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Felix Manuel Nuss: Willensorientierte Soziale Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Michael Noack, 28.11.2022

Cover Felix Manuel Nuss: Willensorientierte Soziale Arbeit ISBN 978-3-7799-6680-7

Felix Manuel Nuss: Willensorientierte Soziale Arbeit. Der Wille als Ausgangspunkt sozialräumlichen Handelns. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 270 Seiten. ISBN 978-3-7799-6680-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR.

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Thema

Felix Manuel Nuss hat sich in dieser Publikation mit dem ersten und zentralsten Handlungsprinzip sozialraumorientierter Sozialer Arbeit auseinandergesetzt: der Willensorientierung. Er hat dieses methodische Handlungsprinzip theoretisch fundiert und Vorschläge zur Renovierung und fachlichen Weiterentwicklung des sozialräumlichen Willensansatzes formuliert.

Autor

Felix Manuel Nuss ist Professor für „Fachwissenschaft Sozialer Arbeit“ an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Münster. Er befasst sich unter anderem mit Sozialraumorientierung, Gemeinwesensarbeit, philosophischen und ethischen Grundlagen Sozialer Arbeit mit dem Schwerpunkt auf Existenzphilosophie und Soziale Arbeit und Schule.

Entstehungshintergrund

Das Buch basiert auf der Dissertation von Nuss, die im Jahr 2020 unter dem Titel „Der eigene Wille – zur Philosophie und Genealogie der Willensorientierung im Kontext sozialräumliche sozialer Arbeit“ an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg Essen angenommen wurde.

Aufbau

Die Publikation beinhaltet ein Vorwort und acht Hauptkapitel. Im zweiten Kapitel führt der Autor etymologisch in den Willensbegriff ein und erörtert wie der Willensbegriff in ausgewählten sozialarbeiterischen Bezugsdisziplinen (Psychologie, Rechtswissenschaft und christliche Theologie) diskutiert wird. Die philosophische Willensfreiheitsdebatte hat Nuss im dritten Kapitel rekonstruiert. Im vierten Kapitel hat der Autor die sozialarbeiterische Perspektive eingenommen, indem er zunächst einen Blick in die Geschichte der Sozialen Arbeit geworfen hat, um nach Spuren der Willensorientierung zu suchen. Anschließend beschäftigt er sich mit sozialarbeiterischen Spannungsfeldern (insbesondere mit dem doppelten Mandat von Hilfe und Kontrolle), um das herausfordernde Verhältnis der Sozialen Arbeit zum Willen der Menschen zu analysieren. Im fünften Kapitel hat sich der Autor mit der Community-Orientierung beschäftigt, um herauszuarbeiten, inwiefern der Willensbegriff in der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit historisch gewachsen ist. Das sechste Kapitel ist den kritischen Perspektiven auf willensorientierte Soziale Arbeit gewidmet. Hier erörtert der Autor auch die Frage, wann stellvertretendes Handeln zu legitimieren ist. Den Brückenschlag zwischen dem Willensbegriff der Philosophie (Position der kompatibilistischen Willensfreiheit) und der sozialraumorientierten Sozialen Arbeit nimmt der Autor im siebten Kapitel vor. Das achte Kapitel ist einem Fazit und Ausblick gewidmet, in dem der Autor die zentralen Ergebnisse seiner Erörterungen zusammengefasst hat und Vorschläge für die Weiterentwicklung der willensorientierten Sozialen Arbeit formuliert.

Inhalt

In seinem Vorwort weist der Autor darauf hin, dass er das Thema Willensorientierung nicht auf die „Unterstützung egoistischer Freiheiten“ (S. 9) verkürzt, sondern das Spannungsfeld von Freiheit und Anpassung neu“ (ebd.) ausgelotet. Die herausgearbeiteten Positionen stützen dabei das freiheitsbejahende Willensverständnis des Fachkonzepts Sozialraumorientierung und geben eine fachliche Antwort auf die häufig „überraschend freiheitsskeptischen und deterministischen Positionen im Fachkollegium“ (ebd.).

Bei der Einführung in das Thema und Ziel der Publikation weist Nuss auf philosophische Diskursstränge hin. Einerseits gebe es Determinist:innen, die davon ausgehen, Willensfreiheit sei nicht existent. Auf der anderen Seite stünden libertäre Vertreter:innen, die von einer bedingungslosen Freiheit des subjektiven Willens ausgehen (vgl. S. 9). Ein Mittelweg würden kompatibilistisch argumentierende Akteur:innen beschreiten, die von bedingten Möglichkeiten für menschliche Willensfreiheit ausgehen würden. Mit seiner Publikation zielt der Autor darauf ab, den Diskurs um die Willensfreiheit stärker mit sozialarbeiterischen Fachdiskursen zu verknüpfen. Dies sei notwendig, um sich mit der kritischen Position in der Sozialen Arbeit zur Willensorientierung auseinanderzusetzen, nach der der Wille letztlich lediglich eine sozial adaptierte Präferenz sei (vgl. S. 13). Um zu prüfen, ob der Willensansatz emanzipatorische Soziale Arbeit unterstützt, hat sich der Autor zum Ziel gesetzt, die Entwicklung des Willensbegriffs im Fachkonzept Sozialraumorientierung ebenso zu rekonstruieren wie die Kritik an diesen Konzeptbegriff. Dabei ist der Autor theorievergleichend und theorieerweiternd vorgegangen, er hat keine empirische Studie durchgeführt. Seine theoretischen Untersuchungen basieren auf einer hermeneutischen Arbeitsweise (vgl. S. 20 f.).

Im ersten Kapitel hat sich Nuss mit der Frage auseinandergesetzt, was der menschliche Wille ist, wie der Begriff „Wille“ im alltagssprachlichen Gebrauch verwendet wird und welche bezugsdisziplinäre Verständnisse vom menschlichen Willen für den sozialarbeiterischen Diskurs gewinnbringend sein können (vgl. S. 22). Nuss weist darauf hin, dass der Wille ein Begriff ist, der über die Philosophie und Sozialarbeitswissenschaft hinaus in Gebrauch ist und mit Ich-Stärke assoziiert wird. Basierend auf unterschiedlichen historischen Definitionen für den Begriff Willen hat Nuss eine Arbeitsdefinition entwickelt, die er seinen weiteren Analysen zugrunde legt (vgl. S. 34). Ein zentrales Kernelement seiner Definition ist die psychische Grundkraft bzw. Energie, die dem subjektiven Willen inhärent ist und dazu führen kann, dass sich bewusste Motive entwickeln, die Menschen dazu bringen ein bestimmtes Ziel anzustreben. Dieses Definitionskernelement hat Nuss auch bei der Auseinandersetzung mit dem Willensverständnissen sozialarbeiterischer Bezugsdisziplinen (der Psychologie [vgl. Kapitel 2.2], der Rechtswissenschaften [vgl. Kapitel 2.3] und der christlichen Theologie [Kapitel 2.4]) herausgearbeitet.

Dem Willensbegriff der philosophischen Freiheitslehre ist das dritte Kapitel gewidmet. Hier erörtert Nuss, was mit „freier Wille“ in der philosophischen Debatte gemeint ist, welche Voraussetzungen für ein von Willensfreiheit geprägtes Leben in der Philosophie erörtert werden und wie der neurowissenschaftlichen Negation der Willensfreiheit begegnet werden kann. Der Autor hebt hervor, wie die akademische Philosophie das allgemeine Verständnis der „Ich-Stärke“ aufnimmt und dabei vordergründig das Thema der inneren Freiheit fokussiert. Nuss arbeitet heraus, wie im Kern Antworten auf die Determinismusthese gesucht werden: Sind alle Ereignisse, somit auch der menschliche Alltag und subjektive Willensentscheidungen, durch Vorbedingungen festgelegt? Dabei streift er andere philosophische Diskursstränge, u.a. Schopenhauers Vorstellung vom Willen als inneres Wesen des Menschen und Nietzsches Ausführungen des Willens zur Macht (Kapitel 3.1). Anschließend arbeitet Nuss heraus, inwiefern der Kompatibilismus zum Diskurs über den Willensansatz im Fachkonzept Sozialraumorientierung passt. Dabei hebt er hervor, dass Vertreter:innen des Kompatibilismus davon ausgehen, dass es trotz äußerer Beeinflussungsfaktoren möglich ist, etwas frei bzw. willentlich zu tun. Interessant ist, dass der Autor diese Annahme auf die Definition der International Federation of Social Work bezieht, der auch die Annahme zugrunde liegt, dass Menschen durch biopsychosoziale Faktoren beeinflusst werden, aber auch in der Lage sind eben diese Faktoren zu beeinflussen und zu verändern (Kapitel 3.2). Welche Unterschiede im deutschen Sprachgebrauch mit den Begriffen Bildung und Erziehung einhergehen, hat Nuss in Kapitel 3.2.3 herausgearbeitet. Dabei hebt hervor, dass mit Erziehung der Anspruch einhergehe Menschen Wertestandards zu vermitteln und Bildung einen Prozess beschreibe, der darauf abziele, dass Menschen Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung entwickeln. Auch hier ist Nuss' Anspruch erkennbar, hervorzuheben inwiefern Willensfreiheit trotz oder gerade aufgrund externer Einflussfaktoren bestehe. So ist es laut Nuss relevant, dass ein Mensch von anderen Menschen beeinflusst wird, damit er überhaupt weiß, aus welchen Optionen er auswählen kann. Dabei differenziert er zwischen manipulativen Erziehungszwecken und dem Ziel von Erziehung bei den zu erziehenden ein Selbstbild zu erzeugen, aus denen heraus sie sich als Handelnde verstehen und auch in der Lage sind für ihre Handlungen Verantwortung zu übernehmen. An dieser Stelle baut Nuss eine interessante Brücke zur sozialraumorientierten Sozialen Arbeit. Er weist darauf hin, dass Menschen durch eine non-direktive Vorgehensweise von Pädagog:innen dabei unterstützt werden können zu entscheiden, welche Optionen sie für ihr Handeln, Verhalten und ihre Lebensgestaltung realisieren wollen (vgl. Kap. 3.2.3). Anschließend nimmt Nuss einen Exkurs in die Neurologie vor und beschäftigt sich mit dem berühmten Libet-Experiment. Aus den Ergebnissen seines Experiments habe Libet nicht die Schlussfolgerung gezogen, der Wille sei nicht frei. Er verweist darauf, dass es weiterer empirische Untersuchungen bedürfe, um zu beweisen dass Willensfreiheit eine Illusion ist. Nuss arbeitet auf, wie kompatibilistisch orientierte Philosoph:innen die Ergebnisse des Libet-Experiments einordnen. Sie gehen davon aus, dass eine Entscheidung dann willentlich frei getroffen wird, wenn eine Person vor der Entscheidung überlegen kann, was sie tun sollte und die Entscheidung dadurch als Ergebnis ebendieser Überlegungen bestimmt werden kann (vgl. Kap. 3.3). Seine vorangegangenen Erörterungen verknüpft Nuss sodann mit dem Capability Approach, um darauf hinzuweisen, dass von innerer Willensfreiheit nur dann die Rede sein kann, wenn äußere Handlungsfreiheit besteht (vgl. Kap. 3.4).

Im vierten Kapitel hat sich der Autor mit dem Spannungsverhältnis von Sozialer Arbeit und dem (freien) Willen vor dem Hintergrund des sogenannten Doppelmandats aus Hilfe und Kontrolle beschäftigt. Dabei hat er rekonstruiert, dass sich mittlerweile eine Tendenz zu mehr Hilfe mit weniger Kontrolle beobachten lasse. Besonders hervorzuheben ist der vom Autor aufgearbeitete Zusammenhang zwischen dem Menschenrechtsdiskurs als Basis für die Willensorientierung. Bezugnehmend auf Mirandola (1486/2005) hat Nuss nachvollziehbar herausgearbeitet, dass Willensfreiheit als personale Freiheit verstanden werden kann, aus der sich die Würde eines Menschen speist.

Laut Nuss könne erst in jüngerer Zeit von einer Orientierung am Willen gesprochen werden. Neben individualpädagogischen Ansätzen aus der Zeit der Aufklärung, die von einer Auseinandersetzung mit der subjektiven Willensbildung gekennzeichnet waren, weist der Autor daraufhin, dass es Alice Salomon war, die in den 1920er-Jahren die „Aktivierung der Willenskräfte“ (Salomon 1926) postulierte und damit einen Kontrapunkt gegen die vorherrschenden Ausführungen der Willensbrechung und Willenssteuerung setzte. Durch die sogenannte „Alltagswende“ Ende der 1960er-Jahre wurden diese Gedanken wieder aufgenommen und die Perspektiven der Nutzer:innen Sozialer Arbeit in den Mittelpunkt gerückt. Neben der Lebensweltorientierung ist die Gemeinwesenarbeit mit ihren im angelsächsischen Raum zu findenden Vorläufern programmatischer Ausdruck dieser schrittweisen Überwindung paternalistischer Ansätze (Kapitel 4.2 und 4.3).

Das fünfte Kapitel ist der Frage gewidmet, seit wann der Begriff „Wille“ Einzug in sozialarbeiterische Konzepte gehalten hat. Dafür stellt der Autor den Anspruch einen „Begriffsstammbaum zur Willensorientierung (Genealogie)“ (S. 116) zu entwickeln. Für die genealogische Ahnenforschung listet er sodann Begriffe aus Community-orientierten Ansätzen auf, die er im Folgenden in eben diesen Ansätzen analysiert, um die Verwandtschaft zum Willensansatz im Fachkonzept Sozialraumorientierung herauszuarbeiten (vgl. S. 118 f.).

Nuss hebt hervor, dass das Fachkonzept Sozialraumorientierung in der Tradition der Gemeinwesenarbeit und der Settlement-Bewegung steht. Zu Community-orientierten Vorgängern zählt Nuss das Community Organizing, das deutsche Pendant zur Settlement-Bewegung: die Nachbarschaftsheime, und die stadtteilbezogene Soziale Arbeit. Aus dieser Community-orientierten Traditionslinie leitet Nuss ein an Bedürfnissen und Interessen orientiertes Erbe ab, das den Willensansatz der SRO stark gespeist hat (Kapitel 5.2 und 5.3). Bei der Aufarbeitung der Geschichte der Gemeinwesensarbeit hat sich Nuss an dem von Hinte beschriebenen Spielarten orientiert (integrative Gemeinwesensarbeit, wohlfahrtstaatliche Gemeinwesensarbeit, aggressive Gemeinwesensarbeit und katalytisch-aktivierende Gemeinwesensarbeit [vgl. Kapitel 5.3]).

In einem Exkurs hat sich Nuss dem Zusammenhang Community-orientierter Ansätze mit den Konzepten „Lebensweltorientierung“ und „Empowerment“ auseinandergesetzt. Anschließend rekonstruiert der Autor wie sich das Fachkonzept Sozialraumorientierung aus der stadtteilbezogenen Arbeit heraus entwickelt hat (vgl. Kapitel 5.4). Nach einer gebündelten Darstellung der dem Fachkonzept zugrunde liegenden theoretischen Ansätze (u.a. non-direktive Pädagogik, Humanistische Psychologie) hat der Autor eine Brücke zur Berufspraxis geschlagen. Er arbeitet heraus, welche methodischen Arbeitsprinzipien aus den theoretischen Grundlagen für das Fachkonzept Sozialraumorientierung abgeleitet wurden. Die Genealogie des Willensbegriffs in den analysierten Community-orientierten Ansätzen wird durch ein zusammenfassendes Schaubild abgerundet (vgl. S. 195).

Das Prinzip der Willensorientierung sieht sich deutlicher Kritik ausgesetzt. Die Kritikpunkte werden von Nuss in Kapitel 6 gebündelt. Mit der Behauptung, Sozialraumorientierung sei ein antipädagogisches Konzept, da Willensorientierung einzig den Prozess der Entfaltung starkmache und sich plakativ von jeglicher „Bearbeitung und Belehrung“ (Kessl, 2013, S. 295) der Subjekte abgrenze, wird eine generelle Befreiung der Menschen durch die sozialraumorientierte Soziale Arbeit negiert (vgl. Kapitel 6.1.1). Sozialraumorientierung sei sogar ein patriarchales Programm, so die Kritiker:innen, da sie Adressat:innen in ihren benachteiligten Lebenslagen belasse, ohne pädagogisch-unterstützend einzugreifen, womit auf die sogenannten „adaptiven Präferenzen“ hingewiesen wird. Die Präferenzen und damit auch der formulierte Wille der Menschen sei adaptiv, also von ihrer meist prekären gesellschaftlichen Position determiniert (vgl. Kapitel 6.1.2).

Neben der Kritik am Willensansatz arbeitet der Autor in Kapitel 6.2 die ethischen Grenzen von Willensorientierung heraus. In der individuell-ethischen Dimension wurde der ‚Kontext des Möglichen‘ diskutiert und der Frage nachgegangen, wann es auch im generellen Prinzip der Willensorientierung zu legitimieren ist, Entscheidungen für mein Gegenüber zu treffen. Über die „advokatorische Ethik“ als Modell von fundamentalethischen Kriterien, die „moralisch inspirierte Kasuistik“ als Modell von Ethik des Aushandelns im Einzelfall und die „stellvertretende Deutung“ als Modell von Handlungsprofessionalität wird herausgestellt, dass jede am Willen orientierte Arbeit auch notwendigerweise davon geprägt sein muss, dort punktuell Entscheidungen abzunehmen, wo die subjektiven Fähigkeiten der reflektierten Willensentscheidungen (noch) nicht oder nicht mehr vorhanden sind (vgl. Kapitel 6.2.1). Diese Grenzen der inneren Freiheit stehen mit den Grenzen der äußeren Freiheit, dem Kontext des Erlaubten, in Beziehung. Hier wird die bereits in Kapitel 3.4.2 diskutierte soziale Kategorie mit dem Verständnis verbunden, dass die (Willens-)Freiheit der einen da aufhört, wo das Recht der Anderen beginnt. Diese am kategorischen Imperativ orientierte Herangehensweise zeigt auf, dass auch eine am Willen orientierte Soziale Arbeit sich notwendigerweise immer im Spannungsfeld zwischen Wollen und Sollen bewegt. Im Willen steckt Eigenwilligkeit, die unter Umständen nicht mit ethischen Normen einhergeht. Die theoretische Möglichkeit der radikalen Auslegung von Andersartigkeit findet auf der Handlungsebene ihre Konfrontation mit sozialen und rechtlichen Normen (vgl. Kapitel 6.2.2).

Im siebten Kapitel hat Nuss das methodische Prinzip „Willensorientierung“ sozialraumorientierter Sozialer Arbeit mit zentralen Aspekten der kompatibilistischen Willensfreiheit verknüpft. Die Anschlussfähigkeit wird durch die Explikation des zugrunde liegenden Menschenbildes des Fachkonzepts Sozialraumorientierung hergestellt. Der Mensch tritt als Subjekt auf, der bewusst gewollte Entscheidungen treffen kann. Zwar wurde bislang ein Bild von menschlicher Freiheit in Bedingungen gezeichnet, dennoch wurde in den bisherigen Ausführungen zum Fachkonzept Sozialraumorientierung nicht weiter auf die Determinismusthese eingegangen (Kapitel 7.1 und 7.2). Diese Lücke ist mit dieser Arbeit geschlossen worden. Mit der damit einhergehenden freiheitsbefürwortenden Antwort auf den Determinismus wird es möglich, eine Argumentationskette gegen die oben dargestellte Kritik zu entwickeln, die Nuss in diesem Kapitel detailliert aufzeigt.

Das achte Kapitel bildet den Ergebnisteil von Nuss' Studie. Hier bündelt er die vorangegangenen Erörterungen und zieht u.a. folgenden Rückschluss. Die Kritik Willensbegriff des Fachkonzepts Sozialraumorientierung erfordere eine philosophische Auseinandersetzung mit dem Diskurs der Willensfreiheit. Die Frage, ob der Mensch die Möglichkeit hat, einen freien Willen auszuprägen, kann mithilfe der kompatibilistisch gespeisten Anthropologie bejaht werden. Sozialraumorientierung kann sich, wider die gegenwärtig aufgeführten Kritikpunkte, weiterhin als emanzipatorisches und auf die Veränderungsfähigkeit des Subjekts vertrauendes Konzept verstehen.

Diskussion

Die Publikation ist sowohl für wissenschaftlich interessierte Praktiker:innen als auch für anwendungsorientierte Wissenschaftler:innen geeignet. Da der Autor jedes Hauptkapitel mit Zielfragen hinterlegt hat, lässt sich der inhaltliche Kern eines Kapitels zügig erfassen. Darüber hinaus hat Nuss im ersten Kapitel mit einer Grafik in den Aufbau des Buches und die Vorgehensweise der wissenschaftlichen Erörterung eingeführt.

Im zweiten Kapitel ist es dem Autor sehr gut gelungen einen prägnanten Überblick über den alltagssprachlichen Gebrauch des Willenbegriffs, dessen Verwendung in der (deutschsprachigen) Psychologie, der Philosophie und schließlich in der Sozialen Arbeit zu verschaffen. Auch bei der Erörterung der Willensverständnisse der sozialarbeiterischen Bezugsdisziplinen Psychologie, Recht und christliche Theologie hat der Autor nachvollziehbar dargestellt, inwiefern diese Verständnisse relevant für Soziale Arbeit im Allgemeinen sind und wie sie mit dem Willensbegriff im Fachkonzept Sozialraumorientierung zusammenhängen.

Nuss hat im dritten Kapitel willensbezogene Diskursstränge der philosophischen Freiheitslehre zusammenfassend und verständlich aufgearbeitet. Ein Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung mit dem Kompatibilismus. Hier ist es dem Autor gelungen nachvollziehbar darzustellen, dass dem Kompatibilismus die Annahme zugrunde liegt, das Freiheit und Determinismus miteinander vereinbar sind.

Dem Spannungsfeld, dem sich Sozialarbeiter:innen in sozialstaatlich finanzierten sozialen Diensten ausgesetzt sehen, nämlich sowohl helfen als auch kontrollieren zu müssen, hat der Autor anschaulich im vierten Kapitel bezogen auf die Frage nach der Willensfreiheit bearbeitet. Es ist ihm gelungen, einen thematischen Bogen zum Menschenrechtsdiskurs als Basis für die Willensorientierung zu schlagen. Dabei hat er sich kritisch mit der Forderung auseinandergesetzt, Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession zu verstehen. Interessant ist der Vorschlag, Soziale Arbeit nicht als Menschenrechtsprofession ausweisen zu müssen, um Menschenrechte als Begründungsbasis für die Annahme oder Verweigerung von Aufträgen anzuerkennen.

Die zu Beginn des fünften Kapitels aufgelisteten Begriffe zur Entwicklung eines Begriffstammbaums zur Willensorientierung sind zwar schlüssig. Allerdings hat der Autor nicht begründet, wieso er eben diese Begriffe ausgewählt hat. Es folgt ein spannender historischer Rückblick auf den Zusammenhang von Community-orientierten Ansätzen und der Willensorientierung. Hier ist es Nuss gelungen die vielschichtige Geschichte der Settlement-Bewegung, des Community-Organizings anschaulich aber nicht ausufernd aufzuarbeiten. Die Geschichte der Gemeinwesensarbeit in Deutschland auf 14 Seiten aufzuarbeiten (vgl. S. 146 bis S. 161) ist kein einfaches Unterfangen. Dem Autor ist es jedoch geglückt. Bei der Darstellung der von Hinte beschriebenen vier Spielarten der Gemeinwesensarbeit finden auch Studierende schnell einen Zugang in die Entwicklung der Gemeinwesensarbeit in Deutschland.

Der Exkurs zum Zusammenhang Community-orientierter Ansätze mit den Konzepten Lebensweltorientierung und Empowerment ist aufschlussreich, weil es Nuss hier gelungen ist herauszuarbeiten, welche Konzeptideen der drei Ansätze in Wechselwirkung stehen bzw. sich gegenseitig beeinflusst und befruchtet haben (vgl. Kap. 5.3.3).

Bei der Aufarbeitung der theoretischen Grundlagen der Sozialraumorientierung im sechsten Kapitel konnte Nuss plausibel aufzuzeigen, dass nicht die Antipädagogik, sondern die non-direktive Pädagogik das zentrale Theorem dieses Fachkonzepts ist. In einschlägigen Fachdiskursen wird bis heute ohne Quellenbezug behauptet, dass Fachkonzept Sozialraumorientierung basiere auf antipädagogischen Überlegungen (siehe etwa. Kessl 2011, Röh, 2019).

Dieser Hinweis ist ferner relevant, weil Kritiker:innen sozialraumorientierter Sozialer Arbeit häufig ein Argument ins Feld führen: Sozialraumorientierter Sozialer Arbeit, die sich am Willen benachteiligter Menschen orientiert, stehe in der Gefahr, Menschen dabei zu unterstützen weiterhin benachteiligt zu sein, weil sich ihr Wille an die Benachteiligung angepasst habe und diese Menschen daher das wollen, was sie benachteiligt (siehe dazu etwa Kessl 2011 und Röh 2021). Diese Kritik ist ebenso absurd, wie sie zeigt, dass sich entsprechende Kritiker:innen nicht mit den theoretischen Grundlagen des Fachkonzept Sozialraumorientierung auseinandergesetzt haben. Nuss hat dies getan und weist im siebten Kapitel daher quellenbasiert darauf hin, dass ein zentrales Merkmal non-direktiver Pädagogik die „Stechmückenfunktion“ ist, mit der die Aufgabe beschrieben ist, Menschen „fortgehend zu stechen, damit sie sich den gegebenenfalls ungerechten und benachteiligten Lebenslagen nicht widerspruchslos“ (S. 229) fügen.

Im siebten und achten Kapitel stellt der Autor basierend auf den vorangegangenen Analysen dar, inwiefern sich Sozialraumorientierung, wider der aufgeführten Kritikpunkte, weiterhin als emanzipatorisches und auf die Veränderungsfähigkeit des Subjekts vertrauendes Konzept verstehen lässt. Die vorliegende hermeneutische Forschung konnte verdeutlichen, dass dem menschlichen Willen trotz aller Verstrickungen in zuweilen belastende Lebenswirklichkeiten etwas „Eigenes“ innewohnt und die Orientierung daran eine Vergrößerung der Selbstbestimmungspotenziale in den alltäglichen Handlungsvollzügen der Adressat:innen Sozialer Arbeit mit sich bringt.

Dieses erweiterte theoretische Profil ließe sich zukünftig mit dem Terminus „eigener Wille“ besser definieren. Im „Eigenen“ gehen die herausgestellten freiheitsbejahenden Grundlegungen des Kompatibilismus genauso auf, wie die genealogisch nachvollzogenen Traditionen der Unterstützung von Eigenwilligkeit.

Fazit

Mit der vorliegenden Publikation hat Nuss einen relevanten Beitrag zum Diskurs um sozialraumorientierte Soziale Arbeit geleistet. Die Relevanz speist sich aus einer umfangreichen Kenntnis willensbezogener Diskurse aus sozialarbeiterischen Bezugsdisziplinen, die der Autor prägnant, nachvollziehbar und plausibel mit dem methodischen Prinzip der Willensorientierung aus dem Fachkonzept Sozialraumorientierung verknüpft hat. So finden sich in diesem Werk zentrale Argumentationslinien, um der oft nicht quellengestützten Kritik, sozialraumorientierte Soziale Arbeit würde nicht zur Emanzipation des Subjekts beitragen, weil es sich an adaptierten Präferenzen orientiere, fachlich-basiertes Wissen entgegenzuhalten.‘

Literatur- und Quellenangaben

Kessl, F. (2011): Sozialraumorientierung – einige Anmerkungen zur Diskussion. In Behindertenpädagogik. 3/2011. S.: 290–311

Mirandola, Pico della (1486/2005): De hominis dignitate. Über die Würde des Menschen. Stuttgart.

Röh, D. (2019): ‚Wille first, Bedenken second?‘ – Kritische Anmerkungen zur bisherigen Diskussion und konzeptionelle Skizzierung der Herausforderungen, Möglichkeiten und Grenzen von Sozialraumorientierung in der Eingliederungshilfe. In: sozialraum.de (11) Ausgabe 1/2019. URL: https://www.sozialraum.de/‚wille-first,-bedenken-second‘---kritische-anmerkungen-zur-bisherigen-diskussion-und-konzeptionelle-skizzierung-der-herausforderungen,-moeglichkeiten-und-grenzen-von-sozialraumorientierung-in-der-eingliederungshilfe.php, Datum des Zugriffs: 17.10.2022.

Salomon, A. (1926): Soziale Diagnose. Berlin.

Rezension von
Prof. Dr. Michael Noack
Hochschule Niederrhein
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Es gibt 3 Rezensionen von Michael Noack.

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Zitiervorschlag
Michael Noack. Rezension vom 28.11.2022 zu: Felix Manuel Nuss: Willensorientierte Soziale Arbeit. Der Wille als Ausgangspunkt sozialräumlichen Handelns. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. ISBN 978-3-7799-6680-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29339.php, Datum des Zugriffs 29.01.2023.


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