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Herbert Kremp: Morgen Grauen

Rezensiert von Dr. Peter Michael Hoffmann, 15.08.2022

Cover Herbert Kremp: Morgen Grauen ISBN 978-3-95768-232-1

Herbert Kremp: Morgen Grauen. Von den Anfängen des Zweiten Weltkriegs. Lau-Verlag (Reinbek) 2022. 712 Seiten. ISBN 978-3-95768-232-1. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Thomas Kielinger (Verfasser eines Geleitworts)
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Thema

In diesen besonderen Zeiten mit fast täglich neuen Meldungen über den Krieg Russlands gegen die Ukraine erleben wir aktuell die katastrophalen Folgen der gewaltsamen Durchsetzung territorialer Gebietsansprüche und hegemonialen Machtstrebens. Vieldeutig und mit dem zeitlosen Titel „ Morgen Grauen“ wirbt das letzte Buch von Herbert Kremp um Leser: Sein Thema ist quasi in diese Zeit gefallen. Es beschreibt und analysiert die Ereignisse im Vorfeld des 2. Weltkrieges. Naheliegend, dass diese Analyse über Strategien im Vorfeld der Entstehung von Krieg Interesse weckt für mögliche Verhaltensweisen, Einstellungen und Geschehnisse deren Wirkungen gestern und eben auch heute derartige Katastrophen stimulieren, ermöglichen oder fördern. Kriege fallen nicht vom Himmel: Die einen haben schon immer Gefahren erkannt und vor Katastrophen gewarnt, andere zeigen sich, ob eigener Fehleinschätzungen, grenzenlos überrascht und enttäuscht.

Die Lektüre des Buches mit seinen umfassenden Analysen über die Wirkzusammenhänge des Entstehens der Katastrophe des 2. Weltkrieges könnte jedenfalls davor bewahren, zum Krieg in der Ukraine schnelle Analysen, Schlussfolgerungen und Lösungen quasi „aus dem Ärmel“ zu schütteln.

Die Wege in den Krieg und die Strategien Hitlers die Wirtschaft, das Militär und die Gesellschaft auf diese Schritte vorzubereiten ist ein Thema zu dem es so viele Publikationen gibt, dass man damit vermutlich Bibliotheken füllen könnte. Ein großes Angebot ermöglicht auszuwählen und dabei können Konzepte und Vorgehensweisen des Autors zur wichtigen Wahlhilfe werden. Die Leitgedanken und Vorstellungen zur Bearbeitung des Themas unterscheiden sich bei Kremp markant von Konzepten anderer Autoren. Kremp betrachtet Geschichte nicht nur aus dem Blickwinkel des Endes oder den Ergebnissen eines langen Kampfes, sondern aus seiner Vorgeschichte und beschreibt zeitverbunden, wissenschaftsorientiert und in vielschichtigen Kontexten die Handlungsweisen der großen Akteure im Vorfeld des Krieges. Er charakterisiert nicht nur die handelnden Personen, sondern erläutert und beschreibt die situativen Rahmenbedingungen in denen die Akteure wie z.B. Churchill, Mussolini oder Stalin gehandelt und entschieden haben. Es stellen sich Fragen, welche Bündnisse zu welchen kriegerischen Verwicklungen führten. Welche Allianzen waren Einladungen zum Krieg, und welche nur Finten oder dienten der Absicht, einzuschüchtern oder Kriege zu verhindern. Gelegentlich waren es plötzliche Veränderungen der Prämissen oder persönliche Animositäten, die dazu führten, bedeutsame Bündnisse spontan aufzukündigen. Welche Pläne und Operationen scheiterten am Durchsetzungsvermögen der Akteure, und was misslang wegen der Unfähigkeit oder Zeitmangel, die Machbarkeit von Operationen und Strategien im Vorfeld angemessen zu prüfen. Hitlers Kriegs – und Bündnisstrategien und die faktische Verknüpfung mit den individuellen Charakteren der damaligen Protagonisten europäischer Politik sind für den Autor wichtig zum Verständnis der Vorgeschichte des 2. Weltkrieges. In diesen interdependenten Politikszenarien zwischen Hitler und verschiedenen politischen Machtzentren, entstanden – auch auf Grund von Unwägbarkeiten militärischer Entwicklungen – Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen. Die verheerenden Folgen sind oft verwirrend und verworren und verdienen es gerade deshalb, analytisch nachgezeichnet zu werden. Dies ist das Anliegen des Autors: Über Geschichte nicht nur zu berichten, sondern auch beschreibend analysierbar zu machen.

Das im Wortsinn umfassende 700-seitige Geschichtswerk wurde erst nach dem Tod des Autors veröffentlicht. Herbert Kremp hat noch als 91-Jähriger bis zu seinem Tod im März 2020 an diesem Werk gearbeitet.

Autor

Herbert Kremp war ein deutscher Journalist und Publizist ( geb. 12. August 1928 in München; gest. 21. März 2020 ). Seine akademische Laufbahn begann mit Studien zum Staatsrecht, Philosophie und Geschichte an der Universität München und parallel dazu Studien zur Nationalökonomie an der Universität in Frankfurt/Main. Mit einer Arbeit über Theorien von Oswald Spengler, Max Weber und Arnold Toynbee wurde er an der Philosophischen Fakultät der Münchner Universität promoviert.

Der berufliche Werdegang begann mit Tätigkeiten als Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Später wurde er Chefredakteur bei der Rheinischen Post. In den Jahren 1969 bis 1985 war er dreimal Chefredakteur der Tageszeitung Die Weltund ab 1985 auch ihr Herausgeber. Er war viel in der Welt unterwegs, um geschichtliche Ereignisse zu kommentieren, beispielsweise in der Reformperiode Deng Xiaopings in Peking und 1987 in Brüssel als Berichterstatter von EG und NATO.

Mehrere Buchveröffentlichungen weisen ihn als kenntnisreichen politischen Autor aus. Gegen linke Politik und deren zugehörigen gesellschaftlichen Strömungen zeigte er sich betont kritisch. Schon in seiner ersten größeren Publikation – „Am Ufer des Rubikon“ – warnt er in einer Art Bestandsaufnahme vor den Folgen der 68er-Revolte und ihren „kollektivistischen Verführungen“. Zu seinen weiteren wichtigen Büchern gehörten u.a. „Die Bambusbrücke – Mein asiatisches Tagebuch“ (1980) und „Wir brauchen unsere Geschichte“ (1988).

Aufbau und Inhalt

Im Inhaltsverzeichnis ordnet der Autor die Themen des Buches in drei Hauptteile:

  1. Der Sprung ins Dunkle
  2. Krieg
  3. Die Schichtung des Konfliktes

Diese drei Hauptteile ordnen die 14 Kapitel mit den Themenschwerpunkten. Einige Einführungen informieren über die nachfolgenden Inhalte der Kapitelthemen mit zahlreichen Untertiteln.

Der Rezensent kann bei einer so umfassenden Dokumentation nur beispielhaft für einige, nach subjektiven Kriterien ausgewählte, interessante Themen aus den Inhalten des Buches werben.

Zu Beginn würdigt Thomas Kielinger (Journalist und Autor – Freund und viele Jahre Kollege von Herbert Kremp) – mit einer kurzen Beschreibung das Leben und Wirken des Autors. In einem Prolog skizziert Kielinger dannden großen geschichtlichen Bogen den das Buch inhaltlich präsentieren will.

Erster Teil: Der Sprung ins Dunkle

Unterkapitel

  • Weltreich oder Weltherrschaft;
  • Hitlers Niederlage im Westen;
  • Stalin- Quelle der Bitternis;
  • Kriegsangst und Rüstungen der Europäischen Mächte
  • Bitternis und Stärke – Stalins Terror und Kriegsbereitschaft;
  • Die Dezimierung der Armee – Enthauptung oder Erneuerung;
  • Keine Bagatelle: Der sowjetisch-finnische Winterkrieg

Bereits in den ersten Kapiteln skizziert der Autor eines seiner wichtigen Thesen zum Thema Weltreich oder Weltherrschaft. Hitlers Ideen – in „Mein Kampf“ vorgestellt – von der Weltrettung, Rassenökologie, dem Endkampf zwischen Juden und Ariern, dem Bösen, das es zu besiegen gilt und den blutsaugerischen bolschewistischen Mächten, denen zu begegnen ist, entsprach – nach Auffassung Kremps – vermutlich auch „Hitlers erregtem Zeitgefühl“.

Zumindest bezogen auf die dann folgenden Kriege war für Hitler der Kriegsablauf das Ergebnis dialektischer, strategischer Überlegungen bzw. Reaktionen und weniger das Resultat der Umsetzung seines Ideenkonvoluts. So diente der Pakt Hitlers mit Stalin, nach Meinung des Autors, dem Zweck, die Gefahr eines Zweifrontenkrieges zu minimieren („bolschewistische blutsaugerische Mächte“ spielten nun keine Rolle). Kremp konstatiert: „ Sobald der Krieg begonnen hatte, traten die Gesetze der Strategie auf den Plan.“ Weltrettung und Rassenideologie spielten situativ offenbar nur eine Nebenrolle.

Die Weltöffentlichkeit sah Hitler in den ersten Jahren seiner Regierung bis Ende 1940 auf dem Höhepunkt der Macht in einem Großdeutschen Reich. Eine trügerische Optik. Einige seiner Ziele, insbesondere die Revision des Versailler Vertrages, der Überfall auf Polen und der Westfeldzug der deutschen Wehrmacht mit der überraschend schnell erfolgreichen Offensive gegen Frankreich und die Benelux Staaten waren im Wesentlichen erreicht.

Die Kriegsabläufe und Hitlers spätere Niederlage im Westen wie im Osten entstanden aber nicht, weil ihm ein Krieg aufgezwungen wurde oder aus der Uneinigkeit gegnerischer europäischer Mächte. In den folgenden Abschnitten wird dokumentiert wie das kriegerische Vorgehen Hitlers, die entsprechenden politischen Kalküle sowie taktische Überlegungen, Europa und die ganze Welt in verheerende Kriege führte. Länder und Ereignisse, die in diesem Kapitel thematisiert werden: Großbritannien, Dünkirchen, Tschechoslowakei, Polen, und Skandinavien.

„Stalin – Quelle der Bitternis“ titelt Kremp im 3. Kapitel. Der Nichtangriffsvertrag und weitere geheime Vereinbarungen – vom damaligen deutschen Außenminister Ribbentrop eingefädelt – zwischen Hitler und Stalin war ein großes überraschendes Ereignis im Ablauf der Geschehnisse vor Beginn des 2. Weltkrieges. Die Hintergründe und Vorbereitungen, die dem Abkommen vorangingen, stellt der Autor in den Kontext gemeinsamer geopolitischer Interessen, die auch Erzfeinde wie Hitler und Stalin zueinander trieb.

Kriegsgeist und Rüstungen der europäischen Mächte sind wichtige Bausteine zur Einschätzung der Militärs über die Kampfstärke eines Landes. Sie spielen in kriegerischen Auseinandersetzungen letztlich die entscheidende Rolle. Kremp beschreibt die unterschiedlichen Ausgangsbedingungen der verschiedenen Gruppen von Mächten in Europa, Asien und Amerika. Das noble Appeasement der um Frieden und Abrüstung bemühten Engländer korrespondierte – so wird zumindest unterstellt – mit einer schwachen englischen Heeresführung. Daraus erklärt sich möglicherweise der um Vermittlung und Kompromiss bemühte Umgang englischer Politiker mit dem Hitler-Deutschland. Die Hintergründe und Informationen zum Stichwort Appeasement, ein oft mit Geringschätzung belegter Begriff, ist gerade im Hinblick auf die Positionierung in Bezug auf den Aggressor im aktuellen Krieg gegen die Ukraine lesenswert.

Im V. Kapitel thematisiert Kremp den furchtbaren Terror und die Massenvernichtung großer Gruppen der russischen Bevölkerung durch Lenin und Stalin. Um den Rückstand Russlands zu tilgen und die Sowjetunion in eine wirtschaftliche und militärische Großmacht zu verwandeln waren alle Mittel des Terrors legitimiert. Es bestehen Zusammenhänge zur Vorgehensweise der Nationalsozialisten und der Bolschewisten: „Insgesamt repressierte Stalin mehr Kommunisten als die faschistischen Diktatoren Hitler, Mussolini, Franco und Salazar in ihren Ländern zusammengenommen“ notiert der russische Historiker Wadim S. Rogowin. Menschen werden nicht dafür verhaftet was sie getan haben, sondern dafür, was sie aus Sicht der Diktatoren waren: Feinde und Untermenschen. Bei den Nazis handelte es sich um Behinderte, Sinti und Roma, Homosexuelle und Juden. Bei den Bolschewisten waren es Klassenfeinde, Bourgeoisie, Kulaken und Kolloborateure – Volksfeinde eben.

Eine besondere Prozessaktion zu Stalins Zeiten stellte die Eliminierung der hohen Armeechargen mit der Aufdeckung sog. Verschwörergruppen dar. Ähnlich wie Hitler misstraute Stalin dem hohen Offizierskorps der alten Bürgerkriegsarmee. Primär ging es um die Schlüsselstellungen in der Armee, deren Positionsinhaber entweder getötet oder in den Gulag (Straf-und Arbeitslager der Sowjetunion) in Marsch gesetzt wurden. Die Führung wurde komplett neu besetzt und den Militärbefehlshabern politische Kommissare an die Seite gestellt. Folgen dieser „Säuberungsaktionen“ konnte man beim sowjetisch-finnischen Winterkrieg beobachten bei dem „nachrückende“ Befehlshaber sich an der Front als wenig kompetent erwiesen.

In den letzten beiden Kapitel des 1. Teils des Buches schildert der Autor des Buches zunächst die Hintergründe und Ereignisse im Zusammenhang mit dem zitierten sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939/40. Ein besonderes Denken der russischen Führungselite war die strategische Vorstellung, die bereits Peter der Große geäußert hatte, dass Sicherheit durch Expansion entwickelt werden sollte. Da die finnische Grenze sehr nahe an der damaligen Hauptstadt Russlands St. Petersburg lag, „könnten die Damen nicht ruhig schlafen“. Die These, der von Peter dem Großen forcierten Expansion des russischen Territoriums spielt offenbar in der russischen Geschichtspolitik immer noch eine wichtige Rolle. Der Umbau Russlands nach europäischem Vorbild hat in der Geschichtsschreibung des Kreml eine eher marginale Bedeutung.

Finnlands lange Grenzen mit Russland betrachtete auch Stalin als eine möglicherweise gefährliche Lücke in der sowjetischen Verteidigung. Die militärischen Umstände ( Nichtangriffspakt mit Deutschland und daraus folgende Gefahren einer sich aufbauenden Front gegen Deutschland) führte zu einem frühen Friedensvertrag mit Finnland.

Zweiter Teil: Krieg

Unterkapitel

  • Kriegserwägungen
  • Hitlers Niederlage im Osten

Ein weiterer Baustein zum „Morgen Grauen“ beschreibt das Ende des Nichtangriffspaktes mit Stalin und den Beginn des Russland-Feldzuges. Kremp bezweifelt die Berechtigung der These, Stalin wäre quasi ahnungslos vom Unternehmen „Barbarossa“ überrumpelt worden. Genügend Warnungen über einen bevorstehenden deutschen Angriff 1941 hatte es von vielen Seiten gegeben. Diesen „Seiten“ traute Stalin aber nicht. Kremp konstatiert: „ Kriege folgen der optionalen Logik. Wer sie missachtet, verliert die Herrschaft über das Geschehen“.

Der deutsche Angriff auf die UdSSR am 22. Juni 1941 beendete das deutsch-sowjetische Arrangement des Nichtangriffspakts und seinen Nebenabreden. Mit Entsetzen musste Stalin nach dem raschen Vordringen der deutschen Armee in die UDSSR dann erleben, dass die Völker der Sowjetunion nicht bereit waren den Sozialismus zu verteidigen. Soldaten dessertierten zu Hunderttausenden oder sabotierten die Mitwirkung eines Kampfes für Russland bzw. Stalin. Der Beginn des Krieges in Russland war für Stalin ein Desaster.

Vor Beginn des Angriffs auf die UDSSR wurden von Politikern vieler Länder Alternativen zum befürchteten deutschen Angriffskrieg diskutiert, eruiert und verhandelt. Kremp schildert dezidiert die vielen konspirativen und operativen Planungen sowohl in den politischen und militärischen Entscheidungszentren in Hitlers Machtbereich als auch bei den Regierenden in den Ländern Europas, in den USA und Asien. Selbst Hitler hielt es noch kurz vor Kriegsbeginn mit Russland für möglich „ Russland in die Front gegen England einbauen zu können“. Parallel liefen dazu aber bereits die deutschen Organisationspläne für einen Russlandfeldzug. Neben den zentralen Ereignissen in der Mitte Europas, England und den USA analysiert Kremp auch die Wirkungen und Einflussnahmen der vielen kriegerischen Ereignisse im Osten und Süden Europas, in Afrika, der Türkei und Asien.

Exkurs über die russischen Quellen zur Rolle Stalins: Es gab erste Möglichkeiten Moskauer Archive für in- und ausländische Interessenten im Juni 1991 nach Jelzins Wahl, zum Quellenstudium zu nutzen, um in den Archiv-Dokumenten entsprechende Hinweise zu russischen Plänen und Aktionen auszuwerten. Welche Einschätzungen hatte der Kreml zum Kriegsgeschehen und zur Politik Hitlers. Daraus ergaben sich entsprechende Strategien und Pläne zur Abwehr des deutschen Angriffskriegs. Vollständigen Zugang, insbesondere zu den Archiven des Präsidenten der Russischen Föderation und des Generalstabs der Roten Armee über die Ereignisse im Jahr 1941, zu erhalten, war immer schon schwierig und ist heute unter Putin fast unmöglich. Auch künftig werden Autoren, die über die Hintergründe von der Enstehung und Durchführung der Kriege forschen und auf russische Archive angewiesen sind, letztlich bei der Beantwortung vieler Details auf Vermutungen angewiesen sein.

Im letzten Kapitel des 2. Teils wird in einer kurzen Darstellung auf die Niederlage Hitlers im Osten eingegangen. Die Gründe waren vielfältig und betrafen vor allem die erstarkte Kampfeskraft einer neu organisierten Roten Armee. Kremp vertritt die Auffassung, dass es bei Hitlers Feldzug in erster Linie nicht um nationalsozialistisches Ideengut zur Schaffung eines Weltreichs oder Landnahme und Ausbeutung ging, sondern um eine politisch strategische Reaktion die für ihn alternativlos schien. Es galt zu verhindern, dass ein kampffähiger „russischer Festlanddegen“ dabei mitwirken konnte, im Verbund mit Briten und Amerikanern, eine rasche Niederlage Deutschlands vorzubereiten. Nachdem Hitler ein Stillhalten bzw. die Kapitulation der Briten nicht erreicht hatte bzw. erzwingen konnte, setzte er alles auf eine Karte: Die Sowjetunion musste durch Krieg und Unterwerfung daran gehindert werden, militärisch mit Briten und Amerikanern zu kooperieren um Deutschland endgültig zu besiegen. Eine solche „Schmach“ die Hitler dann in der Konsequenz der Durchführung eines möglichen Zweifrontenkriegs befürchtete, war sein „worst case“ Szenario: Dies durfte nicht geschehen. Vergebliche Mühe wie sich bald zeigte: Im Ergebnis stand am Ende nicht nur die Kapitulation Deutschlands, sondern auch das Ende Hitlers.

Dritter Teil: Die Schichtung des Konfliktes

Unterkapitel

  • Hitlers fiebriges Amerikabild
  • Die USA auf dem Kriegspfad
  • Wilsons folgenreiche Niederlage – Ein Lehrstück für Roosevelt
  • USA. Der Weg aus der Krise
  • Der konsekutive Zwang des Krieges

Hitlers Bild von Amerika war zwiespältig. Einerseits bewunderte er die Expansionsfähigkeit der USA und seinem starken Binnenmarkt. Anerkennend äußerte er sich auch zur hohen Produktivität seiner Wirtschaft und die innovative industrielle Technik. Andererseits konstatierte er für Amerika – mit der Brille seiner antijüdischen und völkisch-rassistischen Denkweisen – ein „Erbe jüdischen und verengerten Bluteinschlags“, das die amerikanische Gesellschaft nachhaltig negativ beeinflusst. Kremp sieht Hitlers Einstellung zu Amerika einer Fieberkurve gleich – mit heftigen Ausschlägen.1933 versicherte Hitler die USA seiner „ Freundschaft“ und hatte gute Worte für Roosevelt. Im Dezember 1941 erklärten Deutschland und Italien Amerika den Krieg.

Es gab sehr, sehr vage Einordnungen zur Rolle zweier Weltmächte, die faktisch die Machtteilung in der Welt zwischen dem englischem Empire und Amerika unter sich geregelt hatten. Hitler sympathiesierte projektiv mit Ideen eines regionalen, europäischen Kontinentalblocks zu dem sich wichtige europäische Staaten zu einer neuen eigenständigen Macht in der Welt zusammen schließen könnten – unter deutscher Führerschaft. Am Ende, aber doch langfristig, eher mit dem politischen Ziel einer geopolitischen Neuordnung bzw. faktischer Machtablösung der alten Weltmächte und der Auflösung bestehender Strukturen. Diese Vorstellungen bzw. Pläne musste zur Einschätzung Roosevelts führen, der deutsche Imperialismus habe sich aufgemacht die Welt zu erobern. Bereits 1937 hatte er sich – zunächst nur kritisch – später aber gegen die Appeasement-Politik Englands und anderer europäischer Länder ausgesprochen.

Die Analyse der amerikanischen Erfahrungen aus den politischen Hintergründen und Folgen des Endes der preußischen Monarchie, die Wirkkräfte geopolitischer und wirtschaftliche Herausforderungen – beleuchtet aus der amerikanischen Hemisphäre – schildert Kremp mit seinen Einschätzungen über die politischen Rahmenbedingungen der Politik des damaligen amerikanischen Präsidenten Wilson. Mit den weltweiten Erschütterungen durch den 1.Weltkrieg, dessen Kriegsbilanz und den Ergebnissen der Versailler Friedenskonferenz wurden weltpolitische Entscheidungen getroffen, dessen Auswirkungen auch als Lehrstück für Roosevelt und dessen Politik gelten könnten.

Mit der Analyse der Politik Roosevelts in den letzten Jahren vor der Kriegserklärung und der sehr schwierigen Lage Churchills, der sich über ein Jahr mit Deutschland im Kriegszustand befand, zeichnete sich sukzessive – auch im Kontext einer erwartbaren Niederlage Hitlers im Russlandfeldzug und anderer weltpolitischen Entwicklungen in Asien – eine solidarisierende Interessenslage zwischen Rossevelt und Churchill ab. Für die Politik in den USA beschreibt Kremp eine Situation der Zerrissenheit. Letztlich waren es – so schreibt er – aber auch amerikanische Interessen die, „ missionsgeadelt“ und von dem Argument durchdrungen den Weltfrieden zu befördern, den Ausschlag gaben, mit dem Krieg gegen Deutschland einen entscheidende Rolle zu übernehmen, um einen Weg aus der Welt-Krise zu finden.

Im letzten Kapitel resümiert Kremp die oft wenig stringente Politik Hitlers gegenüber Stalin. Einerseits trieb ihn seine Mission, für die Vernichtung eines jüdisch-bolschewistischen Bollwerks alle militärischen Kräfte einzusetzen. Andererseits musste Hitler gegen die Sowjetunion und gegen Großbritanien, einem – wie Kremp es nennt – „geostrategischen konsekutiven Zwang“ folgend, für die Vision der Unangreifbarkeit einer „kontinentalen Machtformation“ (die es nur als Wunschdenken gab) eintreten. Nur so könnte verhindert werden, eine gegen ihn gerichtete Front aufzubauen und wirksam werden zu lassen. Stalin und die englisch-amerikanische Allianz erwies sich letztlich aber als stärker. Der Krieg war verloren.

Blickwendung und Summe: Die Energie purer Kriegsdialektik

Der Autor begründet in seinem Resümee, dass eigentlich nur der Krieg gegen Polen eine frei wählbare Entscheidung Hitlers war. Alle anderen Kriege folgten optionaler Logik. Nach Polen waren der Kriegseintritte Frankreichs und Englands strategische Folgen, die Hitler zunächst eher zu vermeiden suchte. Bündnisse und Allianzen gegen Hitler bahnten sich an und bereiteten die weltweiten Kriege vor. Einige kooperationswillige und mit Hitler sympathiesierende Partner (z.B. Mussolini, Franco u.a.) waren zwar vorhanden. Sie waren aber letztlich wenig für Hitlers nationalsozialistische Ideale einzuwerben. Entscheidungen Hitlers entsprachen also meist wechselnden strategischen Erfordernissen. Sie folgten – dies ist die Einordnung Kremps – der Logik des Krieges.

Anhang

Ein umfänglicher Anhang mit 106 Seiten Anmerkungen und Interpretationen zu den Themen der einzelnen Kapitel des Buches vervollständigen das Angebot und sind wichtige Hilfen zum besseren Verständnis und Einordnung der vielen im Buch behandelten Themen.

Dem Anhang angeschlossen ist ein besonderes Kapitel unter der Überschrift „Historische Skizzen in Stichworten“. Hier werden in etwas ausführlicher Form einige für den Autor besonders erklärungswürdige Stichworte zu bekannten Persönlichkeiten, historische Ereignissen und Begriffsbestimmungen sowie andere interessante Anmerkungen aus der Zeitgeschichte etwas ausführlicher dargestellt, erklärt und kommentiert. Namen und Stichworte sind u.a.: Josef Pilsudski, William Donovan, Trotzki, Lenin, Stalin, Solschenizyn sowieUkraine, Opfergruppen und Zahlenschätzungen.

Das abschließende Verzeichnis in der Bibliografie verweist auf die Quellen der im Buch verwendeten Dokumente. Ein Personenregister erleichtert die Suche nach den im Buch häufig erwähnten Persönlichkeiten.

Diskussion

Der Autor erklärt und analysiert Diplomatie und militärische Strategien von den Anfängen des 2. Weltkriegs in Bezug auf die Historie der Entstehung von Kriegsplänen, die konzeptualisierten Handlungsoptionen sowie die anschließenden Folgen detailliert, facettenreich und nachvollziehbar. Dabei unterstützen auch seine Analysen des „Politischen Profilings“ der Protagonisten. Sie ermöglichen die weltpolitischen Ereignisse, die Vielschichtigkeit und Hintergründe besser verstehen und bewerten zu können. Zu den wichtigen Darstellungen im Buch gehören ohne Zweifel die Situationsanalysen und Psychogramme zu Hitler, Stalin, Roosevelt und Churchill.

Eine These des Autors folgend, sind Kriegsentscheidungen oft einem „geostrategisch konsekutiven Zwang“ verpflichtet. Es lässt die Frage offen, ob die Logik des Krieges und seiner Folgen wirklich unaufhaltbar oder alternativlos sind – also in gewisser Weise als determiniert gelten können?

Was hätte möglicherweise den faktischen Ausbruch von Kriegen im letzten Augenblick dann doch noch verhindern oder verunmöglichen können? Gibt es wirklich eine Logik des Krieges und seiner Folgen? Es wird – durchaus vorstellbar – darüber berichtet, dass Eisenhower als er 1944 den Tag der Landung in der Normandie festlegte, gleichzeitig sein Rücktrittsgesuch formulierte, denn das Wetter hätte alle Planungen zunichtemachen können. Im Krieg spielen sicher auch Zufälle und Unberechenbarkeit und nicht nur die Logik des Krieges eine Rolle.

Sah sich Hitler – geleitet vom Zwang militärischer Logismen – nolens volens veranlasst, die krude ideologischen Plattform zur Weltrettung, Rassenökologie, dem Endkampf zwischen Juden und Arier usw. zumindest temporär und situationsbezogen als nicht relevant zu verschieben oder aufzugeben? Um diese Frage abgewogen zu beantworten, ist auch ein Blick weiter weg von den klassischen Kriegsschauplätzen wichtig. Nicht nur dort fanden Kriege statt.

Es ist Tatsache, dass Hitler glaubte, den Krieg auch als Ablenkungs-Szenario nutzen zu können, um seine brutalen Vernichtungsaktionen gegenüber Menschen deren Leben als unwert oder/und als volksschädigend betrachtet wurden – gerade im Schatten großer kriegerischer Ereignisse gegen Staaten – geräuschloser und weniger beachtet durchführen konnte. Man denke an die T4- Aktion bei den Massenermordungen im Auftrag Hitlers mit der Tarnung einer „Aktion Gnadentod“ erfolgten – eine Bezeichnung für die systematische Tötung von mehr als 90.000 behinderten (geistig behinderte und psychisch kranke Menschen) Menschen durch SS-Ärzte und -Pflegekräfte von 1940 bis 1941. Neben abstruser Rassenhygiene und Eugenik als theoretischer Rechtfertigungsrahmen für diese Grausamkeiten wurden auch kriegswirtschaftliche Erwägungen zur Begründung herangezogen. Die Vernichtungsaktionen gegen Juden liefen auch während des Krieges weiter. Der „ Krieg“ gegen die Bevölkerung mit Hitlers wahnhaften Ideen fand im Inneren seines eigenen Landes und der eroberten Gebiete statt. Seine Opfer waren Behinderte, Sinti und Roma, Homosexuelle und Juden, deren Existenz als nicht lebenswert, volksschädlich und kriminell galten und deshalb rechtlos und schutzlos der Willkür seiner Vollzugsorgane ausgeliefert wurden. Hier gab es keine Strategie der Logik eines Krieges, sondern nur die Logik des Terrors.

Sicher – der Terror im Innern und die Gewaltherrschaft des Regimes war nicht Gegenstand der Analyse Kremps. Es bleibt das große Verdienst des Autors ein überragenden Beitrag zum besseren Verstehen und zur Einordnung der Strategie Hitlers zur Entstehungsgeschichte des 2.Weltkrieges geleistet zu haben.

Fazit

Der Rezensent las Herbert Kremps postum erschienene Analyse des Auftakts des Zweiten Weltkriegs mit viel Respekt und Bewunderung. Sie ist das Ergebnis einer akribischen Quellensuche, deren Einordnung und Auswertung und sicher auch die konsequente Nutzung eines über Jahre gepflegten „persönlichen Zettelkastens“ – in welcher Form auch immer. Kremp schildert historische Etappen des Krieges kenntnisreich und in klarer Sprache. Das Buch wendet sich zunächst an anspruchsvolle Leser, die mit historischen Fakten und Daten sowie wissenschaftsorientierten Ausdrucksformen vertraut sind. Nicht ganz so versierte Leser sollten sich aber nicht abschrecken lassen – schließlich sind im Zeitalter des Googeln – bestimmte Verständnisprobleme leicht zu beheben. Für Studenten der Geschichte sollte dieses Buch zur Standardlektüre zählen.

Es sind sicher auch erste interessante Parallelen zu entdecken, bei der Beschreibung der Anfänge des 2. Weltkrieges und den bisher bekannten Geschehnissen im Vorfeld der kriegerischen russischen Invasion in die Ukraine. Aus der Geschichte lernen? – Vielleicht: die Lesenden können vergleichen, vermuten, hoffen und selbst bewerten.

Rezension von
Dr. Peter Michael Hoffmann
Dipl. Sozialwissenschaftler, Sozialarbeiter, freier Autor
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Es gibt 29 Rezensionen von Peter Michael Hoffmann.

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Zitiervorschlag
Peter Michael Hoffmann. Rezension vom 15.08.2022 zu: Herbert Kremp: Morgen Grauen. Von den Anfängen des Zweiten Weltkriegs. Lau-Verlag (Reinbek) 2022. ISBN 978-3-95768-232-1. Thomas Kielinger (Verfasser eines Geleitworts). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29358.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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