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Bernhard Frevel (Hrsg.): Migration und Sicherheit in der Stadt

Rezensiert von Dr. Karsten Lauber, 18.10.2022

Bernhard Frevel (Hrsg.): Migration und Sicherheit in der Stadt. Sozial-, geistes- und rechtswissenschaftliche Analysen zu migrantisch geprägten Großstadtquartieren. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2021. 249 Seiten. ISBN 978-3-643-15029-5.
Reihe: Zivile Sicherheit - Band 21.

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Thema

Die Stadt und der Fremde ist nicht nur ein klassisches Thema der Soziologie, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Genese der modernen europäischen Stadt. Spätestens nach dem „langen Sommer der Migration“ (Georgi 2016: 183) nahm der dahingehende Sicherheitsdiskurs wieder an Fahrt auf und hieran knüpft auch das Forschungsprojekt migsst (Migration und Sicherheit in der Stadt) an, das die Grundlage der in diesem Sammelband vereinten Aufsätze bildet.

Herausgeber

Der Herausgeber, Bernhard Frevel, ist Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen. Im Projekt migsst fungierte er als Verbundkoordinator, wobei Frevel bereits in der Vergangenheit bei verschiedenen BMBF-geförderten Projekten aktiv war. Den weiteren Input liefern 16 Autorinnen und Autoren.

Entstehungshintergrund

Das dem Sammelband zugrunde liegende Forschungsprojekt migsst förderte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der 2016 veröffentlichten Bekanntmachung „Zivile Sicherheit – Fragen der Migration“. „Das Projekt migsst untersuchte, ob Formen von Integration und/oder Segregation in migrantisch geprägten Quartieren Konflikte, Ordnungsstörungen und Kriminalität vermindern oder erhöhen, und falls ja, wie“ (S. 3). Die Grundlage der Untersuchung bildeten Fallstudien in vier deutschen Großstädten mit je zwei Quartieren. Ziele der Untersuchung „waren die Gewinnung wissenschaftlicher und praktischer Erkenntnisse für die Herstellung und ggf. Verbesserung der Sicherheit und des Sicherheitsempfindens im Quartier sowie die Förderung oder Verbesserung des Zusammenlebens“ (S. 4). Am Forschungsprojekt beteiligten sich sechs Hochschulinstitute bzw. -lehrgebiete sowie das Kriminalistische Institut des Bundeskriminalamtes.

Aufbau

Der Sammelband beinhaltet – neben dem Editorial und den abschließenden Bemerkungen des Herausgebers – elf Aufsätze, die in der Regel rund 20 Seiten umfassen. Die Literaturverzeichnisse schließen direkt an die jeweiligen Aufsätze an. Übergeordnete Angebote wie ein Autorenverzeichnis fehlen. Informationen über die institutionelle Verankerung der Autorinnen und Autoren schließen unmittelbar an die Überschriften der Beiträge an.

Inhalt

Der Herausgeber, Bernhard Frevel, eröffnet den Sammelband mit seinem Editorial „Migration und Sicherheit in der Stadt“ und erläutert dabei die Rahmenbedingungen des Forschungsprojekts, die Methoden, die inhaltlichen Verantwortlichkeiten der Projektpartner sowie die in unterschiedlichen Disziplinen verorteten theoretischen Ansätze. Dem Untersuchungszeitraum geschuldet wird explizit auf die Forschungsbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie hingewiesen, die insbesondere die Empirie negativ beeinflussten.

Den Einstieg bildet der Beitrag von Luigi Droste, Marko Heyse und Thomas Dierschke (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) zur quartiersbezogenen Sicherheitseinschätzung in migrantisch geprägten Wohngegenden. Kurzgefasst geht es um die Frage nach dem Ruf migrantisch geprägter Wohngegenden auf der Grundlage der Bewertung der Sicherheitslage sowie um den Versuch, diese Sicherheitseinschätzung auf einer Individualebene zu erklären. Die Überlegung, die dieser Untersuchung zugrunde liegt, ist, dass neben den bekannten Erklärungsansätzen, wie dem Geschlecht oder der Wahrnehmung von Incivilities, mit dem Migrationshintergrund ein weiterer hinzukommen könnte. Diese Überlegung ist durchaus attraktiv, zumal bei den Sicherheitsbefragungen regelmäßig ein Mittelschichtsbias zu beklagen ist. Methodisch wurde eine Passantenbefragung gewählt, sodass es nicht verwundert, dass die Stichprobe lediglich aus N=270 besteht. Im Ergebnis erweist sich der Migrationshintergrund in der Regressionsanalyse als unauffällig. Erst Interaktionsmodelle mit den Variablen Geschlecht und Wohndauer weisen auf einen Einfluss des Migrationshintergrunds hin.

An den Beitrag zur Kriminalitätsfurcht schließt die Untersuchung von Dijana Djerkovic, Stefan Jarolimek, Franziska Ludewig und Fabian Rosenkranz (Deutsche Hochschule der Polizei) zur lokalen Berichterstattung von Tageszeitungen über die Sicherheitswahrnehmung in migrantisch geprägten Stadtteilen an. Ziel der in diesem Aufsatz beschriebenen Medienanalyse war es, zu untersuchen, „auf welche Art und Weise die Regionalpresse über Phänomene der Kriminalität in den im Projekt ausgewählten Städten berichtet und inwiefern dies mit Personen mit Migrationshintergrund oder migrantisch geprägten städtischen Räumen in Verbindung gebracht wird“ (S. 36). Methodisch basiert die Untersuchung auf qualitativen und quantitativen Inhaltsanalysen. Das Sample bestand aus 3.382 lokalen und regionalen Zeitungsartikeln im Zeitraum von September 2016 bis August 2018. Die präsentierten Ergebnisse replizieren verschiedene, bereits vorliegende Erkenntnisse aus der Medienberichterstattung über Migrantinnen und Migranten.

Im dritten Beitrag schreibt Christiane Howe von der Hochschule für öffentliche Verwaltung NRW über „[s]ozial-räumliche Gestaltungen – Stigmatisierungen, eigenwillige Aneignungsprozesse und gesellschaftliches (Gegen)Steuern“ (S. 50). Die Autorin analysiert drei Problembeschreibungen: männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund, Drogenhändler/​-innen sowie Drogenkonsumenten bzw. -innen. Ein Exkurs über Bildungs- und Generationenkonflikte beschreibt auf der Grundlage der vier Kapitalien von Bourdieu vor allem Benachteiligungen von Migrantinnen und Migranten auf dem Bildungssektor. In Zuge der Problembeschreibung der männlichen Jugendlichen konstatiert die Autorin im Wesentlichen das Fehlen öffentlicher (Rückzugs-)Räume. Diese Situation verschärft sich in vielen Städten durch rege Bautätigkeiten, d.h. zunehmende Verdichtungen. In dem Rekurs auf lokale Drogenhändler-/​innen und -konsumenten/​konsumentinnen wird die Alltäglichkeit des Konsums und kleinteiligen Erwerbs deutlich. Das abschließende Kapitel befasst sich mit Migrationsgeschichten, an die kein Fazit anschließt, doch ein präzises Plädoyer, wie mit sozialräumlichen Problemlagen auch umgegangen werden könnte.

Mit „Vulnerabilität und Stigmatisierungen von Roma und die Bedeutung der Figurations-Aushandlungen im Quartier“ (S. 79) befasst sich der vierte Aufsatz – verfasst von Dorthe Flothmann (Hochschule für öffentliche Verwaltung NRW). Theoretisch nimmt die Autorin Bezug auf die Etablierten-Außenseiter-Beziehungen von Elias und Scotson. Neben den Etablierten rückt die Untersuchung Zugewanderte aus Bulgarien und Rumänien sowie den Zuzug einer jungen, studentisch-geprägten Gruppe bzw. „kreative Berufseinsteiger*innen“ (S. 79) in den Vordergrund. Die Etablierten differenziert Flothmann in (a) Etablierte und (b) Neu-Etablierte bzw. Alt-Außenseiter; bei Letzteren handelt es sich im Wesentlichen um früher bereits Zugewanderte, d.h. Menschen mit Migrationsgeschichte. Ohne dies konkret zu benennen, geht es in diesem Aufsatz insbesondere um die mitunter von zugewanderten Roma-Familien bewohnten und – nicht nur in den Medien so bezeichneten – „Schrottimmobilien“ (Loy 2015).

Im Anschluss folgt mit „Nachbarschaften im moralischen Spannungsfeld von Heterogenisierung und Stigmatisierung“ (S. 95) der von Kaan Atanisev (Eberhard-Karls-Universität Tübingen) verfasste fünfte Beitrag. Sofern einleitend beschrieben wird, es würde um die Frage gehen, „welche moralisch-normativen Vorstellungen die Problematisierungen sowie Konfliktisierungen von Migration bzw. von Migrant:innen und ihren Nachkommen“ (S. 95) haben, handelt es sich in der konkreten Umsetzung im Wesentlichen um die Etikettierungen von Räumen. Hier spielen der Migrationshintergrund der Bewohner/​-innen und die Ordnungsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft eine zentrale Rolle.

Mit „Problematisierungen von Müll in ethnisch diversen Vierteln“ (S. 115) befasst sich Flynn Kunkel (Eberhard-Karls-Universität Tübingen). Es handelt sich um einen Aufsatz, der im Kontext der Broken Windows-These zu sehen ist. Der Beitrag beruht auf jeweils elf Interviews in der Untersuchungsstadt A und jeweils 10 Interviews in der Untersuchungsstadt D sowie Feldbegehungen und teilnehmenden Beobachtungen.

Gegenüber den bisherigen Aufsätzen bietet der Beitrag zu den „Parallelgesellschaften“ (S. 128) von Karoline Reinhardt (Eberhard-Karls-Universität, Tübingen) eine Abwechslung, die nicht zuletzt auch auf das Gebiet der seit geraumer Zeit skandalisierten Clankriminalität führt. Auf den bisherigen Mangel an begrifflicher und analytischer Schärfe antwortet die Autorin mit einer Bewertung der Genese des Begriffs und einer exemplarischen Prüfung verschiedener Definitionen. Im Ergebnis, so der Befund, gibt es in Deutschland derzeit keine Parallelgesellschaften.

Anne Burkhardt (Eberhard-Karls-Universität Tübingen) beschreibt in „Aspekte einer guten Medienpraxis für Quartiere der Vielfalt“ (S. 140) die Medienberichterstattung vor dem Hintergrund von wording, agenda setting und framing. Damit gibt die Autorin einen quellenreichen Überblick über die Medienberichterstattung im Kontext von Migration und Integration, insbesondere auch bezüglich der Berichterstattung über diejenigen Sachverhalte, welche die Polizei in ihrer Kriminalstatistik als Ausländerkriminalität deklariert. Der Aufsatz schließt mit Handlungsempfehlungen für Journalismus und Kommunen für ein „integratives Medienhandeln“ (S. 151).

Dijana Djerkovic, Stefan Jarolimek, Franziska Ludewig und Fabian Rosenkranz (Deutsche Hochschule der Polizei) sind mit einem zweiten Beitrag in diesem Sammelband vertreten. In „Lokalorientierte interorganisationale Sicherheitsarbeit“ (S. 160), so der Titel, gehen sie der Frage nach, „inwiefern lokal ausgerichtete Organisationen und Akteure der Sicherheit und Ordnung kooperieren bzw. wie eng sie zusammenarbeiten, um […] eine Sicherheit der ansässigen Bewohner*innen zu gewährleisten“ (S. 160). Als lokale Organisationen werden – neben der staatlichen Polizei – kommunale, privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Institutionen bzw. Akteure einbezogen. Die konkrete Betrachtung der interorganisationalen Zusammenarbeit rekurriert dann auf das Kommunikations- und Wissensmanagement sowie die Öffentlichkeitsarbeit.

Der vorletzte Beitrag in diesem Sammelband stammt von Fabian Mayer (Bundeskriminalamt) zum Thema „Datenbasierte Sicherheitsentscheidungen – Zur kommunalpräventiven Nutzbarmachung von strategischen Analysemodellen für migrantisch geprägte Quartiere“ (S. 181). Konkret geht es um die Entwicklung von zwei Modellen, die im Bundeskriminalamt „zur sicherheitsbezogenen Betrachtung migrantisch geprägter Quartiere“ (S. 182) entwickelt wurden. Modell 1 beinhaltet eine Situationsanalyse, d.h. eine Analyse der Sicherheits- und Kriminalitätssituation, und Modell 2 ein Zusammenhangsmodell, wobei sich der Aufsatz auf die Entwicklung des Modells 1 beschränkt. Kurzgefasst basiert das Modell 1 (Analysemodell) auf acht Modulen, u.a. Kriminalprävention, Kriminalität oder Wirtschaft. Auf der Grundlage eines für jedes Modul vergebenen Wertes zwischen 0 und 10 (0 = potentiell problematisch, 10 = unproblematisch) ergibt sich ein Ampelsystem, wie es zunehmend populär wird: rot = potentiell problematisch, gelb = neutral, grün = unproblematisch.

Mit „Rechtsfragen der Entstehung von Segregation und Bewältigung von Segregationsfolgen“ (S. 211) befassen sich danach Christoph Gusy und Marcus Kutscher (Uni Bielefeld). Die rechtswissenschaftliche Analyse berücksichtigt – nach einer grundlegenden Beschreibung der Segregation – das Bauplanungsrecht, das Schulrecht und das Aufenthaltsrecht. Vergleichbar anderer Aufsätze in diesem Sammelband schließt der Beitrag mit Handlungsempfehlungen.

Die Klammer in diesem Sammelband bildet dann Bernhard Frevel mit „Erkenntnisse, Perspektiven und Handlungsempfehlungen“ (S. 236). Ziel des abschließenden Beitrags ist es, die „wichtigen Handlungsfelder zu benennen und Handlungsempfehlungen zu entwickeln“ (S. 236). Bei den lokalisierten Problemfeldern handelt es sich um Segregation sowie Sicherheit und Ordnung. Daran schließen 13 thesenhaft formulierte Handlungsempfehlungen an.

Diskussion

In der Untersuchung von Luigi Droste, Marko Heyse und Thomas Dierschke geht es im Wesentlichen um die Kriminalitätsfurcht und die Frage, ob der Migrationshintergrund als Einflussfaktor in Frage kommt. Bei den üblichen, von den Autoren als klassisch bezeichneten Ansätzen wird neben der Wahrnehmung von Ordnungsstörungen, dem Geschlecht, dem Sozialkapital und der Generalisierungsthese auch die Viktimisierungserfahrung genannt und zutreffend wieder ausgeschlossen. Empirisch evidenter und folgerichtiger in Bezug auf den letzteren theoretischen Erklärungsansatz wäre der Ersatz der Viktimisierungserfahrung durch ein Item zur Messung der Viktimisierungserwartung gewesen. In den theoretischen Erläuterungen wäre zudem die Einbeziehung eines Verständnisses über gemeinschaftliche Normen wünschenswert gewesen. Das Zusammentreffen heterogener Normenverständnisse ist insbesondere in migrantisch geprägten Quartieren ein soziologisch relevantes Ereignis. Eine interessante Information wäre zudem gewesen, ob männliche oder weibliche Interviewer/​-innen tätig waren. Nicht minder diskussionswürdig ist die Verwendung einer nur 3-stufigen Antwortskala für die Frage nach der Bewertung der (befragungsrelevanten) Gegend als sicher bzw. unsicher. Möglicherweise mag das der Einfachheit der Passantenbefragung geschuldet sein, doch bringen derartige Skalen Einschränkungen bei der Datenanalyse mit sich, auf die in der Methodenkritik hinzuweisen gewesen wäre. Lediglich als Marginalie ist anzumerken, dass das beschriebene Thomas-Theorem mit einer Quelle von Merton zitiert wird. An dieser Stelle sollte die Originalquelle genannt werden. In der Gesamtbetrachtung dieser Untersuchung muss offenbleiben, ob die Methode der Passantenbefragung mit einem N=270 im Rahmen eines BMBF-geförderten Projektes geeignet ist einen empirischen Mehrwert zu erzeugen oder – im Sinne der BMBF-Bekanntmachung „einen hohen praktischen Nutzen und großes Umsetzungspotenzial erwarten“ (S. 2) lässt.

Der Beitrag von Dijana Djerkovic, Stefan Jarolimek, Franziska Ludewig und Fabian Rosenkranz bietet eine anschauliche und recht informative Ergebnisdarstellung. Es hätte sich lediglich angeboten, für die Präsentation der vielfältigen Analyseergebnisse auch Grafiken einzusetzen. So bleibt der Beitrag zu textlastig. Ein Manko, das sich allerdings durch den ganzen Sammelband zieht.

Wenn Christiane Howe einleitend schreibt, Ziel der Untersuchung wäre, die „Vielfalt in den Quartieren auf die Spur zu kommen“, bleibt die forschungsleitende Fragestellung zunächst diffus, zumal bis zur Ergebnispräsentation auch das methodische Vorgehen nicht erläutert wird. Um welche Personen es sich handelt, wenn von Migrationshintergrund geschrieben wird, bleibt ebenfalls unklar, was angesichts unterschiedlicher Definitionen problematisch ist. Nicht nur in diesem Aufsatz ist die inzwischen übliche Vorgehensweise anzutreffen, mit dem Betriff „sogenannt“ bzw. „sog.“ zu arbeiten, sodass in diesem Aufsatz der „sogenannte Migrationshintergrund“ (S. 51) oder der „sogenannte Gastarbeiter“ (S. 66) zu lesen ist. Der Exkurs über die Bildungs- und Generationenkonflikte ist recht gut gelungen, auch wenn er für etliche Rezipientinnen und Rezipienten nicht viel neues zum Vorschein bringen dürfte. Noch deutlicher hätte zum Abschluss des Exkurses – bei der Beschreibung der zuwanderungsbezogenen Veränderungsprozesse – auch das Zusammentreffen unterschiedlicher Normen(verständnisse) eingebracht werden können (s.o.). Mitunter zeigt der Aufsatz problematische Tendenzen, wahrgenommene Sachverhalte zu relativieren. Beispielsweise wenn ein Interviewpartner äußert, es gäbe gebrauchte Spritzen im Spielplatzsand (S. 64). Daran schließt unmittelbar die Formulierung „ein Kollege widerspricht“ an, da „es auf dem Spielplatz in der Vergangenheit Drogenhandel gegeben habe“, wobei dort „nicht mehr so viel los“ sei (S. 64). Es scheint also so zu sein, dass durchaus noch Drogen auf Spielplätzen gehandelt werden. In dem abschließenden Kapitel zu den Migrationsgeschichten wird auf eineinhalb Seiten recht kurz über das Migrationsrecht und die Zuwanderung durch Gastarbeiter/​-innen hinweggegangen, sodass zwangsläufig Unschärfen entstehen, wie sie in der kriminologischen Literatur üblich sind. Eine Kriminologie, die das Thema Migration in den Vordergrund rückt, sollte die rechtswissenschaftlichen Perspektiven des Migrationsrechts solider analysieren. Dass die Autorin bei den beschriebenen Integrationsdefiziten der Aufnahmegesellschaft die Gruppe der Zugewanderten generalisierend als „sie“ beschreibt, ist problematisch. Sie konstruiert damit die Gruppe der Migrantinnen und Migranten pauschal als Opfergruppe von Ausgrenzung und Stigmatisierung. Die Lebenswirklichkeit eines in Berchtesgaden lebenden Österreichers dürfte allerdings eine andere sein als diejenige eines Marokkaners in Kaiserslautern. Im Übrigen wäre es plausibler gewesen, die Integrationsfrage noch um das Sozialisationskonzept zu erweitern. Einen guten und anschaulichen Abschluss bilden die Ausführungen zur Selbst-Ethnisierung, an die ein nicht minder gelungenes Plädoyer für eine gelingende Stadtteilarbeit anschließt.

Der Beitrag von Flothmann zählt zu den seltenen, der sich mit den sozialräumlichen Problemen infolge der Zuwanderung von Roma befasst. Mit den Etablierten-Außenseiter-Beziehungen rekurriert sie dabei auf ein schlüssiges Konzept. Das Manko dieser Untersuchung ist allerdings die fehlende Analyse des Befunds. In ihrem Aufsatz rückt die Autorin gleich die Reaktionen der Etablierten in den Vordergrund, ohne überhaupt beschrieben zu haben, wie sich die Zustandssituation zeigt. Für kundige Rezipienten liegt die Vermutung nahe, dass es um die als „Schrottimmobilien“ bezeichneten Problemlagen geht. Dieses Manko zieht sich wie ein roter Faden durch den empirischen Teil, in dem es der Autorin durchaus gelungen ist, die Bedeutung unterschiedlicher Normen(verständnisse) hervorzuheben. Soweit argumentiert wird, die Etablierten würden mit dem Kriminalpräventiven Rat über ein Sprachrohr verfügen, steht dies im Widerspruch zum Forschungsstand über die kommunale Kriminalprävention, der es bislang bereits nicht gelungen ist, Bürger/-innenbeteiligung im Allgemeinen und die Beteiligung marginalisierter Gruppen im Speziellen zu institutionalisieren. Die Autorin konstruiert damit die Etablierten im Übrigen als eine homogene Gruppe. Dies gelingt auf dem Wege, indem bislang als Außenseiter definierte Personen als Neu-Etablierte umdefiniert werden. Leider lässt sich dem Aufsatz nicht erkennen, in welchem Maße auch Personen aus der Außenseiter-Gruppe interviewt wurden und ob es ggf. Probleme mit dem Feldzugang gab.

Der einleitende kursorische Rekurs auf die Einwanderungsgeschichte von Atanisev leidet an Unschärfe, da er beispielsweise die in den 1970er Jahren beginnenden Asyldebatten ausblendet, indem er lediglich die zwei Eckpfeiler (a) Gastarbeiter/​-innen ab den 1960er Jahren und (b) den Diskurs um Deutschland als Einwanderungsland in den 2000ern (der sich allerdings bis in die 1970er Jahren nachweisen lässt) nennt. Im Übrigen weist dieser Beitrag eine plausible inhaltliche Anschlussfähigkeit an die bisherigen Aufsätze an. Dem Autor gelingt es, die Begriffe Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit einander in Beziehung zu setzen, trotz einer arg verkürzt und lückenhaft ausgefallenen Beschreibung der Broken-Windows-These. Wichtig ist die Herausarbeitung der Langlebigkeit sozialräumlicher Etikettierungen (S. 104 f.). In seiner Schlussbetrachtung kommt er zu dem wichtigen Ergebnis, wonach das „Migrationsproblem“ (S. 110) durch ökonomische Probleme und Themen der Bildungsungleichheit überlagert werden.

Kunkel beginnt seinen Beitrag mit der Beschreibung theoretischer Grundlagen und das ist im Kontext der Incivilities vor allem die omnipräsente Broken Windows-These, einschließlich eines Rekurses auf Zimbardo. Dabei greift der Autor zweifach daneben. Die auch hier anzutreffende generalisierte bzw. verkürzte Kritik an Wilson & Kelling lässt unberücksichtigt, dass der Broken Windows-Ansatz bei genauer Betrachtung zwei Hypothesen beinhaltet, die es auseinanderzuhalten gilt: die erste bezüglich des Einflusses von Incivilities auf die Kriminalitätsfurcht und die zweite, der zufolge aus den Incivilities eine Kriminalitätsspirale entsteht. Bei der Beschreibung des Zimbardo-Experiments folgt Kunkel der wiederkehrend anzutreffenden Fehlinterpretation des Experimentverlaufs (vgl. Ansfield 2019). Außer Acht lässt der Autor weitestgehend die rechtliche Perspektive im Umgang mit Müll und natürlich kodifiziert das Recht die Ordnungsvorstellungen der Mehrheitsgesellschaft; auch fehlt die Betrachtung der umweltspezifischen Aspekte. Im Zuge der hier anzutreffenden Dementier-Kriminologie reduziert der Autor den Müll zu einer Frage der Ethnisierung und Kulturalisierung. Die Interpretation des Interview-Ausschnitts auf S. 121 weist auf einen möglichen Analysefehler hin, wenn argumentiert wird, der interviewte Polizeibeamte würde die „subjektive Komponente von Sicherheit mit objektiver Sicherheit“ verbinden. Das ist dem Interview-Ausschnitt so nicht zu entnehmen: „Also, durch erhöhte Kriminalität würden die sich auszeichnen, aus meiner Sicht. Und sicherlich mit erhöhter Vermüllung, sozusagen. Weil […] das ist einfach Grundlage jeglichen Sicherheitsgefühls“. Satz 1 lässt sich hier schwer interpretieren, da die Einleitung zu diesem Interview recht kurz gefasst ist. Satz 2 weist auf den empirisch mehrfach bestätigten Zusammenhang zwischen Incivilities und Kriminalitätsfurcht hin; die proklamierte Verbindung zwischen objektiver Kriminalität und Kriminalitätsfurcht lässt sich in diesem Satz nicht in der dargestellten Form nachweisen. Dem Autor kann abschließend nicht zugestimmt werden, soweit eine weitergehende Beschäftigung der hier wiedergegebenen Analyse vielversprechend wäre, zumal diesem Aufsatz, der methodisch und theoretisch problematisch ist, nur wenig Neues entnommen werden kann.

Gut und empfehlenswert ist der Beitrag von Karoline Reinhardt über die oft wenig reflektiert genannten „Parallelgesellschaften“. Der anschließende und sehr quellenreich unterlegte Aufsatz von Anne Burkhardt beschreibt recht anschaulich die Medienberichterstattung im Zusammenhang mit Migration im Allgemeinen und Kriminalität von Zugewanderten im Besonderen. Einleitend formuliert die Autorin die These nach einer „fairen, diskriminierungsfreien Berichterstattung“. Zwar nennt Burkhardt – unter Bezugnahme auf das Bundesverfassungsgericht – die Funktion der Medien innerhalb der Demokratie, ob dazu auch Fairness zu zählen ist, erscheint fraglich. Die Medienunternehmen haben – das kommt in der Argumentation nicht zur Sprache – ein Produkt zu verkaufen, keine Werte. Bei der Nachrichtenauswahl geht die Autorin leider nicht auf die Frage des Nachrichtenwertes ein und vor allem kommt die Vorfilterung durch die Polizeipressestellen nicht zur Sprache. Im Wesentlichen bedienen sich die Medien aus den Presseberichten der Polizei und setzen damit bereits den zweiten Filter. Unklar ist dem Rezensenten, wenn der Mehrheitsgesellschaft unterstellt wird, sie würde bezüglich der Migrantinnen und Migranten „ein kulturelles Anders-Sein“ (S. 142) zum Ausdruck bringen. Natürlich ist über die Frage der Integration (und der lange Zeit geforderten Assimilation) zu diskutieren, aber Kulturunterschiede zu negieren, so zumindest der Eindruck, der an dieser Stelle entsteht, greift ins Leere. Die abschließenden Handlungsempfehlungen für ein „integratives Medienhandeln“ (S. 151) können nicht durchgängig überzeugen. Der Ersatz der Formulierung „ethnisch segregierter Quartiere“ durch „Quartiere der Vielfalt“ lässt außer Acht, dass jede Großstadt Ergebnis von Vielfalt ist: Ohne Vielfalt, keine Stadt. Außerdem wird ein schlechtes Etikett gegen ein bedingt brauchbares ausgetauscht. Der Vorschlag für eine Migrantenquote für Medienunternehmen dürfte zurecht wenig Aussicht auf Erfolg haben. Der Ruf nach mehr kommunalem Engagement auf unterschiedlichen Handlungsfeldern verkennt die finanziellen und personellen Ressourcen der Kommunen. Insofern verlaufen sich einige der Handlungsempfehlungen in einem typischen Ruf nach dem bzw. mehr Staat (hier: Kommunen).

Dijana Djerkovic, Stefan Jarolimek, Franziska Ludewig und Fabian Rosenkranz von der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) betrachten in ihrem zweiten Aufsatz für diesen Sammelband einleitend recht umfangreich die Netzwerkarbeit der Sicherheitspartner und beziehen dabei in erster Linie frühere BMBF-Projekte wie DynASS und KoSiPol oder institutioneneigene Forschungsvorhaben (DHPol) wie KORSIT ein. Angesichts der ebenfalls recht detailliert ausgefallenen Kapitels über interorganisationale Kommunikationsstrategien fällt der Ergebnisteil demgegenüber eher schmal aus. Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt auf den drei Analyseebenen (1) Informationsfluss innerhalb der Organisation, (2) Kommunikationsstrategien und gemeinsames Wissensmanagement mit Kooperationspartner/​-partnerinnen und (3) Kommunikationsstrategien in der Öffentlichkeit. Bemerkenswerte neue Erkenntnisse lassen sich aus der Bewertung der Ergebnisse und den hieraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen nicht gewinnen. Stellenweise fallen diese banal aus wie die beschriebene Notwendigkeit, videokonferenzfähige Computer oder angemessene Seminarräume verfügbar zu haben. Ein wichtiger Hinweis findet sich im Kapitel zur methodischen Vorgehensweise. Dass der oft kritisierte fehlende Feldzugang zu Polizeiangehörigen in diesem Projekt leicht fiel, verwundert nicht, da das Forschungsteam der Institution Polizei zugehörig ist. Demgegenüber gestaltete sich in diesem Projekt der Zugang zu anderen Interviewpartnern/​-innen schwierig, was an dieser Stelle leider nicht näher ausgeführt wird. Wie die Übersicht auf S. 169 verdeutlicht, konnte beispielsweise in der Untersuchungsstadt A kein/-e Mitarbeiter/-in der Stadtverwaltung gewonnen werden.

Seine gute Einführung zur kriminologischen Problemstellung von benachteiligten Quartieren schließt Fabian Mayer mit zwei auffälligen Aspekten ab. Das abgeleitete Forschungsdesiderat wird aus einer „sicherheitswissenschaftlichen Perspektive“ betrachtet. Eine solche Betrachtung kann nur eine kriminologische sein – weshalb diese als „sicherheitswissenschaftlich“ bezeichnet wird, bleibt unklar. Die kriminologische Analyse von benachteiligten und migrantisch geprägten Quartieren (Stichworte: ethnische und residentielle Segregation) wird als Forschungsdesiderat bezeichnet, da sie „bisher wenig erforscht waren“. Für diese problematische Aussage hätte sich eine präzisere Beschreibung des bisherigen Forschungsstandes angeboten; leider mangelt es in der Literatur dahingehend wiederkehrend an einer aussagekräftigen Beschreibung, was insofern bedauerlich ist, da erst die Analyse des Forschungsstandes eine Begründung für die eigene Forschungsfrage bzw. die hiervon abgeleiteten Hypothesen bildet. In der Beschreibung (der Genese) des Analysemodells, das Schutz- und Risikofaktoren im Quartier erhebt und analysieren soll, gibt der Autor sechs Thesen wieder, die im Rahmen der Vorüberlegungen zur Entwicklung des Modells entstanden. So sieht die These 6 vor, dass die Wiederholung der Analyse im Längs- und Querschnitt ohne externe Unterstützung möglich sein muss. Diese These erzeugt Spannung für die weiteren Ausführungen, da die Frage zu stellen ist, welche Datenanalyse zu erwarten ist, die ohne externe (wissenschaftliche) Unterstützung möglich ist. In der Beschreibung der methodischen Vorgehensweise nimmt die SWOT-Methode einen größeren Umfang ein, über die bereits im vorhergehenden Aufsatz von Djerkovic et al. zu lesen war. Das mag methodisch richtig sein, in einem kriminologischen Sammelband sind – angesichts der ohnehin verkürzten Ergebnispräsentationen – derartige Redundanzen entbehrlich. Nicht minder problematisch ist, wenn der Autor darauf hinweist, dass zum Zeitpunkt der Drucklegung abschließende Analysen noch ausstanden, sodass die präsentierten Ergebnisse noch nicht als final anzusehen sind. Die Interpretation der Faktoren, die zur Analyse herangezogen werden, ist insofern schwierig, als dass die Tabelle (S. 193) darauf hinweist, dass die abgebildeten Faktoren zum Teil aus zusammengefassten Items bestehen. Die Analyse des Moduls Kriminalität durch die Faktoren (1) Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) oder (2) qualitative Kriminalitätseinordnungen sind ebenfalls stark interpretationsbedürftig; die PKS bereits vor dem Hintergrund der allseits bekannten und beschriebenen Fehlerquellen. Zudem nennt der Autor exemplarisch die Straßenkriminalität. Die wiederkehrende Verwendung der Straßenkriminalität, einem Summenschlüssel in der PKS, lässt wieder einmal außer Acht, dass diese aus einer Vielzahl heterogener Einzeldelikte „konstruiert“ wird. In ihr befinden sich unterschiedliche Delikte – von der Vergewaltigung bis hin zum Fahrraddiebstahl. Dass der Autor die Heranziehung dieses ungeeigneten Summenschlüssels damit begründet, dass er u.a. ein mehr an Signifikanz gegenüber der kleinteiligen Verteilung von Einzeldelikten bringt, sollte statistisch nachgewiesen sein. Ein Analysemodell, das lediglich auf der Grundlage einer These basiert, ist methodisch zu anfällig. Die qualitative Kriminalitätseinordnung, zu der u.a. die politisch motivierte Kriminalität gezählt wird, beinhaltet offenbar polizeiliche Meldedienste. Hierbei handelt es sich um eine sog. Eingangsstatistik (die PKS ist eine Ausgangsstatistik). Beiden Datenquellen ist gemeinsam, dass sie die polizeiliche Verdachtsschöpfung abbilden und im Vorgriff auf eine spätere justizielle Entscheidungsfindung erfolgen. Der Autor weist zwar auf die „Probleme bei der Vergleichbarkeit“ (S. 196) derartiger Statistiken hin (allerdings nicht in Bezug auf die Meldedienste sondern an anderer Stelle wegen der Einbeziehung von Daten aus der polizeilichen Vorgangsverwaltung), ohne jedoch die inhaltliche Perspektive zu begründen. Ergänzend dazu wäre ohnehin auf die Frage nach Anzeige- und Kontrolldelikten hinzuweisen gewesen. Eine erhöhte registrierte Kriminalität in migrantischen Quartieren kann auch auf ein höheres Maß an formeller Sozialkontrolle hinweisen. Leider ist auch in diesem Aufsatz eine ungenaue Beschreibung des Broken Windows-Aufsatzes anzutreffen (S. 197). Soweit abschießend eine der drei zentralen Erkenntnisse die Verfügbarkeit von polizeilichen und kommunalen Daten ist, die es zusammenzuführen gilt, wäre es gut, gewesen, die Daten konkret zu benennen. Welche Datenbestände meint der Autor damit? Die Lösung sind dann vermutlich nicht nur die zu schließenden „Verwaltungsvereinbarungen oder andersartige schriftliche Vereinbarungen [sic!]“ (S. 204). Ggf. ergeben sich hieraus auch datenschutzrechtliche Fragen, die es zu klären gilt. Ganz klassisch ist eine Stärke der Aufsatzes zugleich seine Schwäche. Das hier präsentierte Modell gibt den idealtypischen Charakter wieder. Dabei wird deutlich, jedoch zu wenig problematisiert (wie im Fall der soeben genannten Datenaggregation), dass die Praxis in vielerlei Hinsicht ein anderes Bild zeichnet, beispielsweise bei der Frage nach ausreichenden Personalressourcen und wünschenswerten Kompetenzen der Beschäftigten (vgl. S. 195). Das von Mayer beschriebene Modell hat es inzwischen in die Praxisumsetzung geschafft. Wie die Stadtverwaltung in Gelsenkirchen am 7. Juni 2022 informierte, nimmt die nordrhein-westfälische Stadt an einem deutschlandweiten Pilotprojekt ELSA (Evidenzbasierte lokale Sicherheitsanalysen) teil (vgl. Stadt Gelsenkirchen 2022). In einem Beitrag für netzpolitik.org wird nicht nur das stigmatisierende Potenzial des Projektes, sondern auch die Methodik des Modells (zurecht) kritisiert, da die Grundlage der Analyse „auf wenigen Interviews mit Bürgern in anderen Städten beruht“ (Voregger 2022), um plakativ zu ergänzen: „Viele der Probleme Gelsenkirchens zeigen sich auch ohne große Excel-Tabelle“ (Voregger 2022).

Gusy und Kutscher leiten ihren Beitrag zur Segregation mit einer kurzen und gut lesbaren Beschreibung bzw. Analyse des Phänomens ein. Daran schließen ausgewählte rechtliche Steuerungsmöglichkeiten an (Bau-, Schul- und Aufenthaltsrecht). Abseits der üblichen sozialwissenschaftlichen Analysen, die in der Regel in der kriminologischen Literatur anzutreffen sind, bieten die Autoren damit eine weniger prominente Perspektive an. Positiv hervorzuheben ist die Berücksichtigung der migrationsrechtlichen Zuzugssperre für Ausländer/-innen in Berlin in den 1970er Jahren (leider ist die genannte Quelle im Literaturverzeichnis nicht hinterlegt).

Die abschließende Beitrag von Frevel bietet zum Ende des Sammelbandes eine routinierte Gesamtbetrachtung des Untersuchungsgegenstandes, wobei deutlich wird, dass es wenig neue Lösungsansätze gibt, jedoch viele bekannte Konzepte, die es anzuwenden gilt. Bei den Thesen ist positiv das problematisierende Wording und Framing im Kontext von Problemvierteln zu nennen. Dass das BKA-Analysemodell in den thesenhaften Handlungsempfehlungen unter „Analysengestützt Handlungsbedarfe erkennen und Maßnahmen priorisieren“ erscheint, ist zu erwarten, handelt es sich doch um ein Teilvorhaben in diesem BMBF-Projekt. Dennoch überzeugt dieser Ansatz nicht, wie bereits die ersten Erfahrungen aus dem Pilotprojekt in Gelsenkirchen zeigen.

Sofern an den Aufsätzen methodische Kritik zu üben ist, richtet sich diese weniger an die Forscher/​-innen, sondern eher an das Konzept des BMBF. Mit den zur Verfügung stehenden Projektzeiträumen und -geldern lassen sich solide Untersuchungen im Sinne der Bekanntmachungen in der Regel nicht durchführen. Am Ende bleiben die üblichen zwei- bis dreijährigen Projekte, die beispielsweise kleine explorative Untersuchungen oder Querschnittsuntersuchungen beinhalten, denen es zu oft an Anschlussfähigkeit an den weiteren wissenschaftlichen Diskurs oder die Praxis fehlt. Bedarf es zum Beispiel tatsächlich einer weiteren Untersuchung zum Sicherheitsempfinden, ohne nennenswerte methodische Weiterentwicklung?

Zwar werden weitestgehend Ziele der jeweiligen Untersuchungen genannt, doch fehlt es an der Nennung von Hypothesen, die an keiner Stelle Erwähnung finden.

Fazit

Der Sammelband bündelt verschiedene Aufsätze aus dem Forschungsprojekt „Migration und Sicherheit in der Stadt“, das durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde. Es handelt sich fast durchwegs um solide Beiträge, die allerdings wenig Neues zutage fördern. Die Kritik richtet sich allerdings weniger an die Forscher/​-innen als vielmehr an die Förderpraxis des BMBF. In diese Richtung ist beispielsweise die Frage zu stellen, welcher Mehrwert in Querschnittserhebungen mit teils geringer Stichprobe liegen soll. In den jeweiligen Beiträgen kommen aussagekräftige Methodenbeschreibungen oftmals zu kurz, Methodenkritik ist fast gar nicht anzutreffen. Die empirischen Ergebnisse lassen sich vor dem Hintergrund geringer oder sogar fehlender Zustandsbeschreibungen mitunter schwer interpretieren. In der Gesamtbetrachtung hätte es sich angeboten, den Textumfang einiger Beiträge bereiter anzulegen. Das Ziel, wissenschaftliche und praktische Erkenntnisse für die Herstellung und ggf. Verbesserung der Sicherheit und des Sicherheitsempfindens im Quartier sowie die Förderung oder Verbesserung des Zusammenlebens zu gewinnen, dürfte nur in Teilen erreicht worden sein.

Literatur

Ansfield, Bench (2019): How a 50-year-old study was misconstrued to create destructive broken-windows policing, in: The Washington Post vom 27.12.2019. Verfügbar unter https://www.washingtonpost.com/outlook/2019/12/27/how-year-old-study-was-misconstrued-create-destructive-broken-windows-policing/. Abgerufen am 25.09.2022.

Georgi, Fabian (2016): Widersprüche im langen Sommer der Migration. Ansätze einer materialistischen Grenzregimeanalyse, in: PROKLA, Nr. 2/2016, S. 183 203.

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Voregger, Michael (2022): Gelsenkirchen testet Frühwarnsystem für Sicherheit und Ordnung, in: netzpolitik.org. Verfügbar unter https://netzpolitik.org/2022/bka-pilotprojekt-gelsenkirchen-testet-fruehwarnsystem-fuer-sicherheit-und-ordnung/. Abgerufen am 03.10.2022.

Rezension von
Dr. Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
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Es gibt 16 Rezensionen von Karsten Lauber.

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Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 18.10.2022 zu: Bernhard Frevel (Hrsg.): Migration und Sicherheit in der Stadt. Sozial-, geistes- und rechtswissenschaftliche Analysen zu migrantisch geprägten Großstadtquartieren. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2021. ISBN 978-3-643-15029-5. Reihe: Zivile Sicherheit - Band 21. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29366.php, Datum des Zugriffs 02.12.2022.


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