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Jan V. Wirth, Helmut Lambers: Soziale Arbeit – 75 Lern- und Praxiskarten

Rezensiert von Erik Weckel, 25.10.2022

Cover Jan V. Wirth, Helmut Lambers: Soziale Arbeit – 75 Lern- und Praxiskarten

Jan V. Wirth, Helmut Lambers: Soziale Arbeit – 75 Lern- und Praxiskarten zu Theorien, Methoden und Gesprächstechniken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. 20 Seiten.
Booklet mit 20 Seiten und 75 Karten EAN 401-917240008-8

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Thema

Soziale Arbeit, Theorien, Begriffe, Methoden und Modelle. Grundlegendes Sozialer Arbeit für Studium, Lehre und Praxis, auch für die Arbeit mit Klient_innen, soll durch die 75 Lern- und Praxiskarten angeregt und ins Gespräch gebracht werden, zur Reflexion. Karten auf der Hand, mit kurzen Texten versehen. „Alltag stellt sich in modernen Gesellschaften stets als komplex, widersprüchlich und nur schwer durchschaubar dar“, beginnt die erste Karte zur „Alltags- und Lebensweltorientierung“.

Autoren

Jan Volker Wirth und Helmut Lambers sind zentrale Persönlichkeiten in der Sozialen Arbeit, die sich mit Theorie und Praxis des Faches intensiv beschäftigen und publizieren. Jan Volker Wirth ist Exponent der Theorie der Lebensführung, Helmut Lambers Vertreter einer sich systemtheoretisch verstehenden Sozialen Arbeit. Lambers, inzwischen Emeritus, veröffentlichte u.a. die bereits in 5., überarbeiteter Auflage vorliegende „Theorien der Sozialen Arbeit. Ein Kompendium und Vergleich“, und zeichnet verantwortlich für die Sammlung von Interviews aktueller Theoretiker_innen der Sozialen Arbeit (www.theorien-sozialer-arbeit.de). Dort befragt er beispielsweise auch J.V. Wirth über sein theoretisches Denken, das Lambers in seinem Kompendium einer „sozialarbeitswissenschaftlichen Theorieentwicklung“ zuordnet. Wirth, ebenfalls in systemtheoretischer Tradition denkend, lehrt an der AKAD University Stuttgart, publizierte u.a. das „Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der systemischen Praxis, Methodik und Theorie“, für das im Winter 2022 eine zweite erweiterte Auflage angekündigt ist. Beide teilen ihre Kontakt-e-Mails im beiliegenden booklet mit.

Aufbau

Die Lern- und Praxiskarten befinden sich in einem schön gestalteten festen Karton mit einem Booklet von 20 Seiten, mit neun unnummerierten Kapiteln plus Literaturverzeichnis und Autorenvorstellung. Die 75, in vier Kategorien farblich unterschiedenen, Lern- und Praxiskarten nehmen Theorien auf, Begriffe, Methoden und Modelle zur Sozialen Arbeit.

Inhalt

Das Booklet beginnt mit dem Inhaltsverzeichnis, gefolgt von einer Auflistung aller Karten nach den Themenbereichen und gibt damit einen schnellen Überblick über alle vorgestellten Begriffe, von der Alltags- und Lebensweltorientierung bis zur Systemisch-ontologischen Sozialen Arbeit (Theorien, 19 Karten), von Ambivalenz bis Zirkularität (Begriffe, 20 Karten), von Biografiearbeit bis Zeitstrahl (Methoden, 20 Karten) und von Abschlussgespräch bis Zielführung (Modelle, 16 Karten) (S. 3 f.). Wirth und Lambers bezeichnen sie als das Miteinander des „Erkennens“, „Verstehens“, „Handelns“ und „Sprechens“ (8f).

Die Karten sind für Praxis und Lehre erstellt, für Lehrende und Fachkräfte, Teams und Einrichtungen. In knappen Sätzen führen die Autoren ihr Verständnis aus zur Profession, Reflexion und zum (eigenen) Wandel. Wirth und Lambers zeigen auf, wer die Karten zu welchem Zweck einsetzen kann und laden ein weitere zu erproben. Die herangezogene Lerntheorie ist „erfahrungsbasiert“ und zielt auf die Bearbeitung von Ambivalenzen.

Die Karten sind jeweils beidseitig bedruckt, mit kurzen Erläuterungen auf der Vorder- und mit praktischen Hinweisen auf der Rückseite. Auf den nummerierten Karten stehen weitere Zählungen, die Querverweise zu positiven Bezügen herstellen. In den Texten finden sich hochgestellt Zahlen, hinter Begriffen, denen Pfeile vorangestellt sind. Diese verweisen auf mittelbare Bezüge, die auf Unterscheidung (Differenz) zielen. Wer diese Verweise der Karten zusammenträgt, der oder dem erwächst ein umfassendes Begriffsnetzwerk von Zugehörigkeit und Differenz.

Die Gründe für die Erstellung der Karten werden klar benannt. Es geht um Passungen und Kontraste, um besondere Kennzeichen der Förderung der Beteiligung, von Transparenz und Ergebnisoffenheit, um zentrale Merkmale der vorgelegten Ansätze und um real-gegenständliche Erfahrung von Theorien und Methoden. Mit den Karten lassen sich die Ideen begreifen.

Zehn Vorgehensweisen der Arbeit mit den Karten sind empfohlen. Mit Hilfe den Karten liessen sich die Gedanken besser einordnen, der Bezug zu Konsequenzen herstellen und erörtern. Krisen, Übergänge und Entwicklungsverläufe seien besser analysier- und verstehbar. Zufällig ausgewählte Karten bereicherten Fallperspektiven, Reflexionen und Bezüge zu aktuellen Diskussionen und erweitern Handlungsmöglichkeiten. Sie unterstützten die Fallarbeit. Wirth und Lambers bezeichnen ihre Profikarten als dialogische Lernmedien.

Das Booklet schließt mit der Literatur und den konkreten Quellen über die Aussagen auf den Karten, das ist sehr gut, regt an zur Überprüfung und führt damit auch zu den Quellen. Auf der letzte Seite sind die beiden Autoren vorgestellt.

Diskussion

Für den Einsatz der Karten geben Wirth und Lambers zehn Empfehlungen, und laden dazu ein darüber hinaus mit ihnen zu experimentieren. Die Karten lassen sich vielfältig einsetzen. Durch ihre knappe Darstellung motivieren sie zur Wahrnehmung. Gleichzeitig provozieren kurze Fassungen durch ihre notwendigen Abstraktionen oder Verdichtungen Fragen zu einzelnen Wörtern und ihren konkreten Bedeutungen, die für sich genommen nicht zwingend oder eineindeutig verständlich sind oder weitere Verständnisse öffnen. Studierende sind gefordert nachzufragen oder vertiefend zu recherchieren. Insofern sind die Karten hervorragend für einen Einstieg und reflektierenden Diskurs in die Themen nutzbar. Die Querbeziehungen zwischen den Karten eröffnen bereits Komplexitäten und Zusammenhänge bzw. Differenzen und immer wieder Fragen … Diese wahrzunehmen und damit in präzises Denken einzutreten ist sehr förderlich. Interessant ist auch, warum nicht bei allen Begriffen Verbindungen zu allen Kategorien bestehen (Theorie – Begriffe – Methoden – Modelle). Ein Beispiel: Die Theorie der Alltags- und Lebensweltorientierung (Karte 1) stellt Verknüpfungen her zu weiteren Theorien (Hermeneutik und Kritische Theorie), prima, zu Begriffen wie Gerechtigkeit und Macht oder zu einer Methode (Biografiearbeit), aber zu keinem Modell. Wer ein Gewebe beispielsweise nur aus den Wörtern der Theorie und Begriffe zusammenlegt, sieht, das deutlich mehr Begriffe im Umfeld der systemtheoretischen Ansätze zusammenfinden, während andere Theoriebegriffe in dieser Kombination alleine stehen, wie beispielsweise „Ökosoziale Arbeit“, „Kritischer Rationalismus“ oder „Empowerment“. Nicht alle Begriffe finden die wechselseitigen Verweise. So ist im Beispiel der Verweis auf die „Kritische Theorie“, umgekehrt jedoch nicht. Zwischen „Alltagsorientierung“ und „Hermeneutik“ findet sich der wechselseitige Verweis. Allein diese Bilder reizen zu Diskussionen. Spannend, und da müssen wir schließlich tiefer einsteigen, als es mit den Karten möglich ist, wenn beispielsweise Verweise auf „zu unterscheidendes“ (9) aus dem einen Kontext im anderen mit anderen Bezügen verbunden werden. Auch hier bleibe ich beim Beispiel der „Alltagsorientierung“, bei der auf den Begriff „Lebensführung“ unterscheidend verwiesen wird und auf der Karte zur „Lebensführung“ andere Denktraditionen in den Fokus rücken, als sie sich in der „Alltagsorientierung“ finden, wie ein systemisch orientierter Systembegriff oder die Begriffe „Inklusion“ und „Exklusion“. Dies wahrzunehmen erfordert tiefere Kenntnisse oder eine moderierte Diskussion. Sehr gut ist, dass die jeweiligen Quellen der Texte (16-19) auf den Karten, neben dem basalen Literaturverzeichnis, im Booklet ausgewiesen sind und damit auch zur unmittelbaren Überprüfung der Herkunft oder des Kontextes oder zur weiteren Lektüre einladen.

Fazit

Erkennen, verstehen, handeln und sprechen sind grundlegende Fähigkeiten in der Sozialen Arbeit. Dazu regen die Karten an. In ihrer Konzentration und Praktikabilität sind sie ein gutes Werkzeug, um in die Erarbeitung dieser Grundlagen einzusteigen. Sie erfordern jedoch der fachlich reflektierten Vertiefung. Sie regen zum Denken in Zusammenhängen und Differenz an und verdeutlichen, dass die jeweiligen Denksysteme ihr Eigenleben in Differenz zu anderen finden. Diese Erkenntnis ist schon eine wesentliche, die zum präzisen Denken einlädt. So sind Ziele (die Karte weist „Zielführung“ aus) nicht nur SMART, sie werden „SMARTER“, „R“ wie „rejustierbar“ (Karte 75).

Rezension von
Erik Weckel
M.A., Politikwissenschaftler, Dozent an verschiedenen Hochschulen, u.a. an der HAWK Hildesheim in der Sozialen Arbeit, Erwachsenenbildner
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Es gibt 9 Rezensionen von Erik Weckel.


Zitiervorschlag
Erik Weckel. Rezension vom 25.10.2022 zu: Jan V. Wirth, Helmut Lambers: Soziale Arbeit – 75 Lern- und Praxiskarten zu Theorien, Methoden und Gesprächstechniken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2022. Booklet mit 20 Seiten und 75 Karten EAN 401-917240008-8

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über Beltz Verlag. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29351.php, Datum des Zugriffs 29.11.2022.


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