Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anna Christina Nowak, Alexander Krämer u.a. (Hrsg.): Flucht und Gesundheit

Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Warnke, 15.11.2022

Cover Anna Christina Nowak, Alexander Krämer u.a. (Hrsg.): Flucht und Gesundheit ISBN 978-3-7489-0645-2

Anna Christina Nowak, Alexander Krämer, Kerstin Schmidt (Hrsg.): Flucht und Gesundheit. Facetten eines interdisziplinären Zugangs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. 240 Seiten. ISBN 978-3-7489-0645-2.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Der Sonderband der Zeitschrift Z´flucht soll einen Beitrag zur Fluchtforschung in Deutschland leisten. Das Themenfeld Flucht und Gesundheit ist vielschichtig und komplex. Seit ca. 10 Jahren entwickelt sich die Fluchtforschung zu einem interdisziplinären Querschnittsthema, um der Komplexität der verschiedenen Problemlagen gerecht zu werden. Die Situation im Herkunftsland und die Fluchterfahrung, aber auch die Aufnahmesituation in Deutschland und die damit einhergehenden rechtlichen, sozialen sowie kulturellen Herausforderungen, haben einen Einfluss auf den Gesundheits- respektive Krankheitszustand von Geflüchteten. Der Sammelband stellt die Gesundheit(sversorgung) von Menschen mit Fluchtgeschichte aus interdisziplinärer Sicht dar.

Herausgeber*innen

Anna Christina Nowak ist Physiotherapeutin und Gesundheitswissenschaftlerin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld und promoviert zu gesundheitlichen Bedarfen und Bedürfnissen von Menschen mit Fluchtgeschichte im NRW Forschungskolleg FlüGe [1].

Prof. Dr. Alexander Krämer ist Mediziner, Epidemiologe und Gesundheitswissenschaftler und war von 2016 bis 2020 Leiter des Forschungskollegs FlüGe an der Universität Bielefeld. Prof. Krämers Forschungsschwerpunkt im Bereich Globale Gesundheit schließt auch das Setting Migration mit ein.

Dr. Kerstin Schmidt ist Postdoktorandin im Bereich Migrationssoziologie an der Universität Bielefeld. Sie lehrt und forscht u.a. zu Kategorisierungen von Migrant*innen sowie Migration und Klimawandel. Von 2019 bis 2020 war sie Koordinatorin des Forschungskollegs FlüGe.

Entstehungshintergrund

Zumeist steht in deutschen Forschungskontext die Integration von Geflüchteten im Fokus. Weniger Beachtung fand bisher die Gesundheitsversorgung von Menschen mit Fluchtgeschichte. Die Gruppe der Geflüchteten ist geprägt von Heterogenität – die unterschiedlichen Bedarfe und Bedürfnisse finden häufig keine Berücksichtigung. Aufgrund der Komplexität des Themenfeldes entstand der vorliegende Sammelband, um interdisziplinäre und personenbezogene Sichtweisen in den Mittelpunkt der Betrachtung zu setzen. Im Forschungskolleg „FlüGe – Chancen und Herausforderungen globaler Flüchtlingsmigration für die Gesundheitsversorgung in Deutschland“ wurden inter- bzw. transdisziplinäre Ansätze miteinander verbunden. Zwölf Promovierende aus den Bereichen Gesundheitswissenschaften, Rechtswissenschaften, Philosophie, Psychologie, Biologie und Theologie arbeiteten gemeinsam zum Forschungsfeld „Flucht und Gesundheit“. Zentrale Perspektive aller Teilprojekte war die Bestandsaufnahme und Bewertung des Gesundheitszustandes und der Gesundheitsversorgung von Geflüchteten.

Aufbau

Der 240-seitige Sammelband umfasst nach einer Einleitung der Herausgeber*innen zwei Teile. Im ersten Teil wird das Recht von Geflüchteten auf Gesundheitsversorgung analysiert, im zweiten Teil der Gesundheitszustand sowie die medizinische und psychotherapeutische Versorgungssituation von Menschen mit Fluchtgeschichte thematisiert.

Facetten und Perspektiven der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Fluchtgeschichte: in interdisziplinärer Zugang (Anna Christina Nowak, Kerstin Schmidt, Alexander Krämer)

Teil I: Rechtliche und philosophische Annäherungen zum Recht auf Gesundheitsversorgung für Menschen mit Fluchtgeschichte

1. Existenzminimum, Gleichbehandlung und Menschenwürde: Rechtliche Anforderungen an die Gesundheitsversorgung von Asylsuchenden (Constanze Janda)

2. Asylbewerberleistungsgesetz und medizinisches Existenzminimum (Lena Frerichs)

3. Ein Verfahren zur Bestimmung des Mindestmaßes an Gesundheitsversorgung (Corinna Stöxen)

4. Zum Gebrauch und normativen Gehalt der Begriffe Vulnerabilität und Bedürftigkeit im Kontext von Gesundheitsversorgung geflüchteter Menschen (Sylvia Agbih)

5. Ist der eingeschränkte Anspruch auf gesundheitliche Versorgung von geflüchteten Menschen eine diskriminierende Praxis? (Thomas Schramme)

Teil II: Gesundheit und Gesundheitsversorgung von Menschen mit Fluchtgeschichte – empirische Ergebnisse und gesundheitswissenschaftliche Reflexionen

6. Einflussfaktoren auf die subjektive Gesundheit bei Asyl- und Schutzsuchenden in Deutschland (Matthias Hans Belau, Ralf E. Ulrich)

7. Psychotherapeutisches Arbeiten mit Geflüchteten? – Eine Navigationshilfe für die Praxis (Anna-Maria Thöle, Ulrike Kluge)

8. Vulnerabilität von Frauen mit Fluchterfahrung in der Phase des Mutterwerdens (Anna Kasper)

9. Zur Bedeutung einer ressourcenorientierten Perspektive auf die Situation von unbegleiteten Minderjährigen in der Postmigrationsphase (Lea-Marie Gehrlein)

10. Die Inanspruchnahme der Gesundheitsversorgung von Geflüchteten in Deutschland – Ergebnisse einer empirischen Analyse (Anna Christina Nowak, Claudia Hornberg)

11. Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) für Asylsuchende in Berlin: eine erste Bewertung (Vanessa Ohm, Miriam Knörnschild, Nora Gottlieb)

Inhalt

Der erste Teil des Sammelbands Rechtliche und philosophische Annäherungen zum Recht auf Gesundheitsversorgung für Menschen mit Fluchtgeschichte umfasst fünf Beiträge aus rechtswissenschaftlicher bzw. philosophischer Perspektive. Alle Beiträge fokussieren den Zugang zum deutschen Gesundheitssystem, denn dieser unterscheidet sich je nach Status. Asylsuchende haben während der ersten 18 Monate des Aufenthalts nur ein Recht auf Behandlung bei akuten Erkrankungen und Schmerzen (§ 4 Asylbewerberleistungsgesetz – AsylbLG). Erst nach Abschluss des Asylverfahrens bzw. nach Ablauf der 18 Monate haben sie den umfassenden Leistungsanspruch der Gesetzlichen Krankenversicherung. Die Beiträge von Janda, Frerichs und Stöxen widmen sich dieser Ungleichbehandlung beim Zugang zum Gesundheitssystem:

  • Janda zeigt auf, dass diese Ungleichbehandlung dem im Grundgesetz verankerten Recht auf Menschwürde widerspricht.
  • Frerichs fokussiert das fehlende Recht auf eine adäquate Behandlung chronischer Erkrankungen und diskutiert dies im Kontext des im Grundgesetz festgeschriebenen Recht auf Gewährleistung eines menschwürdigen Existenzminimums.
  • Stöxen schlägt ergänzend dazu ein Verfahren zur Ermittlung des gesundheitsbezogenen Existenzminimums als Teil des menschwürdigen Existenzminimums vor.

Ergänzt werden diese drei Beiträge um die Beiträge von Agbih und Schramme, die die Thematik aus philosophischer Sicht diskutieren: 

  • Agbih widmet sich den Begriffen „Vulnerabilität“ und „Bedürftigkeit“ und reflektiert deren Wechselbeziehung.
  • Schramme erörtert das Thema soziale Gerechtigkeit in Hinblick auf den eingeschränkten Zugang zur gesundheitlichen Versorgung.

Der zweite Teil des Sammelbands Gesundheit und Gesundheitsversorgung von Menschen mit Fluchtgeschichte – empirische Ergebnisse und gesundheitswissenschaftliche Reflexionen umfasst sechs Beiträge. Die Beiträge greifen die Erkenntnisse aus dem ersten Teil auf und stellen die Ergebnisse ihrer quantitativen, qualitativen bzw. mixed-methods Studien dar:

  • Belau und Ulrich untersuchen die gesundheitsbezogene Lebensqualität – und damit Einflussfaktoren auf die auf subjektive Gesundheit bei Asyl- und Schutzsuchenden in Deutschland – auf Grundlage der Daten der von der Universität Bielefeld durchgeführten FlüGe-Gesundheitsstudie. Psychische und muskuloskelettale Erkrankungen, körperliche Schmerzen sowie Beeinträchtigungen der körperlichen Funktionsfähigkeit nehmen eine entscheidende Rolle im Kontext der subjektiven Gesundheit ein. Der Ausschluss der Behandlung chronischer sowie psychischer Erkrankungen im AsylbLG kann zu schwerwiegenden Langzeitfolgen bei den Betroffenen führen.
  • Die psychotherapeutische Versorgungssituation wird von Thöle und Kluge analysiert. Basierend auf empirischen Daten und klinischer Erfahrung wird eine Navigationshilfe für niedergelassene Psychotherapeut*innen entwickelt.
  • Der Beitrag von Kasper fokussiert Frauen in der Phase des Mutterwerdens. Ungünstige Lebensumstände während und nach der Flucht tragen zu einer größeren Vulnerabilität der Frauen und der Neugeborenen bei.
  • Im Zentrum des Beitrags von Gehrlein stehen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Die Autorin zeigt auf, dass die Zuweisung als „vulnerabel“ in dieser Gruppe das Risiko einer Stigmatisierung in der psychosozialen Betreuung erhöhen kann, Ressourcen und Schutzfaktoren dieser Personen nicht genug Beachtung finden.
  • Der Beitrag von Nowak und Hornberg beschäftigt sich mit dem Zugang zum Versorgungssystem in Hinblick auf Verfügbarkeit, Erreichbarkeit, Organisation, Finanzierung und Akzeptanz am Beispiel einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Gesundheitssystem genutzt wird, aber 20 % der Befragten geben an, schon einmal medizinische Versorgung benötigt, diese aber nicht erhalten zu haben.
  • Ohm, Knörschild und Gottlieb gehen auf Grundlage einer Kostenanalyse und qualitativen Interviews der Frage nach, ob die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) aus praktischer und ökonomischer Sicht sinnvoll ist. Die Autorinnen konstatieren die Vorteile einer eGK, so z.B. vereinfachte Arbeitsabläufe sowie einen Abbau von Zugangsbarrieren in der Nutzung medizinischer Leistungen.

Diskussion

Der Sammelband bietet umfassende Informationen zum Thema Gesundheit und Menschen mit Fluchterfahrung. Das Buch ist gut strukturiert und – bei Sammelbänden/Zeitschriftenartikeln nicht immer selbstverständlich – die Beiträge ergeben ein stimmiges Ganzes. Das Buch ist eine sehr informative und gute Lektüre für Pädagog*innen/​Sozialarbeiter*innen, Beratende und Lehrende und kann sowohl Praktiker*innen als auch Studierenden sowie Dozent*innen empfohlen werden. Nicht nur für Professionelle, die im Gesundheitssektor tätig sind, sondern auch gerade für Professionelle der Sozialen Arbeit, die an den Schnittstellen arbeiten, sind die Beiträge relevant für die Arbeit. Auch wenn das Thema auf den ersten Blick sehr spezifisch erscheinen mag – letztlich betrifft es viele Handlungsbereiche außerhalb der primären Gesundheitsversorgung und ist daher als Lektüre sehr empfehlenswert.

Fazit

Der Sammelband bietet eine exzellente Grundlage und Einblick in das Thema Flucht und Gesundheit und ist auch für Professionelle die nicht direkt im Gesundheitssektor tätig sind relevant. Die Artikel bauen aufeinander auf und ergänzen sich hervorragend.


[1] „FlüGe – Chancen und Herausforderungen globaler Flüchtlingsmigration für die Gesundheitsversorgung in Deutschland“ NRW-Forschungskolleg unter Beteiligung von sechs Fakultäten der Universität Bielefeld.

Rezension von
Prof. Dr. Andrea Warnke
Professorin für Soziale Arbeit, IU Duales Studium, Hamburg
Mailformular

Es gibt 21 Rezensionen von Andrea Warnke.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andrea Warnke. Rezension vom 15.11.2022 zu: Anna Christina Nowak, Alexander Krämer, Kerstin Schmidt (Hrsg.): Flucht und Gesundheit. Facetten eines interdisziplinären Zugangs. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2021. ISBN 978-3-7489-0645-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29349.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht