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Hans-Jürgen Wirth: Gefühle machen Politik

Rezensiert von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann, 14.09.2022

Cover Hans-Jürgen Wirth: Gefühle machen Politik ISBN 978-3-8379-3151-8

Hans-Jürgen Wirth: Gefühle machen Politik. Populismus, Ressentiments und die Chancen der Verletzlichkeit. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. 260 Seiten. ISBN 978-3-8379-3151-8. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Psyche und Gesellschaft
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Thema

Die Motivationskraft von Gefühlen bei individuellen und kollektiven Beziehungen und Abgrenzungen.

Autor

Hans-Jürgen Wirth ist psychologischer Psychotherapeut, Psychoanalytiker und Professor für Soziologie und Psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt/M. und Gründer des Psychosozial-Verlags und Mitherausgeber der Zeitschriften psychosozial und Psychoanalytische Familientherapie.

Entstehungshintergrund

Populismus, Ressentiments, Hass und Neid vergiften das soziale Zusammenleben. Alternativen sind – anknüpfend an die menschliche Verletzbarkeit – Empathie, Trauer, Mitleid, Besorgnis.

Gefühle beeinflussen das politische Handeln, und mit Gefühlen wird Politik gemacht.

Aufbau

Nach einer Einleitung folgen Kapitel »Zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Populismus«, zum »Brexit – Ergebnis einer Politik des Machtmissbrauchs und des Ressentiments«, »Argwohn, Misstrauen, Verfolgungsängste – Verschwörungstheorien in der Coronakrise«, »Das Radikal Böse als Bestandteil der menschlichen Existenz«, »Von der ‚Unfähigkeit zu trauern‘ bis zur ‚Willkommenskultur‘ – zur psychopolitischen Geschichte der Bundesrepublik«, »AfD und Grüne – konträre Welt- und Menschenbilder«, »Das neue Bewusstsein der Verletzlichkeit« und »Zeitenwende«

Inhalt

Einleitung

Eine Diagnose über den gegenwärtigen Zeitgeist muss nach Wirth mit der Analyse der 1960er-Jahren beginnen und sich mit den komplexen gesellschaftlichen und politischen Ursachen des grassierenden Rechtspopulismus befassen, soweit er sich aus der ‚Giftmülldeponie‘ der NS-Vergangenheit bedient. Weltweit hat dieser, wie ein Glaubenssystem, eine Orientierungsfunktion übernommen in Gestalt von Größenfantasien und negativen Affekten. Seit den 60ern hat sich in der Bundesrepublik eine offene rechtsextreme Szene entwickelt, die 1992 zu gewaltsamen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen geführt hat. Inzwischen finden sich rechtspopulistische Ansichten in der Mitte der Gesellschaft. Misstrauen und Verfolgungsängste wurden verstärkt durch die Kontaktbeschränkungen während der COVID-19-Pandemie. Wirth geht es um die Wurzeln des ‚radikal Bösen‘. Er beschäftigt sich ausführlich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte, der ‚Unfähigkeit zu trauern‘, der Entwicklung von konträren Weltbildern (AfD und Grüne) und dem Einfluss, den Gefühle auf die Politik haben, unter Einbeziehung neurowissenschaftlicher, philosophischer, soziologischer und psychoanalytischer Erkenntnisse.

1. Zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Populismus

Gleichzeitig in unterschiedlichen Staaten aufgetreten, gibt es trotz Unterschieden auch Gemeinsamkeiten des Populismus: Hass auf die Eliten (antielitär), Alleinvertretungsanspruch (antipluralistisch), Verschwörungsmentalität, affektiver Furor (Ressentiment, Wut, Hass, Neid, Ekel, paranoide Gefühle und Einfühlungsverweigerung) als gemeinsam geteilte negative Emotionen. Autoritäre Persönlichkeitsstrukturen unterstützen Brandstifter, die aus den Emotionen politisches Kapital schlagen (Beispiel Gauland).

Wirth geht auch auf die Schwierigkeiten im Umgang mit populistischen Äußerungen in psychotherapeutischen Behandlungen ein und schildert die Psychodynamik anhand eines Fallbeispiels.

2. Brexit – Ergebnis einer Politik des Machtmissbrauchs und des Ressentiments

Der Brexit, eine Entscheidung von historischer Tragweite, sei u.a. ein Ergebnis politischer Eitelkeit (Beispiel von Johnson), von Illusionen eines Souveränitätsgewinns und von Mobilisierung antieuropäischer Ressentiments – auf der Grundlage eines gekränkten Nationalstolzes.

3. Argwohn, Misstrauen, Verfolgungsängste – Verschwörungstheorien in der Corona-Krise

Thema sind die psychologischen, familiendynamischen, gruppen- und massenpsychologischen Hintergründe von Verschwörungsideen, von epidemischem Vertrauen und Misstrauen. Wirth beschreibt am Beispiel des Mentalisierens, wie Vertrauen in sich selbst und den anderen entwickelt wird. Unterstellungen oder fehlende Wahrnehmung begünstigen Misstrauen (Hypermentalisierung und Pseudomentalisierung).

Familien sind in der Krise besonders starken sozialen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Darauf angemessen zu reagieren ist in angstneurotischen, paranoiden und hysterischen Familien schwierig. Aber die Pandemie kann auch positiv zu einem verstärkten Kontakt führen; ähnliche Mechanismen sind auch in Gruppen zu beobachten.

Die Kontakteinschränkungen werden unterschiedlich erlebt, wecken sogar bei Einigen – unterstützt von Intellektuellen – eine Lust an Verschwörungstheorien und Regelverstößen (gegen eine ‚total verwaltete Gesellschaft‘).

Untersuchungen (Decker/Brähler 2018) zeigen einen Zusammenhang zwischen frühem Kindheitsmisstrauen und Ressentiments und Verschwörungsfantasien im Erwachsenenalter. Angst kann sozialpsychologisch und politisch ein guter und schlechter Ratgeber sein (Querdenkerbewegung, moderne Geisterbeschwörung, Lust an Grenzüberschreitungen). Misstrauen und Impfskepsis verbinden sich mit Ängsten vor einer existenziellen Bedrohung (z.B. Klimawandel) und Verlust an Autonomie – von politisch rechts bis links. Gelassenheit und eine angemessene Besorgnis um das eigene Wohl und das der anderen und der Gesamtgesellschaft unterstützen ein solidarisches Miteinander.

4. Das radikal Böse als Bestandteil der menschlichen Existenz

Die Beschäftigung mit dem ‚radikal Bösen‘ ist nach dem Holocaust unvermeidlich geworden. Handelt es sich bei den Tätern um Psychopathen, Borderlinern, Charakterpathologien oder – um ‚ganz normale‘ Menschen? Schon Hannah Arendt sprach angesichts von Eichmann von der ‚Banalität des Bösen‘. Kann Töten auch zur Pflicht und zur Routine werden? Wie steht es mit der Pathologie der Anführer (Gefühlsarmut und innere Leere)? Handelt es sich um einen ‚malignen Narzissmus‘ (Kernberg 1985) oder um autoritäre Charaktere? Schließt Normalität Pathologie aus? Gibt es maligne Großgruppenidentitäten? Und welche Rolle spielt der Todestrieb (Freud 1929/1930)?

5. Von der »Unfähigkeit zu trauern« bis zur »Willkommenskultur« – zur psychopolitischen Geschichte der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik finden sich Rechtspopulismus und »Willkommenskultur«. Welche Folgen haben die kollektiven Traumatisierungen: Der erste und zweite Weltkrieg, der Holocaust als Zivilisationsbruch, die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, die Vertreibungen nach dem 2. Weltkrieg? Kollektive Abwehr war die Unfähigkeit zu trauern und die vorübergehende Atombegeisterung. Ein Aufbruch geschah in den Jugendbewegungen der 1960er- und 1970er-Jahre und politisch mit Gustav Heinemann und Willy Brandt und darauf folgend eine Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem destruktiven atomaren Potenzial (Tschernobyl/​Fukushima), mit den Kriegskindheiten im und nach dem zweiten Weltkrieg, dem Trauma der Vertreibung nach 1945 und der „Willkommenskultur“. Was bedeutet diese Geschichte heute für die kollektive Identität der Deutschen?

6. AfD und Grüne – konträre Welt- und Menschenbilder

In »kalten« Kulturen (Lévi-Strauss) spielt Tradition eine zentrale Rolle, »heiße« hingegen sind durch stetigen Wandel gekennzeichnet. Eine relativ »kühle« war die DDR. AfD und Grüne vertreten extreme Gegenpositionen und haben unterschiedliche Wähler hinsichtlich Nettoeinkommen, Arbeitslosigkeit und Konfession; Grüne haben einen hohen Anteil an Abiturienten und Frauen. Die Wählerschaft der AfD zeigt autoritäre, unterwürfige, konventionelle Züge (Autoritarismus-Skala, Beierlein et. al. 2014), während die der Grünen sich tolerant, autoritätskritisch und unkonventionell äußern. Beide zeigen hohe Werte auf der Narzissmus-Skala, aber aus unterschiedlichen Gründen: Bei den Wählern der AfD überwiegt negativ das Gefühl der Kränkung, während bei den Grünen positiv eine erfolgreiche Selbstverwirklichung zu beobachten ist. Das Menschenbild der AfD-Anhänger ist rückwärtsgewandt und geprägt von Ressentiments, rassistischen Stereotypien und Menschenfeindlichkeit, das der Grünen ist zukunftsorientiert und geprägt von Solidarität, Emanzipation und Selbstverwirklichung.

7. Das neue Bewusstsein der Verletzlichkeit

Die Pandemie hat gezeigt, wie verletzbar wir sind. Wirth unterscheidet zwischen »Vulnerabilität« und »Trauma«, Erstere bezeichnet eine menschliche Daseinsstruktur von Empfindsamkeit und Sensibilität (Charakteristikum des Lebendigen von Geburt an), während ein Trauma eine Verletzung bedeutet. Der Mensch ist also solcher über die Haut verletzbar, aber auch empfänglich für Liebe und Zärtlichkeit. Die angeborene elementare Hilflosigkeit des Säuglings macht ihn abhängig von Resonanz und Vertrauen; positiv entwickelt sich daraus eine Sensibilität, Einfühlung und Empathie für sich selbst und für andere. Das Bewusstsein eigener Verletzlichkeit – und die der anderen – erzeugt ein Gefühl kollektiver Verantwortung.

8. Zeitenwende

Der Krieg gegen die Ukraine bedeutet eine ‚Zeitenwende‘ (Scholz 2022). Es entstand das neue Leitbild »wehrhafter Friede«, das neben Verständigung und Kooperation auch militärische Stärke umfasst. Zwar hatte man gesellschaftlich und politisch die Gefahr eines Atomkrieges im Auge (Abrüstungsdebatten), doch nicht – trotz Tschetschenien – die eines Angriffs- und Vernichtungskrieges Putinscher Prägung und die Abhängigkeit Deutschlands von fossiler Energie aus Russland.

Ein Teil der ostdeutschen Bevölkerung hegt immer noch Sympathien für Russland und plädiert für Neutralität im Ukrainekrieg (AfD und Linke). Die Grünen schwanken zwischen Pazifismus und Wehrhaftigkeit (Unterstützung von Freiheits- und Bürgerrechtsbewegungen); ihnen fallen sogar Waffenlieferungen leichter als der SPD (Tradition von Willy Brandt und Bahr?). Die russische Propaganda greift zurück auf den 2. Weltkrieg und inszeniert einen Opferstatus (trotz des Molotow-Ribbentrop-Paktes).

Die Wende 1989 führte in Deutschland auch zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, während unter Putin die Auseinandersetzung mit der Stalinzeit schrittweise unterbunden wurde. Die Auflösung der UdSSR kann als kollektive narzisstische Kränkung verstanden werden, insbesondere da sie mit einem Zerfall staatlicher Strukturen und einer schweren Wirtschaftskrise einherging. Putin gelang eine gewisse Stabilisierung.

Wirth weist auf den gekränkten Nationalstolz von Putin hin und dessen traumatische Qualität aber auch darauf, dass die Verleugnung kollektiver Traumata (Stalinzeit) auch zur Wiederkehr der Gewalt führt, die auch sexuell als Kriegswaffe eingesetzt wird.

Auf kollektiver Ebene kann in Großgruppen ein »gewähltes Trauma« (Volkan 1999) unbearbeitet und Generationen übergreifend i.S. eines Opfermythos weiter gegeben werden (Mythen funktionieren – wie Träume – unter Aufhebung der Zeit).

Selenskyj bietet ein Gegenmodell zu Putin in der Akzeptanz seiner Vulnerabilität und selbstironischen Distanz zur Heldenrolle. Der aktuelle Krieg von Russland gegen die Ukraine wird individuelle, familiäre und kollektive Traumatisierungen über Generationen hinterlassen.

Diskussion

Ein nachdenkliches Buch, das nicht alle Fragen beantwortet (z.B. die des ‚radikal Bösen‘), aber wenigstens stellt. Es ist nicht leicht zu lesen, weil – wie das umfangreiche Literaturverzeichnis zeigt – es zahlreiche Verweise auf weitere Literatur enthält und deshalb auch vom Leser Zeit und Geduld erfordert, die sich allerdings lohnt. Denn es handelt sich im Kern um einen psychoanalytisch und sozialpsychologisch geschulten Blick des Autors auf aktuelle politische Probleme, insbesondere den Krieg in der Ukraine und die Entwicklung in Deutschland und Russland nach 1945 und nach der Wende 1989.

Der Rückgriff auf die 1960er- und 1970er-Jahre in Westdeutschland kann nachträglich als Chance begriffen werden, demokratische Werte auszuprobieren und politisch (Grüne) umzusetzen und sich von autoritären Vorbildern zu lösen. Dass dieser Prozess in der ehemaligen DDR partiell auch stattgefunden statt zeigt die ‚friedliche Revolution‘, allerdings haben nicht alle daran teilgenommen, wie die Zustimmungswerte zur AfD zeigen.

Kern des Anliegen von Wirth als ‚Sozialtherapeut‘ ist der Hinweis auf die konstitutionelle Vulnerabilität des Menschen, die Hilflosigkeit des Neugeborenen und seine Angewiesenheit auf liebevolle Einfühlung und Verständnis als Identifikationsangebot, die erlebte Einfühlung in die eigenen Bedürfnisse auch zu einer Einfühlung in die Bedürfnisse anderer einzusetzen. Eine solche Kultur muss in Diskursen gepflegt und vermittelt werden, was mitunter Entscheidungen nicht leichter macht, aber den Vorteil hat, dass Konflikte nicht destruktiv mit Gewalt gelöst werden.

Gefehlt hat mir nach den Hinweisen auf die frühe Vulnerabilität des Menschen ein Exkurs über soziale Angst und Unsicherheit, die zur Anpassung und zum Mitläufertum auch dann verführt, wenn der Vulnerabilität in der Kindheit ausreichend gut Rechnung getragen wurde. Diese zu überwinden setzt ein hohes Maß an Autonomie voraus und eine Bereitschaft zu einem existenziellen Einsatz.

Ich hoffe, ich habe vermitteln können, wie sehr das Buch zu eigenen selbstkritischen Überlegungen anregt. Und: da Gefühle keine Politik machen, aber Menschen mit ihren Gefühlen Politik machen, sind es gerade die fundamental spaltenden heftigen Gefühle von Hass, Ressentiment und Rechthaberei, die eine destruktive Politik, insbesondere in kriegerischen Auseinandersetzungen, bestimmen.

Fazit

Ein sozialpsychologisch wichtiges und lesenswertes Buch, das zum Nachdenken über die Bedeutung von Gefühlen bei der Lösung aktueller sozialer und politischer Probleme anregt.

Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 14.09.2022 zu: Hans-Jürgen Wirth: Gefühle machen Politik. Populismus, Ressentiments und die Chancen der Verletzlichkeit. Psychosozial-Verlag GmbH & Co. KG (Gießen) 2022. ISBN 978-3-8379-3151-8. Reihe: Psyche und Gesellschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29357.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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