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Marcus Hasselhorn, Andreas Gold (Hrsg.): Pädagogische Psychologie

Rezensiert von Prof. em. Dr. Wolfgang Krieger, 02.09.2022

Cover Marcus Hasselhorn, Andreas Gold (Hrsg.): Pädagogische Psychologie ISBN 978-3-17-039782-8

Marcus Hasselhorn, Andreas Gold (Hrsg.): Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 5., überarbeitete Auflage. 516 Seiten. ISBN 978-3-17-039782-8. 49,00 EUR.
Reihe: Standards Psychologie
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Thema

In der Einleitung zur Frage „Was ist Pädagogische Psychologie?“ finden sich zwei programmatisch relevante Aussagen, die die Auffassung der Autoren für Ziel und Aufbau des Buches zum einen, ihre Ausgangsposition zum Verständnis der Pädagogischen Psychologie zum andern begründen. Hier heißt es zum Esten: „Die Pädagogische Psychologie ist eine theoretische Wissenschaft, die sich mit dem Erleben und Verhalten der in pädagogischen Situationen Handelnden oder durch pädagogische Maßnahmen Behandelten befasst.“ Diese „Handelnden“ sind Lehrende, die „Behandelten“ sind Lernende. So bildet sich in diesem Verständnis der Pädagogischen Psychologie bereits der Aufbau des Buches in seinen beiden Teilen „Lernen“ und „Lehren“ ab. Entsprechend sehen die Autoren auch die Forschung in der Pädagogischen Psychologie: Es geht um „die Erforschung des Lernens unter den Bedingungen des Lehrens“.

Zum Zweiten lesen wir einleitend zum Aufbau des Lehrbuches: „Erfolgreiches Lernen ist gute Informationsverarbeitung. Erfolgreiches Lehren umschreibt Tätigkeiten und Bedingungen, die diese Art des Lernens unterstützen.“ Es mag aus dieser Aussage deutlich werden, wie die Autoren die jeweilige Leitfrage für die beiden Teile des Buches verstehen: Was trägt zu „guter Informationsverarbeitung“ bei? Und was unterstützt als menschliche Handlung oder als wirksame Rahmenbedingung die Förderung guter Informationsverarbeitung?

Diese für Aufbau und Inhalt des Buches maßgebliche Ausgangsposition bringt möglicherweise bereits eine gewisse Engführung des Verständnisses von Pädagogischer Psychologie, ihren Aufgaben und Themen und ihren Grundlagen mit sich. Zumindest teilweise scheint dies den Autoren bewusst, wenn sie in der Einleitung kurz anführen, „was nicht behandelt wird“. Hier wird zum einen der Akzent auf die schulische pädagogische Arbeit gesetzt; außerschulische und auch die familiale Erziehung und Sozialisation werden nicht berücksichtigt. Zum andern wird der Lernbegriff („gute Informationsverarbeitung“) so verstanden, dass vor allem kognitive Prozesse des Lernens im Fokus stehen, während emotionales und soziales Lernen allenfalls am Rande vorkommen. Auch der Erwerb von Einstellungen, Haltungen und (moralischen) Werturteilen ist nicht Gegenstand der Erörterung.

Herausgeber

Prof. Dr. Marcus Hasselhorn ist Leiter der Abteilung „Bildung und Entwicklung“ des DIPF Leibniz-Institutes für Bildungsforschung und Bildungsinformation. Er war vordem Professor für Entwicklungspsychologie an der TU Dresden, dann Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Göttingen.

Prof. Dr. Andreas Gold ist Dozent für Pädagogische Psychologie am Institut für Psychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M. Er war bis 1988 Professor für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, bevor er für viele Jahre die Professur für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität übernahm. Beide Autoren verfügen über einen bedeutenden Fundus an Veröffentlichungen zur Lehr-Lern-Psychologie, vor allem im Bereich Schulpsychologie.

Aufbau

Wer die deutschsprachigen Lehrbücher zur Pädagogischen Psychologie überblickt, dem fällt auf, dass sie sich in ihrer Systematik ganz erheblich voneinander unterscheiden. So überrascht auch das Lehrwerk der erfahrenen Experten Hasselhorn und Gold mit einer neuen und auf den ersten Blick höchst schlichten Systematik: Das in der Reihe „Standards Psychologie“ im Kohlhammerverlag nun in der fünften Auflage (erste Auflage 2006) erschienene Werk ist in zwei Teile gegliedert, einen ersten Teil mit dem Titel „Lernen“ und einen zweiten Teil mit dem Titel „Lehren“. Beide Teile sind jeweils in vier Kapitel gegliedert, die zumindest teilweise eine offensichtlich inhaltlich parallele Ausrichtung aufweisen: So gibt es ein einführendes Kapitel „Auffassungen über Lernen“, dem im zweiten Teil ein Kapitel „Auffassungen über Lehren“ entspricht, es folgt ein Kapitel „Erfolgreiches Lernen als gute Informationsverarbeitung“, welchem im zweiten Teil ein Kapitel „Methoden erfolgreichen Lehrens“ korrespondiert und es gibt ein abschließendes Kapitel „Besonderheiten des Lernens“, dem im zweiten Teil ein Kapitel „Besonderheiten des Lehrens“ gegenübersteht. Dazwischen befinden sich allerdings zwei Kapitel, für die dieser Bezug nicht so deutlich zu erkennen ist, im ersten Teil das Kapitel „Ergebnisse erfolgreichen Lernens“ und im zweiten Teil das Kapitel „Rahmenbedingungen des Lehrens“. Jedes dieser Kapitel umfasst zwischen drei und fünf Unterkapitel bzw. Abschnitte.

Die Autoren stellen den beiden Teilen eine umfangreiche Einleitung voran, in welcher diskutiert wird, was Pädagogische Psychologie ist, womit sie sich beschäftig und wie sie sich entwickelt hat. Ferner erläutern sie an dieser Stelle den Aufbau des Buches und erklären, vorbereitend auf die zahlreichen statistischen Darstellungen im Buch, einige statistische Begriffe.

Das Buch schließt ab mit einem Quellenverzeichnis und einem eher kurz gehaltenen Stichwortverzeichnis, das wichtige Grundbegriffe der Psychologie und statistischer Verfahren enthält, allerdings keine Autorennamen. Das beeindruckende Literaturverzeichnis umfasst 52 Seiten; mehr als 300 neue Belegquellen sollen in der aktuellen Auflage hinzugekommen sein, einige ältere Quellen wurden entfernt. Neben den Ergänzungen im Literaturverzeichnis finden sich auch weitere Neuerungen gegenüber den bisherigen Auflagen. Während das in der dritten Auflage neu konzipierte Kapitel „Auffassungen über Lehren“ weitgehend gleich geblieben ist, finden sich nun zahlreiche Ergänzungen in den Kapiteln „Besonderheiten des Lernens“ und „Besonderheiten des Lehrens“ sowie bei „Rahmenbedingungen des Lehrens“.

Inhalt

Der erste Teil des Buches „Lernen“ beginnt nach einer kurzen Übersicht über die vier Kapitel mit dem Abschnitt „Auffassungen über Lernen“. In diesem Kapitel finden sich kurze Einführungen in einige klassische Lerntheorien behavioristischen Ursprungs wie die Assoziationstheorie, die Theorien des klassischen und operanten Konditionierens und die Theorie des Modelllernens. Ihnen folgen unter der Überschrift „Lernen als Wissenserwerb“ verschiedene Gedächtnistheorien, deren Relevanz für eine Optimierung des Wissenserwerbs und der Erinnerungsfähigkeit aufgezeigt wird, und schließlich unter dem Titel „Lernen als Konstruktion“ ein paar knappe Skizzen zur Gestaltpsychologie, zur Schematheorie Frederic Bartletts, zur Strukturgenetik Jean Piagets und zum Wissensstrukturmodell von Hans Aebli. Das zweite Kapitel widmet sich der Frage, was unter „Lernen als guter Informationsverarbeitung“ zu verstehen ist. Einleitend erläutern die Autoren das auf Pressley et al. zurückgehende Modell der guten Informationsverarbeitung (GIV), dessen Merkmale zugleich einen Typus des „guten Informationsverarbeiters“ (ebenfalls GIVs genannt) kennzeichnen. Entlang dieser Merkmale, die vor allem Fähigkeiten im Vorfeld oder im Prozess des Wissenserwerbs kennzeichnen, bearbeiten Hasselhoff und Gold Funktionen der Aufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses, die Bedeutung von Vorwissen und dem Vorhandensein von Lernstrategien, ferner motivationale Dispositionen, Faktoren des Selbstkonzepts, aber auch die Bedeutung der Willensbildung (Volition) und der den Lernprozess begleitenden Emotionen. In diesem recht umfangreichen und grundlagenwissenschaftlich vielfältigen Kapitel beschreiben die Autoren all diese Faktoren in ihrem Zusammenwirken in ihrem sogenannten INVO-Modell (Individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lernens).

Im dritten Kapitel befassen sie sich unter dem Titel „Ergebnisse erfolgreichen Lernens“ mit drei zentralen Forschungsbereichen zum Lernerfolg, nämlich dem Zustandekommen bereichsspezifischer Expertise, dem Erwerb bereichsübergreifender Schlüsselkompetenzen und der Rekonstruktion gelungenen Lerntransfers. Am Beispiel der für das schulische Lernen fundamentalen „Expertisen“ Lernen und Rechnen zeigen die Autoren die Komplexität der kognitiven Leistungen und der diesen zugrunde liegenden Lernprozesse auf, verdeutlichen die Bedeutung von „gelenkten Erfahrungen“ und gezielter Übung und geben erste Hinweise für die Förderung von Expertenwissen. Dieser vor allem im didaktischen Materialismus betonten Orientierung der fachlichen Expertise hat sich historisch mit ihrer Betonung der bereichsübergreifenden Kompetenzen die Theorie der formalen Bildung entgegengestellt, repräsentiert etwa durch die Theorie von Mertens und den von ihm begründeten Begriff der Schlüsselqualifikationen. Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels stellen Hasselhorn und Gold dieses Konzept vor und kennzeichnen es als die „Expertise des eigenen Lernens“. Den Abschluss des Kapitels bildet die Diskussion um die Grundlagen von Lerntransfer. Neben der Darstellung unterschiedlicher Formen des Lerntransfers zeigen die Autoren einige Voraussetzungen für gelingenden Lerntransfer auf. Hinter dem wiederum recht umfangreichen vierten und letzten Kapitel des ersten Teils „Besonderheiten des Lernens“ verbergen sich recht unterschiedliche Aspekte des individuellen Lernvermögens, nämlich zum Ersten entwicklungspsychologische Perspektiven zu den im INVO-Modell hervorgehobenen Lernvoraussetzungen Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Vorwissen, Lernstrategien und motivationale und volitionale Voraussetzungen, zum Zweiten ein Abschnitt über Lernschwierigkeiten, in dem nach der Darstellung verschiedener diagnostischer Begriffe insbesondere die Probleme der Lese-Rechtschreibstörung und der Rechenstörung erörtert werden, zum Dritten ein Abschnitt zu Lernbesonderheiten Hochbegabter und zum Vierten überraschenderweise die Präsentation einiger Forschungsergebnisse zum Lernen im (hohen) Erwachsenenalter.

Der zweite Teil des Buches zum Thema „Lehren“ umfasst 250 Seiten und fällt damit um ein Viertel umfangreicher aus als der erste Teil. Dieser Teil beginnt mit einer kurzen Einführung zum Lehren überhaupt, in der es u.a. heißt: „Lehren gelingt nur, wenn die Gesetzmäßigkeiten des Lernens zuvor bekannt sind und wenn sich die Lehrtätigkeit daran orientiert.“ Diese These offenbart, dass Lehren hier als eine intentionale, methodisch bewusste Interventionshandlung verstanden wird, deren Absichten sich zum einen auf das Wirksamwerden bestimmter Lernprozesse und -voraussetzungen, zum andern auf den Erfolg bestimmter Lehrmethoden richten – zusammenfassend hier formuliert: „Das Auslösen und Optimieren von Lernprozessen ist das Ziel des Lehrens.“ Dieser Auffassung folgt das Programm.

Parallel zum ersten Teil wird als Erstes ein Kapitel (hier durchnummeriert als Kapitel 5) „Auffassungen über Lehren“ platziert, in welchem die Zusammenhänge zwischen Lernen und Lehren kurz entlang verschiedener Lehr- und Unterrichtsverständnisse, Dimensionen der Unterrichtsqualität gemäß der COACTIV-Studie von Löwen u.a. und die Bedeutung des Lernerfolgs für die Lernenden wie auch für Lehrenden dargestellt werden. Die Voraussetzungen erfolgreichen Lehrens lassen sich verschiedentlich aus Ergebnissen der empirischen Lehr-Lern-Forschung ableiten; aus ihnen leiten die Autoren ein Modell der professionellen Kompetenzen für Lehrende ab.

Auch das Kapitel 6 „Methoden erfolgreichen Lehrens“ stützt sich vorwiegend auf Ergebnisse der empirischen Lehr-Lern-Forschung, gibt aber auch einen umfassenden Überblick über die zahlreichen unterrichtsmethodischen Ansätze und ihre Hintergründe. Die Autoren unterscheiden hier „Darstellende Methoden“, hier auch als Methoden der direkten oder adaptiven Instruktion bezeichnet, „Entdeckenlassende und problemorientierte Methoden“, „Kooperative Methoden“ und das „Lehren selbstregulierten Lernens“. Das Kapitel bietet Gelegenheit, psychologische Grundlagen verschiedener, im deutschsprachigen Diskurs vertrauter unterrichtsdidaktischer Positionen kennenzulernen.

Die Beschreibung zentraler „Rahmenbedingungen des Lehrens“ bildet den Gegenstand des siebten Kapitels. Dieses wiederum umfangreiche Kapitel versammelt sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Ergebnisse des schulischen Lernens, die miteinander in keinem Zusammenhang stehen. Es beginnt mit Voraussetzungen der Schulbereitschaft (vordem Schulreife genannt) und der Bedeutung des vorschulischen Lernens für diese, diskutiert danach den Faktor Klassenführung und Klassenmanagement unter den Aspekten Steuerung des sozialen Geschehens in der Klasse, Regeln und Routinen und Prinzipien effizienter Klassenführung wie Allgegenwärtigkeit der Lehrenden, Aufrechterhaltung des Gruppenfokus und Unterbindung störenden Verhaltens. Nun wendet sich der Blick der Autoren der Problematik des Beurteilens und Bewertens schulischer Leistungen zu und damit vor allem der Darstellung einiger testtheoretischer Aspekte von Leistungstests, aber auch der Problematik von Bezugsnormen bei der Bewertung, typischer Fehler in der Urteilsbildung und auch der Frage nach den Wirkungen der Lehrerurteile. Ein eher methodischer Aspekt bildet den Gegenstand des vierten Abschnittes dieses Kapitels, nämlich der Einsatz von Medien als Hilfen zum Lernen. Nach einigen grundsätzlichen Überlegungen zur Besonderheit von Medien hinsichtlich ihrer Voraussetzungen und Wirkungen werden kurz einige Theorien multimedialen Lernens und ihnen zugrunde liegende empirische Studien vorgestellt, um abschließend den Leser:innen ein paar Empfehlungen zum lernunterstützenden Einsatz von Medien mit auf den Weg zu geben. Der letzte Abschnitt erweitert noch einmal den Blick auf das ganze Feld der Determinanten schulischer Leistungen, sei es auf die schulinternen, sei es auf die außerschulischen Faktoren der Lernerfolge.

Wie das vierte Kapitel zu den Besonderheiten des Lernens so bildet auch das achte Kapitel „Besonderheiten des Lehrens“ eine Sammlung unterschiedlicher Aspekte, die für die Förderung individueller Lernvoraussetzungen zu beachten sind. Es richtet seinen Blick auf differenzielle Aspekte seitens der Lernenden, die im vierten Kapitel des erstens Teiles zum Lernen allerdings größtenteils noch nicht aufgeführt worden sind, und zeigt ihre Bedeutung für das Lehren, genauerhin für die Durchführung von Trainingsmaßnahmen, Motivierungshilfen, Förderungsmaßnahmen zur Selbstregulation und einiges mehr auf. Auch die Themen Inklusion und Exklusion, innere Differenzierung im Unterricht und Prinzipien eines präventiven Umgangs mit Lernbenachteiligungen werden angesprochen. Ferner ist dies die Stelle, an der auch die Frage möglicher Kompetenzunterschiede zwischen den Geschlechtern und der Effektivität koedukativen und monoedukativen Unterrichts aufgegriffen wird und Ergebnisse aus verschiedenen Schulmodellen referiert werden.

Diskussion

Der Charakter eines Lehrbuchs lässt sich bei diesem Werk nicht nur durch den übersichtlichen inhaltlichen Aufbau, die Berücksichtigung der wichtigsten Ansätze in der Lehr-Lern-Psychologie, durch die am Ende jedes Kapitels angehängten Zusammenfassungen und Leseempfehlungen oder die vor dem Literaturverzeichnis zu findenden „Fragen zur Lernkontrolle“ erkennen, sondern auch durch die Verwendung immer wiederkehrender, ins Auge springender „Strukturelemente“, mittels derer bestimmte Inhalte durch eine Umrahmung und farbliche Unterlegung hervorgehoben werden. So findet sich am Anfang der Unterkapitel regelmäßig – blau unterlegt – eine Zusammenstellung sogenannter „Orientierungsfragen“, auf die der nachfolgende Abschnitt Antworten erwarten lässt, und am Ende jedes Unterkapitels haben die Autoren – wiederum blau unterlegt – eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse zu diesen Fragen verfasst. Ferner werden Definitionen, Studien, Analysen, Beispiele und unter der Kategorie „Fokus“ zahlreiche Modelle, Kontroversen, offene Fragen, Praxishinweise, besondere Zusammenhänge, historische Konnotationen etc. durch eine blaue Umrahmung hervorgehoben. Letztere dienen häufig der Veranschaulichung des vorgängigen Textes und erleichtern somit dessen Verständnis. Die Leser:innen könnten diese Fokusbemerkungen zwar durchaus überspringen, der illustrative oder auch explikative Wert dieser Elemente wird sie aber eher dazu verführen, auch diese Passagen zu lesen. Ferner weist das Buch eine Vielzahl von Abbildungen auf, die neben statistischen Ergebnissen empirischer Studien wichtige Faktoren-, Struktur-, Prozess- und Phasenmodelle zur Darstellung bringen.

Die Systematik des Lehrwerks folgt dem Primat der schulpädagogischen Praxis und in der Folge der zwei Hauptteile vor allem der Logik von Grundlagen des Lernens und ihrer Anwendung oder Berücksichtigung beim Lehren. Zum einen stellt sich die Frage, ob diese, wie es die Autoren nennen, „spiegelbildliche“ Logik, die die Anlage des Buches deutlich prägt, im Detail durchgehalten werden kann. Zum anderen ist zu bedenken, dass jede systematische Logik auch blinde Flecken hervorbringt, es aber gerade für ein Lehrbuch ein zentrales Anliegen sein muss, die für ein Überblickswissen wichtigsten Inhalte nach Möglichkeit nicht diesen blinden Flecken zu opfern.

Wer vermutet, dass dem Anspruch der Spiegelbildlichkeit entsprechend im zweiten Teil des Buches der Reihe nach jene lerntheoretischen Positionen, die im ersten Teil vorgestellt worden sind, aufgegriffen werden, um zu zeigen, wie bestimmte Formen und Methoden des Lehrens auf bestimmten Formen des Lernens aufbauen, wird seine Erwartungen weitgehend enttäuscht sehen. Der auf den ersten Blick dies suggerierende Eindruck, wenn man die Überschriften der Kapitel der beiden Teile betrachtet, erweist sich als Täuschung, sobald man sich die Inhalte der Abschnitte genauer anschaut. So werden etwa die im ersten Kapitel vorgestellten Lerntheorien nur noch teilweise im zweiten Teil in Kapitel 5 aufgegriffen, die im zweiten Kapitel als Elemente des INVO-Modells vorgestellten Voraussetzungen erfolgreichen Lernens sind im „Methodenkapitel“ des zweiten Teils kaum mehr zu erkennen, finden sich teilweise aber im achten Kapitel zu den Besonderheiten des Lehrens wieder. Im zweiten Teil werden teilweise sogar lerntheoretische Ansätze „nachgeholt“, die im ersten nicht zu finden sind, um von ihnen „Methoden erfolgreichen Lehrens“ abzuleiten. Den Leser:innen sei daher empfohlen, diesen Anspruch auf „Spiegelbildlichkeit“ nicht zu ernst zu nehmen. Die Brüche in der Systematik machen es auch schwer, das Buch zum Nachschlagen zu nutzen, etwa wenn man nach Lerntheorien suchen möchte. Hier leistet auch das Glossar am Ende des Buches nur sehr begrenzt Unterstützung.

Die zum Zweiten genannte Problematik der „blinden Flecken“ stellt einen weiteren Aspekt hinsichtlich der Erwartungen an die Lektüre dar, wenn man die Gesamtheit der in diesem Buch vorfindlichen Inhalte betrachtet. Wer aus anderen Einführungen in die Pädagogische Psychologie bereits eine gewisse Erwartung an das Themenspektrum einer solchen Einführung entwickelt hat, dem wird auffallen, dass einerseits der Thematik des Lehrens hier deutlich mehr Raum gegeben wird und viel spezifischere Fragen gestattet werden als in anderen Lehrwerken, dass andererseits aber auch einige üblicherweise – z.B. in Lehrbüchern zur Lernpsychologie – vorgestellte Ansätze von Lerntheorien und Erträge spezieller psychologischer Disziplinen für die Pädagogische Psychologie in diesem Buch ausgespart werden. Es sind vor allem die sogenannten „Kognitivistischen Lerntheorien“, die man im ersten Teil des Buches vermissen wird, von welchen allerdings dann im zweiten Teil doch einige gebraucht werden und daher nun an dieser Stelle kurz referiert werden. So werden etwa die Theorie des Problemlösenden Lernens, des exemplarischen Lernens und des Entdeckenden Lernens im Kapitel „Methoden erfolgreichen Lehrens“ doch noch vorgestellt, nun allerdings „versteckt“ in einem Unterkapitel. Einige andere Kognitivistische Lerntheorien fehlen ganz. Zu bedauern ist auch, dass sozialpsychologische und entwicklungspsychologische Erträge für die Pädagogische Psychologie kaum berücksichtigt werden; allerdings finden sich einige motivationspsychologische und selbstkonzeptpsychologische Ansätze in den Kapiteln 2 und 8.

Hinsichtlich der Aktualität des Lehrwerks ist festzustellen, dass die Autoren die aktuelle Ausgabe durch einige neue Passagen in den Kapiteln 4, 7 und 8 ergänzt haben und neue Literaturquellen bis 2021 berücksichtigt haben. Eine andere Frage ist allerdings, ob das Lehrwerk, das sich ja vorwiegend auf die schulische Praxis bezieht, auch im Blick auf die aktuellen Diskussionen zur Didaktik auf der Höhe der Zeit ist. Die Autoren haben zwar im ersten Kapitel einen Abschnitt „Lernen als Konstruktion“ aufgenommen, dem in Kapitel 7 ein Abschnitt „Lehren selbstregulierten Lernens“ folgt, allerdings bleibt dennoch zu kritisieren, dass hier kaum Anschluss gefunden wird an die neueren konstruktivistischen Modelle der Didaktik. Auch wenn in Verbindung mit der Wahrnehmungstheorie der Gestaltpsychologie, der Schematheorie Bartletts und den Ansätzen von Piaget und Aebli explizit von einer „konstruktivistischen Auffassung von Lernen“ die Rede ist, so bleibt doch der Ertrag der seit den Neunzigerjahren entwickelten konstruktivistischen Didaktik in diesem Lehrbuch nur wenig beachtet. Wie kurze Passagen in den Kapiteln 1.4, 5.1 und 6.2 zeigen, wird die konstruktivistische Didaktik weitgehend auf die Prinzipien der Situiertheit und der Nicht-Steuerbarkeit des Lernens reduziert. Die Tragweite der konstruktivistischen Lerntheorie im Blick auf das Verständnis von Wissen und Wissenserwerb und die Fragwürdigkeit eines „Vermittlungsanspruchs“, aber auch im Blick auf lehr- und unterrichtsmethodische Fragen wird nicht erkannt. Gerade der Umgang mit dem bei den Lernenden vorhandenen Vorwissen spielt in der konstruktivistischen Didaktik eine bedeutsame Rolle, die zu würdigen gewesen wäre. Begriffe wie „Informationsaufnahme“ und „Informationsvermittlung“, die aus konstruktivistischer und neurobiologischer Sicht heute als höchst problematisch gelten und nun seit 30 Jahren schon in der konstruktivistischen Didaktik als „Legenden“ der kognitiven Instruierbarkeit von Lernenden kritisiert werden, finden sich immer wieder in den verschiedenen Kapiteln, ohne hinterfragt zu werden. Auch mit der engen Bindung des Lernverständnisses an den von Neisser und anderen in den Sechzigerjahren eingeführten Begriff der „Informationsverarbeitung“ zeigt sich die Argumentation zum Wissenserwerb einer erkenntnistheoretisch veralteten Sichtweise verhaftet. Verschiedentlich gewinnt man in der Konsequenz den Eindruck, dass das Buch vornehmlich einem Ansatz der Pädagogischen Anthropologie folgt, in dem den selbstgestalterischen Kräften des Lernens nur eine untergeordnete Bedeutung zugemessen wird, auch wenn diese da und dort zitiert werden.

Fazit

Das Buch von Hasselhorn und Gold zur Pädagogischen Psychologie präsentiert sich durch den klaren Aufbau seiner Kapitel in zwei Hauptteilen, durch seine hervorgehobenen Textfenster zu Orientierungsfragen und zu Definitionen, Beispielen, Studien etc. wie auch durch seine Zusammenfassungen und Fragen zur Lernkontrolle schon in formaler Hinsicht als ein gelungenes Lehrwerk. Das inhaltliche Spektrum der bearbeiteten Themen ist ausgesprochen vielfältig, lässt aber eine deutliche Akzentsetzung auf lehrmethodische Aspekte erkennen, die zu Lasten einer vertiefenden Darstellung der Lerntheorien geht. Ausgleichenderweise kommen dafür Aspekte des Lehrens, der Unterrichtsmethodik und der Rahmenbedingungen schulischen Lernens zur Sprache, die man in anderen Einführungen zur Pädagogischen Psychologie nicht unbedingt finden wird.

Die Autoren bezeichnen ihr mit rund 450 Seiten Text (ohne Literaturverzeichnis) doch recht umfängliches und inhaltlich vielfältiges Werk als ein „einführendes Lehrbuch“. Es dürfte außer Frage stehen, dass das Buch infolge seiner Gestaltung und seines Aufbaus als Lehrbuch gut gelungen ist; ob das Charakteristikum „einführend“ allerdings noch zutreffend sein kann, wenn man berücksichtigt, dass die Darstellung an vielen Stellen doch sehr ins Detail geht, dass es in manchen Kapiteln, deren Teile zueinander keinen Bezug aufweisen, schwer fällt den Überblick zu bewahren und teilweise das Sprachniveau auch hinsichtlich Abstraktion und Fachsprachlichkeit doch erhebliche Anforderungen an die Leser:innen stellt, darf bezweifelt werden. Der inhaltlichen Akzentsetzung des Buches dürfte entsprechen, dass vor allem Lehramtsstudierende zu den bevorzugten Zielgruppen des Buches gehören; für sie müsste vorausgesetzt werden, dass sie mit den Themen des Buches bereits vertraut sind und auch über einen zumindest fundamentalen Wissensstand hinsichtlich der sie interessierenden Inhalte verfügen.

Wie der quantitative Vergleich der beiden Teile „Lernen“ und „Lehren“ zeigt, liegt der thematische Schwerpunkt des Buches de facto bei Fragen des Lehrens. Es fällt auch auf, dass die Inhalte mancher Abschnitte mit Grundlagen des Lernens nicht viel zu tun haben, sondern eher den Umgang mit den Rahmenbedingungen von Unterricht thematisieren. Vielleicht stellt das Buch daher weniger eine Einführung in die Pädagogische Psychologie dar als ein Lehrbuch zu einer pädagogisch-psychologisch fundierten Lehr- und Unterrichtsmethodik. Es ist daher vor allem für angehende Lehrkräfte im schulischen Bereich von Interesse. Zielgruppen im außerschulischen Bereich, die für ihre Praxis aus dem Wissensfundus der Pädagogischen Psychologie Gewinn ziehen wollen, werden durch das Buch wohl weniger angesprochen werden.

Rezension von
Prof. em. Dr. Wolfgang Krieger
Rezensent: Prof. emerit. Dr. Wolfgang Krieger, Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen am Rhein, Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Systemische Soziale Arbeit (DGSSA) und Mitglied der der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA)
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Zitiervorschlag
Wolfgang Krieger. Rezension vom 02.09.2022 zu: Marcus Hasselhorn, Andreas Gold (Hrsg.): Pädagogische Psychologie. Erfolgreiches Lernen und Lehren. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2022. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-17-039782-8. Reihe: Standards Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29378.php, Datum des Zugriffs 28.09.2022.


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