auch ihre eigene KBT-Praxis im Hinblick auf die Anforderungen an Struktur und Atmosphäre angesichts der immer präsenten Sexualität ihrer Klientinnen.

Diskussion

Dies ist eine der wenigen Arbeiten zum bedeutsamen Thema der Sexualität in der Psychotherapie der letzten Jahre. In Bezug auf die KBT ist dem Autor nur die Arbeit von Schwarze (2008) bekannt. Mit ihrem Kompendium holt Frau Backmann das Thema Sexualität aus der offenbar noch immer vorhandenen Tabuzone in der Psychotherapie-Praxis heraus (vgl. Eichenberg et al.2016). Für ein so körpernahes Verfahren wie die KBT ist es essenziell, dass die unterschiedlichen Aspekte von Sexualität sowohl theoretisch durchdrungen, als auch im Praxiskontext ihren angemessenen Raum finden, zumal die meisten psychischen und psychosomatischen Störungen mit Problemlagen bei der Sexualität einhergehen. Dieses Buch gewinnt seine Stärke aus der praktischen Durchdringung des Sexualität-Themas mit den Mitteln der konzentrativen Bewegungstherapie. Der große Erfahrungsschatz der Autorin wird hier deutlich und führt zu erhellenden Erkenntnissen. Ein so schmales Werk lässt allerdings wenig Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen und manchen Einzelaspekten der Sexualität. So ist es nachvollziehbar, dass diese Teile recht kursorisch ausfallen und sich so einer tieferen Reflexion eher entziehen. Durch die vielfältigen und treffenden Praxisbeispiele weitet sich aber der Wahrnehmungsraum, insbesondere für die (körper-) psychotherapeutisch erfahrenen Leser innen. Dadurch trägt das Buch zu einem sensiblen und sicheren Umgang mit den Phänomenen der Sexualität in der therapeutischen Arbeit bei. Auch und gerade die persönlich geschilderten Erkenntnisfortschritte der Autorin in Bezug auf die „Einschrift“ sexueller Identität in den Körper regen zum Überdenken der eigenen Position und zur Perspektivenerweiterung an.

Fazit

Die Konzentrative Bewegungstherapie (KBT) ist eine bewährte körperorientierte psychodynamische Psychotherapie. Damit eignet sie sich besonders, Themen der subjektiven sexuellen Entwicklung zu erinnern und zu bearbeiten und so ein positives körperlich-sexuelles Selbstempfinden zu fördern. Dieses praxisnahe Kompendium verbindet kurz dargestellte Konzepte der sexuellen Entwicklung und der KBT mit vielfältigen Fallbeispielen aus Gruppen- und Einzeltherapie. Anschauliche Anleitungen helfen bei Einsatz und Reflexion von KBT-Methoden. Das Buch ermutigt zur Reflexion eigener Positionen zu den Themen sexueller Identität und zur sensiblen Ausgestaltung der therapeutischen Arbeitsbeziehung.

Literatur

Eichenberg, C., Kopsa, I., Rusch, B-D., Brähler, E. (2016) Offen die Bedürfnisse reflektieren – Sexualität als Thema in der Psychotherapie. Deutsches Ärzteblatt PP; 14(9): 418–20

Schwarze, R. (2008) Erotik und Sexualität in der KBT Psychoanalyse und Körper 12 S. 79-104

Rezension von
Prof. Dr. med. Alexander Trost
Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie, systemischer Lehrtherapeut und Supervisor (DGSF), TZI-Lehrbeauftragter (RCI)

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Es gibt 4 Rezensionen von Alexander Trost.

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Zitiervorschlag
Alexander Trost. Rezension vom 06.04.2022 zu: Ute Backmann: Sexualität in der Konzentrativen Bewegungstherapie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2021. ISBN 978-3-497-03059-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29312.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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