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Frank Sowa (Hrsg.): Figurationen der Wohnungsnot

Rezensiert von Prof. Dr. Claudia Daigler, 26.08.2022

Cover Frank Sowa (Hrsg.): Figurationen der Wohnungsnot ISBN 978-3-7799-3919-1

Frank Sowa (Hrsg.): Figurationen der Wohnungsnot. Kontinuität und Wandel sozialer Praktiken, Sinnzusammenhänge und Strukturen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 858 Seiten. ISBN 978-3-7799-3919-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 33,75 sFr.
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Thema

Thema des umfangreichen Sammelbandes ist ein Hochaktuelles, das uns gesellschaftlich und sozialpolitisch die nächsten Jahrzehnte begleiten wird, nämlich: Wohnungsnot. Der Herausgeber fasst unter Wohnungsnot sowohl Situationen und Bedingungen von Nicht-Wohnenden als auch von Noch-Wohnenden. Menschen als Noch-Wohnende und Nicht-Wohnende zu begreifen, soll auf fließende Übergänge, Zwischenräume und Unbestimmbarkeiten abzielen (S. 9). Frank Sowa interessiert insbesondere die mit Wohnungsnot verbundenen Interdependenzgeflechte und Prozesse. Der Titel „Figurationen der Wohnungsnot“ geht auf das Denken und die Analysen von Norbert Elias zurück. Eine der frühesten und bekanntesten Studien von Norbert Elias auf der Basis des Figurationsbegriffs ist die 1965 publizierte Untersuchung „Etablierte und Außenseiter“, in der die Gruppierungen einer Arbeitersiedlung als „Etablierten-Außenseiter-Figuration“ untersucht werden.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Frank Sowa ist Professor für Soziologie in der Sozialen Arbeit an der Fakultät Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm in Nürnberg. Die Veröffentlichung geht auf eine Konferenz an der TH Nürnberg im Jahr 2018 zurück. Die Konferenz bildete das Ende eines Lehrforschungsprojektes „Wohnungslosigkeit in der Metropolregion Nürnberg“.

Aufbau

Der Band, der so der Herausgeber, eine möglichst umfassende Bestandsaufnahme bieten soll, beinhaltet nach einer Einführung 40 Beiträge und ist in 4 Teile untergliedert:

  • (Prekäres) Wohnen (11 Beiträge).
  • Lebenswelten und relationale Beziehungsgeflechte (14 Beiträge),
  • Bearbeitung von Wohnungslosigkeit (11 Beiträge) und
  • Zukunft des Wohnens (4 Beiträge).

Damit wird ein logischer und gleichsam sehr interessanter Bogen geschlagen und das Spektrum über klassischer angelegte Sammelbände oder Lehrbücher hinausgeführt. Der Band ist mit seinen 850 Seiten nicht darauf ausgelegt in Gänze gelesen zu werden. Vielmehr können nach Interesse Beiträge ausgewählt werden.

Inhalt

Primär handelt es sich um Beiträge, in denen Erkenntnisse aus aktuellen empirischen Forschungen gebündelt werden. Empirische Untersuchungen in Deutschland werden durch Beiträge über Lebenssituationen und Ansätze in London (Anne Kruse), New York, Seattle und Sacramento (Manuel Lutz), Südafrika (Katrin Hofer), Barcelona (Moritz Groß), Italien (Katastrophenhilfe nach einem Erdbeben, Cosimo Mangione) und Wien (Katrin Schöber) ergänzt.

Im ersten Teil „(Prekäres) Wohnen“ wird der Fokus auf Facetten des „Noch-Wohnens“, auf Strategien der Wohnungsmärkte, Verdrängungsstrategien, Bewältigungsweisen etc., aber auch auf Wohnbewachung gelegt.

Im zweiten Teil stehen Figurationen im Zentrum, in denen sich Menschen ohne Wohnung befinden. Darin sind u. A. Beiträge zu neoliberaler Stadtentwicklung und damit einhergehenden Verdrängungsmechanismen, zu Angsträumen wohnungsloser Menschen, zur Bedeutung von Scham in der Erforschung prekärer Lebenslagen oder zu Stigmatisierungserfahrungen von obdachlosen Menschen zu finden.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Bearbeitung von Wohnungslosigkeit. Der Herausgeber macht dabei in seiner Einführung zwei dominierende Prinzipien aus: „einerseits ein pädagogisierendes, fürsorgliches Vorgehen, das den Fokus der Problembearbeitung auf das Individuum legt, um dessen Verhalten zu verändern, es zu therapieren und es „wohnfähig“ zu machen. Andererseits ist ein eher auf Veränderung der Strukturen auszumachendes Vergehen zu analysieren, das sich auf die Akquise von Wohnraum bezieht, um wohnungslosen Menschen im Rahmen von Housing-First-Politiken Wohnungen zur Verfügung zu stellen“ (Sowa, S. 24).

Der Beitrag von Nadine Marquardt „Jenseits der Exklusion. Für eine kritische Inklusionsforschung zu Wohnungslosigkeit“ (S. 540-556) ist ein interessanter Opener für das Kapitel. In ihm wird – wenn auch sprachlich etwas redundant – dafür argumentiert und plädiert, das institutionelle Wohnen wohnungsloser Menschen und damit die wohlfahrtsstaatlichen Wohnkontexte als Schauplätze der gesellschaftlichen Bearbeitung von Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit in den Mittelpunkt zu rücken (Marquardt, S. 541). Die institutionellen Wohnräume versteht sie als Schauplätze einer prekären, zugleich aber auch besonders intensiven Form gesellschaftlicher Inklusion. Sie verweist dabei auch im Rückgriff auf Foucault darauf, dass Sozialer Ausschluss häufig gerade nicht impliziert, ins „Dunkel“ gesellschaftlicher Nichtbeachtung abzugleiten, sondern mitunter sogar besonders intensive Formen von Aufmerksamkeit (auch disziplinierende, kontrollierende Zugriffe, paternalistische Beobachtungen, pädagogische Interventionen) nach sich zieht (S. 550).

Das vierte und letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Zukunft des Wohnens. Dabei geht es nicht nur darum, Möglichkeiten der Wohnraumwiederherstellung zu schaffen, sodass aus Nicht-Wohnenden wieder Wohnende werden, sondern auch darum, über innovative Wohnformen der Zukunft nachzudenken.

Diskussion

Der Sammelband ist inhaltlich breit und mit einem durchdachten Bogen angelegt und insbesondere auf die nationale und internationale Forschungslage ausgerichtet. Das ist sehr informativ. Gewünscht hätte ich mir mehr Beiträge von Selbstvertretungen, die auch wirklich von diesen verfasst sind. Dasselbe gilt für Praxisansätze. Die beeindruckende Buntheit der Forschungslage hätte durch unterschiedliche Autor*innenebenen und –perspektiven aus meiner Sicht noch mehr an Mehrperspektivität gewonnen. Eine weitere Ergänzungsmöglichkeit wäre die (zunehmende) Problematik von Familien in Wohnungsnot in die Diskurse, Forschungen und politischen Debatten erkennbarer mitaufzunehmen.

Fazit

Der umfangreiche Sammelband bietet einen guten Überblick über die Breite des Themas prekäres und entsichertes Wohnen und die derzeitige Forschungslage hierzu. Damit hat der erkennbar auch international gut vernetzte Autor ein wichtiges Standard- und Nachschlagewerk zu einer hochaktuellen gesellschaftlichen Problematik und darin erkennbaren Phänomenen gesellschaftlicher Ungleichheiten vorgelegt, das sinnvoller Weise mit (innovativen) Überlegungen und Ansätzen alternativer Modelle für die Zukunft endet – ohne hierbei Patentlösungen anbieten zu wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
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Es gibt 16 Rezensionen von Claudia Daigler.

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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 26.08.2022 zu: Frank Sowa (Hrsg.): Figurationen der Wohnungsnot. Kontinuität und Wandel sozialer Praktiken, Sinnzusammenhänge und Strukturen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-3919-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29336.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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