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Christiane Schiersmann: Beraten im Kontext lebenslangen Lernens

Rezensiert von Dr. Jana Swiderski, 27.06.2022

Cover Christiane Schiersmann: Beraten im Kontext lebenslangen Lernens ISBN 978-3-8252-5826-9

Christiane Schiersmann: Beraten im Kontext lebenslangen Lernens. UTB (Stuttgart) 2021. 177 Seiten. ISBN 978-3-8252-5826-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 26,90 sFr.
Reihe: Erwachsenen- und Weiterbildung. Befunde – Diskurse – Transfer - 5
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Thema

Die vorliegende Publikation versteht sich als Lehrbuch und befasst sich mit professioneller Beratung im Kontext lebenslangen Lernens (11). Einerseits werden Individuen aus tradierten Zwängen freigesetzt, sodass sich neue Chancen für die persönliche Lebensgestaltung ergeben. Andererseits führt das zur Unvorhersehbarkeit von Lebensläufen (10). Daraus ergibt sich ein „erhöhter Bedarf an professioneller Beratung als Orientierungs-, Reflexions-, Entscheidungs- und Planungshilfe“ (ebd.). Das Buch führt in zentrale Ansätze der Beratung ein, ohne sich als methodische Anleitung zum Beraten zu verstehen. Es gibt einen Überblick über Axiome und Definitionen der einzelnen Ansätze und informiert über deren wichtige Vertreter sowie Entwicklungen und Weiterentwicklungen. Diese Darstellungen werden gerahmt von einem Vorschlag zur Systematisierung des weiten Spektrums von Beratung sowie von Überlegungen zu Professionalisierung von Beratung, zur Professionalität von Beratenden sowie zum Qualitätsmanagement von Beratungsorganisationen.

Autorin

Die Autorin ist emeritierte Professorin für Weiterbildung und Beratung an der Universität Heidelberg, Fakultät für Verhaltens- und Empirische Kulturwissenschaften, Institut für Bildungswissenschaft.

Aufbau

Das Buch beginnt mit einem thematischen Überblick über die einzelnen Kapitel.

Teil 1 beschäftigt sich mit dem gesellschaftlichen Kontext von Beratung: Welche Bedeutung hat Beratung heutzutage in der Gesellschaft? Und wie kann man das Feld der Beratung systematisieren? Es wird nach der Legitimation von Beratung in der Gesellschaft sowie nach den politischen Rahmenbedingungen von Beratung gefragt.

Teil 2 rückt den Prozess der Beratung in den Mittelpunkt und thematisiert Beratungsansätze wie den verhaltensorientierten Ansatz, den personenzentrierten Ansatz, die systemische Beratung und den lösungsorientierten Beratungsansatz. Am Ende des Kapitels führt die Autorin die verschiedenen Ansätze in ihrem eigenen Beratungsmodell, dem integrativen Ansatz zusammen.

Im abschließenden Teil 3 geht es um Qualität der Beratung. Hier werden drei Aspekte thematisiert: die Professionalisierung von Beratung. Dabei geht es um den gesellschaftlichen Prozess der Herausbildung eines qualifizierten Berufs (142). Die Professionalität als das „kompetente berufliche Handeln der Subjekte“ (ebd.) sowie das Qualitätsmanagement in Beratungsorganisationen.

Die einzelnen Kapitel sind ähnlich aufgebaut. Sie beginnen mit einer kurzen Inhaltsangabe und einem Überblick über die Lernziele. Den Kapiteln sind kurze beispielhafte Einführungen in den Kontext oder auch Fallbeispiele vorangestellt, auf die dann im Folgenden Bezug genommen wird. Die einzelnen Absätze werden häufig in optisch abgesetzten Merksätzen zusammengefasst. Definitionen tragen zur Klärung der Zusammenhänge bei und unterstützen den Lernprozess. Jedes Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung, Fragen und Aufgaben zur Festigung des Gelernten sowie einigen Literaturangaben zur selbstständigen weiteren Aneignung der behandelten Fragestellungen. Zur Veranschaulichung der komplexen Zusammenhänge dienen zahlreiche Grafiken und Schaubilder.

Inhalt

Das erste Kapitel thematisiert die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Beratung. Gesellschaftliche Trends wie Globalisierung, Digitalisierung oder die Dynamik der Märkte beeinflussen Bildungs- und Berufsbiografien. Diese sind weniger durch soziale Bindungen bestimmt, sondern unterliegen zunehmend der individuellen Verantwortung (15). Personen müssen Kompetenzen entwickeln und nachweisen. Daraus ergibt sich Beratungsbedarf für Individuen wie für Klein-, Mittel- und Großbetriebe, und zwar als eine „Beratung im Kontext lebenslangen Lernens“ und konkret als „bildungs- und arbeitsweltbezogene Beratung“ von der „Schule über Ausbildung oder Studium, Berufstätigkeit, Weiterbildung, Aufstieg, Arbeitslosigkeit bis hin zum Übergang in die Nichterwerbstätigkeit“ (17). Dabei werden Definitionen der EU und der OECD ebenso berücksichtigt wie nationale und internationale Aktivitäten zur Förderung von Beratung. Es wird dargestellt, wie Beratung als politisches Steuerungsinstrument im Kontext neoliberalen Denkens fungiert und welche verpflichtenden Formen von Beratung es neben der freiwilligen Inanspruchnahme gibt.

Im zweiten Kapitel wird ein Versuch der Systematisierung unternommen, da das Feld der Beratung sehr heterogen ist. Im Mittelpunkt steht die „bildungs-, berufs- und beschäftigungsbezogene Beratung“ (27). Schwerpunkte der Systematisierung sind Beratungsanlässe, Zielgruppen, Anbietertypen und deren gesetzliche Einbindung. Insbesondere wird auf die Beratung für die Schullaufbahn, den Übergang von Schule – Berufsausbildung, die Berufsausbildung, das Studium, Berufstätigkeit und private Lebenssituationen sowie auf die Beratung besonderer Zielgruppen wie Menschen mit Behinderung, mit Migrationshintergrund oder mit prekärer sozialer Situation eingegangen. Insbesondere auf dem Gebiet der Weiterbildungsberatung ist mit einer stärkeren Nachfrage zu rechnen (34).

Das dritte Kapitel widmet sich der Frage, „was professionelle Beratung ausmacht“ (38). Es stellt wissenschaftlich basierte Definitionen von Beratung dar und arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Beratung zur Psychotherapie heraus. Es wird auf feldspezifische, d.h. auf Inhalte der Beratung bezogene, Konzepte eingegangen, wie z.B. informative, situative oder biografieorientierte Beratung einerseits und Informationsberatung, Lernberatung oder Laufbahnberatung andererseits. Das Kapitel schließt mit einem Blick auf Beratungssettings wie z.B. E-Mail-Beratung, Chat-Beratung oder Videokommunikation.

Das vierte Kapitel führt in verhaltensorientierte Beratungsansätze ein, wie die klassische und instrumentelle Konditionierung nach Pawlow sowie Skinner, das Modelllernen und die Selbstwirksamkeit nach Bandura sowie die kognitive Wende, die Erkenntnisse und Denkprozesse in die Therapie einbezieht. Es werden auch kritische Aspekte erwähnt. Abschließend wird ein erster Einblick in das auf diesen Ansätzen basierende methodische Vorgehen der Beratung gegeben.

Entstehungsgeschichte und Einordnung des durch Carl Rogers geprägten personenzentrierten Beratungsansatzes untersucht Kapitel fünf. Es handelt sich um einen Ansatz, in dem „der Mensch und seine Persönlichkeitsentwicklung im Mittelpunkt stehen sollte“ (63). Persönlichkeitstheorie und Menschenbild von Rogers sind Grundlage seines Beratungskonzepts. Neben kritischen Aspekten werden seine zentralen Annahmen und Grundbegriffe der Beratung sowie Methoden für die Gestaltung des Beratungsprozesses wie einfühlendes Verstehen, Empathie oder Wertschätzung vorgestellt.

Das sechste Kapitel erläutert grundlegende Prinzipien systemischen Denkens, d.h. weg vom linearen und kausalen Denken hin zu einem Denken in Zusammenhängen. Es stellt unterschiedliche theoretische Grundlagen systemischer Beratungsansätze vor, wie z.B. die psychologisch-kommunikationswissenschaftlichen Ansätze von Bateson oder Watzlawick oder die soziologische Systemtheorie von Luhmann. Auch hier kommen kritische Aspekte zur Sprache. Abschließend werden Gesprächsstile und Werkzeuge, die für systemische Ansätze typisch sind, illustriert, wie z.B. zirkuläre Fragen, Reframing oder Umdeutung oder auch positive bzw. wertschätzende Konnotation.

Der lösungsorientierte Beratungsansatz wird im siebenten Kapitel vorgestellt. Er geht im Wesentlichen auf die US-amerikanischen Psychotherapeuten Erickson und de Shazer zurück und hat im deutschen Sprachraum durch Bamberger Verbreitung gefunden. Dieser Ansatz erscheint insbesondere für die bildungs- und arbeitsweltbezogene Beratung attraktiv, da mit der Fokussierung auf Lösungen auch die Zahl der Beratungssitzungen gering gehalten werden soll (89). Auch hier werden theoretische Grundlagen wie kritische Aspekte erörtert sowie die Gliederung des Beratungsprozesses durch ein Phasenmodell dargestellt.

Der im achten Kapitel behandelte integrative Beratungsansatz wird exemplarisch am „Integrativen Heidelberger Prozessmodell für Beratung“ (101) vorgestellt. Dieses Modell „zielt auf eine allgemeine Theorie für Beratung von Personen, Teams und Organisationen“ (102). Neben einem Phasenmodell des komplexen Problemlösens und dem Rekurs auf Theorien der Selbstorganisation bilden Reflexionsprozesse den Kern der Beratung. Dieses Modell integriert „unterschiedliche Methoden bzw. Verfahren aus unterschiedlichen beraterischen Schulen“ (107) und richtet die Gestaltung des Beratungsprozesses an unterschiedlichen Wirkprinzipien wie z.B. stabilen Rahmenbedingungen, ressourcenorientierten Fragen, der Definition von Zielen oder der Umsetzung von Vorhaben und deren Evaluation aus. Es bietet größere Wahlmöglichkeiten für den Einsatz von Methoden und Interventionsformaten (111).

Kapitel neun widmet sich der Professionalisierung von Beratung. Darunter wird der gesellschaftliche Prozess zur Herausbildung eines Berufs verstanden. Es werden Dimensionen der Professionalisierung aufgezeigt. Professionalität wird als Ausdruck der Kompetenz der Beratenden gewertet. Es werden Berufsverbände und Netzwerke vorgestellt, die zur Stärkung der Professionalisierung beitragen, sowie Projekte, die Qualitätsstandards und Qualitätskriterien für Beratung exemplarisch beschreiben.

Kapitel zehn problematisiert „Kompetenz als Kern der Professionalität von Beratenden“ (130). Die Autorin geht der Bedeutung des Begriffs Kompetenz nach und untersucht theoretische Grundlagen. Exemplarisch wird ein von der Autorin und Kolleg:innen entwickeltes Kompetenzmodell vorgestellt, das u.a. prozessbezogene, organisationsbezogene und gesellschaftsbezogene Kompetenzen umfasst (135 f.) und die kognitiven und affektiv-motivationalen Ressourcen der Beratenden einbezieht. Für die empirische Erfassung von Kompetenz werden verschiedene Instrumente vorgestellt, wie z.B. ein Sitzungsbogen oder Videoaufzeichnungen.

Das elfte und letzte Kapitel geht der Frage nach dem Qualitätsmanagement in Beratungsorganisationen nach. Die Autorin grenzt sich von Qualitätsmanagementkonzepten ab, welche die Standardisierung der Prozesse betonen und weniger inhaltliche Standards. Sie stellt daher zwei beratungsfeldspezifische Qualitätskonzepte vor, die den „Anspruch auf eine inhaltliche Definition von Qualität“ (146) betonen. Daran anschließend wird die Notwendigkeit eines Organisationsentwicklungsprozesses begründet und die Phasen dieses Prozesses skizziert. Das Buch schließt mit einem Glossar wichtiger Fachbegriffe.

Diskussion

In einem auch quantitativ überschaubaren Rahmen entfaltet die Autorin das Feld der Beratung mit Bezug auf lebenslanges Lernen, Beruf und Arbeitswelt. In komprimierter Form bietet sie einen systematischen Überblick über ein heterogenes Themengebiet. Dabei nimmt sie auf aktuelle Entwicklungen und Gesetzeslagen wie auch auf bewährte Beratungsansätze Bezug. Deren Grundannahmen und Methoden werden klar und verständlich dargestellt. Es gelingt der Autorin, komplexe Sachverhalte mit Blick auf das Wesentliche zu vermitteln sowie kritische Aspekte zu problematisieren. Die Darstellungen sind mit zahlreichen Fallbeispielen, Merksätzen, Definitionen, Schaubildern, Lernaufgaben sowie Lösungsvorschlägen und weiterführenden Literaturhinweisen didaktisch und auch grafisch aufbereitet. Dadurch eignet sich das Buch sowohl für das Selbststudium als auch als Leitfaden für Dozierende zur Gestaltung von Lehrveranstaltungen zu diesem Thema. Auch Entscheidungsträger in der Politik, in Bildungs- und Weiterbildungsinstitutionen können davon profitieren, liegt doch ein Schwerpunkt des Buches auf dem Thema „Qualität der Beratung“. Dies kann dazu dienen, die Professionalisierung von Beratung, d.h. den gesellschaftlichen Prozess der Herausbildung von Beratungsberufen, zu unterstützen, die Professionalität von Beratenden, d.h. ihre Kompetenz, theoriegeleitet zu fördern und das Qualitätsmanagement in Beratungsorganisationen voranzutreiben.

Fazit

Die moderne Berufs- und Arbeitswelt ist flexibler und offener, aber auch unsicherer und ambivalenter geworden. Mehr und mehr wird den Einzelnen die Verantwortung für ihren beruflichen Werdegang übertragen. Immer öfter entstehen Brüche, die Neuorientierungen und Entscheidungen verlangen. Damit steigt der Beratungsbedarf. Ob Beratung als hilfreich erlebt wird, entscheidet sich oft erst im Nachhinein. Auf jeden Fall sollten professionell Beratende über ein gesichertes Wissen in Bezug auf ihre Tätigkeit, Fähigkeiten zur Reflexion und Selbstreflexion sowie methodisch abgesicherte Kompetenzen verfügen. Das vorliegende Lehrbuch leistet dafür einen Beitrag. Es systematisiert das heterogene Feld der Beratung, es führt in zentrale Beratungsansätze ein und bezieht diese auf die Berufs- und Arbeitswelt. Es stellt Fragen nach Professionalisierung, Professionalität und Qualität von Beratung. Wissenschaftliche Zusammenhänge werden didaktisch und methodisch so aufbereitet und präsentiert, das komplexe Sachverhalte nachvollziehbar werden und eine Grundlage für die selbstständige Vertiefung geschaffen wird. In einem überschaubaren Umfang wird ein breites Themenfeld präsentiert, dessen Bearbeitung den Grundstein für die weitere eigenständige Beschäftigung mit Beratungstheorien und Qualität von Beratung legen kann.

Rezension von
Dr. Jana Swiderski
Erziehungswissenschaftlerin, Arbeitsvermittlerin, Fallmanagerin und derzeit Berufsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit
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Es gibt 3 Rezensionen von Jana Swiderski.

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Zitiervorschlag
Jana Swiderski. Rezension vom 27.06.2022 zu: Christiane Schiersmann: Beraten im Kontext lebenslangen Lernens. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5826-9. Reihe: Erwachsenen- und Weiterbildung. Befunde – Diskurse – Transfer - 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29343.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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