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Almut-Hildegard Meyer: Kodieren mit der ICF. Klassifizieren oder Abklassifizieren?

Rezensiert von Prof. Dr.PH Max Ueberle, 30.08.2005

Cover Almut-Hildegard Meyer: Kodieren mit der ICF. Klassifizieren oder Abklassifizieren? ISBN 978-3-8253-8315-2

Almut-Hildegard Meyer: Kodieren mit der ICF. Klassifizieren oder Abklassifizieren? Potenzen und Probleme der "Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit". Ein Überblick. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2004. 112 Seiten. ISBN 978-3-8253-8315-2. 12,00 EUR.
Reihe: Edition S.

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Hintergrund

Mit der "Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit" (ICF) stellt die Weltgesundheitsorganisation ein Instrument zur Verfügung, mit dem Gesundheit und mit der Gesundheit zusammenhängende Zustände einheitlich dokumentiert werden können. Die Klassifikation gehört wie die bekannte ICD (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) zur "Familie der internationalen gesundheitsrelevanten Klassifikationen" der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Jeder Klassifikation ist auch ein Vorverständnis über den zu klassifizierenden Gegenstand inhärent. Die ICF markiert einen Paradigmenwechsel im Gesundheitsbegriff. Leitend ist nunmehr die "Funktionsfähigkeit" oder "funktionale Gesundheit". Im Mittelpunkt steht nicht eine Krankheit mit den üblicherweise erwarteten Krankheitsfolgen, sprich Behinderungen und sonstigen Beeinträchtigungen, sondern in einer postuliert ressourcenorientierten Weise die Fähigkeiten des Menschen zum einen und seine Eingebundenheit in die Umwelt zum anderen. Damit kann ein neues Verständnis zum Beispiel des Behindertenbegriffs begründet werden. Neben dem Paradigmenwechsel - der in der bestehenden Literatur noch nicht umfassend aufgearbeitet wurde - bietet die Klassifikation die Möglichkeit, die festgestellten Verhältnisse in einer strukturierten Klassifikation zu kodieren. Dazu liegt eine umfassende Itemliste vor.

Aufbau

  1. Kurze Einführung in die ICF
  2. Reflexionen über die Notwendigkeit der Klassifikation von Behinderung
  3. Unterschiede zur Vorgängerklassifikation ICIDH
  4. Kodierung mit der ICF, auftretende Probleme, implizite Konzepte, Aspekte der Ethik und  Selbstbestimmung. ICF aus der Sicht von Menschen mit Behinderung und von Anwendern und Experten.

Inhalt

Almut-Hildegard Meyer hat die deutsche Übersetzung der Klassifikation der WHO gelesen. Und zwar genau gelesen (das ist schon eine ganze Menge) und sich dazu kritische Gedanken gemacht. Dass das Buch zudem als Magisterarbeit im Fachbereich Sondererziehung und Rehabilitation an der Fernuniversität Hagen entstanden ist, hat im Vergleich zu institutionell eingebunden Verfassern den Vorteil, daß die Autorin ihre Erkenntnisse und Meinungen unverblümt mitteilen kann. Entstanden ist ein kritisches und konstruktives Buch, das auch demjenigen, der glaubt, sich in der Materie auszukennen, neue Einsichten und Aspekte beschert. Der genregemäß handliche Nettoumfang ist dabei durchaus positiv zu vermerken, ebenso wie die flüssige Lesbarkeit, die in diesem Genre ja auch nicht immer vorausgesetzt werden kann. Nur an einer Stelle scheint die Grundlage des hohen Engagements der Verfasserin durch (und weil der Rezensent mit der Nennung ein heikles Feld betritt sei gleich die Seitenzahl mit angegeben: Seite 64), denn sie ist selbst von Behinderung betroffene. Das hat es wohl erleichtert einen kritischen Punkt von Klassifikationen generell zu erkennen: Die Gefahr der Fixierung von Stigmatisierung durch Dokumentation. Daneben berge die Ressourcenorientierung aber auch die Gefahr, daß der Hilfebedarf bloß durch die neue fähigkeitsorientierte Betrachtungsweise als geringer eingeschätzt werde.

Durch genaues Lesen fällt Frau Meyer zudem auf, dass an etlichen Stellen in der Kodierliste zur Klassifikation logische und kommunikative Unklarheiten bestehen. Daraus folgert sie die Gefahr falscher Kodierungen. Ungenaue ebenso wie falsche Kodierungen könnten zu dem führen, was die Autorin "Abklassifizieren" nennt. Eine weitere Gefahr einer Klassifizierung von Menschen liege in einer bewußten oder unbewußten Distanzierung und Einengung des Betrachtungshorizontes. Außerdem stellt die Autorin die generelle Frage, ob die Konstrukte der ICF überhaupt zielführend im Sinne eines ressourcenorientierten Ansatzes seien.

Letztlich kommt sie zum Schluß, daß die Anwendung der ICF dann vertretbar sei, wenn die Anwender die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Klassifikation berücksichtigen. Die ICF sei ein Schritt auf dem richtigen Weg, das Ziel noch lange nicht erreicht.

Fazit

Frau Meyer weist auf Defizite der Klassifikation sowie auf Gefahren bei ihrer Anwendung hin und liefert Anregungen, wie diese Defizite überwunden werden können und den Gefahren begegnet werden kann. Der Titel des Buches kann jedoch mißverstanden werden, denn es handelt sich bei dem Band nicht um eine Einführung in die ICF und auch nicht um eine Anleitung zum Kodieren mit der Klassifikation, sondern um eine kritische Stellungnahme. Diejenigen, die sich vertieft mit der Materie befassen möchten, werden von wichtigen Anregungen profitieren.

Anmerkung

Die deutsche Übersetzung der ICF ist noch nicht im Druck erschienen, die "vorläufige Endfassung" steht jedoch beim Deutschen Institut für medizinische Information und Dokumentation (Dimdi) zum herunterladen bereit unter folgender Adresse.

Rezension von
Prof. Dr.PH Max Ueberle
Professor für Gesundheits- und Sozialmanagement, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, Essen, Hochschulzentrum Frankfurt am Main
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Es gibt 8 Rezensionen von Max Ueberle.

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ISSN 2190-9245