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Doris Bischof-Köhler: Von Natur aus anders

Rezensiert von Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß, 16.06.2022

Cover Doris Bischof-Köhler: Von Natur aus anders ISBN 978-3-17-037881-0

Doris Bischof-Köhler: Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 5., erweiterte und überarbeitete Auflage. 464 Seiten. ISBN 978-3-17-037881-0. 32,00 EUR.
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Thema

Doris Bischof-Köhler befasst sich in „Von Natur aus anders“ mit psychologischen Geschlechterdifferenzen und führt sie auf biologische – insbesondere genetische und hormonelle – Unterschiede zurück. Soziale Faktoren betrachtet sie als nachrangig. Den Band durchzieht eine gesellschaftspolitische Stellungnahme gegen aktuelle gesellschaftliche Veränderungen hinsichtlich sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung und der Akzeptanz von geschlechtlicher Vielfalt.

Autorin

Doris Bischof-Köhler, geb. 1936, ist diplomierte Psychologin und war langjährig Lehrbeauftragte für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. 1988 wurde Bischof-Köhler sozialwissenschaftlich promoviert, nach Eintritt in den Ruhestand 2005 an der Universität München habilitiert und zur außerplanmäßigen Professorin ernannt.

In der biografischen Darstellung im Band verweist Bischof-Köhler auf die intensive gemeinsame evolutionsbiologische Arbeit mit ihrem Ehemann; 2003 erhielten sie gemeinsam den Deutschen Psychologie Preis.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in fünf große Teile gegliedert:

  • In der Einleitung wird ein erster Zugang eröffnet.
  • Teil I: Theorien und ihre Evidenz“ legt einen psychologischen Schwerpunkt.
  • Teil II: Biologische Begründung und ihre Evidenz“ fokussiert biologische Theoriebildung.
  • Teil III: Interaktion biologischer und soziokultureller Faktoren“ gibt eine gesellschaftliche Einordnung.
  • Der Epilog fasst zusammen und zieht den gesellschaftspolitischen Schluss.

Ein Literatur-, Sach- und ein Personenverzeichnis beschließen den Band und erleichtern die Orientierung.

Inhaltsbeschreibung

Im Vorwort zur neuen Auflage macht Bischof-Köhler deutlich, dass sie die Parteinahme in aktuellen Debatten im Vergleich zu den früheren Auflagen noch gestärkt hat: „Ich habe mich der Herausforderung gestellt, den Gender Studies, dem Gender Mainstreaming und der an sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten omnipräsenten Kritik an der Zweigeschlechtlichkeit in dieser Überarbeitung einen breiteren Raum zuzubilligen. […] Ich habe mich bemüht, in der Sache eindeutig Stellung zu beziehen…“ (S. 15) Im Epilog wird die Perspektive auf den Punkt gebracht: „Die menschliche Natur lässt sich nicht kontrollieren, indem man sie ignoriert. Es kommt vielmehr darauf an, für den erwünschten Verhaltensstil Anreize zu schaffen und um Verständnis zu werben und so den Menschen die Akzeptanz gesellschaftlich gebotener Einschränkungen nach Möglichkeit zu erleichtern. Jedoch erlaubt die Tatsache, dass geschlechtstypische Charakteristika im Menschen angelegt sind, keineswegs den Schluss, sie seien auch automatisch zu tolerieren oder gar ethisch geboten. Vielmehr ist es ein berechtigtes Anliegen einer Gesellschaft, Tendenzen einzuhegen, die die Unterdrückung der Frau wieder etablieren möchten.“ (S. 414)

Entsprechend versucht Bischof-Köhler im Band den Spagat, einerseits die Natur von Verhaltensweisen – etwa „Testosteron gesteuerten“ aggressiven (sexuellen) Umgangs von Männern gegenüber Frauen – zu begründen, andererseits als gesellschaftliche Norm einzufordern, dass die Männer „Anreize“ erhielten, von ihrer „Natur“ keinen Gebrauch zu machen. Eine solche Gesellschaftlichkeit wird im ersten Zugang – in der Einleitung und im Teil I, dem psychologischen Teil –, betont, andererseits gegen die gesellschaftlichen Bestrebungen zu einer weitergehenden Gleichstellung – etwa an Universitäten – abgegrenzt: „Politisch flankiert wird die Etablierung der Gender Studies an den Hochschulen durch diverse staatliche Maßnahmen, die unter dem Begriff ‚Gleichstellung‘ firmieren. Die grundgesetzlich geforderte Gleichberechtigung von Frauen und Männer[n] wird daran gemessen, ob im jeweiligen Bereich eine Gleichverteilung der Geschlechter vorliegt. Wird ein Frauenanteil von 50 % unterschritten, müsse dies an einer mangelnden Gleichberechtigung liegen.“ (S. 49) Es könne aber auch an den spezifischen biologischen und den daraus erwachsenden psychologischen Vorbestimmungen der Geschlechter insbesondere hinsichtlich ihrer Rolle bei der Fortpflanzung liegen. Evolutionsbiologie in der spezifischen Ausformung der Soziobiologie stellt den wesentlichen Anker der psychologischen Ausführungen von Geschlechterdifferenz in Bischof-Köhlers Schrift dar.

Entsprechend ist der biologisch orientierte Teil 2 des Buches der eigentliche Kern der Arbeit. Hier werden genetische und hormonelle biologische Geschlechtertheorien und einzelne entwicklungsbiologische Aussagen getroffen. Anschließend werden „männliche“ und „weibliche“ evolutionbiologische Strategien etwa in Bezug auf Konkurrenz, Risikobereitschaft, sexuelle Gewalt der Männchen sowie Rangordnung, Aggressivität und Promiskuität der Weibchen getroffen. Kulturvergleiche und Fragen zur historischen Genese der Geschlechtsunterschiede schließen dieses Kapitel ab.

Ergebnis des psychologisch und des biologisch orientierten Kapitels ist, dass auch Gender – das gesellschaftliche Geschlecht – in weiten Teilen biologisch geprägt sei.

Teil III versucht die biologisch hergeleiteten Differenzen zwischen Männern und Frauen in den psychologischen und auch den charakterlichen Merkmalen mit Vorstellungen einer Gleichwertigkeit der Fähigkeiten von Frauen und Männern zu verbinden. Auch wenn Frauen etwa logisch, mathematisch andere Herangehensweisen hätten, würde das nicht bedeuten, dass sie per se nicht zu mathematischem Denken in der Lage wären. Einerseits könne auch bei Frauen das als männlich zugeschriebene Geschlechtshormon Testosteron in einem solchen Maß vorhanden sein, dass sie durchsetzungsstärker würden (S. 377 f.), andererseits könnten auch „typisch weibliche“ Verhaltensweisen wie Fürsorglichkeit einen Gewinn auch in solchen wissenschaftlichen Disziplinen und gesellschaftlichen Bereichen darstellen, die sich nicht mit Mutterschaft, Erziehung und Pflege befassten.

Der Epilog stellt eine pointierte politische Stellungnahme in den aktuellen Geschlechterdebatten dar.

Diskussion

Im Vergleich mit den früheren Auflagen des Buches „Von Natur aus anders“ wurden in der Neuauflage insbesondere die gesellschaftlichen Positionierungen weiter gestärkt. So sind etwa die Unterkapitel „Gender Mainstreaming“ und „Gender Studies“ hinzugekommen und wurde das Unterkapitel „Gefahren der Gleichbehandlung“ ausdifferenziert. Sowohl Formen geschlechtergerechter Sprache regen die Autorin auf (S. 52 f.), als auch neuere Formen zur Diskussion von Trans- und Intergeschlechtlichkeit. Hier wendet sich Bischof-Köhler gegen Bestrebungen, den Geschlechtseintrag „divers“ auch für Transgeschlechtlichkeit anzuwenden (S. 258 f.) und nutzt sie explizit alte Begriffe und diskreditierende Zuschreibungen für die Auseinandersetzung. Etwa die in der biologischen und medizinischen Fachsprache mittlerweile abgelegten Begriffe „Weiblicher Pseudohermaphroditismus“ und „Männlicher Pseudohermaphroditismus“ für einige Formen der Intergeschlechtlichkeit werden von Bischof-Köhler wiederbelebt. Transgeschlechtlichkeit taucht unter der Überschrift „Unglücklich mit dem eigenen Geschlecht“ (S. 259) auf, wofür Bischof-Köhler sogar den in früherer Auflage verwendeten Begriff „Transsexualismus“, der damals zumindest noch einigermaßen sachlich Verwendung fand, aufgibt.

Obwohl der Kern der Arbeit das biologisch orientierte zweite Kapitel ist – immerhin werden sämtlich psychologische und gesellschaftliche Ausführungen vor und nach diesem Kapitel an Gene und Hormone gebunden –, kommt gerade die Ausführung der biologischen Grundlagen nahezu ohne Quellenangaben daher. So taucht für die Unterkapitel „Genetisches Geschlecht“, „Gonadales Geschlecht“ und „Äußeres morphologisches Geschlecht und Hormonsteuerung“ lediglich eine einzige Quellenangabe auf – verwiesen wird auf das Standardwerk für das Grundstudium der Biologie „Zoologie“ von Rüdiger Wehner und Walter Gehring in der Auflage aus dem Jahr 1995. Dieses Buch ist einem Studienbuch gemäß eine erste Einführung in die Zoologie und deckt die ganze inhaltlich Spannbreite des Faches ab: Molekular- und Zellbiologie, Genetik, Physiologie, Neurobiologie, Verhaltensbiologie, Ökologie und Evolutionsbiologie. Entsprechend knapp und an der Oberfläche verbleiben bei Wehner & Gehring die Ausführungen zur Geschlechtsentwicklung. Zudem sind innerhalb von 27 Jahren seit der genutzten Auflage auch in der Biologie wichtige neue wissenschaftliche Erkenntnisse erzielt worden.

Gerade wenn Bischof-Köhler für „Leserinnen und Leser“ schreibt, die mit „sozialwissenschaftliche[n] Argumentationsmuster[n]“ vertrauter als mit biologischen sind (S. 141), sollte der Anspruch sein, die biologische und psychologische Theoriebildung in ihrer Differenziertheit vorzustellen, anstatt hier bei der Qualität der wissenschaftlichen Darstellung Abstriche zu machen. Insgesamt kommt der Band – zu Gunsten der Lesbarkeit – mit vergleichsweise wenigen und älteren (aus den 1970er, 80er und 90er Jahren) Quellen aus; ganze Seiten sind ohne eine einzige Quellenangabe verfasst. Die Abbildungsunterschriften verzichten stets auf die Angabe der Stichprobengröße n – auch das lässt sich als Zugeständnis an eine Lesbarkeit deuten, macht für die wissenschaftliche Leser*in die Abbildungen aber unbrauchbar. Schließlich sind auch die methodischen Erläuterungen, die die Autorin beiläufig trifft, zu einfach als dass sie in der Forschung bestehen könnten. Etwa den Begriff „Statistische Signifikanz“ macht Bischof-Köhler simpel an Quantität fest, anstatt zumindest knapp die für Signifikanz erforderlichen Kriterien anzuführen. Bischof-Köhler schreibt: „Statistische Signifikanz: Wenn in einer empirischen Untersuchung, sagen wir, zwölf oder 20 Jungen, aber nur neun von 20 Mädchen eine bestimmte Leistung erbrachten, so erlaubt dieses Ergebnis für sich noch nicht die Behauptung, es bestehe ein Geschlechtsunterschied. Es könnte immer noch leicht durch Zufall zustande gekommen sein; es ist nicht ‚statistisch signifikant‘. Wenn jedoch von jedem Geschlecht die zehnfache Zahl, also je 200 Kinder, an dem Versuch teilgenommen und dann 120 Jungen und 90 Mädchen positiv abgeschnitten hätten, so wäre ein zufälliges Zustandekommen des Ergebnisses so unwahrscheinlich, dass man es ernstnehmen müsste.“ (S. 32)

Fazit

In Bezug auf die Diskreditierung von trans- und intergeschlechtlichen Menschen ist das Buch „Von Natur aus anders“ in der fünften Auflage ärgerlich. Im Vergleich zu den Vorauflagen sind die entsprechenden Aussagen sogar noch diskreditierend zugespitzt worden. Ansonsten ist das Buch Doris Bischof-Köhlers weiterhin eine durchaus lesenswerte gesellschaftspolitische Streitschrift, die die Binarität der Geschlechtlichkeit als biologische Tatsache herausarbeitet. Hier wäre es wünschenswert gewesen, dass auch für den biologischen Teil angemessen wissenschaftliche Literatur hinzugezogen worden wäre – und dabei, wissenschaftlichen Standards gemäß, auch solche, die der eigenen These widerspricht.

Rezension von
Prof. Dr. Heinz-Jürgen Voß
Professur Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung
Hochschule Merseburg
FB Soziale Arbeit. Medien. Kultur
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Es gibt 60 Rezensionen von Heinz-Jürgen Voß.

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Zitiervorschlag
Heinz-Jürgen Voß. Rezension vom 16.06.2022 zu: Doris Bischof-Köhler: Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 5., erweiterte und überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-037881-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29374.php, Datum des Zugriffs 01.07.2022.


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