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Daniela Böhringer (Hrsg.): Helfen

Rezensiert von Prof. (i.R.) Dr. Gudrun Ehlert, 21.05.2024

Cover Daniela Böhringer (Hrsg.): Helfen ISBN 978-3-8376-5499-8

Daniela Böhringer (Hrsg.): Helfen. Situative und organisationale Ausprägungen einer unterbestimmten Praxis. transcript (Bielefeld) 2022. 312 Seiten. ISBN 978-3-8376-5499-8. D: 40,00 EUR, A: 40,00 EUR, CH: 48,70 sFr.
Reihe: Sozialtheorie.

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Thema

In der vorliegenden Publikation sind Beiträge zu organisierten Formen der Hilfegewährung versammelt, die aus einer Tagung am Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld hervorgegangen sind. Die Herausgeber*innen des Bandes und Organisator*innen der Tagung heben eine Diskrepanz hervor: Obwohl in der Sozialen Arbeit und vielen Erziehungs- und Gesundheitsberufen Hilfe und Helfen zentrale Grundlagen des Handelns ausmachen und von ‚helfenden Berufen‘ die Rede ist, bleibt die theoretische Auseinandersetzung mit Helfen bislang unterbestimmt. Vor diesem Hintergrund repräsentieren die Aufsätze eine breite Palette an disziplinären und empirischen Zugängen, Feldern und Themen des Helfens und der Hilfegewährung.

Herausgeber*innen

Daniela Böhringer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen

Sarah Hitzler, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld

Martina Richter, Professorin für Schule und Jugendhilfe an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen

Aufbau

Das Buch enthält insgesamt zwölf Beiträge. Nach der Einleitung und einer theoretischen Skizze „Konstellationen organisierten Helfens“ der Herausgeber*innen werden die nachfolgenden Beiträge in drei thematischen Böcken präsentiert:

i. Ausprägungen struktureller Hintergründe

ii. Formen fachkundiger Interaktionen

iii. Facetten freiwilliger Unterstützung

Inhalt

Die Herausgeber*innen, Daniela Böhringer, Sarah Hitzler und Martina Richter, arbeiten in ihrem einleitenden Beitrag „Konstellationen organisierten Helfens: Eine theoretische Skizze“ vier Dimensionen des organisierten Helfens heraus. Dabei begreifen sie das organisierte Helfen als „situativ gebundene Herstellungspraxis“ (S. 21) verschiedener Akteur*innen, die in einem „institutionalisierten und organisationalen Zusammenhang“ (S. 22) stattfindet. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht immer der Zusammenhang zwischen der Situation und dem Kontext des Helfens. Sie entwickeln aus einer ethnomethodologischen Tradition vier Dimensionen, nach denen „organisiertes helfendes Handeln notwendig erstens relational und zweitens interaktiv ist, drittens kontextualisiert erfolgt und viertens prozesshaft ist“ (S. 22, Hervorhebungen im Original). Ihr heuristisches Konstrukt des organisierten Helfens orientiert sich an den Relevanzsetzungen in Hilfeprozessen und damit an der Empirie einer sozialen Praxis und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für weitere theoretische und empirische Präzisierungen.

In allen Beiträgen der Publikation der Publikation werden Prozesse des Helfens und der Hilfegewährung in unterschiedlichen Settings auf der Grundlage qualitativer empirischer Untersuchungen rekonstruiert. So lassen sich die Beiträge gleichzeitig auch als illustrative Beispiele für unterschiedliche methodologische Zugänge und Auswertungsstrategien lesen. Dazu gehören beispielsweise die Ethnomethodologie, die Metaphernanalyse, (Linguistische) Diskurs- und Konversationsanalysen sowie die Grounded Theory. Die untersuchten Felder spiegeln ein großes Spektrum organisierten Helfens: Kindertagesstätten, Männerberatung, Erstgespräche in der Sozialen Arbeit, Hilfeplangespräche, Führungskräfte-Coaching, Rechtsberatung, Psychotherapie, Pflege, ehrenamtliche Pat*innen, Aufstellungsarbeit, Selbsthilfegruppen zum Thema Sucht. Im Folgenden werden aus den drei thematischen Blöcken exemplarisch vier Beiträge vorgestellt.

Im ersten Teil der Publikation „Ausprägungen struktureller Hintergründe“ untersucht Barbara Lochner in ihrem Beitrag „Helfen als pädagogisches Handlungsformat“ auf der Grundlage einer ethnographischen Studie in Kindertagesstätten sowohl die Konstruktion des Helfens als professioneller Tätigkeit der Pädagog*innen als auch die Konstruktion helfenden Handelns als Tätigkeit der Kinder. Lochner kommt zu dem Schluss, dass das Initiieren des Helfens der Kinder durch die Pädagog*innen „als Bestandteil der Alltagspraxis vollzogen wird, [und] der pädagogischen Intention folgt, Kinder zu einer – in spezifischer Weise normativ konnotierten – gesellschaftlichen Handlungsfähigkeit zu verhelfen“ (S. 56, Hervorhebung im Original). Formen der Alltagshilfe und professionelles pädagogisches Handeln sind dabei eng miteinander verbunden.

Julia Schröder untersucht in ihrem Beitrag mit Hilfe eines metaphernanalytischen Zugangs Metaphern des Helfens in der Beratung von Männern, die Gewalt gegenüber ihren Partner*innen ausgeübt haben. Sie arbeitet das methodische Potential von Metaphernanalysen für die Rekonstruktion professionellen Helfens heraus und zeigt dies an einem empirischen Beispiel. Schröder demonstriert in ihrer Interpretation transkribierter Gesprächsausschnitte, wie ein männlich gelesener Berater und Klient in ihrer Interaktion durch die Metaphern von „Lernen“ und „Schule“ den Hilfeprozess konstituieren.

Der zweite Teil des Buches „Formen fachkundiger Interaktionen“ beginnt mit dem Beitrag „Helfen im Führungskräfte-Coaching als kommunikativer Aushandlungsprozess in verschiedenen Spannungsfeldern“ von Eva-Maria Graf. Anhand von vier Exzerpten aus einer Erstsitzung wird diskursanalytisch die Aushandlung und Gestaltung sprachlichem Helfens im Coaching herausgearbeitet. In dem Beispiel nimmt ein Klient, eine Führungskraft aus dem Finanzsektor, der keine Erfahrung mit Coaching hat, diese professionelle Unterstützung erstmalig in Anspruch. Er ist einerseits skeptisch, andererseits erwartet er konkrete Tipps und Hilfestellungen durch das Coaching. Wie sich der Klärungsprozess der Hilfebeziehung entwickelt und das Verständnis von Coaching zwischen Coach und Klient herstellt, lässt sich anschaulich nachvollziehen.

In dem Beitrag von Sarah Hitzler aus dem dritten Teil der Publikation zu den „Facetten freiwilliger Unterstützung“ stehen unter der Überschrift „Einander helfen zu verstehen“ Narrative in Selbsthilfegruppen im Suchtbereich im Zentrum. Die Prämissen der ethnomethodologischen Konversationsanalyse sowie die Bedeutung von Narrativen in Selbsthilfegruppen werden einer ausführlichen Fallanalyse vorangestellt. Am Beispiel einer Erzählung zum Suchtgedächtnis und dem Bedürfnis zu trinken wird deutlich, in welcher Weise Erzählungen und Folgeerzählungen zentral sind für den Austausch und die Verhandlungen von Themen in der Gruppe sowie für die Unterstützung durch die Gruppenmitglieder.

Diskussion

Ein Verdienst dieser Veröffentlichung liegt in der Präsentation zahlreicher Forschungsergebnisse zum Thema Helfen aus unterschiedlichen Disziplinen und Kontexten. So werden sowohl die Interaktionen und organisationalen Rahmungen im Kontext professioneller Hilfe als auch freiwillige Unterstützungsleistungen gut nachvollziehbar empirisch untersucht. Dabei zeigen die Beiträge in der Gesamtschau die große Bandbreite und Heterogenität in der Thematisierung von Hilfezusammenhängen, machen aber auch deutlich, dass eine übergreifende Auseinandersetzung mit Hilfe sich erst in den Anfängen befindet. In diesem Sinne bietet die Publikation viele Anregungen für weitere empirische und theoretische Arbeiten, um der „Unterbestimmung“ von Helfen entgegenzuwirken.

Fazit

Mit dieser Publikation erhalten die Leser*innen einen gebündelten Einblick in den Stand der Forschung zum Helfen. Insofern ist die Veröffentlichung für alle Arbeitsfelder und -kontexte wichtig, in denen Hilfebeziehungen im Zentrum stehen.

Rezension von
Prof. (i.R.) Dr. Gudrun Ehlert
Hochschule Mittweida, Fakultät Soziale Arbeit
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Es gibt 32 Rezensionen von Gudrun Ehlert.

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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 21.05.2024 zu: Daniela Böhringer (Hrsg.): Helfen. Situative und organisationale Ausprägungen einer unterbestimmten Praxis. transcript (Bielefeld) 2022. ISBN 978-3-8376-5499-8. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29385.php, Datum des Zugriffs 15.06.2024.


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