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Peter Zimmermann: Trauma und moralische Konflikte

Rezensiert von Peter Flick, 28.04.2022

Cover Peter Zimmermann: Trauma und moralische Konflikte ISBN 978-3-608-96475-2

Peter Zimmermann: Trauma und moralische Konflikte. Einführung und Manual für die präventive und therapeutische Arbeit mit Einsatzkräften. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. 234 Seiten. ISBN 978-3-608-96475-2. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
Reihe: Traumafolgestörungen - vorbeugen, behandeln und rehabilitieren - Band 1. Fachbuch. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608962581
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Thema

Gewalterfahrungen berühren den Kern moralischer Identität und können auch professionelle Helfer:innen und Einsatzkräfte überfordern, zumal wenn sie sich in Auslandseinsätzen in fremden sozialen und kulturellen Kontexten bewegen. Für die Einsatzkräfte von Militär und Polizei, die zivilen Hilfsorganisationen, der Rettungsdienste und der medizinischen und therapeutischen Einrichtungen gehören sie von jeher zum beruflichen Alltag.

Das Buch aus der Reihe „Traumafolgestörungen – Vorbeugen, Behandeln und Rehabilitation“ des Klett-Cotta-Verlags lenkt den Blick auf das in der einschlägigen Literatur bislang wenig beachteten Thema moralischer Verletzungen und der Nichtwahrnehmung des Leids durch Andere, die als seelische Belastung von Einsatzkräften gewürdigt werden.

Autoren und Adressat:innen

Peter Zimmermann, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und Traumatherapeut am Bundeswehrkrankenhaus in Berlin, und seine Mitautoren, Christan Fischer, Militärdekan, und Thomas Thiel, Militärpfarrer, ebenfalls am Berliner Bundeswehrkrankenhaus tätig, wollen ärztliche und seelsorgerische Perspektiven zum Thema „moralische Verletzungen“ zusammenführen. Ihre im militärischen Kontext gewonnenen Erkenntnisse soll auch Helfer:innen in zivilen Einsatzbereichen zugutekommen, die extremen seelischen Belastungen ausgesetzt sind. Dem dient ein Schulungsangebot an moralbasierten und therapeutischen Ansätzen und Übungen.

Aufbau

Trauma und Moral – eine Einführung

Die zu Beginn der 80er-Jahre durchgesetzte dritte Revison des US-amerikanischen „Diagnostic and Statistical Manuel of Diseases (DSM-III) und ein differenzierter Begriff der PTBS (vgl. S. 14) stellt nach Einschätzung Peter Zimmermanns auch in Deutschland eine Zäsur dar. Die neue diagnostische und gutachterliche Bewertung der Krankheit bewirkte, so Zimmermann,eine verbesserte Anerkennung von Therapieverfahren und eine stärkere soziale Akzeptanz für die Betroffenen.

Kapitel 1: Trauma und Traumafolgestörungen

Das Buch beginnt mit einem Überblick über die allgemeinen Grundlagen des Traumabegriffs und der psychischen Traumafolgen:

  • Grundlagen der Traumaforschung und Prävention, Pathogenese und Verlaufstypen traumatischer Erkrankungen sowie Vorschlägen zur
  • Behandlung und Begutachtung von Traumafolgestörungen.

Für den Autor besteht eine inhaltliche Nähe der komplexen PTBS zu den psychischen Folgen moralischer Verletzungen im Rahmen traumatischer Einsatzsituationen, wie das Fallbeispiel eines 50-jährigen Rettungsassistenten verdeutlichen soll (S. 28 f.). An diesem Fallbeispiel werden dann auch Prinzipien und Phasen der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen sowie die medizinisch-psychologische Kriterien der Begutachtung dargelegt (S. 30 ff.).

Kapitel 2: Bedeutung moralischer Konflikte in der Psychotraumatologie

Nach einem kursorischen Überblick zu theoretischen Grundlagen und Behandlungsformen von Belastungsstörungen, insbesondere der PTBS, geht es um das Kernthema der moralischen Verletzung (Moral Injury) und die Bedeutung einer traumamoralbezogenen „Selbstfürsorge“. Dieses Kernkapitel werde ich im Anschluss inhaltlich weiter vertiefen.

Kapitel 3: Moralische Verletzungen und Wertorientierungen – eine theologische Perspektive

Die Einbeziehung theologischer Sichtweisen zeigt Möglichkeiten einer interdisziplinären Zusammenarbeit auf:

  • Thomas Thiel demonstriert anhand biblischer Texte (der Geschichte Lots, der Josephslegende) die biblischen Ressourcen für eine moralische Orientierung, die insgesamt neue Versöhnungsperspektiven eines „post traumatic growth“ (S. 110) eröffnen sollen.
  • Christan Fischer skizziert im Anschluss daran die Arbeitsfelder der Militärseelsorge und interpretiert Psalm 22 ( „Ich schreie, aber meine Hilfe ist fern“) die „Leiden und die Herrlichkeit des Gerechten“ in einem traumatologischen Kontext.

Kapitel 4: Schulungsmanuel für die Primär- und Sekundärprävention.

Das Manuel enthält Vorschläge für eine maximal zweitägige Schulung psychosozialer Krisenhelfer:innen. Sie kann als nicht-therapeutische Schulung auch von Personen ohne entsprechende Ausbildung geleitet werden (S. 127) – sowohl als Prävention wie auch als „Sekundärprävention“ in der Nachbereitung eines Einsatzes (Down-Load auf „www. klett-cotta.de“, Such-Code OM96475, S. 127). Im Einzelnen geht es um:

  • 4.1 „Allgemeine Stressprävention“, v.a. um die „Früherkennnung krankheitswertiger Entwicklungen“ (S. 134 ff.),
  • 4.2 „Werte -und moralspezifischen Prävention“, z.B. um Entscheidungskriterien im Sinne des „Koblenzer Entscheidungscheck“ (Elsner 2017) (S. 148), um Vorschläge zur Schulung „ethischen Achtsamkeit“, „imaginativer Werteaffirmation“ und zur Diskussion „moralischer Verletzungen durch das Verhalten anderer“ (S. 150) sowie um „innerpsychischen Schuld- und Schamgefühlen“ (S. 152 ff.),
  • 4.3 „Abschluss der Schulung“ (S. 165), um die Bedeutung von Feedbackrunden.

Kapitel 5: Manuel zum therapeutischer Umgang mit moralischen Konflikten.

Das „Therapiemanuel“ enthält zahlreiche Wiederholungen der Übungen („innere Trainer“,„imaginativen Dialog mit einer moralischen Autorität“ u.a.) und nimmt Redundanzen in Kauf:

  • Modul 1 beschreibt „Bedeutung der Wertorientierungen (S. 178 f.),
  • Modul 2 „Individuelle Wertorientierungen und Wandlungsprozesse“, S. 185 ff.),
  • Modul 3 „Moralische Verletzungen und das Verhalten anderer“, (S. 192 ff.) und
  • Modul 4 „Moralische Verletzungen durch eigenes Verhalten“ (S. 208 ff.).

Inhalt

Das Kernthema von Kapitel 2 (Moral injurity) soll wenigstens an zwei Punkten vertieft werden:

  • Kapitel 2.1 „Grundlagen und Präventionen“

Nach einem Hinweis auf die „Bedeutung moralbezogener Ansätze in der Psychotherapie“ (S. 44 ) werden US-amerikanischen Untersuchungen zur Pathogenese moralischer Verletzungen (u.a. Brett Litz, 2009) vorgestellt. Litz definiert „moral injury“ als Verletzung „tief verwurzelter moralischer Überzeugungen und Erwartungen“ (S. 51). Dabei müssten Varianten unterschieden werden: einmal die Verletzungen, die von aktiv Handelnden verursacht werden, und dann Verletzungen, wie sie aus der Opfer- bzw. Beobachterrolle erlebt werden (eine Unterscheidung, die das Schulungsmaterial berücksichtigen sollen). Sodann wendet sich der Autor kurz verschiedenen Berufsfeldern von Einsatzkräften zu (dem medizinischen Personal, der Polizei, dem Militär und den Journalist:innen, S. 63 – 66). Die unterschiedliche Bedingungen ihrer Arbeit werden vom Autor nur angedeutet, um anschließend allgemeine Ziele und Präventionsmethoden vorzustellen (S. 66 ff.) und die Notwendigkeit der „Selbstfürsorge“ bei professionellen Helfer:innen zu betonen (S. 73 – 74).

  • Kapitel 2.2 „Behandlung moralischer Konflikte“

Im Abschnitt „Allgemeine Grundsätze“ wird das „Modell der Intervalltherapie“ dargestellt. Es folgen Hinweise auf die „Methoden der EMDR und traumafokussierten kognitiven Verhaltenstherapie (TfKVT)“, um dann das in Kapitel 1 erwähnte hypothetische Fallbeispiel des Rettungssanitäters fortzuführen, in dem die EMDR-Behandlung zu einer Symptomreduktion der Ängste führt, die die Möglichkeit eröffnet, dass der Betreffende familiäre und berufliche Konflikte anzugehen vermag (S. 80 f.). In den nächsten Kapiteln werden dann drei speziellen Therapieformen und psychotherapeutische Ansätze dargestellt: die „Adaptive-Disclosure-Therarpie“ (S. 81–84), die „Akzeptanz- und Commitment-Therapie“ (ACT) (S. 84–88) und die „Imagery Rescripting und Reprocessing Therapy“(IRRT) (S. 88–93). Im Anschluss daran präsentiert der Autor einige Varianten der Weisheitstherapie (Linden/​Maercker, 2011) und der spirituellen Begleitung (Jesuitenpater Franz Jalics, 2017) als Therapieformen, die als Gesprächstherapie dem Zorn über Verletzungen „Raum (..) geben, sodass er sich in Worten abarbeiten kann“ (S. 97 ).

Diskussion

Nach der Lektüre des Buches ist man von der Fülle des therapeutischen Marktes und seiner Angebote leicht erschlagen. Der Autor zeigt uns, dass wir „aus einem reichlichen Angebot an traumabezogenen Therapieverfahren“ und „diversen Konzepten“ (S. 75) der Wertorientierung auswählen können. Die Bibel und Kant, Buddha und Kohlberg - „anything goes“. Alle erscheinen „irgendwie“ als wichtige moralische Ressourcen im Umgang mit „moral injuries“, wobei der Autor eine Präferenz für verhaltenstherapeutische und traditionsgeleiteten Moraltheorien erkennen lässt.

Eine kritische Diskussion zum erweiterten Traumabegriffs (siehe dazu Andreas Maercker, Trauma und Traumastörung, 2017, S. 69 ff.) und der spezifischen Gefahren einer moralisch-therapeutischen Rhetorik sucht man vergebens (zu Letzterem siehe Harry G. Frankfurt, Bullshit, dt. 2014). Nur so viel: Angesichts extremer Grenzerfahrungen kann eine wohlwollende „humanistische Grundhaltung“ und eine buddhistische Psychologie der Einübung von „Achtsamkeit“ von Betroffenen auch als eine (vorsichtig ausgedrückt) unangemessene Form „heilender Zuwendung“ empfunden werden.

Zudem müsste die Vertiefung des Themas stärker auf berufs- und genderspezifischen Bedingungen „helfender“ Institutionen eingehen. Wie auch der Autor weiß, erzeugt ein hierarchisch geprägtes Dienstethos gerade im Militär (aber nicht nur dort) spezifische Solidaritätszwänge und eine verstärkte „Angst vor Stigmatisierung“ (S. 44). Vor allem auch, wenn es um jene Verletzungen geht, die von den Institutionen selbst geduldet werden, wie entwürdigende Initiationsriten und Diskriminierungen.

Fazit

Das Buch weist zu Recht auf den Zusammenhang zwischen verdrängten moralischen Konflikten und psychischen Erkrankungen, wie PTBS, Depressionen oder Panikstörungen, hin. Vor dem Hintergrund der Arbeit mit traumatisierten Soldat:innen werden Einsatzkräften Schulungen zur psychischen Resilienzstärkung und ein Bildungsansatz empfohlen, der zur Reflexion über die eigene moralischer Wertorientierungen anleitet. Dabei zielt das Konzept des Buchs auf eine Verbindung moralpsychologischer Werteerziehung mit Theorieelementen der humanistischen Psychologie und traditionellen christlichen Überzeugungen.

Rezension von
Peter Flick
Lehrer, unterrichtet die Fächer Sozialwissenschaften, Praktische Philosophie und Deutsch
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Es gibt 21 Rezensionen von Peter Flick.

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Zitiervorschlag
Peter Flick. Rezension vom 28.04.2022 zu: Peter Zimmermann: Trauma und moralische Konflikte. Einführung und Manual für die präventive und therapeutische Arbeit mit Einsatzkräften. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-608-96475-2. Reihe: Traumafolgestörungen - vorbeugen, behandeln und rehabilitieren - Band 1. Fachbuch. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783608962581. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29319.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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