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Frank Eckardt (Hrsg.): Handbuch Wohnsoziologie

Rezensiert von Prof. Dr. Karl-Heinz Braun, 23.06.2022

Cover Frank Eckardt (Hrsg.): Handbuch Wohnsoziologie ISBN 978-3-658-24724-9

Frank Eckardt (Hrsg.): Handbuch Wohnsoziologie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-658-24724-9.
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Zum Thema: Die Soziale Arbeit und die Wohnungsfrage – umfassend betrachtet

Die Soziale Arbeit beschäftigt sich in der Disziplin und Profession mit der Genese, Struktur und Funktion sozialer Probleme. Sie konstatiert seit ca. 30 Jahren eine Ausweitung und Vertiefung psychosozialer Problemlagen – nicht zuletzt durch die neoliberale Austeritätspolitik und den damit verbundenen Abbau sozialstaatlicher Sicherungssysteme und Regulationsformen. Sie hat aber über die längste Zeit die Wohnungsfrage auf die verschiedenen Formen der Wohnungsnot bis hin zur Obdachlosigkeit eingeschränkt (dazu in diesem Handbuch S. 327ff). Erst in jüngster Zeit nehmen die Bemühungen zu sie als einen zentralen Aspekt der Lebenswelten und Sozialräume und damit der alltäglichen Lebensführung zu betrachten. Von daher kommt dieses Handbuch genau im richtigen Moment, um die Wohnungsfrage in ihrer ganzen Breite zugänglich zu machen und auch die Vielfalt der Problemalgen und Interventionsnotwendigkeiten und -chancen nachhaltig im Selbstverständnis der Forscher:innen und Praktiker:innen (einschließlich der Planer:innen) zu verankern.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeberin, Prof.Dr.Sabine Meier, hat eine Professur für Räumliche Entwicklung und Inklusion an der Fakultät II: Bildung – Architektur – Künste der Universität Siegen inne; und der Herausgeber, Prof.Dr. Frank Eckardt, eine Professur für sozialwissenschaftliche Stadtforschung an der Bauhaus-Universität Weimar. Beide verfügen über umfangreiche Forschungs- und Lehrerfahrungen in diesem Feld.

Aufbau

Das Handbuch gliedert sich in vier Teile:

  1. Der erste, kürzeste gibt eine knappe Einführung in die Traditionen der soziologischen und z.T. auch kulturwissenschaftlichen Forschung und präsentiert erste Ergebnisse der pandemiebezogenen Wohnforschung.
  2. Der zweite untersucht die „Prozesse des Wohnens“, also die soziokulturellen (auch technologischen) Strukturen und Formen des Wohnens sowie deren politische und ökonomische sowie geschlechtsspezifischen Bedingungen und nicht zuletzt deren architektonischen und sozialräumlichen Ausprägungsformen.
  3. Im dritten Teil, „Räume des Wohnens“, werden die Siedlungskontexte thematisiert, also das Wohnen in der Stadt und in hybriden Räumen zwischen Stadt und Land, in Einfamilienhaus- und Großwohnsiedlungen, in benachteiligten und gelichteten Stadtteilen, die Bedeutung der Nachbarschaften, aber auch das Wohnen ohne festen Wohnsitz.
  4. Der vierte Teil, „Kontexte des Wohnens“, analysiert das Wohnen in pädagogischen und (sozial)psychiatrischen Einrichtungen, die wohnungsbezogene Lebensführung und Biografie an mehreren Orten bzw. von Geflüchteten und in höherem Alter sowie. in verschiedenen Gemeinschaftsformen einschließlich denen in Genossenschaftswohnungen.

Inhalte

Die o.a. Themenübersicht dürfte schon deutlich machen, dass eine umfassende Würdigung gerade mit Blick auf die aktuellen Herausforderungen für die Soziale Arbeit im Rahmen einer Rezension unmöglich ist. Um aber einen Eindruck von den internen Zusammenhängen der Forschungsbefunde zu geben wähle ich eine Metaperspektive und greife dazu auf vier Konzepte des Begründers der französischen Soziologie Emile Durkheim (1858-1917) zurück, nämlich das der sozialen Morphologie, der sozialen Arbeitsteilung, der Anomie und der Solidarität. Diese werden dann exemplarisch und stichwortartig auf die Themenfelder angewendet, die für die soziale Arbeit und Erziehung von besonderem Interesse sind (Vollständigkeit wird dabei nicht angestrebt).

Wohnarchitektur als Teil der sozialen Morphologie einer Gesellschaft

Unter sozialer Morphologie verstand er eine systematische und dynamische, somit historisch veränderbare (An-) Ordnung von Personen und Dingen in einem Raum, der nach innen strukturiert und nach außen abgegrenzt und zugleich gegenüber der Umgebung durchlässig ist. Dabei unterscheiden sich diese Raumordnungen nach der Dichte von ihnen nahegelegten und z.T. erzwungenen Handlungsregeln, den Interaktionsmustern und nicht zuletzt den Umweltbezügen (vgl. Durkheim 1984, S. 194–201). Dieser Ansatz ist dann besonders von Maurice Halbwachs (1877-1945) fortgeführt und erweitert worden, denn er unterschied dann zwischen sozialer, religiöser, politischer und ökonomischer Morphologie sowie der der Großstadt (vgl. Halbwachs 2002). Beide Ansätze sind dann in der neueren Architekturdebatte aufgenommen und z.T. exemplarisch angewendet worden (vgl. Braun/​Wetzel 2022; Schroer 2009). Mit Blick auf die Wohngebäude sind hier fünf Relationen von Bedeutung:

  1. Zunächst einmal lassen sich die Gebäude typologisch hinsichtlich ihrer Nutzung, ihrer räumlichen Struktur, ihrer materiellen räumlichen sowie symbolischen Gestalt und ihrer Erschließung unterscheiden (vgl. S. 119ff). Dementsprechend kann differenziert werden zwischen alleinstehenden Einzelhäusern, Doppelhäusern, Reihenhäusern und Blockrandparzellen als grundgebundenen Wohnbauten. Dem stehen gegenüber der Geschosswohnungsbau in Gestalt von Wohntürmen, Wohnriegeln (nebeneinander angeordnete Einheiten), Wohnscheiben (Wohnturm und -riegel), Terassenhaus und Wohnblock (ist um einen Hof gruppiert). Weitere Differenzierungen ergeben sich aus den unterschiedlichen Kombinationen zwischen vertikaler und horizontaler Anordnung (Treppenhäuser, Flure, unterschiedliche Außenräume, Grundrisstypen, Maisonetten).
  2. Wohnungen sind ein privilegierter Ort der Privatheit, was die Relationen zwischen Vorder- und Hinterbühne, Öffentlichkeit und Privatheit/​Intimität sowie Übergangszonen und Schwellenräume einschießt. Das wird besonders deutlich beim Einfamilienhaus (freistehendes Einzelhaus, Doppelhaushälfte, Reihenhaus), welches als Privateigentum staatlich besonders gefördert wird und als bemühter Ausdruck der je individuellen Wohnbedürfnisse zugleich „massenhaft“, häufig entsprechend eintönig, produziert wird (vgl. S. 256ff). Es schließt an ländliche, z.T. vormoderne Traditionen an und ist besonders in suburbanen Räumen (speziell den „Speckgürteln“ der Großstädte) zu finden.
  3. Ebenfalls dort sind das diametrale Gegenstück zu finden, nämlich die neuerbauten Großsiedlungen, die mit verblüffenden Ähnlichkeiten sowohl in der Alt-BRD wie auch in der DDR errichtet wurden (vorrangig in industrieller Bauweise), wobei mit gewissen Unterschieden in den späten 1950er/frühen 1960er Jahren das Konzept der „gegliederten und aufgelockerten (bzw. „organischen“) Stadtlandschaft“ dominierte und dann das der „Urbanität durch Dichte“ (S. 296fff), wobei die Bauträger im Westen meist die großen Wohnungsbaugenossenschaften waren (speziell die „Neue Heimat“) und im Osten die Kommunen oder ebenfalls Genossenschaften. Sie haben nicht nur im Osten eine wechselvolle Geschichte hinter sich: von anfänglicher großer Zustimmung über zunehmende Ernüchterung und z.T. Abstieg zum „sozialen Brennpunkt“ und anschließender Sanierung und Modernisierung (z.T. aber auch Abriss) bis hin zu neuer Akzeptanz angesichts der sich verschärfenden Wohnungsnot. Dabei gibt es als sozialräumliche Kontextbedingungen konsolidierte, dann weiter schrumpfende Quartiere und solche im Generationenwechsel sowie im Wartestand bzw. in Auflösung.
  4. Eigenheim- und Großsiedlungen sind in gewisser Weise die polaren Seiten der sozialen Morphologie von Städten, besonders von großen (in der DDR gab es den „komplexen Wohnungsbau“ allerdings auch in Mittel- und Kleinstädten). Diese entwickeln sich in den widersprüchlichen Tendenzen von Neo-Urbanisierung, Globalisierung und Virtualisierung („smart city“), expandierenden Metropolregionen (die bekannt-berüchtigten „Big 7“) und schrumpfenden Städten, von Sub- und Reurbanisierung, von Privilegierung und Benachteiligung (S. 220ff). Dabei nehmen auch die nicht-hierarchischen Unterschiede in den Städten zu. Sie betreffen deren Binnendifferenzierungen: die Menschen leben nämlich nicht in der „ganzen“ Stadt, sondern ihrem Stadtteil/Kiez; es gibt eine Anzahl von verschiedenartigen Mikromilieus und Lebensstilen bei gleichen Einkommensverhältnissen; es entstehen aber auch gesicherte und abgeschlossene Wohnbereiche, die zur (weiteren) Fragmentierung der sozialen Geografie beitragen.
  5. Für die sozialen Binnenstrukturen der Haushalte und deren Außenbeziehungen ist die technische Ausstattung von wesentlicher Bedeutung. Dabei gibt es drei sich überlagernde Debattenstränge (S. 143ff): Zunächst einmal die in den 1970er/​1980er Jahren sich verallgemeinernd durchsetzende Elektrifizierung und Maschinisierung der alltäglichen, meist weiblichen Hausarbeit (z.B. durch Waschmaschinen, elektrische Kochgeräte), die sich zur Sozialfigur der „modernen Hausfrau“ verdichteten. Dem folgte die Domestizierung der Unterhaltungs-, Informations- und Kommunikationstechniken, die heute ein selbstverständlicher Teil der Wohnungseinrichtung sind und zugleich „die große Welt“ ins Haus holte und holt. Das geschieht auf neuem Niveau auch durch die anschließende Digitalisierung, wobei das während der Pandemie eingeführte Homeschooling und Homeoffice nicht nur die Relationen Öffentlichkeit und Privatheit flexibilisiert und z.T. fragmentiert hat, sondern auch die krassen sozialen Ungleichheiten in der Versorgung mit den neuen Medien z.T. drastisch vor Augen geführt haben (vgl. S. 31ff).

Soziale Arbeitsteilung in der funktional differenzierten Klassengesellschaft

Durkheim hatte auch eine für unseren Zusammenhang wichtige umfassende Studie zur gesellschaftlichen, genauer: sozialen Arbeitsteilung hinterlassen, bei der sich funktionale Differenzierungsnotwendigkeit mit hierarchisierenden sozialen Differenzierungen in Gestalt von Klassen überlagern (vgl. Durkheim 1992, Zweites Buch). Sie machen u.a. folgende Tendenzen in den Wohnverhältnissen überreifend verständlicher:

  1. Die großräumige soziale Differenzierung zwischen Stadt und Land war verursacht durch die Industrialisierung und die damit verbundene 2. Urbanisierungswelle ein Element der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Landwirtschaft und Industrie. Diese Stadt-Land-Polarisierung – auch in den Wohnverhältnissen – wurde dementsprechend als selbstverständlich („naturbedingt“) hingenommen. Aber nicht zuletzt durch die Überlagerungen von Sub- und Reurbanisierung, die durch den gesellschaftlichen (teilweise digitalisierten) Dienstleitungssektor z.T. verursacht, z.T. vorangetrieben wird, wurde diese in den letzten beiden Jahrzehnten faktisch immer mehr ausgehöhlt, d.h. es findet eine zunehmende Dekonzentration des Städtischen jenseits der Kernstädte statt. Es bilden sich somit hybride, sozial und kulturell gemischte Räume heraus (vgl. S. 365ff), es nimmt die relationale Eigenständigkeit des Umlandes zu (allerdings bei Dominanz städtischer Lebensstile – z.B. kultureller Interessen und Konsumgewohnheiten). Es entstehen neben Stadtregionen (also vernetzten polyzentrischen Regionen) Zwischenstädte (im Übergangsbereich von verstädteter Landschaft und verlandschafteter Stadt) und posturbane Räume (jenseits der monofunktionalen klassischen Wohnräume der Kernstädte).
  2. Eine besondere Folge der auf ökonomischen und technologischen Ungleichheiten beruhenden Arbeitsteilung sind die gelichteten Stadtteile, bei denen sich transitorische und strukturelle Formen des Leerstandes (nicht zu verwechseln mit Vernachlässigung) – auch zeitlich verschoben – überlagern. Hier spielen Prozesse der De- und Reinvestition eine Rolle, die gerade in Ostdeutschland verursacht wurden durch Deindustrialisierung, Abwanderung und zunächst dramatisch sinkende Geburtenrate (vgl. S. 348ff). Die Reaktion darauf war Verfall der Infrastruktur und z.T. Abriss besonders kommunaler und genossenschaftlichen Wohnraumes, aber auch eine massive, durch staatliche Subventionen rasant ausgeweiteter privater Wohnungsbau auf der „grünen Wiese“. Erst im Rahmen der Reurbanisierung wurden die Altbaubestände der Innenstädte kostenintensiv modernisiert und „sozial“ saniert = gentrifiziert (dazu Abschnitt C).
  3. Dier Arbeitsteilung ist immer auch Teil der egalitären und hierarchischen Geschlechtsordnungen, bei der sich vergeschlechtete und vergeschlechtende Relationen ausbilden zwischen gesamtgesellschaftlicher Arbeitsteilung, sozialen Besonderheiten der Quartiere und Binnenstrukturen des Haushalts (vgl. S. 194ff). Übergreifend verweist dies auf geschlechtsbezogene Ungleichheiten in den bezahlten Arbeitsverhältnissen (weniger Einkommen, schlechtere und unsichere Arbeitsplätze, geringere Gestaltungsbefugnisse), in der Verteilung der gesellschaftlichen „Produktionsarbeit“ (i.w.S.d.W.) und privat-häuslicher Reproduktionsarbeit, die über lange Zeit in den sozialräumlich abgeschiedenen suburbanen Zonen (speziell den Ein- und Mehrfamilienhaussiedlungen) stattfand (den sog. „Schlafstädten“) und den weiblichen Alltag als Folge der verräumlichten Arbeitsteilung auf „Kinder, Küche, Kehren“ reduzierte. Allerdings hat es hier nicht zuletzt durch die Aktivitäten der verschiedenen Sektoren der Frauenbewegung seit den späten 1970er Jahren variantenreiche Veränderungen gegeben, die heute zu einer Überlagerung von traditionellen (auch neo-konservativen) und alternativen Formen des „Doing Gender“ geführt haben. Dazu haben beigetragen die Verlagerung einiger Produktionsstätten und Sektoren des Dienstleistungssektors in den suburbanen Raum, emanzipatorische Ansprüche, verbunden mit der Entkoppelung der klassischen Reproduktionsarbeiten von weiblichen Geschlechternormen (teilweise sind diese allerdings milieubornierte bezogen auf „weiße Mittelschichtsfrauen“ und die „feminisierten Innenstädte“) und die Finanzialisierung und Prekarisierung der reproduktiven Räume und Tätigkeiten (dieses Schicksal teilen die dort tätigen Frauen mit einer relevanten Anzahl ihrer männlichen Kolleg:innen) sowie die zunehmende Anzahl alleinerziehender Frauen bzw. alleinlebender Frauen und Männer.
  4. Die Wohnverhältnisse betreffen aber ich auch die Generationsordnungen als Teil der Arbeitsteilung. Das betrifft unter dezidiert pädagogischen Aspekten die Bildung und Erziehung der nachwachsenden Generation (deren Institutionalisierung ist ebenfalls ein Aspekt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung; vgl. S. 437ff) und sie bezieht sich auf die Menschen, die aus den gesellschaftlichen Arbeitsprozessen durch Verrentung bzw. Pensionierung oder „freiwillige“ Beendigung ausscheiden. Relevanten Dimensionen sind hier die Zugehörigkeit zu einem bestimmten historischen Geburtenjahrgang, die verfügbaren, besonders die regelmäßigen Einkünfte, die erreichbare bzw. erreichte Lebensdauer, die lebenzyklische Situation, die Fähigkeiten und Bereitschaften zur Lebensbewältigung trotz gewisser oder auch gravierender körperlicher, manchmal auch geistiger und emotionaler Einschränkungen (vgl. S. 486ff). Dabei gibt es insofern eine „Feminisierung des Alters“, als die Frauen meist höhere Lebenserwartungen haben und häufiger verwidwen (auch weil die Männer mehrheitlich älter sind als sie). Die Ansprüche an das Wohnen sind dabei abhängig von den bisherigen Wohnerfahrungen, von der Verankerung im interpersonalen und sozialräumlichen Umfeld, aber auch von den finanziellen Ressourcen. Eine spezielle Abhängigkeit besteht, wenn es Wohneigentum gibt (speziell in Gestalt von Ein- oder Mehrfamilienhäusern), in denen man schon lange wohnt. Hier kann das „doppelte Altern“, nämlich der Gebäude und der Bewohner:innen, eine schwierig zu bewältigende Hypothek sein, gerade wenn es sich dann um Ein-Personen-Haushalte handelt (intergenerationales Wohnen von mehreren Haushalte in einem Haus gibt es nur bei einer kleinen Minderheit – und dann zumeist „milieuborniert“ bei „weißen Mittelschichtsfrauen“). Hinzu kommt, dass häufig die Wohnkosten relativ steigen (sie können bis zu 40 % und mehr der Einkünfte betragen). Eine besondere Lebenssituation entsteht, wenn eine eigenständige Lebensführung (fast) nicht mehr möglich ist oder dies antizipiert wird. Dann beginnt bei einem (kleineren) Teil der älteren, besonders der alten Menschen die Suche nach einer anderen Wohnform. Dazu gehören altersgemeinschaftliches Wohnen, generationsgemischtes Wohnen (in Mehrgenerationshäusern; soziale Durchmischung in Hausgemeinschaften oder Wohnsiedlungen sind noch keine intergenerationalen Gemeinschaften) oder auch betreutes Wohnen zu Hause (als Aspekt der De-Institutionalisierung und z.T. Privatisierung der Altenhilfe) oder auch in speziellen Einrichtungen.

Anomische Tendenzen in den Wohnverhältnissen und Wohnmilieus als Herausforderungen für die solidarische Gesellschaft

Für die Analyse der Wohnverhältnisse und Wohnmilieus sind zwei weitere Aspekt von Durkheims Theorie der sozialen Arbeitsteilung von Bedeutung: Zum einen das der Ausbildung anomischer Strukturen, bei der die sozialen Regeln des Zusammenlebens in Frage gestellt, ausgehöhlt und ggf. sogar zerstört werden (vgl. Durkheim 1992, Drittes Buch). Und zum anderen das der Solidarität mit denjenigen Personen und Menschengruppen, Milieus und Klassen, die von bestimmten Aspekten und Folgen der sozialen Arbeitsteilung negativ betroffen sind; dabei unterschied er zwischen mechanischer Solidarität, die sich nur auf die eigene Gruppe bzw. das eigene Milieu bezieht; und der organischen, die auf eine gerechte gesamtgesellschaftliche Problembearbeitung und -lösung zielt (vgl. ebd., Erstes Buch). Auch unter diesem Aspekt lassen sich einige Beiträge in dem Handbuch übergreifend neu verorten; dies betrifft insbesondere folgende:

  1. Nachbarschaften sind eine elementare Form der mechanischen Solidarität (Handbuch, S. 240ff). Entsprechende unmittelbare Praxisformationen gewähren Unterstützung bei Alltagsbesorgungen und in kleineren oder größeren Notfällen; sie sind ein Medium der individuellen Vergesellschaftung – und zwar in allen Lebensphasen; sie sind ein lebensweltlich verankertes Kommunikationsangebot – vom Alltagsklatsch bis hin zu Online-Nachbarschaftsplattformen; und nicht zuletzt eine Form der sozialen Kontrolle. Sie können sich auf das eigene soziale und ethnische Milieu beschränken oder dieses auch (punktuell oder regelmäßig) überschreiten. Gerade letzteres spielt bei der Strategie – z.B. beim Programm „Soziale Stadt“ – eine Rolle, wenn nämlich benachteiligte Stadtteile vermittels sozialer Durchmischung aus ihrer Randstellung „befreit“ und den Bewohner:innen neue Berufs- und Lebensperspektiven eröffnet werden sollen. Das ist allerdings kein Königsweg zur sozialen Integration; vielmehr hat die Nachbarschaftseffekte-Forschung deutlich gemacht, dass die Gefahr und Tendenz besteht, dass einerseits so die besonderen Netzwerke unter denen von prekären Beschäftigungs- und Lebensformen Betroffenen zerstört werden; und dass andererseits die ggf. neu Hinzuziehenden oder während ihrer Wohnbiografie an den Orten kontinuierlich Lebenden sozial aufsteigen und so auf sublime Weise zur Gentrifizierung und verschärften Segregation beitragen (S. 318ff).
  2. Eine besonders krasse Form der sozialen Desintegration stellt die staatlich organisierte Isolation der Geflüchteten dar durch deren Zwangsunterbringung in dezentralen und halboffenen Lagern (die Ähnlichkeiten mit bestimmten Praktiken des deutschen Faschismus sind nicht zufällig), die allen elementaren Anforderungen an die mit dem Menschenrecht auf Wohnung verbundenen Normen und Ansprüchen Hohn sprechen (es sind streng genommen „Nicht-Wohn-Orte“; S. 410ff). Sie sind soziale Räume der extrem repressiven Machtausübung und führen u.a. zu sexualisierten und ethnisch motivierten Konflikten und Gewalttaten und zugleich durch die Massierung der sozialstaatlich unbearbeiteten Problemlagen zur einer weiteren Legitimation und Verschärfungrassistischer Vorurteile und Anschläge. Um dem entgegenzuwirken bedarfes flexibler Verschränkungen von mechanischen und organischen Solidaritätsformen.
  3. Einen Ansatz dazu bilden die verschiedenen Konzepte und Praxisformationen des gemeinschaftlichen Wohnens, die resultieren aus dem demografischen, familiären und soziokulturellen Wandel, dem Mangel an geeigneten Wohnangeboten und dem Wunsch nach einer selbstbestimmten und mitgestaltenden Nachbarschaft sowie nachhaltiger Lebensweise. Sie sind meist auf Kleingruppen beschränkt und erfordern von den Akteur:innen eine entsprechende stabile ökonomische, aber auch soziale und kulturelle Kapitalausstattung sowie viel Geduld bei den zumeist mehrjährigen Planungs- und Realisierungsphasen (besonders bei Neubauten) und die Fähigkeit und Bereitschaft stabile, von wechselseitigem Respekt getragene Nachbarschaften bis hin zu Freundschaften auszubilden. Sie sind trotz ihrer sozialökologischen Verantwortungsperspektiven ein Projekt für den oberen Teil der „Volksmilieus“ (traditionell ausgedrückt: der mit Kapital gut ausgestatteten „Mittelschichten“) und Teile der Elitemilieus.
  4. Darüber gehen qualitativ hinaus die verschiedenen Ansätze zum genossenschaftlichen Wohnen, die nicht nur in ihrer Entstehung, sondern auch in ihrer aktuellen Existenz an die sozialstaatliche Wohnungsversorgung gebunden sind (z.B. durch das Genossenschaftsgesetz; vgl. S. 527ff). Sie haben zumindest proklamatorisch den Anspruch gemeinschaftliche Selbsthilfe zu leisten, sozialverträgliche und beteiligungsorientierte Stadtentwicklung zu fördern und daran auch die Selbstverwaltung und Mietpreisgestaltung aufzurichten. Es kann allerdings nicht übersehen werden, dass die großen Wohnungsgenossenschaften dem zumeist nicht nur nicht gerecht werden, sondern aufgrund der (finanz-)marktorientierten Managementpraktiken, die Teilausrichtung am Profitstreben statt an der Gemeinnützigkeit, die auf Distanz zu den Mitgliedern angelegte Professionalisierung und Bürokratisierung dem schlicht entgegenhandeln und häufig in den Großstädten (z.B. im Magdeburg) zu den Mietpreistreibern und Gentrifizierern gehören. Deshalb haben sich in den 10–15 Jahren zahlreiche kleinere Wohnungsgenossenschaften gegründet (z.B. in Leipzig), die sich faktisch-praktisch an den ursprünglichen Zielen ausrichten und sie mit neuen sozialen und (bau-)kulturellen Inhalten versuchen zu füllen und zu realisieren.

Diskussion

Das Handbuch hat bewusst auf ein vereinheitlichtes Theoriekonzept verzichtet. Das hat ihm in jedem Fall gutgetan. Zugleich macht es die Aufgabe einer umfassenden Analyse der Wohnmilieus und Wohnverhältnisse im Kontext des Gegenwartskapitalismus (den man mit guten Begründungen als Finanzmarktkapitalismus bezeichnen kann) und einem nachhaltig erneuerten und ausgebauten Sozialstaat als dem Rückgrat einer modernen und solidarischen Wohlfahrtsgesellschaft auf Basis eines konsistenten Theoriemodell deutlich. Dass man trotz der Fülle der Beiträge und Aspekte immer noch Wünsche hat (z.B. hinsichtlich der psychiatrischen Versorgung sind die Konzepte und Erfahrungen der italienischen [Anti-]Psychiatrie gewiss immer noch wertvoll; oder bezogenen auf repressive Wohnformen wären Analysen der offenen und geschlossenen Kinder- und Jugendwerkhöfe in der DDR bis hin zu Gefängnissen, Zuchthäuser [der geschlossene Jugendwerkhof in Torgau war ein solches!] und den Konzentrationslagern) ist banal und soll deshalb hier nicht näher ausgeführt werden.

Fazit

Herausgeberin und Herausgeber haben ein großartiges Werk vollbracht, welches ein Meilenstein ist bezogen auf die Theorie und Empirie der Wohnforschung sowohl in systematischer sowie in historischer und aktueller Hinsicht. Es ist gewiss nicht nur, aber besonders auch für die Disziplin und Profession der Sozialen Arbeit ein unverzichtbares Nachschlagewerk mit sehr vielen praktisch-innovativen Konzepten und Anregungen. Ihm ist auch deshalb eine 2. Auflage zu wünschen, weil es viele, z.T. auch sinnentstellende Druckfehler enthält, die die ansonsten unbeschwerte Lesefreude ein wenig trüben.

Literatur

Braun, Karl-Heinz/​Wetzel, Konstanze (2022): Schulraum. In: Kessl, Fabian/​Reutlinger, Christian (Hrsg.): Sozialraum. Eine elementare Einführung, Wiesbaden: Springer VS.

Durkheim, Emile (1984): Die Regeln der soziologischen Methode, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Durkheim, Emile (1992): Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Halbwachs, Maurice (2002): Soziale Morphologie. Ausgewählte Schriften, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.

Schroer, Markus (2009): Die „Architektur der Gesellschaft“ aus Sicht der sozialen Morphologie. In: Fischer, Joachim/​Delitz, Heike (Hrsg.): Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld: transcript.

Rezension von
Prof. Dr. Karl-Heinz Braun
Dr. phil.habil. Karl-Heinz Braun, Prof.em. für Sozialpädagogik/Erziehungswissenschaft und Leiter des „Magdeburger Archivs für Sozialfotografie“ am Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Medien der Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Karl-Heinz Braun. Rezension vom 23.06.2022 zu: Frank Eckardt (Hrsg.): Handbuch Wohnsoziologie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2021. ISBN 978-3-658-24724-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29361.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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