Hans Peter Rentsch, Peter O. Bucher: ICF in der Rehabilitation
Rezensiert von Prof. Dr.PH Max Ueberle, 20.09.2005
Hans Peter Rentsch, Peter O. Bucher: ICF in der Rehabilitation. Die praktische Anwendung der internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit im Rehabilitationsalltag.
Schulz-Kirchner Verlag
(Idstein) 2005.
344 Seiten.
ISBN 978-3-8248-0448-1.
42,95 EUR.
CH: 75,16 sFr.
Hrsg.: Jürgen Tesak. Reihe: Das Gesundheitsforum.
Einführung
In Rehabilitationskliniken arbeiten heute unterschiedlichste Berufsgruppen interdisziplinär im Team zusammen. Es ist dabei zu beobachten, dass den therapeutischen Berufsgruppen zunehmend größere Freiheiten bei der Durchführung ihrer Tätigkeit zukommt. Dies mag an der besseren Ausbildung liegen oder schlicht am (in Deutschland) Mangel an Ärzten, entspricht aber auch einer generellen Tendenz zum "Lean Management". In einer solchen Situation gewinnt Teamarbeit an Bedeutung. In der neurologischen Rehabilitation ist interdisziplinäre Teamarbeit seit langem etabliert, und wo nicht, wird dennoch häufig der Anspruch gestellt, denn die Arbeit in Teamstrukturen wird auch als Qualitätsindikator gesehen. "Im Team" kommen an eine Klinik jedoch erhöhte Anforderungen an die Kommunikation zwischen den verschiedenen Berufgruppen zu. Die ICF wird häufig als "gemeinsame Sprache" zur Beschreibung von Gesundheits- und mit Gesundheit zusammenhängenden Zuständen bezeichnet, die weltweit in Wissenschaft und Praxis und eben auch für verschiedene Berufsgruppen anwendbar sein soll.
Es kann dabei zwischen dem Paradigma oder der "Philosophie" der ICF und der umfassenden Itemliste unterschieden werden. Mit der Itemliste wird das Paradigma operationalisiert. Damit können vielfältige Aspekte von Einflussfaktoren auf die Gesundheit und Folgen von gesundheitlichen Einschränkungen eindeutig dokumentiert und auch klassifikatorisch kodiert werden. Da diese Kodierliste sehr umfangreich ist und damit als unübersichtlich empfunden werden kann, gibt es verschiedene Ansätze, Kurzlisten - sogenannte "Core Sets" - für spezielle Anwendungszwecke zu erstellen.
Hintergrund
Die Anwendung einer solchen "gemeinsamen Sprache" in der Rehabilitation ist Gegenstand des Buches. Es entspringt den Erfahrungen bei der Implementierung der ICF in die neurorehabilitative Abteilung des Kantonsspitals Luzern. Dort liegen zweifellos mit die umfangreichsten Erfahrungen bei der praktischen Anwendung der ICF vor. Die Autoren spannen einen Bogen von einer grundlegenden Einführung in die ICF und zeigen in folgenden Kapiteln die Anwendung für verschiedene Diagnosen auf, gefolgt von einem Aufsatz über die Dokumentation und Berichterstattung mit der ICF. Die einzelnen Kapitel können auch unabhängig von einander gelesen werden. Die Beiträge sind gut aufeinander abgestimmt und es kommt nicht zu unnötigen Doppelungen in der Darstellung.
Inhalt
Es handelt sich um einen Sammelband überwiegend von Beiträgen der Herausgeber, die Protagonisten bei der Einführung der ICF in der Luzerner Klinik sind. Deren Beiträge werden ergänzt um einen Aufsatz zu spezifisch pflegerischen Gesichtspunkten aus der Feder von leitenden Pflegemitarbeitern der Klinik sowie die Vorstellung eines universitären Forschungsprojekts zur Coresetentwicklung.
- Eine Einleitung als Kapitel 1 "Grundlagen der ICF" darf in dem Buch selbstverständlich nicht fehlen. Rentsch liefert eine solche kurz gefasst und besonders auf den Rehabereich zugeschnitten.
- Das Kapitel 2 "Einfluss der ICF-Philosophie auf die Entwicklung der Neurorehabilitationsprogramme am Beispiel des zerebrovaskulären Insults" von Rentsch macht den Anfang der vier diagnosenorientierten Kapitel. In diesem ersten davon wird aufgezeigt, wie Veränderungen des Qualitätsverständnisses in der Neurorehabilitation von der körperfunktions- und strukturbasierten Sichtweise der 1970er Jahre über die aktivitätenorientierte der 80er und der partizipationsgeleiteten der 2000er Jahre zur ICF geführt hat. Dies am Beispiel des Schlaganfalls, dessen Auswirkungen und Therapiemöglichkeiten anhand dieses Paradigmas der ICF betrachtet werden. Daneben erhält der Leser einen Einblick in die Organisation des Luzerner Spitals.
- Das Kapitel 3 "Neuropsychologische Funktionsstörungen im Konzept der ICF" von Bucher ist mit 17 Seiten verhältnismäßig kurz gehalten und stellt die verschiedenen Funktionsstörungen vor und verortet sie in der Klassifikation.
- Das 4. Kapitel "ICF-orientierte Sprachrehabilitation bei Aphasie" von Bucher ordnet kommunikative Beeinträchtigungen und die Zielvariablen verschiedener therapeutischer Ansätze in die ICF ein. Das Kapitel läßt sich auch auf andere sprachpathologische Bereiche übertragen.
- Das 5. Kapitel "Parkinson'sche Erkrankung: Rehabilitations- und Behandlungskonzept auf der Basis der ICF" von Rentsch ordnet wiederum diese Diagnose in die ICF ein. Im Hauptteil wird aufgezeigt, wie spezifische Assessmentinstrumente mit der ICF operationalisiert werden können. Verschiedene verbreitete Assessments werden in der ICF verortet und somit in diesem Kontext verwendbar gemacht. Dies ist ein wichtiger Ansatz, solange besondere ICF-kompatible Assessmentinstrumente nur in geringem Umfang zur Verfügung stehen, was auf absehbare Zeit noch der Fall sein wird. An einem Patienten-Fallbeispiel wird das Vorgehen veranschaulicht.
- Wird mit dem Paradigma der ICF gearbeitet, sollte auch die Krankengeschichte auf der ICF basieren. Im praxisnahen 6. Kapitel "Einbezug der ICF in die Dokumentierung und Berichterstattung" von Bucher wird ein Raster für ein entsprechendes Dokumentationssystem vorgestellt.
- Das Kapitel 7 "Die Pflege im Kontext der ICF in Bereich der rehabilitativen Gesundheitsversorgung" von Hefti und Weber ist praxisbezogen und gibt Aufschluß über die Entwicklungsmöglichkeiten eines pflegerischen Selbstverständnisses mit der ICF und zudem Einblick in eine ICF-orientierte Pflegeplanung. Einige Formblattmuster erleichtern die Übertragung auf andere Institutionen.
- Dass die ermittelten Coresets nicht nur praktisch anwendbar, sondern auch von einer hohen Allgemeingültigkeit sind, kann aus dem Kapitel 8 "Die Entwicklung von ICF Core Sets" von Kirschnek und Ewert abgeleitet werden. Hier wird der Weg für eine Maximallösung gezeigt, bei dem diagnosenspezifische Coresets in einer groß angelegten internationalen Studie ermittelt werden. Das Ergebnis daraus unterscheidet sich interessanterweise "nur in sehr geringem Ausmaß von den durch das interdisziplinäre Rehabilitationsteam erarbeiteten Checklisten", wie Rentsch im Umsetzungskapitel anmerkt. Dies spricht für die Qualifikation des Luzerner Rehateams.
- Das 9. Kapitel "Umsetzung der ICF in den praktischen Alltag auf der Neurorehabilitationsabteilung des Kantonsspitals Luzern" kann als Essenz einer Implementierung der ICF in eine Rehabilitationsklinik gesehen werden. Rentsch erläutert hier die Erarbeitung von Coresets in interdisziplinären Projektgruppen und die Abläufe bei der Patientenaufnahme, vom Ablauf des Aufnahmegesprächs, der Teambesprechung und -zielsetzung und der Rehabilitationsplanung. Das Kapitel beruht auf bereits publiziertem eigenem Material, dessen Brauchbarkeit der Rezensent bestätigen kann: Er hat Teile davon erfolgreich in eine neurologische Rehabilitationsklink übertragen.
Zielgruppe
Insgesamt richtet sich das Buch an leitende Ärzte oder Therapeuten in Kliniken, die ihre Teamarbeit an der ICF orientieren möchten. Neurorehabilitative Einrichtungen landen hier einen Volltreffer, Einrichtungen anderer Fachrichtungen und Behandlungsstufen werden vieles übertragen können. Für die Mitarbeiter der therapeutischen Berufe mag die Ausbeute geringer ausfallen, mit Ausnahme des Pflegedienstes, dem ein eigenes, materialreiches Kapitel für eine Pflegedokumentation gewidmet ist.
Einschätzung
Insgesamt erscheint das Buch etwas kodierungslastig. Beginnend mit der Einleitung wird Itemlisten ein breiter Raum gegeben; das Konzept der ICF tritt für Anfänger in der Materie nicht wirklich klar zu Tage. Dies gilt besonders auch für die diagnosenorientierten Kapitel.
Aber: Das Buch stellt den bisher größten Fortschritt auf dem deutschsprachigen Markt dar. Man wird nicht darum herumkommen, doch handelt sich bei dem Buch nicht um ein Handbuch für die tägliche Arbeit bei der Einführung und Anwendung der ICF, sondern um einen Erfahrungsbericht aus diesen Feldern. Wer über die Anwendung der ICF in der stationären Versorgung nachdenkt, wird von diesen Erfahrungen profitieren und vieles auf sein eigenes Umfeld übertragbar finden. Neben dem Kapitel zur Pflege erscheinen besonders hilfreich das Kapitel zur "Umsetzung der ICF in den praktischen Alltag auf der Neurorehabilitationsabeilung des Kantonsspitals Luzern" von Rentsch sowie zum "Einbezug der ICF in die Dokumentierung und Berichterstattung" von Bucher.
Fazit
Immer mehr Rehabilitationseinrichtungen wollen die ICF in ihre Arbeit einführen oder sehen sich durch die Kostenträger dazu genötigt. Für diese ist das Buch unverzichtbar, es vermittelt den wertvollen Erfahrungsschatz vom ICF-Vorreiter Luzerner Kantonsspital. Dabei ist es kein Kochbuch, liefert aber viele Ideen zur Umsetzung und Anregungen zur Reflexion der eigenen Arbeit im Angesicht der ICF.
Rezension von
Prof. Dr.PH Max Ueberle
Professor für Gesundheits- und Sozialmanagement, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Essen, Hochschulzentrum Frankfurt am Main
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