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Elisabeth Rose: Kinder denken einfach anders!

Rezensiert von Dr. Erika Butzmann, 07.05.2022

Cover Elisabeth Rose: Kinder denken einfach anders! ISBN 978-3-466-31171-2

Elisabeth Rose: Kinder denken einfach anders! 20 wegweisende Erkenntnisse der psychologischen Forschung, die das Familienleben leichter machen. Kösel-Verlag (München) 2022. 254 Seiten. ISBN 978-3-466-31171-2. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,27 sFr.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783827500434
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Thema

Über das Internet informieren sich Eltern zunehmend über wissenschaftliche Studien, aus denen Aussagen zur Entwicklung von Kindern hervorgehen. Das hilft jedoch nicht immer, sondern kann beunruhigen, wenn das Fachwissen fehlt, um diese Studien richtig zu interpretieren. Elisabeth Rose stellt deshalb mit ihrem Buch zwanzig vielfach überprüfte Forschungsarbeiten renommierter Entwicklungspsychologen vor, die Einblicke in die wichtigsten Entwicklungsaufgaben der Kinder geben und das andere Denken erklären.

Autorin

Dr. Elisabeth Rose, Universitätsdozentin für soziale Arbeit und Kindheitspädagogik, Therapeutin für Kinder und Jugendliche

Aufbau

Die zwanzig Kapitel des Buches folgen dem immer gleichen Aufbau. Nach einer kurzen Zusammenfassung des Inhalts der einzelnen Kapitel gibt es die detaillierte Beschreibung eines bekannten Experiments aus einer ausgewählten Studie der Entwicklungspsychologie. Auf der Grundlage einer solchen Studie wird ein bestimmter Bereich der Entwicklung genauer beleuchtet, um daraus alltagspraktische Impulse und Inspirationen für das Leben mit Kindern abzuleiten.

Inhalt

Alle Kapitel haben ein besonderes Experiment als Aufmacher. Im ersten Kapitel geht es um den vorgeburtlichen Spracherwerb, wie dieser nach der Geburt festgestellt wird und wie sich die Sprache weiter entwickelt. Der Fähigkeit, andere nachzuahmen ist das zweite Kapitel gewidmet; und zwar mit der umfassenden Bedeutung für die kindliche Entwicklung sowohl für die Sprache als auch für das Denken, das soziale Verstehen und die Selbstwirksamkeit.

Das Lernen aus positiven Konsequenzen und Experimente zur Gedächtnisleistung bestimmen den Inhalt des dritten Kapitels. Darauf folgt zuerst ein Experiment zur Objektpermanenz und dann zum Still-Face-Paradigma, das aufzeigt, wie sehr Babys auf das Anschauen und Wahrnehmen durch die Bezugsperson angewiesen sind. Das wird bestärkt im sechsten Kapitel mit Studien zur sozialen Bezugnahme und geteilten Aufmerksamkeit. Damit legt die Autorin den Eltern nahe, sich ihrer sozialen Referenz bewusst zu sein und authentisch in Beziehung zu ihren Kindern zu treten, damit diese ein gutes Gespür für die eigenen Fähigkeiten entwickeln können.

Ein zentraler Punkt in der frühen Entwicklung ist die gelungene Bindung des Kindes an seine Eltern, die mit der Fremdensituation experimentell zu erfassen ist. Darüber berichtet die Autorin in Kapitel sieben, wobei sie die Bedeutung des entwicklungsfördernden Explorationsverhaltens der Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr mit der sicheren Eltern-Kind-Bindung in Beziehung setzt. Die Rituale im Alltag, die Kindern Sicherheit geben, werden in Kapitel acht unter Bezugnahme auf Experimente zur klassischen Konditionierung als implizites Lernen eingeordnet.

Dem Rouge-Test zur Bestimmung des Selbsterkennens, von dem Zeitpunkt an das Kind also weiß, dass es sich selbst im Spiegel erblickt und kein anderes Kind ihm da entgegen schaut, ist Kapitel neun vorbehalten. Das Kind reagiert manchmal mit Wutanfällen auf diese Erkenntnis und die Autorin beschreibt, was die zu bedeuten haben für die Eltern-Kind-Beziehung.

Wie die Gefühlsansteckung am Beginn später in die Empathiefähigkeit übergeht und dann zum prosozialen Handeln wird, ist Inhalt des zehnten Kapitels. Hier wird die Frage diskutiert, ob die Gene oder die Erziehung die vorwiegende Rolle bei diesem Entwicklungsprozess spielen. Die Autorin hebt die Bedeutung der Eltern-Kind-Interaktion dabei hervor, die trotz der vielen Stunden, die Kinder heute in Kitas verbringen, den größeren Einfluss auf die soziale Entwicklung hat.

Zum sozialen Lernen gehört ebenfalls die kognitive Fähigkeit zur sozialen Perspektivübernahme, die Inhalt von Kapitel elf und zwölf ist. Das sogenannte Smartie-Experiment und das Marshmallow-Experiment zeigen, was Kinder in welchem Alter leisten können. Hierzu gehört die Entwicklung der Theory of Mind, die Elisabeth Rose an Laborergebnissen und Alltagssituationen aufzeigt, um zum Schluss klarzustellen, dass die Feststellung der Fähigkeit im Experiment keineswegs bedeutet, das Kind verfügt bereits darüber. Die Entwicklung ist dann noch lange nicht abgeschlossen (S. 150).

In Kapitel dreizehn geht es um die bahnbrechenden Forschungen des Psychologen Albert Bandura zum Vorbildlernen. Die zentrale Rolle der Eltern wird hier ausführlich diskutiert, die für alle Entwicklungsbereiche wesentlich ist. Mit dem dialogischen Vorlesen, bei dem Kindern Fragen zum Inhalt gestellt werden, befasst sich Kapitel vierzehn. Hier thematisiert die Autorin, ebenso wie bei den meisten anderen herangezogenen Studien, das Studiendesign. So können Erziehende die Ergebnisse besser einordnen.

Für das große Thema der moralischen Entwicklung bezieht sich Elisabeth Rose mit Kapitel fünfzehn auf die Forschungen von Jean Piaget und Lawrence Kohlberg. Zu diesem Bereich gehört das angemessene Loben sowie das Teilen, das nicht erzwungen werden sollte, damit sich die intrinsische Motivation zum Teilen und Helfen entwickeln kann.

Die Kapitel sechszehn bis zwanzig behandeln die Bereiche, die auch für die spätere Kindheit von Bedeutung sind. Die Entwicklung der Motivation und des Fähigkeitsselbstkonzepts gehören dazu, die Bedeutung der gesprochenen Worte in der Eltern-Kind-Interaktion, die Entwicklung von Resilienz und die Effekte der inneren Erwartungshaltung.

Diskussion

Elisabeth Rose hat mit all den Studienergebnissen in ansprechender Weise dargestellt, wie sich dies im Alltagsverhalten der Kinder zeigt. Es wird in jedem Kapitel deutlich, wie und warum Kinder anders denken. Unterschiedliches Verhalten aufgrund des Temperaments berücksichtigt sie ebenso wie sie vereinzelt auf Einschränkungen in der Aussagefähigkeit bei manchen Studien hinweist.

Es liegt jedoch in der Natur der Sache, dass Aussagen der Säuglingsforschung auf Interpretationen der Forschenden beruhen und damit unzutreffend sein können. Bei der Bestimmung von Gedächtnisleistungen der Säuglinge z.B. bleiben wichtige Aspekte unberücksichtigt; insbesondere, dass die gefühlsmäßigen Erinnerungen bei Babys noch keine kognitiven Anteile haben, also die Forschungsergebnisse nichts über das Denken aussagen. Ebenso lassen die Experimente zur Objektpermanenz außer Acht, dass Babys von Beginn an unbewusst auf Neues und Interessantes fixiert sind. So sollten von den Forschenden dem längeren Schauen bei Neuem und Interessantem keine weiteren Ursachen zugeordnet werden. Objektpermanenz ist am Ende des ersten Lebensjahres erst in Ansätzen vorhanden, sodass sich die von der Autorin auf S. 56 gestellte Frage, warum Kinder zwischen 8 und 15 Monate heftig reagieren, wenn die Eltern den Raum verlassen, beantworten lässt: Die Kinder haben noch keine fest verankerten Erinnerungsbilder an die Eltern im Kopf. Sie verfügen noch nicht über ein Vorstellungsgedächtnis, sondern lediglich über ein Wiedererkennungsgedächtnis, sodass sie von Trennungs- und Verlassenheitsängsten überflutet werden. Objektpermanenz ist nicht gleichbedeutend mit Personenkonstanz; denn lt. Piaget bezeichnet das eine den statischen Aspekt der Erinnerungsbilder und das andere den dynamischen, der erst zwischen Mitte und Ende des zweiten Lebensjahres hervortritt.

Das von Jean Piaget beschriebene Reflexverhalten von Neugeborenen erklärt auch die frühe Nachahmung von Mimik und Gestik; er hat ebenso die weitere Entwicklung der Nachahmungstätigkeit genau beschrieben. Dies wird durch die ständige Bezugnahme auf die nicht zutreffenden Aussagen von Meltzoff und Moore über die frühe Nachahmung immer wieder missachtet. Piaget hat die Kompetenzen von Säuglingen keinesfalls unterschätzt, wie die Autorin das auf S. 55 anmerkt.

Zur Sprachentwicklung wäre zu beachten, dass es beim „unbedingten Sprechen mit Babys“ (S. 25) durchaus ein Zuviel geben kann. Gerade in den ersten Monaten liegt die Wahrnehmung der Kinder weitgehend im emotionalen und sensorischen Bereich. Da sie gleichzeitig hoch ablenkbar sind, könnte ein ständiges Sprechen stören. Hier sollte das intuitive Elternverhalten der Maßstab sein und auf Empfehlungen für Eltern verzichtet werden. Auch die als besonders geeignet empfohlene Form des „dialogischen Vorlesens“ (S. 171) lässt außer Acht, wie die Phantasietätigkeit das Denken der 2- bis 4-jährigen Kinder beim Vorlesen ausdifferenziert; entsprechend dem Reifevorgang im Gehirn. Dieser Prozess kann durch häufiges Fragenstellen während des Vorlesens gestört werden. Erst ab fünf Jahre kann dialogisches Vorlesen das Denken und Sprechen voranbringen, weil dann das vorlogische langsam in das logische Denken übergeht. Bei den hier durch die Autorin herangezogenen Studien handelt es sich wie üblich um die unstrittigen Vorteile solcher Vorgehensweisen bei Kindern aus dysfunktionalen Familien. Für alle anderen gilt das nur eingeschränkt. Dies beeinträchtigt die gesamten Ausführungen der Autorin jedoch keineswegs.

Fazit

Das andere Denken der Kinder geht derzeit immer wieder unter durch unser hoch beschleunigtes Leben. Das Buch von Elisabeth Rose rückt diese, von Jean Piaget im letzten Jahrhundert bereits erforschte Tatsache erneut in den Vordergrund. Der von ihr zu Grunde gelegte Ansatz mit den ausgewählten Studien der Entwicklungspsychologie und deren Bezug auf den Familienalltag ist geeignet, das Verständnis für kindliches Verhalten auszuweiten. Die Autorin geht mit ihren Erklärungen über das andere Denken der Kinder sehr einfühlsam auf die Eltern ein, sodass diese und alle, die mit Kindern im Kontakt stehen, das Buch gewinnbringend lesen können. Auch Studierende der sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik profitieren von dieser Gegenüberstellung bekannter Forschungsergebnisse mit dem Alltagsverhalten von Kindern.

Rezension von
Dr. Erika Butzmann
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Es gibt 2 Rezensionen von Erika Butzmann.

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Zitiervorschlag
Erika Butzmann. Rezension vom 07.05.2022 zu: Elisabeth Rose: Kinder denken einfach anders! 20 wegweisende Erkenntnisse der psychologischen Forschung, die das Familienleben leichter machen. Kösel-Verlag (München) 2022. ISBN 978-3-466-31171-2. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783827500434. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29331.php, Datum des Zugriffs 24.09.2022.


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