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Klaus Kokemoor, Thomas Harms (Hrsg.): Von der Ohnmacht zur Handlungskompetenz

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 28.06.2022

Cover Klaus Kokemoor, Thomas Harms (Hrsg.): Von der Ohnmacht zur Handlungskompetenz ISBN 978-3-8379-3145-7

Klaus Kokemoor, Thomas Harms (Hrsg.): Von der Ohnmacht zur Handlungskompetenz. Die Begleitung von Kindern mit herausforderndem Verhalten. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 160 Seiten. ISBN 978-3-8379-3145-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Reihe: Neue Wege für Eltern und Kind
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Autor

Klaus Kookemoor ist Diplom-Sozialpädagoge und Supervisor. Er arbeitet nach der Methode der Entwicklungsbegleitung Doering, der psychomotorischen Praxis Aucouturiers und mit der Video-Interaktionsanalyse nach Marte Meo und ist Koordinator für Inklusion in Hannover.

Aufbau

Nach einem Vorwort von Karl Gebauer, einer Einleitung und Angaben zur Vorgeschichte stellt der Autor seine Arbeitsmethoden vor: Entwicklungsbegleitung, das Dreiraumprinzip, den Blickwechsel der Erzieher bei Kindern mit herausforderndem Verhalten und Hinweise zu Dienstbesprechungen. Er schließt mit dem Kapitel ‚Von inneren und äußeren Bildern‘ und einem Fazit ‚Die Faszination kindlicher Reifungsprozesse‘.

Inhalt

Karl Gebauer: Vorwort.

Das Berufsbild der Erzieher wurde durch die Erwartungen an eine qualitativ gute Arbeit aufgewertet. Dies setzt bei schwierigen Kindern eine ständige Entschlüsselung und Interpretation von Verhalten voraus, die nach Kokemoor am besten im Team zu leisten ist. In diesem Buch stellt er die Videoaktionsanalyse vor. Diese ist fokussiert auf kleinste Bewegungen, Laute, Gesten der Kinder und der Interaktionen der Erzieher, die durch Videoaufzeichnungen konkretisiert werden und verzerrte subjektive Wahrnehmungen korrigieren. Indem die Potenziale der Kinder entdeckt werden, sind Veränderungen möglich. Beide, Erzieher und Kind, erleben positiv ihre Selbstwirksamkeit.

Einleitung.

Kinder folgen oft nicht den Forderungen der Erwachsenen, werden aber auch oft verzerrt wahrgenommen (z.B. ‚Sorgenbild‘). Videoaufnahmen können die Bilder der Erwachsenen – von dem eigen Verhalten und dem des Kindes – korrigieren und einen Perspektivwechsel ermöglichen. Wahrnehmung und Verstehen gestalten die Beziehung und bilden die Grundlage des Handelns. Aufgrund von vorgefassten Erwartungen und Ängsten ist dieser Anspruch nicht immer leicht einzulösen. Das ‚Dreiraumprinzip‘ und die Videoaktionsanalyse können Hilfestellung leisten und Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Reale Bilder aus der Praxis zeigen wie Beziehungen auch zu schwierigen Kindern in einem Wechselspiel von inneren und äußeren Bildern aufgebaut werden.

Zum Schluss wird ein struktureller Rahmen zur Entwicklungsbegleitung vorgestellt.

Vorgeschichte.

Die Beobachtung des verhaltensauffälligen Kindes Simon, mit der Videokamera aufgenommen, zeigt seine Eigeninitiative und Kooperation. Diese vermitteln den Erziehern ein anderes Bild des Jungen, der sehr sensibel auf den körperlichen Kontakt zu den Erziehern reagiert. Seine positiven Ressourcen werden nach der Methode Marte Meo aktiviert (Information anstelle von Korrektur), insgesamt ein Perspektivwechsel angeregt und damit erreicht, dass er seine anfänglich negative Rolle aufgibt.

Entwicklungsbegleitung.

Der Schwerpunkt liegt stärker auf den Ressourcen der Erwachsenen: die abwartende Aufmerksamkeit und die Begleitung von Handlungen mit Worten. Im Einzelnen werden beschrieben die Potenzierung der Aufmerksamkeit, das innere Bewegtsein (Anteilnahme am Spiel), die reine Beobachtung als Einstieg und die Einladung in die Interaktion. Gezeigt wird das Auftauchen des Anderen im Zusammenspiel mit einem autistischen Kind, der Seitenwechsel des Erziehers nach Beobachtung des Videos, die Unterstützung von Selbstbildung anstelle von Instruktion (‚von der Kränkung zur Heilung‘) durch gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung.

Das Dreiraumprinzip.

Es ist eine Hilfestellung für Erwachsene, sich ihrer Rolle, Verpflichtung und Verantwortung in der Begleitung eines Kindes klar zu werden. Entstanden ist das Prinzip in Gesprächen mit Eltern autistischer Kinder und dient der Veranschaulichung von Beziehungsmomenten, was Zeit und Aufmerksamkeit und einen geeigneten Organisationsraum (Stress entsteht leicht, wenn die Organisation der Erwartungen von Versorgung und Beziehung nicht klappt), einen Begleitungsraum (dem Kind Präsenz, auch beim Spiel zu zeigen) und einen Regenerationsraum (Pausen zur Erholung und zum Abschalten) erfordert. Für Kinder ist das Spielen ein Regenerationsraum.

Die Trennung der Räume ist eine theoretische Konstruktion und dient der Bewusstmachung, da Übergänge im Alltag oft fließend sind. Folgen, Lenken und Leiten sind verschiedene Kommunikationsformen (anschauliches Beispiel). Die übermäßige Befangenheit im Organisationsmodus kann die Entwicklungsbedürfnisse der Kinder aus dem Auge verlieren. Eine Rollenklarheit kann Entlastung bringen.

Blickwechsel: Kinder mit herausforderndem Verhalten.

Herausfordernde Kinder fordern Aufmerksamkeit, auch wenn die Gründe dafür unterschiedlich sind, und wecken bei Erwachsenen Gefühle von Angst und Ohnmacht. Wie kann man mit solchen Kindern positiv interagieren? Am Beispiel des 4j. Leon, der noch einnässt, andere Kinder schlägt und bei einer Pflegemutter aufwächst, aber gut spielen kann und auf Zuwendung reagiert, wird entdeckt, dass der Junge die Konflikte zwischen seinen Eltern und der Pflegemutter ausagiert, indem er sich die ihm fehlende Zuwendung in der Kita holt.

Für die Erzieher bedeuten schwierige Kinder oft eine Überlastung und wecken gleichzeitig Ohnmachtsgefühle (Beispiel Jerome). Wichtig ist es, den Blick auf das Kind durch Videoaufnahmen zu verändern und in einer Zwischenanalyse im Team zu erörtern. Dabei ist das Dreiraumprinzip (Kind, Betreuer, Video/Team) eine wichtige Hilfe. Am Beispiel Melek wird beschrieben, wie er über die Beziehung zur Erzieherin spielerisch aktiv wird und von der Beziehungs- auch auf die Handlungseben wechselt.

Die Dienstbesprechung als Raum der Entwicklungsbegleitung.

Regelmäßige Dienstbesprechungen haben eine fundamentale Bedeutung für die Zusammenarbeit im Team. Sie dienen nach dem Dreiraumprinzip der Organisation, Regeneration- und Begleitung. In jede Dienstbesprechung ‚gehört ein Kind‘.

Obgleich die Professionalisierung der Fachkräfte zugenommen hat, dient die Dienstbesprechung nach wie vor der Fortbildung und Supervision. Die Video-Bilder sind wichtig, weil sie einen differenzierteren Blick auf den pädagogischen Alltag und eine gemeinsame Arbeitsgrundlage ermöglichen. Wichtig ist dabei vor allem der Blick auf die positiven Seiten des Kindes (Kommunikations- und Spielfähigkeit, anhand einer Checkliste). Es werden grundlegende Ressourcen der Erwachsenen beschrieben in Bezug auf entwicklungsförderndes Verhalten (Beispiele), Interventionen im Konfliktfall durch Präsenz, Verbundenheit, Partizipation und Inklusion. Der Abschnitt schliesst mit sieben Schritten zur Problembewältigung (Problembeschreibung, Eindrücke sammeln, reflektieren und neue vermitteln, Differenzierung, Prozessbeschreibung und Reflexion der Handlungsebene.

Von inneren zu äußeren Bildern.

Die Erzieher könne mitunter aufgrund eigenen Leidens das Leiden der Kinder nicht hinreichend wahrnehmen (Beispiel). Wichtig ist aber die Aufmerksamkeit und Beziehung vor Ort zur Vertiefung der Spiel- und Bindungsfähigkeit der Kinder.

Erzählungen der Kinder orientieren sich häufig nicht nur an äußeren, sondern vor allem an inneren Bildern. Diese im Spiel zu verstehen und zu begleiten vertieft die Beziehung. Sie sind Grundalge für ein gemeinsames Fantasiespiel und Verständigung untereinander. Allzu häufiger Medienkonsum kann die Entwicklung von eigenen inneren Bildern beeinträchtigen.

Es folgt ein Darstellung eines Beratungsgespräches über einen schwierigen Jungen mit den Eltern und im Team und Überlegungen zu Handlungsmöglichkeiten.

Fazit: Die Faszination kindliche Reifungsprozesse.

Das Fazit widmet sich Reflexionen über die Kulturunabhängigkeit von kindlichen Spielen. Schwierig ist es, Verhalten anzuerkennen, wenn man den Sinn nicht begreift (Beispiel autistische Kinder); gerade dann ist aber das Einlassen auf die spontanen Initiativen des Kindes wichtig. Gezielte alltägliche Beobachtungen und inklusive Lernangebote aus der Perspektive des Kindes zu gestalten, erfordert Rahmenbedingungen und eine entsprechende Haltung.

Diskussion

Dieses Buch ist für Erzieher in der alltäglichen Praxis im Heim, in der Kindertagesstätte und im Hort geschrieben, ist aber auch geeignet für Lehrer und kann auch von Eltern mit Gewinn gelesen werden. Die vorgestellten Videoaufzeichnungen ermöglichen nicht selten einen anderen Blick auf die Kinder. Das wird anschaulich und nachvollziehbar an den vielen Fallbeispielen, die sich jeweils auf die Kinder und Erzieher beziehen, gezeigt. Diese wirken nicht nur einfühlbar, sondern regen auch zu eigenen Beobachtungen an. Theoretisch ist vor allem interessant wie sehr die Blickweise der Erwachsenen einseitig und damit auch undifferenziert – beeinträchtigt durch Gefühle von Angst und Ohnmacht – ist und die Herstellung einer entwicklungsfördernden Beziehung und Bindung behindert.

Da dieses Buch für Praktiker geschrieben ist, nimmt es mehr auf konkrete Situationen Bezug. Das ausführliche und interessant Literaturverzeichnet gibt jedoch auch dem stärker theoretisch Interessierten reichlich Hinweise.

Fazit

Ein wichtiges und für den erzieherischen Alltag geschriebenes Buch, das alltagstaugliche Anregungen enthält und nach meiner Sicht sehr zu empfehlen ist.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 28.06.2022 zu: Klaus Kokemoor, Thomas Harms (Hrsg.): Von der Ohnmacht zur Handlungskompetenz. Die Begleitung von Kindern mit herausforderndem Verhalten. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3145-7. Reihe: Neue Wege für Eltern und Kind. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29356.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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