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Isaac A. Reed: Interpretation und Sozialtheorie

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 06.12.2022

Cover Isaac A. Reed: Interpretation und Sozialtheorie ISBN 978-3-86854-344-5

Isaac A. Reed: Interpretation und Sozialtheorie. Hamburger Edition (Hamburg) 2022. 240 Seiten. ISBN 978-3-86854-344-5.

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Thema

Zahlreiche Kontroversen in der Soziologie sind für Reed Anlass, sich mit dem Gegensatz von Erklären und Verstehen auseinanderzusetzen und für eine Sozialtheorie zu plädieren, die anschaulich und sensibel soziale Phänomene interpretativ erklärt. Es geht ihm also um eine Zusammenführung verschiedener soziologischer Traditionen unter der alternativen Perspektive ‚Interpretivismus‘.

Autoren

Isaac Ariail Reed ist Professor für Soziologie an der University of Virginia, Charlottesville. Schwerpunkte seiner Arbeiten sind soziologische und politische Theorie, historische und kulturelle Soziologie.

Thomas Hoebel (Einführung) ist Lehrbeauftragter an der Uni Bielefeld (Organisationssoziologie) und als Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung (Makrogewalt) tätig.

Aufbau

Nach einem Beitrag von Thomas Hoebel ‚Hexerei und Sozialforschung‘ beginnt Reed mit einer Einleitung, der fünf Kapitel (Wissen, Realität, Utopie, Bedeutung, Erklärung) folgen, die mit einem Epilog schließen.

Inhalt

Thomas Hoebel: Hexerei und Sozialforschung. (18 Seiten)

Salem Village/​Massachussets 1692, streng puritanisch, Geistliche interpretieren bizarres Verhalten von Frauen als Hexerei. Es kommt zu Hexenprozessen mit unüblichen Beweismitteln durch ein Sondergericht (9 Todesurteile), das dann aufgelöst und durch ein anderes ersetzt wurde, das 49 Angeklagte freisprach, 3 verurteilte aber begnadigte und eine Generalamnestie erließ. Hoebel referiert die Interpretation: Etikettierung von Devianz sorgt für einen normativen Zusammenhalt einer Gemeinschaft (Kai T. Erikson).

Nach Reed haben solche Prozesse Spuren in der Sozialforschung hinterlassen. Er sucht nach ‘maximalen Interpretationen‘ um zu überzeugenden Erklärungen zu kommen. Fakten werden zu ‚überzeugenden Narrativen‘ verdichtet, die interpretative Erklärungen ermöglichen.

Weitere Hinweise auf Marx ‚Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‘, Clifford Geertz ‚Eine dichte Beschreibung der balinesischen Hahnenkämpfe‘, Susan Bordo ‚Feministische Analyse von Essstörungen‘, Paul Lichtermann ‚Studie über die Gemeindearbeit kirchlicher Gruppen im mittleren Westen der USA‘, Georg Steinmetz ‚Untersuchungen zur wilhelminischen Kolonialpolitik‘. Reed plädiert für interpretativ angelegte Kausalanalysen. Die Beschreibung der Fakten sei wichtig, doch die eigentliche Arbeit sei eine maximale Interpretation. Kritisch sieht er einen an den Naturwissenschaften orientierten Realismus als Erkenntnismodus, denn sozial komme es ständig zu einem sich wandelnden Symbolgebrauch mit politischen, wirtschaftlichen und alltäglichen Konsequenzen. Symbolischer Realismus, Normativismus und Interpretivismus haben für Reed einen argumentativen Stellenwert bei epistemologische und ontologische Problemlagen der Sozialforschung.

Motive und Regularitäten sozialen Handelns gewinnen Bedeutung durch die Mitwirkenden, deren Bedeutungszurechnungen (Signifikationen) sind der Stoff für Resignifikationen der Forscher. Dieser Forschungsansatz in ‚Interpretation und Sozialtheorie‘ wendet sich gleichzeitig gegen zu geringe und zu hohe Ambitionen in der Sozialforschung und plädiert für Theorienpluralität (statt einer Mastersozialtheorie). Das Augenmerk liegt auf sprachlichen Signifikationen (Bedeutungslandschaften). Interpretation und Sozialtheorie ist nur Teil einer breiteren Bewegung der Prozessanalyse. In Salem hat eine Endzeitstimmung (unsicherer politischer Status, Kriegsbedrohung, Säkularisierung) zu einer Deutung des merkwürdigen Verhaltens als Teufelswerk geführt.

Einleitung. (16 Seiten)

Wie kann man faktische Aussagen über das soziale Leben gewinnen, wenn bereits die Methoden Meinungsverschiedenheiten enthalten? Der deskriptive Positivismus arbeitet methodisch mit Quantifizierung und Korrelationsanalyse zur Ermittlung sozialer Fakten. Der theoretische Positivismus sucht nach allgemeinen Gesetzen i.S. einer ‚sozialen Physik‘. Wie aber sollen Theorie und Evidenz interagieren? Wie funktioniert nichtpositivistische Forschung? Reed kombiniert ‚in die Tiefe reichende Textanalyse tatsächlicher Wahrheitsbehauptungen‘ mit erkenntnistheoretischer Reflexion (realistisch, normativ, interpretativ), um Theorie und Evidenz zusammenzubringen. Realistische Reflexion zielt auf grundlegende Kräfte und Beziehungen des sozialen Lebens, die wir beobachten, untersuchen, messen und erklären. Normative Forschung gründet in Gegebenem und Faktischem und einem Einsatz von Theorie – realistisch zurück oder voraus – zu Wahrheitsbehauptungen und einem interpretativen Erkenntnismodus der Bedeutung sozialen Handelns. Realismus folgt der Logik des Labors, Normativismus der Logik der demokratischen Versammlung/​sozialen Bewegung. Interpretation der Logik eines Textes oder Diskussion verschiedener Lesarten sind erkenntnistheoretische Modi eines neuen epistemologischen Zeitalters der Sozialforschung.

1) Wissen. (29 Seiten)

Die Fakten liefern ein ‚Beispiel für eine Theorie, und die Theorie liefert eine neue Art und Weise der Betrachtung der Fakten‘. Soziale Fakten lassen sich nicht direkt beobachten, sondern müssen im Dialog erschlossen werden (Beispiel Salem). Wie sind beobachtbare Phänomene hermeneutisch zu verstehen? Wie passt Theorie (Metakommentar, Hypothese über Ursachen) zu Evidenz? Gibt es falsche Theorien?

Wenn Theorie und Fakten/​Evidenz sich vermischen, entstehen Maximalinterpretationen. Minimalinterpretationen (minimale Theorien) sind wenig umstritten. Maximalinterpretationen vermischen Theorie und Evidenz, gehen über die Sprache der Fakten hermeneutisch hinaus (Beispiel Kapitän Cook als Gott Lono und Karl Marx ‚Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte‘ als Beispiel einer Kombination von Theorie – dialektischer Materialismus/​Utopie – und Fakten). Symbolische Strukturen wurden vom Positivismus vernachlässigt. Die Theorie der rationalen Entscheidung zeigt beobachtbare Präferenzen und folgt der Logik der sozialen Erklärung und nicht der Logik der naturwissenschaftlichen Erklärung. Sie ermöglicht Differenzierungen und Reflexion: Es gibt kein Wissen außerhalb des Problems der Interpretation. Auch in den Naturwissenschaften wird interpretiert, aber anders als in den Humanwissenschaften.

2) Realität. (33 Seiten)

Evidenz zeigt sich in sozialen Handlungen. Lassen sich diese neu deuten, um zu tieferem Wissen und Maximaldeutungen zu kommen? Theorie muss in den Grundstrukturen des Sozialen verwurzelt sein und diese erklären. Wie sieht eine realistische Philosophie der Sozialwissenschaften aus? Positivismus vermeidet die in die Tiefe reichende Interpretation. Wie gelangt man unter die Oberfläche sozialer Entscheidungen und gewinnt tiefere kausale Erklärungen? Die religiöse Natur des Menschen (Durkheim) ist eine ontologische Sprache, nach Giddens eine soziale Ontologie. Realistisch erzeugt die Theorie ein generell anwendbares Bild der sozialen Welt, das in sich kohärent ist und die soziale Realität referiert unter Bezug auf Entitäten und kohärente Prozesse (Theda Skocpol). Anhand eines Textes von Barrington Moore beschreibt Reed Aussagen theoretischer und evidentieller Natur und Aussagen, in denen sich Theorie und Fakten vermischen, aber die Dimension ‚Handeln‘ partiell fehlt und theoretische Signifikanten kausale Dinge tun (strukturelle Verursachung). Bilden solche Texte soziale Strukturen ab? Jedes Beispiel einer evidentiellen Erklärung geht als einzige Referenz auf die soziale Wirklichkeit zurück, auf die die Theorie (Hypothese) interpretierend verweist und frühere Überzeugungen infrage stellt. Deduktive Schlüsse aus Verbindungen von Ereignissen zu ziehen stützt sich quantitativ und qualitativ auf allgemeine Prinzipien von Ökonomie, Soziologie, Psychologie und Politikwissenschaft; so werden Maximalinterpretationen konstruiert.

Für einen kritischen Realismus muss eine Theorie allgemein und in sich konsistent sein. Lässt sich Sozialtheorie aus dem vorhandenen naturwissenschaftlichen Wissen über die Wirklichkeit ableiten (Bhaskar)? Wie lassen sich die ‚Pseudotheorien‘ der Gesellschaft in reale Theorien verwandeln, wenn der Verweis auf transzendentale ‚Retroduktion‘ nicht trägt? Realistische Signifikation bedeutet, dass man disparate Fälle unter demselben System (bei historische Dynamik und kulturelle Besonderheit) zusammenbringen kann. Dazu muss man das Risiko der Tiefeninterpretation eingehen und Maximalinterpretationen entwerfen, um über Fakten hinauszugelangen. Naturwissenschaften sind nicht das Maß aller Dinge. Soziale Regelmäßigkeiten sind nicht mit Regelmäßigkeiten der Natur zu vergleichen. Es gibt andere Wege, das soziale Bedeutungssystem der Sozialtheorie in der Interpretation des Bewusstseins jenseits des Realismus, aber faktenkonzentriert zu entwickeln.

3) Utopie. (27 Seiten)

Soziale Akteure als auch Forscher richten zum Teil ihr Handeln an Idealen aus und reflektieren in ihren Theorien diese Normen. Normativismus ist ein Weg Maximaltheorien zu produzieren; er leitet sich sowohl von Theorie und als auch von Fakten ab. Nach DuBois kann man Bewusstsein nicht auf das Kognitive reduzieren. Im Gegensatz zu Naturwissenschaftlern sind Sozialwissenschaftler an ‚Gesetzen im normativen Sinn‘ interessiert, z.B. wie ethische Imperative und utopische Ideale funktionieren. Eine Erkenntnismodus ist die ‚normative Fallstudie‘ (David Thacher). Wie Menschen Regeln folgen, Handlungen rational und moralisch bewerten, das ergibt eine normative Dimension des sozialen Lebens, die nach Habermas interpretativ-hermeneutisch erschlossen werden kann.

Es folgen konkrete Beispiel normativistischer sozialer Wissensbehauptungen, z.B. Kaffeehäuser als faktische Diskussionsorte einer inklusiven Öffentlichkeit. Nach der Logik der der normativen Resignifikation werden Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Lebens (Massenmedien) in spätmodernen kapitalistischen Gesellschaften negiert. Der utopische Gesichtspunkt verbindet in einer normativen Forschung über Demokratie Geschichte und Kritik. Im Gegensatz dazu sieht Leela Gandhi die Notwendigkeit über den ‚imperialen Manichäismus‘ hinauszugehen, d.h. über die westliche Kategorien und westliche Politik mit der Sprache der Fakten (Gemeinschaft durch eine ‚Politik der Freundschaft‘ zwischen antiimperialistischen Männern und Frauen und Kolonisierten). Teile von Bewusstsein und Handeln, moralische Imperative und utopische Vorstellungen prägen unsere Auffassung von einer guten Gesellschaft. Kritische Soziohistorie muss sich auch mit Dystopien befassen, mit Formen der Beherrschung und Exklusion.

Nach Foucault hat frühere Geschichtsschreibung Metaphysik an die Stelle von Minimalinterpretationen (keine kritische Geschichtsschreibung) gesetzt. Wenn es um Maximalinterpretationen geht, müssen wir Genealogie betreiben, z.B. eine kritische Auseinandersetzung mit Foucault: Er erkennt Minimalinterpretation, die auf Fakten beruhen an. Für normative Maximalinterpretation verwendet er jedoch oft Dystopien (die das Denken auch bereichern können, wie die Queer-Studien zeigen). Texte mit einem normativen erkenntnistheoretischen Modus enthalten oft eine ‚klare‘ kausale Geschichte. Was fehlt ist die Frage: Wie, wann und wo das Gute in den Köpfen der Handelnden oder in gesellschaftlichen Institutionen aktualisiert wurde und wird. Dazu muss man wissen, wie das soziale Leben funktioniert. Viele sozialwissenschaftliche Forscher schätzen den Dialog mit den untersuchten Personen, um utopisches und dystopisches Bewusstsein zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort aufzuspüren und eine überzeugende Sozialkritik zu formulieren (ein dritter erkenntnistheoretischer Modus). Die Reise von Realismus zum Normativismus und Interpretivismus ist ein dialektischer Prozess: ‚Die Gewissheit ist dahin, dass eine allgemeine Theorie unvermittelt die zentralen Entitäten und Verhältnisse einer Gesellschaft erfassen kann‘, denn soziales Leben und Produktion von Wissen sind den Wechselfällen der Sinngebung unterworfen.

4) Bedeutung. (40 Seiten)

W.G. Runciman unterscheidet drei Ebenen des Verstehens: Die primäre ist der Bericht (was passiert ist), die sekundäre die Erklärung (warum etwas passiert ist) und die dritte stärker interpretationslastige ästhetische und emotionale ‚wie es sich anfühlte, Handelnde dessen, was passiert ist, zu sein‘. Durch die Interpretation der Schichten von sozialer Bedeutung lassen sich realistische und normative Fragen beantworten. Bedeutungen haben mit den sozialen Erfahrungen zu tun, mit der Rekonstruktion menschlicher Subjektivität und ihr Handeln an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit. Dieses Rekonstruktionsbemühen ist ein Versuch Maximalinterpretationen zu entwerfen, eine Lesart der Fakten, die über die Evidenz hinausgeht zu Strukturen des Sozialen.

Im Realismus entspricht der konzeptuelle Ort einer sozialen Realität, die beim Normativismus nicht vorhanden ist. Der dritte Erkenntnismodus versucht der Evidenz durch Rekontextualisierung eine neue, tiefere Bedeutung zu geben. Oberflächenbedeutungen sind leicht durch Fakten zu erschließen, tiefere Bedeutungen nur durch Interpretationsarbeit. ‚Interpretative‘ Sozialforschung weckt Skepsis (Beispiel Clifford Geertz ‚Deep Play‘ über Hahnenkämpfe in der balinesischen Kultur). Geertz verwendet ein theoretisches Konzept, um einen sozialen Kontext zu illustrieren: Im Hahnenkampf verschmelzen Mensch und Tier, Gut und Böse, Ich und Es, schöpferische Männlichkeit und destruktive Animalität in einem Schauspiel von Hass, Grausamkeit, Gewalt und Tod. Dabei finden unterschiedliche Theorien Anwendung. Die Deutung der Regeln des Wettspiels ist eine Minimalinterpretation, die Deutung eines männlichen Statusspiels mit Distanz zum Animalischen eine Maximalinterpretation. Das wird auch am Beispiel der Magersucht (Susan Bordo) exemplifiziert, wenn magersüchtige Mädchen traditionell männlichen Idealen nacheifern. Die interpretative Analyse enthält in der Pluralität der Theorien eine einheitliche Bedeutungsstruktur durch die Kohärenz der Hintergrundbedeutungen der sozialen Handlungen und nicht durch die Kohärenz der sozialen Theorien. Kultursoziologie und Kulturgeschichte sind der Realität von Bedeutung verpflichtet, die sich pluralistisch auf Theorien stützt. Es geht um den verborgenen Hintergrund, vor dem die Akteure handeln, den sie formen und strukturieren. Diese müssen mit verschiedenen Theorien aufgrund von Aussagen und Dokumenten rekonstruiert werden und gehen über das bewusste Verständnis der Handelnden hinaus (ein Interpretativer erkenntnistheoretischer Modus aus der Ethnografie für historisierende Implikationen in der Sozialforschung und Sozialtheorie).

5. Erklärung (49 Seiten)

Was Forscher Erklärung nennen, ist tatsächlich eine Neubeschreibung, eine Einordnung in eine neuen intellektuellen Kontext. Das Gleiche gilt für Normativisten: Kritik ist eine Neubeschreibung aus einer neuen Perspektive. Wie kann man kausale Aussagen über die soziale Welt treffen anstelle von früheren falschen Universalismen und zu einer effizienteren Politik des Wissens kommen? Interpretation und Reinterpretation haben eine Wirkung auf das soziale Leben. Lichtermanns Interpretation von Bedeutungen: Abgrenzungen, Pflichten und Bindungen und Sprachgenres definieren die angemessene Sprechweise einer Gruppe. Eine Netzwerkanalyse ohne Interpretation bleibt blind. Dichotomie von Verstehen (durch Interpretation) und Erklären (durch kausale Analyse) wird als fundamental für die Sozialwissenschaften angesehen. Einwände richten sich gegen die Rolle des Forschenden und die Möglichkeit, etwas Kausales über die Welt zu erfassen. Wir befinden uns in selbstgesponnenen kulturellen Bedeutungsgeweben; es gilt das soziale Handeln deutend zu verstehen und seine Wirkungen zu erklären.

Sozialwissenschaftlicher Positivismus suchte nach Gesetzen und vernachlässigte die Anerkennung von nicht zu beobachtenden kausalen Kräften. Handelnde sind zwar hoch motiviert, aber Strukturen beeinflussen kausal die Handlungsfähigkeit. Maximalinterpretationen müssen sowohl kausal die Motivation sozial Handelnder als auch die Mechanismen sozialer Struktur berücksichtigen.

Gründe (Absichten, Motive) und motivierte Handlungen haben bewusste und unbewusste Quellen, aber deren Einordnung an einem Bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit ist schwierig. Wenn die Bedeutung dem Prozess des sozialen Lebens inhärent ist, dann muss das Wissen in einer Interpretation gründen. Es folgt ein Exkurs auf soziologische Klassiker: Max Weber, Aristoteles (Wirkursachen und Formursachen). Auch das soziale Leben hat eine ästhetische oder rhetorische Dimension, auf der sich Interessen, unbewusste Aggressionen Interaktion und Netzwerkverbindungen und andere Motive und Mechanismen entfalten.

Wie werden Motive und Mechanismen durch Bedeutungslandschaften geformt? Am Beispiel der Kolonialpolitik wird gezeigt, wie anthropologische Vorstellungen von den Eingeborenen zwingend das Handeln beeinflussen. Zwar gilt es eine naive Ichpsychologie zu vermeiden, aber nicht die Interpretation von Subjektivität und Motiven, die Handlungen generieren. Manche Motive sind schwer zu entziffern, dennoch müssen sowohl die ‚Landschaften‘ der Menschen und ihre subjektiven Motive berücksichtigt werden, wenn man das Handeln verstehen will. Die Sprache des Begehrens sollte selbst Thema der Untersuchung sein, da Motive aus einem sozialen Prozesse entstehen und eine soziale Geschichte haben, insbesondere in moralischen und ethischen Fragen. Bedeutungslandschaften werden sozial interpretiert und geformt. Die Trias von Bedeutung, Motivation und Mechanismus wird als historisch orientierte Erklärung in der Sozialforschung vorgeschlagen. Soziologen und Kommunikationsforscher dürfen den Versuch zu interpretieren, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, nicht zurückweisen (pluralistische Prozesse der Interpretation). Das Interesse richtet sich auf die kausale Dynamik der konkreten soziohistorischen Realität, dem Prozess der Bedeutungsinterpretation und der Pluralität von Theorien des Sozialen. Erklärungen müssen die soziale Kausalität historisch spezifisch und multidimensional berücksichtigen.

Epilog (10 Seiten)

Theorie als ‚Pilgerfahrt ins Ausland‘, verbindet die unterschiedlichen Interessen von Menschen, das geht nicht mit einem positivistischen distanzierten objektiven Blick und einer totalen Verpflichtung auf Wertfreiheit. Habermas säte so Zweifel in die ‚bürgerlichen Soziologie‘ und entwickelte ein Konzept, das Kommunikation und Kultur, transzendentalen Idealismus und Hermeneutik einschloss. Weil die Humanwissenschaften die Welt bislang nur interpretiert hätten, sei ihre Theorie nicht Praxis gewesen. Derrida und Habermas wandten sich gegen eine Wissenschaft, die nur beschreibt, aber nicht handelt.

Die Sozialwissenschaften müssen sich dagegen wehren, durch eine Theorie der rationalen Entscheidungsfindung kolonisiert zu werden (Bhaskar, Archer). Hat sich die Struktur der 68er (kritische und traditionelle Theorie, Praxis und Szientismus, Disruption und Reproduktion, Widerstand und Rationalisierung, Lust und Disziplin) überlebt?

Theorie ist eine ‘Welt von nützlichen Bedeutungen‘. Belege bringen Maximalinterpretationen hervor. Realismus und Normativimus können auf unterschiedlichen Weise eine Verschmelzung von Theorie und Evidenz leisten.

Ein ‚theoros‘ ist ein Fremder in einem fremden Land, der Bedeutungsnetze mitbringt und Ereignisse beobachtet und daran teilnimmt. Seine Erzählungen bei der Rückkehr ordnen die vorhandenen Bedeutungsnetze neu: Der Forscher reist mit Kopf, Text, Analyse von Befunden und versteht, wie das soziale Leben zu anderen Zeiten und an anderen Orten funktioniert. Theorie als ‚geistiges Schiff‘ verstanden, muss verbunden werden mit Neugier, dem Wunsch und einer Sensibilität andere Bedeutungssysteme zu verstehen. Erklärung und Kritik beginnt mit der Interpretation von Bedeutung. Wenn wir die Interpretation von Bedeutung von der Analyse sozialer Kausalität getrennt betrachten, erkennen wird, dass die Konzentration auf Macht und Praxis die Interpretation von Bedeutung vermeidet. Untersuchungen wie Bedeutungen konkrete soziale Wirkungen haben, sind Studien zu sozialer Macht. Wie Kausalität im sozialen Leben wirkt führt zum Verständnis von sozialer Macht.

Bedeutung und Macht müssen gemeinsam interpretiert werden. Aber was ist, wenn kolonial das Kennenlernen immer schon ein Akt der Machtausübung ist? Nach der hermeneutischen Philosophie ist jede Interpretation mit Fehlern behaftet (ein ’Verkennen‘), deshalb ist der beste Erkenntnisweg nicht die Erklärung sondern der Dialog. Der dadurch entstehende Pluralismus muss mit einem erkenntnistheoretischen Relativismus verbunden werden. Es lassen sich bessere und schlechtere Erklärungen unterscheiden und welches bedeutungsvolle Stück sozialen Lebens mithilfe der Theorie erfasst wird (praktische Rationalität der Interpretierenden).

Die Pluralität von Bedeutungslandschaften erzeugt eine ‚gefleckte Welt‘, die verstanden und erklärt werden muss durch den interpretativen Gebrauch von Sozialtheorie bei der Herstellung vom Maximalinterpretationen; dazu braucht es vielfältige theoretische Konstrukte und eine pluralistische konzeptuelle Methode, die den vielfältigen sozialen Realitäten entspricht (Bsp. Geertz über kulturelle Verschiedenheit, Bordo über magersüchtiges Verhalten, Foucault Analyse der historischen Diskontinuität). Im 19. Jhdt hat sich die Sozialtheorie entwickelt mit ontologischer Ambition und einer menschlichen Natur- und Geschichtsphilosophie, diese wurden inzwischen dekonstruiert. Wird damit Abstraktion und kausale Erklärung und Ideologiekritik unnütz? Oder konnte theoretische Innovation Dynamik in das Verständnis sozialen Lebens bringen, auch wenn sie an übertriebene Erwartungen an eine Wissen über ‚den Menschen‘ geknüpft waren. Dieses Vertrauen ist dahin, aber stattdessen sind neue Möglichkeiten sozialen Wissens entstanden. Wenn Interpretierende gefangen sind zwischen universalistischen Ambitionen und den unendlichen Ideosynkrasien des menschlichen Lebens, ergeben sich einfache Anweisungen: ‚Baut ein gutes Schiff, nehmt so viel Bücher und Karten mit, wie ihr könnt, und versucht, die Menschen, denen ihr begegnet, zu verstehen in dem Sinn, dass ihr erklärt, warum sie tun, was sie tun. Das ist letzten Endes der allzu menschliche Zweck der Humanwissenschaften‘.

Diskussion

Stoff für mehrere fortlaufende Seminare bietet dieses kenntnisreiche, lesenswerte, aber wie ich meine – entgegen dem Klappentext – nicht leicht zu lesende Buch. Ich würde raten mit dem Beitrag von Thomas Hoebel und dem Epilog zu beginnen und dann als nächste Station die Einleitung von Reed zu lesen. Die folgenden Kapitel erfordern Zeit, Nachdenken, Nachlesen, insbesondere was die zitierte Literatur anbetrifft, und sich dabei zu vergewissern, dass man nicht den Wald aufgrund der zahlreichen Bäume aus dem Auge verliert. Reed ist auf der Suche nach überzeugenden interpretativ angelegten Kausalanalysen in den Sozialwissenschaften. Dabei haben – im Gegensatz zu den Naturwissenschaften – ein symbolischer Realismus, Normativismus und Interpretavismus einen argumentativen Stellenwert, da soziale Fakten sich nicht direkt beobachten lassen, sondern erst im Dialog erschlossen werden müssen.

Die Anweisung am Schluss wirkte auf mich, nach der auch bei dreimaligem Lesen anstrengenden Lektüre, wie eine Erholung: „Baut ein gutes Schiff, nehmt so viel Bücher und Karten mit, wie ihr könnt, und versucht, die Menschen, denen ihr begegnet, zu verstehen in dem Sinn, dass Ihr erklärt, warum sie tun, was sie tun.“ Was so einfach klingt und sicher auch ein Ausweg aus einer positivistischen Wissenschaftsgläubigkeit ist, ist jedoch keineswegs einfach. Denn auch im Dialog begegnet einem Bewusstes und verschwiegenes Unbewusstes, beides wirkt handlungsmotivierend, und zwar bei beiden Dialogpartner. Deshalb ist es gut, wie man das von Interviews bereits kennt, im nachhinein einen dritten Unbeteiligten beim Lesen und Interpretieren hinzuzuziehen, um gemeinsam dem Ziel eines kritischen Normativismus einschliessenden Interpretivismus gerecht zu werden.

Ein Verständnis der Motivation durch Entzifferung des Fremden, ist nicht nur ein Weg zu verstehen, was ist, sondern auch was werden könnte oder im Entstehen begriffen ist. Sackgassen des Positivismus können damit vermieden werden.

Dass die Bedeutung einer Aussage nicht als solche erschlossen werden kann, sondern sich meist erst im Handeln, der Aktion, erschließt, ist auch für den Forscher wichtig, da außer der Analyse auch Vorschläge zur Veränderung erarbeitet werden sollen. Wenn das gelingt, ist das ein Gewinn nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für die Gesellschaft. Winnicott, der englischen Kinderanalytiker, würde sagen: Vorschläge zur Herstellung einer ‚ausreichend guten‘ Gesellschaft und Politik, was bedeutet, Grenzen anzuerkennen und Abschied zu nehmen von idealisierenden und fundamentalistischen humanwissenschaftlichen Konzepten.

Fazit

Lesenswert, aber nicht leicht zu lesen. Sehr empfehlenswert für jemand, der die Mühe nicht scheut, den zahlreichen Verweisen des Autors zu folgen und nicht nur an ‚Diagnosen‘, sondern auch handlungsanweisenden Problemlösungen interessiert ist. Das Buch regt zum Nachdenken und Diskutieren an, und das ist das Beste, was man von einem wissenschaftlichen Buch sagen kann.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Es gibt 104 Rezensionen von Gertrud Hardtmann.

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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 06.12.2022 zu: Isaac A. Reed: Interpretation und Sozialtheorie. Hamburger Edition (Hamburg) 2022. ISBN 978-3-86854-344-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29328.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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