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Martin Vetter, Susanne Amft u.a.: G-FIPPS

Rezensiert von Dipl.-Biol. Julia van den Brink, 28.10.2022

Cover Martin Vetter, Susanne Amft u.a.: G-FIPPS ISBN 978-3-938187-52-4

Martin Vetter, Susanne Amft, Karoline Sammann, Irene Kranz: G-FIPPS. Grafomotorische Förderung : ein psychomotorisches Praxisbuch. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2021. 3. unveränderte Auflage. 189 Seiten. ISBN 978-3-938187-52-4. 22,80 EUR. CH: 36,95 sFr.

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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie grafomotorische Förderung über psychomotorische Elemente gelingen kann.

Autoren

Das Autorenteam rund um Prof. Dr. Martin Vetter verfügt über ein hohes Maß an praktischer Erfahrung im Bereich der Psychomotorik sowie eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung. Alle vier Autoren haben sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz gelebt und gearbeitet, sodass die unterschiedliche Verankerung der Psychomotorik in den Bildungssystemen der beiden Länder auch im vorliegenden Werk mitberücksichtigt werden kann. Prof. Dr. Martin Vetter hat in seiner Zeit als Professor an der Heilpädagogischen Hochschule Zürich den Studiengang Psychomotorik mit aufgebaut. Seit 2018 hat er eine Professur für Psychomotorik und Motologie an der Philipps-Universität Marburg. Susanne Amft leitet seit 1996 das Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung in Zürich.

Karoline Sammann arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin in den Studiengängen Psychomotoriktherapie und Schulische Heilpädagogik an der Universität Zürich und Irene Kranz war lange Jahre als Sonderpädagogin tätig, als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich angestellt und arbeitet heute als Schulamtsleiterin.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk hat den Anspruch, die G-Fipps Förderkonzeption als grafomotorisches Praxisbuch zu bündeln und zugänglich zu machen. G-Fipps ist entwickelt worden, da viele Pädagog:innen eine zunehmende Vernachlässigung in der Schaffung der Voraussetzungen für Malen und Zeichnen während der Vorschulzeit beklagen. Weil dies den Prozess des Schreibenlernens verzögern kann, können in der Folge Probleme in der Alltagsbewältigung sowie psychische und soziale Belastungen auftreten (vgl. S. 13). Die Autor:innen gehen davon aus, dass neben dem direktem Umgang mit Stift und Papier am Tisch auch grobmotorische Fähigkeiten – Erfahrungen im dreidimensionalen Raum – die Basis für den Schriftspracherwerb bilden. Da Förder- und Therapiemaßnahmen zunehmend auf dem Prüfstand stehen, haben die Autor:innen das G-Fipps Forschungsprojekt initiiert, um mögliche Effekte integrativ und präventiv ausgerichteter psychomotorischer Förderung zu erfassen (vgl. S. 60).

Aufbau

Nach dem Vorwort wird zunächst die Idee der G-FIPPS vorgestellt und der Aufbau des Buches erläutert. Es folgt ein Kapitel zur Definition von Grafomotorik. Der dritte Abschnitt beschäftigt sich mit der Begriffsbestimmung zu Integration, Inklusion und Prävention. In Kapitel 4 wird die kindliche Entwicklung bis ins frühe Schulalter beleuchtet. Es folgen die ausführliche Vorstellung der G-FIPPS (Kapitel 5) sowie ein Auszug der Forschungsergebnisse hierzu (Kapitel 6). Im letzten Kapitel findet sich die vollständige Konzeption zur grafomotorischen Förderungen inklusive sämtlicher dafür benötigter Arbeitsblätter.

Inhalt

„Grafomotorik ist Voraussetzung für den Schriftspracherwerb und somit […] für die Teilhalbe an Bildung, Gesellschaft und Kultur.“ (S. 20). Der Förderung von Grafomotorik im Vorschul- oder frühen Schulalter kommt damit eine besondere Bedeutung zu. G-FIPPS ist ein Konzept der Grafomotorischen Förderung integrativ und präventiv ausgerichteter Psychomotorik, welches auf den Ergebnissen eines zweijährigen Forschungsprojektes der Autor:innen basiert. Es stellt die erste grafomotorische Förderkonzeption dar, die umfassend und konsequent in die psychomotorische Entwicklungsförderung integriert ist. Das Werk richtet sich an Pädagog:innen und Therapeut:innen, die mit Kindergruppen zwischen vier und acht Jahren arbeiten.

In Anlehnung an verschiedene Konzepte der Frühpädagogik wie dem der Entwicklungsaufgaben von Havighurst (1948) oder der Montessoripädagogik geht das Autor:innenteam von sensiblen Phasen aus, in denen ein Kind bestimmte Dinge besonders gut lernt (S. 31ff). Zu beachten ist hier jedoch die große Spannbreite in den einzelnen Entwicklungsschritten. Dies wird am Beispiel des Laufenlernens deutlich, das manche Kinder bereits mit 10, andere aber erst mit 20 Monaten beherrschen (vgl. Largo, 2009).

Die Entwicklung motorischer Kompetenzen ist insbesondere in der frühen Kindheit nicht nur um der Bewegung willen von Relevanz. Kinder begreifen die Welt durch Handeln, hierfür müssen sie aktiv in Bewegung sein. Für das Spiel benötigen Kinder fein- und grobmotorische Kompetenzen, die auch für das Sozialverhalten von großer Relevanz sind, denn Kinder drücken auch ihre Gefühle zunächst über die Motorik aus. Motorik ist die Grundlage für Selbstständigkeit und eine sehr gute Möglichkeit für Selbstwirksamkeitserfahrungen. Diese werden umso bedeutender und Lerneffekte umso größer, wenn das Kind im Spiel – das heißt aus eigenem Antrieb heraus – handeln kann. Bewegungsspiele, also die Möglichkeit zu Klettern oder zu balancieren, ermöglichen es dem Kind, ein Bild vom eigenen Körper zu entwickeln und diesen kontrollieren zu lernen. Fast nebenbei wird im Spiel durch den Austausch mit dem Gegenüber auch die Sprachentwicklung gefördert (vgl. S. 39).

Aufgrund der großen Individualität der Entwicklung von Kindern betonen die Autor:innen mehrfach, dass es sich bei der G-FIPPS nicht etwa um ein festgezurrtes Programm handelt, sondern um eine anpassbare Konzeption. Durch die Möglichkeit der Wiederholung und den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad der einzelnen Anregungen werden die verschiedenen Entwicklungsstadien und -phasen der teilnehmenden Kinder berücksichtigt. Ziel ist die Stärkung der Grundlagen für die selbsttätige Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, nicht aber das Fertigkeitslernen. Durch die Einbettung der Fördereinheiten in eine altersgerechte Geschichte rund um Elmar, den Elefanten, soll das Konzept einen hohen Aufforderungscharakter besitzen, zudem spannend, nachvollziehbar und motivierend sein. Als Ziele werden die Verfeinerung motorischer Funktionen, die Entwicklung von Fantasie und Spiel, die Entwicklung des Selbstkonzepts und des Körperbildes sowie die Entwicklung der sozialen Kooperation und Entwicklung der Sprache genannt (vgl. S. 43f).

Diskussion

Bei grafomotorischer Förderung wird häufig eher an Schwung- und Malübungen mit Stift und Papier am Tisch, weniger an Bewegungsspiele in der Turnhalle gedacht. Die grafomotorische Förderung ist aber auch ein Baustein der Psychomotorik. Dem vorliegenden Werk ist anzumerken, dass die Autor:innen ausgewiesene Expert:innen auf dem Gebiet der Psychomotorik sind. Deren Bedeutung von Spiel und Bewegung zieht sich ebenso durch das Buch, wie die Betonung der Wichtigkeit einer vertrauensvollen Atmosphäre und des Einbezugs der von den Kindern ausgehenden Impulse. Die G-FIPPS sollte daher nicht als „Rezept“ verstanden werden, sondern als eine strukturierte Ideensammlung, die den Gegebenheiten und Erfordernissen anzupassen ist.

Der Aufbau des Buches eignet sich sehr gut, um umgehend mit der grafomotorischen Förderung in der psychomotorischen Gruppe zu starten. Aufgrund der Tatsache, dass die Psychomotorik in Deutschland nicht fest im Bildungssystem verankert ist wie in der Schweiz, wo an den Schulen Psychomotoriktherapeut:innen angestellt sind, stellt sich hier jedoch das Problem fehlender Rahmenbedingungen und Finanzierung.

Die Gestaltung der einzelnen Seiten ist sehr ansprechend und wird durch Grafiken und Bilder aus den Fördereinheiten aufgelockert. Trotz des wissenschaftlichen Ansatzes, auf dessen Basis die G-FIPPS entstanden ist, ist es dem Autor:innenteam gelungen, ein sehr gut lesbares und nachvollziehbares Werk herauszubringen.

Fazit

Das Psychomotorische Praxisbuch besitzt eine gute Lesbarkeit bei starkem wissenschaftlichen Background. Durch die umfassend enthaltenen Arbeitsblätter und die zielgruppenorientierte Einbettung in eine Geschichte eignet es sich sehr gut als Ideensammlung und motiviert zur sofortigen Umsetzung psychomotorischer Angebote zur grafomotorischen Förderung. Zu beachten ist jedoch, dass die Förderspiele zumeist auf feste Gruppen ausgelegt sind. Da diese in Deutschland im üblichen Rahmen heilpädagogischer Frühförderung oder Ergotherapie häufig so nicht bestehen, muss das Konzept noch an die jeweils vorliegenden Rahmenbedingungen angepasst werden.

Rezension von
Dipl.-Biol. Julia van den Brink
Diplom-Biologin und staatlich anerkannte Sozialpädagogin
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Es gibt 2 Rezensionen von Julia van den Brink.

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Zitiervorschlag
Julia van den Brink. Rezension vom 28.10.2022 zu: Martin Vetter, Susanne Amft, Karoline Sammann, Irene Kranz: G-FIPPS. Grafomotorische Förderung : ein psychomotorisches Praxisbuch. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2021. 3. unveränderte Auflage. ISBN 978-3-938187-52-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29324.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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