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Sabine Ader, Christian Schrapper (Hrsg.): Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe

Rezensiert von Prof. em. Dr. Matthias Moch, 01.08.2022

Cover Sabine Ader, Christian Schrapper (Hrsg.): Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe ISBN 978-3-8252-5820-7

Sabine Ader, Christian Schrapper (Hrsg.): Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe. UTB (Stuttgart) 2022. 2., aktualisierte Auflage. 332 Seiten. ISBN 978-3-8252-5820-7. D: 50,00 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 65,00 sFr.
Reihe: UTB - 5354
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Thema und Entstehungskontext

Fallverstehen wird als zentraler sozialpädagogischer Begriff und als Voraussetzung fachlichen Handelns in der Sozialen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien dargestellt. Der verstehend-diagnostische Blick der*des Sozialpädagogin*en grenzt sich ab von einem nomothetischen Verständnis in der Fallarbeit. Er nutzt das interaktive Eingebundensein der Fachkraft als Erkenntnisquelle und als Grundlage einer partizipativen Jugendhilfe.

Das Werk bündelt, expliziert und erweitert in dieser 2. aktualisierten Auflage langjährige Forschungsergebnisse und Praxisbeobachtungen zum Thema, die – ursprünglich ausgehend von Arbeiten in der Abteilung Sozialpädagogik an der Universität Koblenz-Landau – von den Herausgeber*innen in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Zusammenarbeit mit anderen einschlägigen Instituten zusammengetragen wurden.

Autor*innen

Sabine Ader ist Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen; Christian Schrapper ist emeritierter Professor der Universität Koblenz-Landau mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik.

Aufbau und Inhalt

Das umfangreiche Werk ist in sieben Kapitel gegliedert. Die Kapitel 1 – 3 und 5 – 7 werden von den beiden Herausgeber*innen verantwortet und bauen inhaltlich aufeinander auf. Im 4. Kapitel kommen in 13 Unterabschnitten Expert*innen zu einem breiten Spektrum spezifischer Hintergründe zu Theorie und Anwendungsfeldern des Gegenstandes Fallverstehen zu Wort.

Als Ausgangspunkt aller weiteren Ausführungen wird in Kapitel 1 ein Fall beschrieben, wie ihn eine Sozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst tatsächlich selbst erfahren hat. Der Fall dient an verschiedenen Stellen der folgenden Kapitel als Bezugspunkt zur Verdeutlichung der theoretischen und praktischen Fragen und Erläuterungen. Es wird deutlich, dass sozialpädagogische Diagnostik in der Regel von einem komplexen Fallgeschehen ausgehen muss, um diese Vielfalt zunächst schrittweise als Erkenntnishintergrund zu nutzen und schließlich auf einen Kern diagnostisch relevanter Aspekte zu reduzieren.

Entsprechend werden in Kapitel 2 zwei Fragen erörtert: „Wie wird Wissen erworben?“ und „Was muss verstanden werden?“ Um der Gefahr einer einseitigen Sichtweise zu entgehen, ist es notwendig, den Fall aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und seine vielseitigen Aspekte zu berücksichtigen. Auf dieser Grundlage sind dann ein analytischer Blick sowie eine methodisch begründete Fokussierung angezeigt. Dabei gründet die „Fallarbeit“ einerseits auf sozialpädagogischen Traditionen sowie andererseits auf erkenntnistheoretischen Vorannahmen über die Möglichkeit, wie die „innere Logik“ (S. 35) von in Not geratenen Menschen fachlich nachvollzogen und letztlich „in Sprache gefasst“ (S. 5) werden kann. In diesem Kontext kann auch das institutionelle System der Helfer*innen nicht außen vor bleiben, denn es ist an den Interpretationen und Bedeutungszuschreibungen aktiv beteiligt.

In Kapitel 3 wird zunächst ausführlich auf die Anforderungen an eine professionelle Haltung eingegangen. Es werden ethische Standards und „leitende Orientierungen“ (S. 44) diskutiert und deutlich gemacht, dass in der sozialpädagogischen Fallarbeit stets Spannungen auszuhalten und auszugleichen sind zwischen unterschiedlichen, manchmal auch gegensätzlichen (und durchaus fachlich gebotenen) Handlungsmaximen. Es schließt sich dann eine jeweils ausführliche Beschreibung wichtiger Basisinstrumente (z.B. Genogramm; Netzwerkkarte; Fragebogen zur Risikoabschätzung im Kindesschutzfall …) an. Die Anwendung dieser Instrumente wird jeweils am Beispielfall aus Kapitel 1 erläutert und aus einer Zusammenschau der Ergebnisse werden konkrete Handlungsoptionen abgeleitet.

Wie bereits erwähnt beinhaltet das umfangreiche Kapitel 4 (133 Seiten) dreizehn Fachbeiträge einzelner Autor*innen zu den übergeordneten Themenfeldern „Adressaten und Lebenswelten“ sowie „Professionelles Handeln“. Diskutiert werden Aspekte wie: Lebenslagen von Familien, Bedürfnisse von Kindern, psychisch kranke Eltern, Hilfeplanung bindungstheoretische und psychoanalytische Sichtweisen, Reflexionspraktiken im Team. Diese Unterkapitel bieten jeweils einen Einblick in Grundwissen, welches ein diagnostisches Verstehen im Einzelfall unterstützt. Wie der gesamte Band so stellen auch diese Expertisen sehr spezifische Quellenangaben zur Vertiefung der jeweiligen Thematik zur Verfügung. Zum Schluss dieser Unterkapitel wird jeweils auf die Bedeutung des untersuchten Aspekts für das diagnostische Fallverstehen eingegangen.

Den spezifischen Handlungskompetenzen für das Fallverstehen in der Kinder- und Jugendhilfe ist das Kapitel 5 gewidmet. Die praxisnahen Ausführungen beinhalten theoriebasierte Beschreibungen konkreter Fähigkeiten, die Fachkräfte für die sozialpädagogische Diagnostik benötigen: Selbstreflexion verweist auf die eigenen „blinden Flecke“ und erfordert die Kompetenz, sich in den eigenen Standpunkten verunsichern zu lassen. Das Gestalten und Aufrechterhalten von Beziehungen ermöglichen erst Vertrauen und Dialog. Intuitive Prozesse geben wichtige Aufschlüsse in der Fallarbeit und müssen fachlich weiterentwickelt werden. Die Bündelung des multiperspektivischen Blicks mündet in die Formulierung begründeter Hypothesen. Schließlich sind die gewonnenen Erkenntnisse zu dokumentieren und Ziele für die Weiterarbeit müssen formuliert werden.

Kapitel 6 widmet sich – gewissermaßen im Rückblick – auf die Geschichte und die Entwicklung des Fallverstehens in der Sozialen Arbeit sowie auf seine Veränderung durch sozialpolitische Prozesse in den letzten Jahrzehnten. Es werden verschiedene Ebenen der Auseinandersetzung mit anderen – teilweise konkurrierenden – diagnostischen Grundverständnissen herausgearbeitet, bevor die Besonderheiten des in diesem Buch dargestellten Konzepts noch einmal betont werden: insbesondere das Einbeziehen des Helfersystems und seine je eigene Dynamik in eine kritische Falldiagnose.

In einem kurzen 7. Kapitel werden Folgen von gesetzlichen Neuerungen (inklusive Zuständigkeit der Jugendhilfe für alle jungen Menschen) für die sozialpädagogische Diagnostik angedeutet, Hinweise auf Lernkonzepte für Aus- und Fortbildung gegeben und schließlich vier Forschungsprojekte zum pädagogischen Fallverstehen skizziert.

Diskussion

Das vorliegende Buch behandelt insgesamt ein sehr großes Spektrum an Fragestellungen im Kontext einer eigenständigen sozialpädagogischen Diagnostik. Es gelingt den Autor*innen gut, die Besonderheiten und Spannungsfelder dieses Ansatzes herauszuarbeiten. Dabei halten sich Theoriebezüge wie sehr konkrete Anregungen für die Praxis die Waage, beide Perspektiven sind sehr gut aufeinander bezogen. Durchgehend wird ein besonderes Augenmerk auf eine Grundhaltung gelegt, wonach die jeweilige Perspektive von Kindern und Eltern unhintergehbarer Ausgangspunkt einer Falleinschätzung sind. Im Sinne von notwendigem Fremd- und Selbstverstehen sind Sozialpädagog*innen und ihre Institutionen sind Koproduzenten einer Fallentwicklung und deren Beurteilung.

Das Werk lässt sich zunächst als elementares Lehrbuch für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe verstehen. Insbesondere die Kapitel 1 bis 3 führen grundlegend in das Thema sozialpädagogischer Fallarbeit ein und stellen zugleich praktisches „Handwerkszeug“ (S. 41) zu Verfügung. Ergänzend dazu bieten die Expert*innenbeiträge in Kapitel 4, die unabhängig voneinander gelesen werden können, gute Anschlussmöglichkeiten zur Vertiefung einzelner theoriebezogener Themen. Die sprachliche Gestaltung ist entsprechend dem Gegenstand angemessen und klar. Der Text ist sehr gut lesbar.

Die Themen Erkenntniswege, Haltungen und Handlungskompetenzen sind durchweg präsent und geben gute Ansatzpunkte für vertiefende Diskussionen. Das Buch leistet einen großen Überblick und nimmt viele Teilaspekte des komplexen Themas in den Blick. Insgesamt wird eine sehr große Vielfalt an Informationen, Blickwinkeln und Quellen zusammengetragen und aufbereitet. Es wird gut herausgearbeitet, wie sich dieser partizipative und selbstreflexive Ansatz von einer klinisch-nomothetischen Perspektive von Diagnose abhebt, aber auch, welche Spannungen, Konflikte und Verantwortungen er beinhaltet.

An manchen Stellen hat vielleicht die*der weniger erfahrene Leser*in Schwierigkeiten, insgesamt den Überblick zu behalten. Etliche grundlegende Aspekte werden an verschiedenen Stellen wiederholt angesprochen. Hier wären im gesamten Text mehr Querbezüge und Querverweise wünschbar gewesen. Die Vielfalt der erwähnten Quellen ist beeindruckend, doch es mag manchmal der Eindruck entstehen, dass manche theoriebezogenen Hinweise das Thema sehr ausweiten.

Bis ins letzte Kapitel werden stets neue, weiterführende (und durchaus interessante) oder bereits erwähnte Aspekte (wieder) aufgegriffen, was den Schluss des Buches dann etwas abrupt erscheinen lässt.

Die Gestaltung des Buches, der Kapitel und der Seiten ist ansprechend. Durchgehend werden zentrale Textinhalte durch Kerninhalte in einer Randspalte paraphrasiert. Fallbeispiele sind typografisch und mit Symbolen gekennzeichnet. Durch 21 Abbildungen werden Textteile gut und hilfreich illustriert.

Fazit

Es liegt ein umfassendes, sehr detailreiches und vor allem auch praxisbezogenes Werk zu einem zentralen sozialpädagogischen Handlungsfeld vor, welches sowohl hervorragende Lernmöglichkeiten für Studierende und Anregungen für Lehrende bietet als auch treffende Ansatzpunkte für tiefergreifende Diskussionen zu einem nicht unumstrittenen Thema sozialpädagogischer Fallarbeit bereitstellt.

Rezension von
Prof. em. Dr. Matthias Moch
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 01.08.2022 zu: Sabine Ader, Christian Schrapper (Hrsg.): Sozialpädagogische Diagnostik und Fallverstehen in der Jugendhilfe. UTB (Stuttgart) 2022. 2., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-8252-5820-7. Reihe: UTB - 5354. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29372.php, Datum des Zugriffs 13.08.2022.


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