Johannes Pantel: Der Kalte Krieg der Generationen
Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Brandenburg, 31.05.2022
Johannes Pantel:Der Kalte Krieg der Generationen. Wie wir die Solidarität zwischen Jung und Alt erhalten. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2022. 272 Seiten. ISBN 978-3-451-39082-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 30,90 sFr.
Autor
Johannes Pantel ist Alternsmediziner und Psychiater. Er war viele Jahre in leitender Funktion im klinischen Setting tätig, bekleidet aktuell eine Professur für das genannte Fachgebiet an der Goethe-Universität Frankfurt. Er ist sowohl im wissenschaftlichen Kontext engagiert, u.a. bei der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, wird aber auch als Experte bei den öffentlichen Medien angefragt. Auf sein Buch bin ich im Rahmen einer Sendung des Deutschlandfunks aufmerksam geworden.
Thema
Der etwas reißerische Titel „Der kalte Krieg der Generationen“ verbirgt fast das zentrale Thema, nämlich die genaue Analyse des Generationenverhältnisses und die Perspektive einer Stärkung der Solidarität zwischen Alt und Jung. Anliegen des Autors ist es keineswegs, den latenten „Krieg“ zwischen den Generationen anzufachen – im Gegenteil! Er möchte mit seinem durchaus populär geschriebenen Buch eine breite Öffentlichkeit erreichen und sie für die Problematik sensibilisieren.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist in einen klassischen Dreiklang gegliedert.
Der erste Teil beschäftigt sich mit einem scheinbar oder tatsächlich zunehmenden Konfliktpotenzial zwischen jungen und alten Menschen. Beschrieben werden die Kriegs- und Nachkriegskinder (1930-1955), die Babyboomer (1955 bis 1960), die Generation X oder Generation Golf (1965/70 bis 1980), die Generation Y oder die Millenials (1980-1996) sowie die zurzeit am lautesten agierende Generation Z, die auch als Zoomer, iGeneration oder Generation Greta bezeichnet wird. Dabei deckt Pantel einige Missverständnisse und Irritationen auf, die sich als Vorurteile sowohl von der einen, wie von der anderen Seite verfestigt haben. Er sensibilisiert z.B. dafür, dass die Babyboomer, die heute in Politik, Wirtschaft und Kultur maßgeblich die Dinge bestimmen, viel schlechtere Berufschancen hatten als jene jungen Menschen, die sich aktuell in Ausbildung oder Studium befinden. Nicht wenige derjenigen, die Mitte der 1980er Jahre die Universitäten verließen, standen vor der Frage – Taxifahren oder direkt in die sich neu etablierende Computerbranche einsteigen? Aber umgekehrt muss man auch Verständnis für die Jungen von heute aufbringen, denn in einer zunehmend unübersichtlichen Berufs- und Hochschullandschaft fällt die Orientierung zunehmend schwerer. Und der naive Blick ins Internet – das wissen auch die Jungen – hilft nicht wirklich weiter.
Im zweiten Teil des Buches wird das bereits genannte „schleichende Gift der Gerontophobie“ differenziert und konkret ausbuchstabiert. Der Exkurs über die Tötung der Alten in der Geschichte macht betroffen und sehr deutlich, dass die von Pantel formulierten Sorgen keineswegs unbegründet sind. Vor allem die Haltung des Autors im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um den „assistierten Suizid“ lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Denn nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil vom Februar 2020 ist das im § 217 des Strafgesetzbuches festgeschriebene Verbot der „geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung“ aufgehoben. Nicht wenige Medizinethiker und Pflegefachleute befürchten einen Dammbruch, der letztlich alten, gebrechlichen und dementiell veränderten Menschen eine mehr oder weniger direkte „Pflicht zu sterben“ auferlegt. Hinter der Autonomiedebatte ist nichts anderes als die Zumutung einer liberal entfesselten Gesellschaft zu erkennen, welche die Situation der alten Menschen primär unter dem Aspekt der Kosten und fehlenden Produktivität sieht und einen Teil der Alten loswerden möchte.
Was ist zu tun? – Das ist die Überschrift für den dritten Teil. Er beginnt mit dem notwendigen Hinweis auf die Heterogenität der Alten. Denn die „Alten“ als homogene Gruppe existieren nicht. Ein entsprechend negativ gefärbtes Stereotyp hat dieser Gruppe immer schon geschadet, ihre Leistungen (auch finanziell) verkannt und die substantiellen Beiträge zum Gemeinwohl (auch durch ehrenamtliches Engagement) zu wenig beachtet. Es muss auch zur Kenntnis genommen werden, dass es gerade pflegebedürftige alte Menschen waren, die unter der Corona-Pandemie am meisten gelitten haben. In den ersten beiden Wellen kamen etwa 50 % der an oder mit dem Virus verstorbenen Personen aus den Pflegeheimen. Hier ist viel zu zögerlich und fantasielos reagiert worden, vor allem seitens der Politik. Klaus Stöhr, ein ausgewiesener Virologieexperte von der WHO, hat kürzlich darauf verwiesen, dass viele Maßnahmen quasi „flächendeckend“ praktiziert wurden, z.T. widersprüchlich waren und nicht fokussiert genug angewandt wurden. Dieser Position würde Pantel zustimmen, denn er weist explizit darauf hin, dass einerseits pauschal „die Alten“ als Risikogruppe im öffentlichen Diskurs verzerrt wahrgenommen wurden – während die eigentliche Risikogruppe, d.h. die in Pflegeheimen lebenden Hochbetagten, zumindest zu Beginn der Corona-Pandemie (und auch später noch) aus dem Blick geraten ist.
Nicht zuletzt auf Grund dieser Befundlage ist es wichtig, dass wir jede Form der Entsolidarisierung vermeiden, uns nicht durch Des- und Fehlinformationen irritieren lassen und die gemeinsamen Interessen zwischen den Generationen in den Blick nehmen.
Der Schluss: „Die Analyse der zentralen Konfliktfelder Rente, Gesundheit und Klima macht deutlich, dass die größten Gerechtigkeitsdefizite nicht zwischen, sondern innerhalb der Generationen zu beklagen sind“. Daher müssen die falschen Bilder in den Köpfen korrigiert werden, „Abrüstung“, so die Bilanz von Pantel, ist das Gebot der Stunde.
Diskussion
Die Annahme, dass sich Mediziner und Psychiater vorwiegend „nur“ um ihre eigenen fachlichen Themen bemühen, trifft zwar häufig zu – aber eben nicht immer. Denn hier argumentiert ein fachlich ausgewiesener und anerkannter Wissenschaftler interdisziplinär und greift Befunde aus der Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Sozialpolitikforschung auf. Ebenfalls beeindruckend ist die klare Positionierung für ein solidarisches Gesundheitssystem, welches die Belange aller Generationen zu berücksichtigen hat. Die gegenwärtige Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Gesundheits- und Pflegeleistungen muss auch vor dem Hintergrund einer drohenden Entsolidarisierung der Generationen problematisiert werden.
Fazit
Was lernen wir aus dem Buch? Für alle, die sich mit dem Verhältnis von Alt und Jung beschäftigen, werden hier einige Mythen zurechtgerückt. Jede der beiden Seiten kann Argumente für sich in Anspruch nehmen, dabei überwiegen ganz klar die Gemeinsamkeiten. Wenn man sich auseinanderdividieren lässt, dann geht man jenen auf den Leim, die weder ein echtes Interesse an jungen noch an alten Menschen haben. Diese aufklärerische Perspektive ist nicht das Schlechteste, was dieses Buch so wertvoll macht. Es sollte über die Fachgrenze der Gerontologie wahrgenommen, diskutiert und in den allgemeinen Diskurs eingespeist werden.
Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege,
Fakultät der Pflegewissenschaft, Vincenz Pallotti University Vallendar
Website
Mailformular
Es gibt 23 Rezensionen von Hermann Brandenburg.




