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Denis Mukwege: Die Stärke der Frauen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 28.04.2022

Cover Denis Mukwege: Die Stärke der Frauen ISBN 978-3-570-10475-0

Denis Mukwege: Die Stärke der Frauen. Wie weibliche Widerstandskraft mich lehrte, an eine bessere Welt zu glauben - Der dringende Appell des Friedensnobelpreisträgers, sexuelle Gewalt nicht länger hinzunehmen. C. Bertelsmann (München) 2022. 432 Seiten. ISBN 978-3-570-10475-0. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 33,07 sFr.
Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783426214299
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Eine bessere, gerechte (EINE) Welt ist möglich!

Es ist die kreative Vielfalt, und es sind die allgemeingültigen, nicht relativierbaren Menschenrechte die – und nur sie – eine humane, gleichberechtigte und menschenwürdige Existenz der Menschheit ermöglichen. Die „globale Ethik“, wie die am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen proklamierte „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ bezeichnet wird, weist die Grundwerte aus: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Entstehungshintergrund und Autor

Der kongolesische Gynäkologe und Menschenrechtsaktivist Denis Mukwebe wurde weltweit bekannt durch die Verleihung des Friedensnobelpreises 2018. Reflexionen, Bestandsaufnahme und Erfahrungen seiner Arbeit legte er 2021 mit dem englischsprachigen Buch „The Power of Woman. A Doctor’s Journey of Hope and Healing“ vor. Das Penguin Random House legt es nun in deutscher Sprache mit dem Titel „Die Stärke der Frauen“ vor. Mukwebe will damit „eine Homage an die Kraft aller Frauen“ ausdrücken; und er will damit zum Ausdruck bringen, „dass die besten Instinkte des Menschen – zu lieben, zu teilen und andere zu beschützen – auch unter den denkbar schlimmsten Umständen triumphieren“.

Aufbau und Inhalt

Es sind vor allem die Opfer von sexueller Gewalt, die in Kriegen und feindlichen Auseinandersetzungen zu leiden haben. Es sind die unmenschlichen Taten, wie Vergewaltigungen, Erniedrigungen und Tötungen von Zivilist*innen, die im Krieg als „Kampfmittel“ geduldet, eingesetzt und sogar propagiert werden. Ihnen, den Überlebenden, widmet der Arzt in seinem Heimatland, der Demokratischen Kongo, seine ganze Kraft, mit der Gründung eines Krankenhauses, in dem insbesondere Patientinnen von sexueller Gewalt medizinisch und ganzheitlich Heilung erfahren, aber auch, indem er lokal und global mit Information und Aufklärung auf die Menschenrechtsverletzungen aufmerksam macht. Er ist sich bewusst, dass er – als Mann – die Leiden der betroffenen Frauen nicht vollständig erkennen und erfühlen kann: „Meine Rolle besteht seit jeher darin, denjenigen eine Stimme zu verleihen, die aufgrund ihrer marginalisierten Lebensbedingungen keine Möglichkeit haben, ihre Geschichte mitzuteilen. Ich stehe neben, aber niemals vor ihnen“ (S. 14). Neben der Einführung und den Schlussfolgerungen gliedert Mukwege sein Buch in zehn Kapitel, in denen bereits mit den Überschriften die Inhalte erkennbar werden: „Tapfere Mütter“ – „Die Krise der Frauengesundheit“ – „Krise und Widerstandskraft“ – „Schmerz und Stärke“ – „Mit seinen eigenen Worten“ – „Die Stimme erheben“ – „Der Kampf um Gerechtigkeit“ – „Anerkennung und Gedenken“ – „Männer und Männlichkeit“ – „Führung“.

Die in den (kongolesischen und regionalen) Kriegen begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit lassen sich historisch – als koloniale und nachkoloniale Entwicklungen – und politisch – als Macht- und Dominanzansprüche – erklären. Es sind kulturell verbrämte und verdeckte Vorstellungen und Mentalitäts-Einstellungen von „Männlichkeit“, von Höherwertigkeitseinstellungen und patriarchalen Strukturen, die physische und sexuelle Gewalt möglich machen (siehe als Vergleich: Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26436.php). Es sind Fragen nach den Tätern und Opfern, die als kulturelle und interkulturelle Problemlagen und Herausforderungen thematisiert werden müssen (siehe z.B. dazu auch: Kirstin Breitenfellner, Wie können wir über Opfer reden?, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/24946.php). An Orten, wo es für Mütter lebensgefährlich ist, Kinder zu gebären (S. 68ff), wie z.B. in Kongo, wo rund 850 Frauen pro 100.000 Lebendgeburten sterben, kann die Welt nicht in Ordnung sein. Die zum Teil detaillierten, dramatischen Schilderungen von Vergewaltigungen während der Kriege verursachen beim Lesen Pein, und die Informationen über die operativen, medizinischen und mentalen Heilungsversuche der Ärzte und des Pflegepersonals Anerkennung und Hochachtung. Es sind freilich keine Helden-Erzählungen, sondern Aufzählungen von kulturellen und medizinischen Defiziten, bis hin zu dem Dilemma, dass bei der Ausbildung von kongolesischen Ärzten im Ausland Brain-Drain-Entwicklungen eine Rolle spielen (S. 80).

Charakteristisch für die autobiographische Erzählung darüber, wie Mukwege geworden ist, was er ist, wie er denkt und handelt, und was er sich ersehnt und erhofft, ist, dass er bei seinen Berichten und Dokumentationen immer auch den Blick über den eigenen Gartenzaun, auf die Zustände in anderen Ländern und Weltregionen richtet – um positive Entwicklungen als Vorbilder und Perspektiven aufzunehmen und im eigenen Umfeld umzusetzen; aber auch vor negativen Entwicklungen zu warnen, um sie zu.vermeiden Wenn jemand in einem diktatorischen, autoritären Land nach Recht, Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Demokratie verlangt und dafür eintritt, lebt er gefährlich (S. 396ff). Flucht?, Exil? Gutes Leben in der Fremde? Oder Rückkehr ins Chaos? Ins Ungewisse? Ins Gefährliche? Mukweges und seiner Familie Heimfahrt nach Süd-Kiwu und in (sein!) Panzi-Krankenhaus, als Arzt und Menschenrechtsaktivist, war möglich und förderlich, weil die Frauen es wollten: „Meine größte Hoffnung ist, dass unsere Krankenstationen und Frauenhäuser für vergewaltigte Frauen irgendwann leer stehen werden, dass unsere Beratungsstellen und Anwaltskanzleien überflüssig werden“ (S. 415).

Diskussion

„Ich bete jeden Tag für eine friedliche und blühende Zukunft für mein Land und meine Region. Wir sind unvorstellbar reich an Natur und Bodenschätzen, und doch haben Gier und Ausbeutung uns zu einem der ärmsten Orte des Planeten gemacht“ (S. 416). Mukweges Ruf nach Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ist ein humaner, anthropologischer, auf den Grundlagen der Menschenrechte und der Menschenwürde beruhender Ruf. Er muss gehört und verwirklicht werden von allen Menschen! Vor mehr als einem Viertel Jahrhundert (1995) hat die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ die Menschheit aufgefordert, „umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Dieser Anspruch ist heute genauso gültig, man könnte sogar in der „Zeitenwende“ sagen, nötiger denn je, und er bedarf der Realisierung! 

Fazit

Das Buch von Dr. Denis Mukwege ist ein persönlicher Appell für Demokratie-, Freiheits- und Gerechtigkeitsempfinden. Es ist aber auch eine gesellschaftliche Aufforderung, Machtmissbrauch in staatlichen, politischen Prozessen zu verhindern: „Wir müssen handeln und uns dafür einsetzen, dass sexuelle Gewalt abnimmt, und zwar durch die gesamte Machtpyramide unserer Gesellschaft hindurch, von ganz oben bis ganz nach unten“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.04.2022 zu: Denis Mukwege: Die Stärke der Frauen. Wie weibliche Widerstandskraft mich lehrte, an eine bessere Welt zu glauben - Der dringende Appell des Friedensnobelpreisträgers, sexuelle Gewalt nicht länger hinzunehmen. C. Bertelsmann (München) 2022. ISBN 978-3-570-10475-0. Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783426214299 . In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29367.php, Datum des Zugriffs 21.05.2022.


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