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Gerhard Schreiber: Im Dunkel der Sexualität

Rezensiert von Prof. emer. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch, 25.07.2022

Cover Gerhard Schreiber: Im Dunkel der Sexualität ISBN 978-3-11-071759-4

Gerhard Schreiber: Im Dunkel der Sexualität. Sexualität und Gewalt aus sexualethischer Perspektive. Walter de Gruyter (Berlin) 2022. 840 Seiten. ISBN 978-3-11-071759-4. D: 49,95 EUR, A: 49,95 EUR.
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Thema

Es geht dem Autor darum, das bisher in der theologischen Ethik nur in diffusem Licht abgehandelte Thema der Legierung von Sexualität und Gewalt aufzuarbeiten und mit diesem umfangreichen Werk von 840 Seiten ein Instrumentarium zu liefern, um den dringend gebotenen sexualethischen Diskurs innerhalb wie außerhalb von Theologie und Kirche führen und zu einem begründeten eigenen Urteil finden zu können.

Autor

Gerhard Schreiber (*1978) studierte Evangelische Theologie an der Augustana-Hochschule Neudettelsau und den Universitäten München und Heidelberg. Nach der ersten theologische Prüfung bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern war er im Rahmen eines fünfjährigen Aufenthalts am Søren-Kierkegaard-Forschungszentrum in Kopenhagen als Forscher und Übersetzer tätig war. 2009 wurde er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionsphilosophie der Goethe-Universität Frankfurt/M. Dort wurde er 2012 zum Dr. theol. promoviert und hatte 2015 eine Gastprofessur am Institut für Philosophie der Universität Island. Seit 2016 ist er Akademischer Rat am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt. Seine gegenwärtigen Arbeitsschwerpunkte sind Grundsatz- und Gegenwartsfragen der Angewandten Theologischen Ethik, insbesondere Suizid, Sterbehilfe, Todesstrafe, Sexuelle Gewalt sowie Dilemmata der Bio- und Medizinethik.

Entstehungshintergrund

Gerhard Schreibers Werk ist „aus dem Bestreben erwachsen, eine Annäherung an einen Problemkomplex zu unternehmen, der bislang in der theologischen Ethik nur in diffusem Licht abgehandelt wurde und dringend einer Klärung bedarf. (…) Eine theologische Ethik, die eine lebensdienliche Orientierung für die Auseinandersetzung mit Aufgaben und Herausforderungen heutiger Zeit ermöglichen möchte, wird zu diesem Problemkomplex aber nicht sprachlos bleiben dürfen“ (S. V). Dies erscheint dem Autor umso dringlicher, als „dem Thema Sexualität und Gewalt in der theologischen Ethik bislang keine besondere Aufmerksamkeit zuteilgeworden ist. Was jedenfalls den Bereich der evangelischen Theologie angeht, kennzeichnet sämtliche prominente Ethik-Entwürfe der Nachkriegszeit ein weitgehendes Schweigen über dieses Thema“ (S. 4). Die Legierung von Sexualität und Gewalt stellt somit „einen blinden Fleck in der theologischen Reflexion der Sexualität“ dar (S. 4). Der Haupttitel dieses Buches „Im Dunkel der Sexualität“ ist eine Anspielung auf die Schlüsselszene in Sophokles’ Tragödie „Die Trachinierinnen“, in der Deianeira ihren Plan, sich der Treue ihres Mannes Herakles zu versichern, gegenüber der Chorführerin mit den Worten rechtfertigt: „Selbst wer Schändliches im Dunkel tut, fällt doch der Schande nicht anheim“, wobei das mit „Dunkel“ wiedergegebene Substantiv im klassischen Griechisch im übertragenen Sinne auch „Versteck“, „Verborgenheit“ und „Trug“ bedeutet. „Es handelt sich also (…) um einen Relationsbegriff, und zwar ‚Kehrseite des Lichts’, der überdies auf menschliche Seins- und Verhaltensweisen bezogen werden kann“ (S. 4).

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von der Einleitung, den Schlussbemerkungen und verschiedenen Verzeichnissen (Abkürzungsverzeichnis biblischer Bücher, Literaturverzeichnis sowie Personenregister, Bibelstellenregister und Sachregister) gliedert sich das umfangreiche Werk von 840 Seiten in sechs Teile, die aufeinander aufbauen, aber gemäß Gerhard Schreiber auch als eigenständige Blöcke verstanden werden können.

Der Block A dient den „Klärungen“ der Schlüsselbegriffe „Sexualität“ und „Gewalt“. Diese Begriffe werden einer sorgfältigen Reflexion unterzogen, um damit den Boden für eine differenzierte Diskussion der Legierung von Sexualität und Gewalt vorzubereiten. Die Auseinandersetzung und Abgrenzung von „sexueller“ Gewalt (bei welcher der Akzent auf der sexuellen Dimension liegt) und „sexualisierter“ Gewalt (die den Gewaltaspekt betont) führt den Autor dahin, diese Begriffe „nicht (mehr) disjunktiv, sondern konjunktiv zu fassen und im Blick auf die infrage stehenden Handlungen, zumindest im wissenschaftlichen Kontext, fortan von ‚sexueller und sexualisierter Gewalt’ oder, wie es von mir in der vorliegenden Untersuchung präferiert wird, von ‚sexueller*sexualisierter Gewalt’ zu sprechen“ (S. 110). Durch den zwischen „sexuell“ und „sexualisiert“ eingeschobenen Asterix (*) soll „die irreduzible Prozesshaftigkeit und wesentliche Übergängigkeit zwischen den durch die beiden einzelnen Begriffe jeweils hergestellten Handlungen verdeutlicht werden, die sich als Kontinuum nicht in säuberlich getrennte Schubladen einordnen lassen“ (S. 110).

Im Untersuchungsteil B „Positionen“ befragt der Autor exemplarische Stellungnahmen aus der katholischen, evangelischen und evangelikalen Theologie im zurückliegenden Vierteljahrhundert daraufhin, welche und wie Legierungen von Sexualität und Gewalt beurteilt werden und welche Rückschlüsse auf das theologische Verständnis von Sexualität im Allgemeinen und auf das Verständnis von Sexualität und Gewalt im Besonderen gezogen werden können. Die von Gerhard Schreiber untersuchten Positionen christlicher Theologie stellen für den Autor zwar „positive Ausnahmen einer wenigstens eingehenderen Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und Gewalt im Kontext theologischer Ethik“ (S. 188) dar. Dennoch zeigen sich auch in diesen Positionen „erhebliche Defizite und Vagheiten (…) bei der Verhältnissetzung von Sexualität und Gewalt sowie im Blick auf das theologische Verständnis von Sexualität“ (S. 190). Dies betrifft beispielsweise „die konkrete Leistungsfähigkeit der herangezogenen Kriterien ‚gelingender’ Sexualität für die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Berührungspunkten und Vermischungen der als Sexualität und Gewalt bezeichneten Handlungs- und Erlebenszusammenhänge“ (S. 192). „Nicht minder bedenklich mutet es angesichts des erschreckenden Ausmaßes sexueller*sexualisierter Gewalt im alltäglichen menschlichen Miteinander an, dass bei allen Positionen im Grunde offenbleibt, welche Folgerungen für das theologische Verständnis von Sexualität gezogen werden bzw. zu ziehen sind, soll von Sexualität weiterhin als einer ‚Gabe oder einem Geschenk’ Gottes gesprochen werden (können)“ (S. 192). „Überhaupt bleibt bei allen Autor*innen (…) weitestgehend ausgeblendet, dass sexuelle*sexualisierte Gewalt eine Herausforderung nicht nur für die theologisch-ethische Reflexion, sondern gleichermaßen auch für die Frage nach dem Proprium und der lebensweltlichen Relevanz des christlichen Menschenbildes darstellt“ (S. 193).

Von dieser Analyse ausgehend erfolgt im Untersuchungsteil C „Reflexionen“ die eigene theologisch-anthropologisch fundierte sexualethische Stellungnahme des Autors zum Verhältnis von Sexualität und Gewalt. Hier stellt sich insbesondere die Frage, wie der dem Einzelnen auch im Bereich des Sexuellen zur Verfügung stehende Freiheitsraum in ethisch verantworteter Weise gestaltet werden kann. Gerhard Schreiber kommt diesbezüglich zum Schluss: „In der Kombination dieser im vorstehenden genannten Merkmale Interaktionsorientierung, Begründungsunabhängigkeit, Gewaltsensibilität und Machtsensibilität kann sich das Einverständlichkeitskriterium als ausgesprochen leistungsfähig für die sexualethische Auseinandersetzung speziell mit Legierungen von Sexualität und Gewalt erweisen, was gleichermaßen den Vorteil der Öffnung christlicher Sexualethik für konsensmoralische Überlegungen verdeutlicht“ (S. 306).

Diese grundsätzliche Ausrichtung auf Handlungs- und Geschehenszusammenhänge legt der Autor an ausgewählten Konstellationen im Untersuchungsteil D „Grenzen“ dar. Die Problemsituationen, die in diesem Untersuchungsteil behandelt werden, sind sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern, Vergewaltigung, Prostitution und Sadomasochismus. Die mit großer Sachkenntnis und Umsicht durchgeführte Analyse führt den Autor zum Resultat: „Die Vielgestaltigkeit und Vielschichtigkeit der als Sexualität und Gewalt bezeichneten Handlungs- und Erlebenszusammenhänge bringt es mit sich, dass weder zwischen Einverständlichkeit und ethischer Unzulässigkeit noch zwischen Einverständlichkeit und Gewalthaltigkeit einfache Ein- oder Abgrenzungen möglich sind, da nicht nur einverständliche gewalthaltige sexuelle Handlungen in Grenzen ethisch zulässig sein können, sondern auch einverständliche sexuelle Handlungen, die selbst nicht gewalthaltig sind, aufgrund bestimmter äußerer Umstände und Bedingungen dennoch gewaltbehaftet und aus sexualethischer Sicht abzulehnen sein können“ (S. 433/434). Somit verläuft die Unterscheidung zwischen ethisch zulässigen und ethisch unzulässigen sexuellen Handlungen oder Interaktionen nicht entlang der Gewaltgrenze, sondern entlang den Grenzen der Einverständlichkeit. Es sind diese Grenzen, die es zu erkunden gilt.

Während es im Untersuchungsteil D um sexuelle Handlungen von Personen vor, mit oder an anderen Personen in deren Anwesenheit geht, richtet der Autor seinen Blick im Untersuchungsteil E „Darstellungen“ auf die Herstellung, Nutzung und Verbreitung virtueller und realer Missbrauchsabbildungen sowie auf die als Pornografie bezeichnete explizite Darstellung sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen. Die differenzierte Analyse zeigt, dass es bei diesen Themen um eine „komplexe Realität“ geht, „der nicht durch lineare Annahmen und monokausale Erklärungsmuster beizukommen (ist), sondern nur unter Berücksichtigung des für eine Fragestellung maßgeblichen Geflechts von historischen und zeitgeschichtlichen, individuellen und gesellschaftlichen, kulturellen und psychologischen Bedingungen und Faktoren“ (S. 551). Im Zusammenhang mit einer praxisnahen Orientierung plädiert der Autor für eine „realistische Bewertung von Pornografie, mit der unweigerlich deren Enttabuisierung in ihrer ganzen Wirklichkeit einhergehen muss“, was „nur im Interesse der christlichen Kirchen und Gemeinschaften sein (kann), wenn man sich aktuelle religionssoziologisch und religionspsychologisch ausgerichtete Untersuchungen zur Pornografienutzung religiöser Menschen vor Augen führt“ (S. 553).

Im Untersuchungsteil F „Konkretisierungen“ finden sich schließlich Überlegungen zu sexuellem Kindesmissbrauch, die sowohl das Verhältnis von Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch als auch Fragen der Definition, Genese und Auswirkungen sexuellen Kindesmissbrauchs betreffen. Die Schlussfolgerungen, die der Autor in diesem Kapitel zieht, müssen seiner Ansicht nach jedoch so lange fragmentarisch bleiben, bis die sexuelle*sexualisierte Gewalt gegenüber Minderjährigen und Schutzbefohlenen auch im Bereich der evangelischen Kirche aufgeklärt worden ist. Die Ergebnisse einer von der EKD finanzierten Studie zu diesem Thema werden voraussichtlich im Herbst 2023 vorliegen.

Im kurzen Kapitel G „Schlussbemerkungen“ geht Gerhard Schreiber davon aus, dass nichts im Bereich des Menschlichen sich „jenseits der Ambivalenz geschöpflicher Wirklichkeit“ (S. 665) befindet. So bewege sich auch Sexualität auf einem schmalen Grat zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen ihrem lebenszerstörerischen Potenzial, dem Dunkel und ihrer Kehrseite eines lebensförderlichen Potenzials. Dabei komme der Praktischen Theologie eine Schlüsselrolle zu, indem sie als theologische Theorie kirchlicher Praxis Konzepte und Maßnahmen zur wirkungsvollen Intervention und Prävention reflektiert. Der Autor schließt sein Werk mit den Worten: „Unerlässliche Voraussetzung aller dieser Bemühungen ist allerdings, dass Kirche aufhört, vornehmlich zu belehren, sondern vielmehr – und zwar so, wie sie vorgibt, auf das Wort Gottes zu hören – den Erzählungen der Überlebenden sexueller*sexualisierter Gewalt im Raum von Kirche zuhört, wenn diese Menschen der Kirche jemals wieder Vertrauen schenken können sollten. Nur durch ausdauerndes Zuhören, nicht von Kanzeln und Kathedern aus scheint Veränderung möglich“ (S. 666).

Diskussion

Mit diesem Buch hat Gerhard Schreiber ein opus magnum zu dem komplexen Thema Sexualität und Gewalt aus sexualethischer Perspektive vorgelegt. Es ist mit seinen 840 Seiten nicht nur ein voluminöses Werk, sondern besticht vor allem durch die Fülle von Informationen und durch die Sorgfalt, mit der die ethischen, theologischen, historischen, soziologischen und humanwissenschaftlichen Befunde dargestellt, kritisch kommentiert und mit einer eigenen neuen ethischen Sicht der sexuellen*sexualisierten Gewalt verbunden werden. Wer immer sich mit den ethischen Implikationen des Themas sexuelle*sexualisierte Gewalt auseinandersetzen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Nicht zuletzt wegen des umfangreichen Literaturregisters von 137 (!) Seiten sowie den diversen Gesetzes- und Rechtstexten stellt es eine Fundgrube für die Beschäftigung mit den Themen Sexualität und Gewalt dar. Wegweisend sind auch die vielen Anregungen, die der Autor für weiterführende Forschung und für den konkreten Umgang der Kirchen mit diesem brisanten Thema liefert.

Gerhard Schreiber legt mit diesem Buch ein fundamentales Werk vor, das eine Lücke in der ethischen Auseinandersetzung mit dem Thema der sexuellen*sexualisierten Gewalt schließt und für alle, die sich in Theorie und Praxis mit diesem brisanten Phänomen beschäftigen, ein „Muss“ ist.

Eine kritische den de Gruyter Verlag betreffende Anmerkung: Warum finden sich in diesem Buch keine Angaben zum Leben und zu den Forschungsschwerpunkten und Publikationen des Autors? Gerade weil es ein so wegweisendes Werk ist, würden die Leser*innen sicher gerne etwas über ihn erfahren.

Fazit

Es ist ein Werk, das allen, die sich in Theorie und Praxis mit den sexualethischen Aspekten der sexuellen*sexualisierten Gewalt beschäftigen, unbedingt zu empfehlen ist. Es besticht durch die Fülle von Informationen aus den verschiedensten Wissenschaftsbereichen und deren kritische Aufarbeitung und eröffnet neue Horizonte für den sexualethischen Diskurs.

Rezension von
Prof. emer. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPG, DGPT). Ehem. Leitender Psychologe Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel. In privater psychotherapeutischer Praxis.
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Es gibt 11 Rezensionen von Udo Rauchfleisch.

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Zitiervorschlag
Udo Rauchfleisch. Rezension vom 25.07.2022 zu: Gerhard Schreiber: Im Dunkel der Sexualität. Sexualität und Gewalt aus sexualethischer Perspektive. Walter de Gruyter (Berlin) 2022. ISBN 978-3-11-071759-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29315.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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