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Jürgen Hargens: Therapie ... hilft doch auch nicht, oder?

Rezensiert von Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz, 21.06.2022

Cover Jürgen Hargens: Therapie ... hilft doch auch nicht, oder? ISBN 978-3-86465-166-3

Jürgen Hargens: Therapie ... hilft doch auch nicht, oder? Erzählung. Trafo Verlag (Berlin) 2022. 213 Seiten. ISBN 978-3-86465-166-3. D: 12,80 EUR, A: 13,20 EUR.
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Thema

Der Begriff Therapie aktiviert bei potentiellen Nutzer*innen sehr unterschiedliche Bilder. Für manche ist es immer noch mit der sprichwörtlichen Couch verbunden, auf die sie sich legen, um das eigene Seelenleben – unbekannte Tiefen der eigenen Biographie – zu ergründen. Der Therapeut bzw. die Therapeutin ist in dieser Vorstellung Experte/​Expertin, der/die Klient*innen das Selbstverstehen erleichtert und mit seinen/​ihren analytischen Fähigkeiten unnahbar „auf einem Sockel“ steht.

Für andere potentielle Nutzer*innen ist Psychotherapie ein Hoffnungsort, Möglichkeit sich in schwierige Lebenssituationen auszusprechen und zu entlasten. Für wieder andere stellt es ein praktisches Tun zur Linderung von Symptomen und Erlernen neuer Verhaltensstrategien mit Hilfe von Gesprächen und Übungen dar. Dennoch findet sich auch hier häufig das Bild einer „Reise ins Unbekannte“, das vom Geschick der Fachkräfte abhängt und dessen Ausgang schwerlich vorherbestimmt werden kann.

Jürgen Hargens möchte mit seinem Buch die Vorstellungen über Psychotherapie und Psychotherapeut*innen bereichern, normalisieren und damit auch entmythologisieren. Es geht ihm um eine Beschreibung der Prozesse im therapeutischen Raum, dem Spannungsfeld zwischen den beteiligten Personen mit ihren Wünschen, Erwartungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Der Autor wechselt in der Erzählperspektive zwischen dem Therapeuten Peer Hinrichs, Protagonist seiner Erzählung, und seinen Klient*innen.

Autor und Entstehungshintergrund

In das Buch mit seinen Geschichten eines Therapeuten und der Lebensgeschichten seiner Klient*innen fließt die therapeutische Erfahrung und Expertise von Jürgen Hargens ein, Pionier des lösungsfokussierten Ansatzes in Deutschland. Er ist u.a. langjähriger Trainer in Weiterbildungen, war Herausgeber der „Zeitschrift für systemische Therapie“ und ist Autor zahlreicher Fachbeträge und Bücher.

Neben seinem Wirken für den lösungsfokussierten Ansatz, ist es eine Leidenschaft des Autors Geschichten und Erzählungen über das Leben zu schreiben. Es geht in den Erzählungen um menschliche Schicksale, alltagsnah und einfühlend beschrieben. Für Jürgen Hargens sind dabei ein Themenschwerpunkt die Möglichkeiten und Grenzen von Psychotherapie und die Chancen für eine Kooperation in diesem Setting. Unverzichtbar ist ihm dabei die Einladung die Sichtweisen der Nutzer*innen auf ihr Leben, ihre Ideen zu ihrer Weiterentwicklung und den Stellenwert von Psychotherapie in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen.

Aufbau und Inhalt

Jürgen Hargens steigt in seinem Buch über die therapeutische Arbeit von Peer Hinrichsen und die Lebensgeschichten seiner Klient*innen direkt mit einer Familienberatung ein. Mit Familie Schmieder erlebt der Therapeut eine herausfordernde Situation, konflikthaft und kontrovers zwischen den Generationen und den Eheleuten. Am Ende der Therapiesitzung bleibt Peer fragend und nachdenklich über seine durch den Ehemann in Zweifel gezogene therapeutische Kompetenz zurück.

Die Geschichte der Familie Schmieder wird danach in seiner spannungsvollen Dynamik fortgeschrieben, die Familienkrise zwischen Frau Schmieder mit ihren beiden heranwachsenden Kindern und auf der anderen Seite dem häufig aufbrausend dominanten Ehemann. Hier wechselt der Autor die Erzählperspektive und vermittelt so die verschiedenen Sichtweisen auf das Familienthema. Neben dem Aufbrechen der Rollen und Alltagsgewohnheiten wird das Suchen nach Lösungen durch alle Familienmitglieder beschrieben – anschlussfähig an die von Jürgen Hargens stammende These von den kundigen Menschen.

Eine zweite Klientin – Frau Memerig – erleben die Leser*innen im Zeitfluss der Therapiestunden. Hier sieht sich der Therapeut mit einer anderen Herausforderung konfrontiert. Gegenüber der attraktiven Frau muss sich Peer immer wieder in seinem Verhalten kontrollieren, um eine angemessene Distanz und Neutralität zu behalten (und sich nicht zu „verraten“). Hier erfährt der Leser bzw. die Leserin lebensnah das Erwachen von Barbara nach einer „durchzechten“ Nacht, voller Zweifel und Ängste dem Leben und anderer Menschen gegenüber. In der therapeutischen Arbeit geht es um Krisenbegleitung und Stabilisierung. Hoffnungsvoll stimmen hier die Freundinnen, die sich um die Klientin bemühen und auch nicht durch das z.T. schroffe Verhalten von Barbara Memerig entmutigen lassen.

Den Therapeuten erleben die Leser*innen in seinem Alltag, seinem „Durchschnaufen“ zwischen den Therapiesitzungen, seinem Kontakt mit seiner Büroassistentin Frau Bessmer und seinem Zusammenleben mit Sonja, seiner Frau und auch in beruflichen Dingen hilfreiche Begleiterin. Jürgen Hargens beschreibt seinen Protagonisten Peer Hinrichsen lebensnah und differenziert und lässt ihn immer wieder suchend, zweifelnd und dabei gleichzeitig aufmerksam und mitfühlend an der Seite der Klient*innen stehen. Und – immer wieder hält Peer inne, um seine kleinen oder großen Lernerfahrungen mit den kundigen Menschen – seinen Klient*innen zu reflektieren. 

In diesem Alltagsfluss bildet ein Highlight die sich anbahnenden Kooperation in einer Intervisionsgruppe von Psychotherapeut*innen. Im Fall der Familie Schmieder bietet die kollegiale Kooperation eine erste wichtige Hilfe durch das Wechsel der Räumlichkeiten und des Settings (Arbeit mit dem Reflekting Team von fünf Kolleg*innen). Im kreativen Raum des kollegialen Austauschs reift dann auch die Idee … aber hier möchte ich nicht zu viel vorwegnehmen.

Als Stilelement arbeitet der Autor in episodischen Übergängen mit Zitaten, Thesen und Beobachtungen namhafter Therapeut*innen und Wissenschaftler*innen und bietet so Impulse für die Reflexion von Denkgewohnheiten und Haltungen im Kontext von Therapie und Beratung.

Zielgruppen

Das Buch – ohne eigene Zielgruppenempfehlung – läd zum Mitdenken und Fühlen in das Leben des Therapeuten Peer Hinrichsen ein. Es bietet einige Parallelen zum Denken, dem Lebens- und Therapieverständnis von Jürgen Hargens, ohne dass diese Verbindung im Buch thematisiert wird. Eine anregende, gleichzeitig lehrreiche und unterhaltsame Lektüre erscheint mir das Buch für Therapeuten/Therapeutinnen, Berater/Beraterinnen und psychosoziale Fachkräfte in sozialen Diensten. Es werden quasi „im Vorbeigehen“ einige Grundsätze des lösungsfokussierten Arbeitens angesprochen und in ihrem Gewinn für die Kooperation mit den Klient*innen beschrieben. Genauso können aber auch Nutzer*innen von Psychotherapie durch die Lektüre Anregungen zu einer erweiternden Sicht auf das Handeln von Therapeut*innen und die Bedeutung ihres „Eigensinns“ als unverzichtbare Komponente für ein gelingendes Leben bekommen. 

Diskussion

Es ist für mich – anders als bei einem Fachbuch – schwierig, eine Erzählung zu diskutieren. Jürgen Hargens steht für die Weiterentwicklung des lösungsfokussierten Ansatzes. In der alltagsnahen Erzählung des therapeutischen Handelns seines Protagonisten ebnet er den Zugang und erweitert das Verständnis von Psychotherapie. Die Beschreibungen des therapeutischen Handelns hat nichts von Lehrbuchstil oder Vorzeigefällen, sondern gibt den Blick auf das Zweifeln und das Suchen nach hilfreichen Wegen in der Kooperation mit den Klient*innen frei.

Besonders profitieren können Menschen, die gegenüber Therapie skeptisch sind und für sich einen erweiterten Blick auf eine hilfreiche Zusammenarbeit mit den Therapeut*innen suchen. Hierfür gibt Jürgen Hargens einen interessanten Einblick in die Praxis seines Protagonisten – einem lösungsfokussiert ausgebildeten Psychotherapeuten.

Fazit

Es liegt eine lebensnahe und hoffnungsvolle Erzählung über das Leben, die therapeutische Praxis seines Protagonisten, die Zweifel und das Suchen nach hilfreicher Kommunikation mit den Klient*innen und die Fortschreibung der Geschichten in den Klientensystemen vor. Unverzichtbar ist Jürgen Hargens dabei die Einladung die Sichtweisen der Nutzer*innen auf ihr Leben, ihre Ideen zu ihrer Weiterentwicklung und den Stellenwert von Psychotherapie.

Besonders wichtig sind ihm dabei die sprachlichen Implikationen des therapeutischen Handelns und das unverzichtbare Einbeziehung der „kundigen Menschen“.

Rezension von
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Es gibt 41 Rezensionen von Hans-Jürgen Balz.

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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 21.06.2022 zu: Jürgen Hargens: Therapie ... hilft doch auch nicht, oder? Erzählung. Trafo Verlag (Berlin) 2022. ISBN 978-3-86465-166-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29352.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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