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Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben?

Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 15.12.2022

Cover Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben? ISBN 978-3-15-011382-0

Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben? Philosophische und biographische Zugänge. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2022. 192 Seiten. ISBN 978-3-15-011382-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.
Reihe: Reclam Denkraum.

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Thema

Für die Vorstellung davon, ein eigenes Kind zu haben braucht es an sich schon viel Phantasie, denn die reale Situation in der Elternschaft wird immer eine andere als die vorgestellte sein. Das wissen wir jedoch erst, wenn es so weit ist. Wie ist es aber, ein Kind mit Behinderung zu bekommen? Dies mögen wir uns im Normalfall ungern vorstellen, aber trotz vieler Möglichkeiten in der pränatalen Diagnostik bleibt diese Option immer offen. Die Philosophin Barbara Schmitz gibt im vorliegenden Buch Denkanstöße und zeigt Denkwege auf, solche und ähnliche Situationen zu reflektieren. Der Ansatz verfolgt dabei die Mischung von professionell-philosophischer und zugleich privater biographischer Betrachtungsebene aufgrund der Erfahrung mit einer eigenen behinderten Tochter. Schmitz‘ Hauptfrage ist zugleich die wohl wichtigste Grundfrage der Philosophie: Was ist ein lebenswertes Leben?

Autor und Entstehungshintergrund

Dr.in Barbara Schmitz ist habilitierte Philosophin. Sie lehrte und forschte u.a. an den Universitäten in Freiburg i. Br., Oxford und Princeton und ist Gymnasiallehrerin und Privatdozentin.

Aufbau und Inhalt

Für die/den einzelnen Leser:in als auch für gesellschaftliche Debatten will Schmitz Denkstöße auf die Kernfrage des Buches geben: Was ist ein lebenswertes Leben? „Ich möchte anregen, dem Nachdenken über sie nicht aus dem Weg zu gehen, sie nicht zu scheuen, sondern sich auf sie einzulassen. Der Essay versteht sich also als eine Einladung, mir beim Gang auf verschiedenen philosophischen Pfaden zu folgen, um dann am Ende einen eigenen Zugang mit der eigenen Geschichte zu einer der spannendsten Fragen überhaupt zu finden“ (12). In eigenen Kapiteln und zugleich inhaltlich übergreifend werden hierbei folgende Themen reflektiert: Würde, Autonomie, Gesundheit, Behinderung, Demenz und Suizid.

Dabei werden historische, theoretische und methodische Aspekte reflektiert. So gibt es allein 700 Erhebungsmethoden, um „Lebensqualität“ und „Wohlergehen“ zu erforschen. Die Ansätze, das dann zu interpretieren, gehen in drei Grundrichtungen. Zum einen fragt das hedonistische Modell, was ein gutes Leben ausmacht. Es geht um messbare (positive) emotionalen Erfahrungen, wie Freude, Lust oder Glücksgefühle. Zum zweiten nimmt das Präferenz-Modell Vorlieben, Wünsche und Interessen in den Blick und fragt nach deren Erfüllung bzw. Befriedigung. Als drittes versucht die Objektive Theorie solche Güter wie Gesundheit, Arbeit oder soziale Beziehungen als Parameter in der Untersuchung abzufragen (vgl. 35).

  • Würde und Würdigkeit: Seine Würde schütze den Menschen davor, so Schmitz, nur als Mittel zum Zweck gesehen und damit instrumentalisiert zu werden: „Jemandem Würde zuzuschreiben, erfordert von anderen, dass er einen Menschen, und zwar jedes einzelne Individuum, als Zweck in sich selbst ansieht, dass er ihn mit Respekt, mit Achtung begegnet. Wenn wir von der Würde eines Menschen sprechen, so wollen wir darauf verweisen, dass dem Menschen eine besondere Stellung zukommt, ein unbedingter moralischer Status“ (79). In Beachtung dieser Haltung und Herangehensweise ließe sich eine Gesellschaft gestalten. Schmitz zeigt aber, dass das aus dem System der gesellschaftlichen Normen resultierende Denken uns so stark beeinflusst, dass bis heute überkommene Modelle und Begründungen von „Behinderung“ uns von dieser Herangehensweise abhalten. Sie selbst habe sehr lange gebraucht, um ihrem eigenen Kind in der oben beschriebenen Weise zu begegnen und es bedingungslos anzunehmen.
  • Autonomie: Selbstbestimmung kommt allen Menschen zu. Doch muss diese Zuschreibung partiell, graduell und sozial differenziert werden. Denn Menschen mit Einschränkungen unterliegen mitunter emotionalen und spontanen Willensregungen, die wir als rational Helfende erfassen und steuern können und müssen. Die Grenzen, Mehrdeutigkeiten und Ambiguitäten hierbei werden von Schmitz nachvollziehbar herausgearbeitet. 
  • Gesundheit: Je nach Blickrichtung kann ich das Leben eines Menschen von der Seite der Gesundheit oder der Krankheit aus betrachten. Aber: Wann ist die Grenze des lebenswerten Lebens erreicht? Schmitz geht dieser Frage nach und erzählt in einem Fallbeispiel von einem Menschen mit Locked-in-Syndrom, der anders antwortet als vielleicht zu erwarten wäre.
  • Behinderung: Neben den aktuellen Definitionen von Behinderung blickt die Autorin in die Geschichte des Begriffs und die kulturellen Vorstellungen von Abweichungen im Allgemeinen. Auch hier zeigt sie an ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie an sich überkommene Denkmuster sie beeinflussten. So machte sich Schmitz lange Zeit den Vorwurf, aufgrund von falschem Verhalten schuld an der Behinderung ihrer Tochter zu sein. Auf der anderen Seite blieb für sie die Frage offen, was sie diesem geliebten Menschen hinsichtlich eines „normalen“ Umgangs zumuten könne. Medizinische Diagnosen schüchterten sie ein und verunsicherten, denn „sie schienen der Schlüssel zur Erklärung des Schicksals meines Kindes und waren doch gleichzeitig eine Bedrohung seiner Individualität“ (69). Die Gesellschaft reagiert nach wie vor auf Menschen mit Behinderung einerseits mitleidend und zum anderen verächtlich. Dabei bräuchten sich beide Seiten, um einander zu erkennen: „Menschen mit Behinderung können andere daran erinnern, können sie dafür sensibilisieren, was ein menschliches Leben wirklich ausmacht. Sie können der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten und deren Normen entlarven“ (75).
  • Demenz: Schmitzs These lautet: „Demenz wird dämonisiert“ (136). Die Krankheit scheint unverstehbar zu sein und die Reaktionen darauf sind zumeist Angst und Entsetzen. Das unter anderem, weil wir den Verlust der Selbstkontrolle befürchten oder Angst vor Abhängigkeit haben. Dabei zeigt das Buch gute Beispiele auf, wie mit Geschick, Einfühlungsvermögen und Respekt auf dieses Phänomen reagiert werden könne.
  • Suizid: Suizid sei immer noch mit Stigmatisierung verbunden, denn „wer vom Suizid erzählt, scheint einen Makel zu benennen. Es scheint, als ob mit dem Suizid etwas Unheimliches einhergeht, eine Niederlage, ein Versagen, eine diffuse Unzulänglichkeit derjenigen, die dem Toten nahestanden“. Schmitz weiß um dieses Stigma, denn ihre Schwester nahm sich mit 37 Jahren das Leben. In der zweiten persönlichen Geschichte im Buch erzählt die Autorin vom Gegenpol des lebenswerten Lebens, dem selbstgewählten Tod als Tragödie für den betreffenden Menschen, die Hinterbliebenen und die Gesellschaft.

Ein Ausblick am Ende des Buches stellt ein Gespräch mit der Tochter dar, das um die Frage kreist: Warum willst du leben?.

Diskussion

Schmitz schreibt ehrlich und authentisch. Sie schildert die Probleme, die eigene Tochter anzunehmen, weil sie lernen musste, gängige Vorstellungen von „Normalität“ abzubauen und eine neue Haltung gegenüber dem Anderssein zu entwickeln (vgl. 128). Die Mutter berichtet von den Diskrepanzen zwischen Wollen und Nicht-Können, beschreibt Ängste, Unsicherheiten und Überforderungen. Nach vielen Jahren, in denen sie sich selbst in Frage stellte, kann sie diese Ungewissheiten heute selbst nicht mehr verstehen: „Das Leben mit Carlotta ist nicht nur selbstverständlich geworden, es ist ein ganz und gar lebenswertes, ein ganz besonders glückliches Leben. Ich – wie auch die ganze Familie – erlebe mein Kind schon lange nicht mehr als anders, sondern als Carlotta, als den individuellen Menschen, der sie ist. Dass Carlotta eine geistige Behinderung, eine kognitive Beeinträchtigung hat, ist für mich, meine Wahrnehmung von ihr, für unsere Beziehung überhaupt nicht wichtig“ (129). Vielmehr als die Frage nach „Normalität“ ist es der Wunsch nach Anerkennung und Zugehörigkeit, der uns alle beeinflusst. Im Buch wird deutlich, dass und wie wir zum größten Teil unbewusst von Normen geprägt und bestimmt sind (vgl. 68).

Schmitzs Ausführungen sind nahegehende und zugleich sehr anregende Passagen, die den Zwiespalt aufzeigen, der uns in aktuellen gesellschaftlichen Debatten um Inklusion, Gender oder Ableismus genauso begegnet, wie sie es für Suizid, Demenz und Behinderung ausgewogen diskutiert: Wir sind normativ geprägt und wollen bzw. sollen nun diese Normen aufbrechen. Als Soziale müssen wir hier stets einen Schritt weiter sein, um anderen bei diesem Schritt zu helfen. Das ist nicht immer leicht. Barbara Schmitz liefert einen wichtigen Beitrag, diesen Zwiespalt zu reflektieren. Dazu gehört schließlich die Erkenntnis, dass die eigene Sichtweise zumeist eine andere als die meines Gegenübers ist, so am Beispiel des „Behinderten-Paradoxons“: „Während Menschen ohne Behinderung denken, dass das Leben mit einer Einschränkung unglücklich, tragisch, weniger gut, vielleicht sogar nicht lebenswert sein müsse, geben Menschen mit Behinderung gewöhnlich einen gleich hohen Wert an Zufriedenheit oder Glück an wie Menschen ohne Behinderung“ (37).

Fazit

Das Buch ist unbedingt empfehlenswert. Zum einen bietet die Lektüre private Einblicke in die Gedanken einer Privatperson, die ihr Leben mit einem behinderten Kind und den Freitod der eigenen Schwester zu begreifen und zu erklären versucht. Als Philosophin reflektiert Schmitz auf der professionellen Ebene ethische Aspekte dieses Lebens, die dazu dienen können, tiefer über gesellschaftliche Fragestellungen nachzudenken (z.B. Inklusion): „Über das lebenswerte Leben nachzudenken kann ein Weg sein, das Leben lebenswert zu machen“ (31). In dieser Weise ist das Buch für ethische Diskussionen in der sozialpädagogischen Lehre über Würde und Selbstbestimmung sehr gut geeignet.

Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Es gibt 27 Rezensionen von René Börrnert.

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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 15.12.2022 zu: Barbara Schmitz: Was ist ein lebenswertes Leben? Philosophische und biographische Zugänge. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2022. ISBN 978-3-15-011382-0. Reihe: Reclam Denkraum. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29362.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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