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Dimitri Mader: Herrschaft und Handlungsfähigkeit

Rezensiert von Arnold Schmieder, 30.06.2023

Cover Dimitri Mader: Herrschaft und Handlungsfähigkeit ISBN 978-3-593-51443-7

Dimitri Mader: Herrschaft und Handlungsfähigkeit. Elemente einer kritischen Sozialtheorie. Campus Verlag (Frankfurt) 2022. 424 Seiten. ISBN 978-3-593-51443-7. D: 45,00 EUR, A: 46,60 EUR.
Reihe: International labour studies - Band 30.

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Thema

Dimitri Mader stellt den Begriff der Herrschaft auf einen kritischen Prüfstand und entwickelt ihn weiter, um auf dieser Folie zu entwickeln, was für die Subjekte „Handlungsfähigkeit“, wie schon im Titel hervorgehoben, sein und bedeuten kann, welche Entscheidungsspielräume oder gar Freiheiten vorhanden sind. Gleich zu Beginn der Einleitung zitiert der Autor Max Horkheimer mit dem Satz: „‚Jedoch hat der Zuwachs an Freiheit einen Wechsel im Charakter der Freiheit bewirkt.‘“ Mader interpretiert Horkheimer dahingehend, „mit der Zunahme von Handlungsmöglichkeiten in Folge des gewachsenen materiellen Reichtums verstärken sich auch die normativen und ökonomischen Zwänge, die Bedingung dieser Reichtumsproduktion sind.“

Daraus folge ein alle Bereiche durchdringender „gesellschaftlicher Anpassungsdruck“, der sich zum Selbstzweck entwickele und laut Horkheimer „Spontaneität“ ersticke und zum „Sinnverlust“ führe. Heutigen Lohnabhängigen, so Mader, würden innerhalb wie außerhalb ihres Arbeitslebens größere Freiheiten als vormals zugestanden. Doch diese „neuen Freiheiten“ haben eine „Kehrseiten“: Solche daher, aus Freiheiten, rührenden „subjektiven Voraussetzungen“ würden zur „strukturellen Voraussetzung für eine erfolgreiche Partizipation am System der Erwerbsarbeit“, steigerten „Leistungsdruck“ und „existentielle Unsicherheit“ mit den hinlänglich bekannten psychosozialen Folgen.

Mader tritt an, diesen „Entwicklungsschub im Charakter von Freiheit“ mit einer dezidiert „herrschaftskritischen Perspektive“ zu interpretieren. Eine „Grundthese“ lautet, „dass neuartige Zwänge und damit zusammenhängende subjektive Leiderfahrungen nicht einfach einem ‚Mehr an Freiheit‘“ entspringen, dabei Beck zitierend, „sondern einem Formwandel von Herrschaft.“ (S. 9 f.) Zugleich soll der „vorgeschlagene konzeptuelle Rahmen“ helfen, „über das bloße Konstatieren von Paradoxien im Verhältnis von Herrschaft und Selbstbestimmung hinauszugehen“. (S. 406)

Beim hier vorgestellten Buch handelt es sich um den ersten von zwei Bänden, die auf der Dissertation des Autors fußen. Dieser erste Band will als „eigenständiger Beitrag zu einer kritischen Sozialtheorie“ verstanden sein, einen theoretischen Rahmen für die im zweiten Band vorgelegte „Meta-Analyse arbeitssoziologischer Empirie“ abgeben. (S. 10)

Autor

Dr. Dimitri Mader ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Osnabrück und der Technischen Universität Bamberg.

Inhalt

Neben einer Danksagung und dem Literaturverzeichnis ist das Buch in acht Hauptkapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. Noch in der Einleitung werden vor Fragestellung und Vorstellung des Aufbaus der Arbeit das theoretisch-empirische Doppelproblem der später ausführlich entwickelten Selbstbeherrschungsdiagnose sowie die deutsche Arbeitssoziologie auf Leerstellen und Anknüpfungspunkte im Hinblick auf kritische Herrschaftstheorie thematisiert. Bevor in einem eigenen Kapitel die Frage erörtert wird, was Herrschaft ist, werden zunächst mit Fokus auf Handlungsfähigkeit und Handlungssituation sozialtheoretische Grundlagen vorgestellt, wobei der Autor sich u.a. am von ihm prominent gemachten morphogenetischen Ansatz von Margret S. Archer kritisch abarbeitet. Er hebt hervor, dass nach Archer die „Stärke des Subjektivismus (…) in der Betonung der Irreduzibilität der Subjekte und ihres Innenlebens“ bestehe, jene des „Objektivismus in der Insistenz auf der Kausalität sozialer Strukturen, ihrer objektiven Zwänge und Eigendynamiken“ (S. 44).

Auf dieser Folie werden Anforderungen an ein kritisches Herrschaftskonzept formuliert. Nach weiterer Konturierung sozialtheoretischer Implikationen der Definition von Herrschaft wird über Rekonstruktion ausgewählter humanistisch-marxistischer Positionen das Leiden an eingeschränkter Handlungsfähigkeit untersucht und des Weiteren werden deren subjektiven und kontextuellen Bedingungen eingekreist, um im Schlusskapitel jene Elemente einer kritischen Sozialtheorie von Herrschaft und Handlungsfähigkeit vorzustellen, wie sie für weitere Analyse des Autors von Belang sind.

In diesem ersten Band bewegt sich der Autor auf einem hohen Abstraktionsniveau, auf dem er Nachweis zu führen antritt, dass eine Kritik an der Einschränkung von Freiheit einer Problematisierung von veränderten Erscheinungsformen von Herrschaft bedarf, besonders im Hinblick auf die Scheinparadoxie einer ‚Selbstbeherrschung‘ (zu der, wie hinlänglich bekannt, auch aufgerufen wird). Herrschaft bezeichne nicht „ungleich verteilte Freiheit“, auch nicht „strukturell eingeschränkte Freiheit“, „sondern soziale Beziehungen, in denen die Freiheit der einen durch die Macht der anderen eingeschränkt ist“ (S. 393).

Diskussion

„Einschränkung von Selbstbestimmung“ ließe sich „schwerlich als wertneutral bezeichnen“; und das „Erkenntnisinteresse an der Analyse und Kritik der sozialen Hindernisse gleicher Freiheit aller“ signalisiere, dass Herrschaft „in dieser Perspektive per definitionem ein moralisches Prinzip“ verletze. Damit sei „jedoch nichts darüber ausgesagt, wie Herrschaft aus Sicht der in sie eingebundenen Akteure erlebt und bewertet wird.“ (S. 390) Hier, zwar nicht expressis verbis, ist auf die für Mader zentralen Begriffe von Struktur und Handlung verwiesen. Angesichts der Tatsache, dass er bereits in der ersten Zeile seiner Einleitung auf Horkheimer verweist, angesichts auch seines imponierenden Literaturverzeichnisses, womit rein formal belegt ist, wie intensiv er seine Thematik bearbeitet hat, was seine Schrift inhaltlich deutlich belegt, mag es verwundern, dass er die Kritische Theorie geradezu ausspart und somit auch nicht Adornos lapidaren Satz heranzieht: „Der Prozess zehrt davon, dass die Menschen dem, was ihnen angetan wird, auch ihr Leben verdanken.“ Und weiter: „Der Kitt, als der einmal die Ideologien wirkten, ist von diesen einerseits in die übermächtig daseienden Verhältnisse als solche, andererseits in die psychologische Verfassung eingesickert.“ Das entlässt nicht in Ausweglosigkeit, schärft aber den Blick für eine Macht der Struktur über eben abgenötigte Handlungen, auch Denkmuster und emotionale Disponierungen, ein Bündel, in dem der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) seine Wirksamkeit entfaltet. ‚Systemzwänge‘ hat Søren Mau ausgehend von Marx in seinem Buch „Stummer Zwang“ (2022) kritisch aufgenommen und entwickelt, ein Zugang, der sich Mader – auch – als Anknüpfungspunkt empfiehlt.

Die Soziologie vergibt sich nichts, wenn ihre Vertreter:innen sich interdisziplinär vergewissern, zumal bei der Philosophie, wenn schon – wie bei Mader – der dort zentrale Begriff der Freiheit (s.o.) bemüht wird. Die wie beim Autor angegangene Analyse des Verhältnisses von Herrschaft und Freiheit kann substantiiert werden. In ihrem Buch „Freiheit und Dialektik“ (2021) macht Sabine Hollewedde deutlich, dass im Kapitalismus Freiheit immer notwendig mit Unfreiheit verschränkt ist, was schon aus der Kritik der politischen Ökonomie Marxʼerhellt (die nicht Maders zentrale Referenz ist). Was der idealistisch aufklärerische Begriff der Freiheit enthält (vgl. Kant), es ist unter den Bedingungen einer alles mit ihrer ‚Logik‘ durchdringenden kapitalistischen Ökonomie nicht zu haben. Auch hier ein Wegweiser, der eine Analyserichtung anzeigt, die Mader am Rande streift. Wie mit einem Rekurs auf den „stummen Zwang“ (s.o.) kann mit einem unter herrschenden kapitalistischen Verhältnissen korrumpierten emphatischen Freiheitsbegriff Maders Sozialtheorie ad fontes leiten. Auch was am Ende des Bandes „Selbstbeherrschungs-Paradoxie“ (S. 403) genannt wird, es würde durch die wie hier exemplarisch genannten Analysen nicht nur diesen Fokus in der Sozialtheorie des Autors erhellen und befruchten und einem Anspruch auf ‚Erklärung‘ zutragen.

Im zweiten Band (der hier nicht zur Besprechung ansteht), einer „Metastudie“ mit dem Titel „Herrschaft und Handlungsfähigkeit in der Lohnarbeit“, versteht Mader durchaus, und zwar mit und ausgehend von Marx, kapitalistische Lohnarbeit als ein Ausbeutungsverhältnis und zugleich als Machtverhältnis, identifiziert Ausbeutung als kausal für die Reproduktion des Klassenverhältnisses. Die Lektüre der Ergebnisse einer inhaltlichen Darlegung seines allerdings vorrangigen Erkenntnisinteresses, nämlich betriebliche Sozialordnungen im Hinblick auf Herrschaft und Handlungsfähigkeit zu untersuchen, wird die Tragfähigkeit seines theoretischen Ansatzes, dessen Erklärungsreichweite, zu plausibilisieren haben – was hier nicht vorentschieden werden kann.

Arbeitsregimes unterliegen der Veränderung. Hatte Taylor noch als Leitbild des modernen Arbeiters den „dressierten Affen“ im Theoriegepäck, unterstellte Ford dem „Durchschnittsarbeiter“, er wünsche sich eine „Arbeit, bei der er sich weder körperlich noch vor allem geistig anzustrengen braucht“, was auch die damaligen Arbeiter:innen anders sahen, so verlautbaren solche ideologischen Versatzstücke heute nicht mehr und dem Sinne nach auch seltener hinter vorgehaltener Hand. Der Taylorismus als Inspirationsquelle scheint überholt und der Fordismus scheint passé, was sogenannten hochindustrialisierte Weltregionen betrifft. Was Sinn und Zweck war, (u.a.) eine intensivierte Nutzung der Ware Arbeitskraft zur Steigerung der Profite, es blieb erhalten auch in sich innerhalb des Systems verändernden Verhältnissen, ob in den neoliberalen Anrufungen an das „unternehmerische Selbst“ (Bröckling) und wohl auch in der „Selbstbeherrschungs-Paradoxie“ (Mader) ist und bleibt es virulent. Der Systemzweck bleibt unberührt – vorerst.

Fazit

Mader spricht im Untertitel seines Werkes bescheiden von „Elemente einer kritischen Sozialtheorie“. Seine außerordentlich kenntnisreich unterfütterten Argumentationen und Anregungen zu weiteren kritischen Diskussionen werfen weit mehr als nur ‚Elemente‘ ab. Die wie nach „Herrschaft“ im Titel und da eben im Zusammenhang von Herrschaft genannte „Handlungsfähigkeit“ dürfte wesentlich das Stichwort sein, das Leser:innen zur Lektüre motiviert.

Rezension von
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 30.06.2023 zu: Dimitri Mader: Herrschaft und Handlungsfähigkeit. Elemente einer kritischen Sozialtheorie. Campus Verlag (Frankfurt) 2022. ISBN 978-3-593-51443-7. Reihe: International labour studies - Band 30. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29380.php, Datum des Zugriffs 27.02.2024.


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