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Winfried Böttcher: RUSSLAND und DER WESTEN

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 20.05.2022

Cover Winfried Böttcher: RUSSLAND und DER WESTEN ISBN 978-3-96229-359-8

Winfried Böttcher: RUSSLAND und DER WESTEN. Romeon-Verlag (Jüchen) 2022. 104 Seiten. ISBN 978-3-96229-359-8. 13,95 EUR.
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Die „Zeitenwende“ – und was dann?

Die europäische Entwicklungs- und Konfliktgeschichte zeigt das janusköpfige Gesicht zwischen Gut und Böse, Frieden und Krieg, Paradies und Hölle, Fortschritt und Ideologie, Machtaneignung und -missbrauch, Toleranz und Hegemonie. Die eurozentristische Verlockung an die Völker der Welt, wenn ihr so werdet wie wir, wird es euch gut gehen, hat immer wieder auch Gegenpositionen und Revolutionen hervorgebracht. Sie sind Contras zu den Höherwertigkeitsvorstellungen des Okzidents gegenüber dem Orient und anderskulturellen Identitätsentwicklungen. Dort aber, wo legitimierter oder auch illegitimer Macht- und Ideologieanspruch gewaltsam durchgesetzt und nicht dialogisch ausgetragen wird, entsteht Unfrieden. Die von Willy Brandt geprägte Erkenntnis „Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts!“ kann als Bewusstseinserweiterung in den Zeiten des Unfriedens verstanden werden.

Entstehungshintergrund und Autor

Immer wieder haben Analysten, Zeitgeschichtler und -diagnostiker (siehe z.B.: Heiner Hastedt, Hg., Deutungsmacht von Zeitdiagnosen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/25798.php) Versuche unternommen, Machtansprüche und diktatorische Positionen auf die Waagschale eines humanen, friedfertigen, menschenwürdigen, utopischen Hoffens für einen „ewigen Frieden“ zu legen (siehe dazu auch: Frank Dikötter, Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/27082.php). Die im philosophischen Diskurs hervorgehobene Feststellung -bedauernd wie realistisch ausgedrückt – dass der anthrôpos ein unvollständiges, verletzliches Lebewesen ist (Angela Janssen, Verletzbare Subjekte. Grundlagentheoretische Überlegungen zur conditio humana, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/25043.php), freilich bewirkt, dass die Hoffnungen auf ein immerwährendes friedliches, gerechtes und gleichberechtigtes Zusammenleben aller Menschen auf der Erde eher utopisch erscheinen.

Der Aachener Politikwissenschaftler Winfried Böttcher hat in mehreren Dialogformaten und wissenschaftlichen Kooperationsvorhaben die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Europa thematisiert (siehe z.B. dazu: Wilfried Böttcher, Hrsg., Klassiker des europäischen Denkens. Friedens- und Europavorstellungen aus 700 Jahren europäischer Kulturgeschichte, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17006.php; Hg., Europas vergessene Visionäre Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26113.php; Europa 2020, Von der Krise zur Utopie, 2021, www.socialnet.de/rezensionen/28324.php). Anknüpfend an seinen Lehrer Klaus Mehnert (Der Sowjetmensch, 1959) hat er 2005 das „Klaus Mehnert Institut“ an den Universitäten in Aachen und Kaliningrad gegründet. In den diktatorischen, ideologischen und großmachtverherrlichenden Entwicklungen in Russland wurden diese Kontakte mittlerweile beendet, und Böttcher steht seitdem auf der russischen Liste der „registrierten ausländischen Agenten“. Die Heroisierung von Macht und Gewalt, von Herrschaft, Besitznahme und Unterwerfung, bewirkt seit längerem, dass die (westlichen) Hoffnungen auf Verständigung, auf Einverständnis von Handel zum Wandel überall in der Welt zu einem Bewusstsein vom Frieden ohne Waffen führen würden, das Gegenteil bewirken: Krieg, Zerstörung, Tod. Der militärische Überfall Russlands auf die Ukraine, wie auch das unverhohlene Weltmachtstreben des russischen Diktators Putin lässt alle diejenigen (ver)zweifeln, die sich für einen friedlichen, gleichberechtigten Dialog mit Russland einsetzen. Dabei kann es nicht darum gehen, „Verständnis“ für die Kriegsverbrechen in der Vergangenheit und aktuell zu zeigen, und sich mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zu überbieten; vielmehr kommt es darauf an, „mögliche tieferliegende Ursachen für den Konflikt zu beschreiben“. Es ist eine Auseinandersetzung über die „Ursachen, die nicht zuletzt (in) einer unterschiedlichen historischen Sozialisation des Westens und des Ostens“ zu suchen sind. Ein Verständigungs- und Lösungsansatz freilich kann nicht darin liegen, einem „Laissez-faire-laissez-passé“ zuzustimmen, sondern nach Wegen für eine „globale Ethik“ zu suchen, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 postuliert wird: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte bildet die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“.

Aufbau und Inhalt

In einer Gesprächsskizze verweist Böttcher auf die unterschiedlichen historischen, gesellschaftspolitischen und ideologischen Entwicklungen in Europa: Im Westen als Wertegemeinschaft und Integrationsbemühen – im Osten mit dem russischen Anspruch als Zentral- und Weltmacht. Es sind religiöse, weltanschauliche Unterschiede, geschichtlich interpretiertes (Rus-)Machtbewusstsein, und es ist das Bemühen, die durch den russischen Völkerrechtsbruch auseinandergerissenen, humanen Elemente – Politik auf der einen, Kultur auf der anderen Seite – wieder zusammen zu bringen. Da in der Jetzt-Zeit scheinbar niemand einen Zauberstab bereit hat, um den Krieg in der Ukraine beenden zu können, könnte es hilfreich sein, anhand von verschiedenen Szenarien und Annahmen menschenwürdige, friedliche Lösungen zu denken: Fall 1: Die Krim bleibt russisch. Die bisher von Russland eroberten Gebiete in der Ukraine ebenfalls. Der Konflikt führt zu einem zweiten „Kalten Krieg“ in Europa. Fall 2: Die ukrainische Staatsführung erkennt den Status Quo an und strebt längerfristig eine Konföderation der beiden getrennten Staatsgebiete an. Fall 3: Die Ukraine erklärt ihre Neutralität. Die ukrainischen Bestrebungen zur ökonomischen und politischen Annäherung an die EU führen zur Errichtung einer Freihandelszone zwischen der Europäischen und der Eurasischen Union. Nach Ansicht des Autors hat nur das gedachte dritte Szenario Aussicht auf Realisierung. Mit historischen Beispielen und wirklichkeitsnahen Visionen skizziert Böttcher die Möglichkeiten für vertrauensbildende, politische und ethische Maßnahmen.

Diskussion

Die Konfrontationen und für friedensliebende Menschen unverständlichen und undenkbaren, Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen lassen derzeit einerseits nur die unmögliche Denke zu, die russischen Aggressionen mit einem (atomaren) Weltkrieg und mit der Vernichtung Russlands zu beenden; oder andererseits daran zu arbeiten, Land und Gesellschaft als unverzichtbaren Bestandteil einer gemeinsamen europäischen Identität zu entwickeln: „Ohne Russland bleibt die europäische Identität nur Stückwerk“. Das kann nur gelingen, wenn im nationalen und internationalen Denken der Menschen die Gegenpositionen und Einstellungen von Gegnern bewusst gemacht werden können: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“. Für zivilisatorisch und ethisch denkende Menschen kommt es darauf an zu erkennen, dass die Politik des Diktators Putin nicht gleichbedeutend mit der „russischen Mentalität“ ist. Die Einschätzung, dass die machtbesessenen Denk- und Verhaltensweisen des russischen Präsidenten nur vom russischen Volk korrigiert und verändert werden können, hat aktuell anscheinend wenig Erfolg. Es sind die jahrzehntelangen diktatorischen Ergebnisse, die einen Perspektivenwechsel anscheinend aussichtslos erscheinen lassen. Doch: „Putin ist nicht Russland“. Er gehört vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen Menschenrechtsbruch angeklagt.

Fazit

Wo kämen wir hin, wenn wir als Menschheit ego-, ethnozentristisch, nationalistisch, rassistisch und populistisch denken und uns verhalten würden? Die Hoffnung, dass humane menschliche Existenz auf den ethischen, anthropologischen und juristischen Rechten ruht, darf uns nicht abhandenkommen (Christof Peter, Existenz und Recht. Perspektiven existenzorientierten Rechtsdenkens, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/26532.php).

Der Dialogskizze Böttchers sind fünf Anhänge beigefügt. Im ersten Anhang werden Auszüge aus der (totgesagten) „Schlussakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ vom 1. August1975 beigefügt, in der auch die damalige UdSSR die Unverletzlichkeit der territorialen Grenzen anerkennt, die Achtung der Menschenrechte bestätigt, und einer friedlichen Regelung von Streitfällen zustimmt. Im zweiten Anhang werden die Vereinbarungen für ein friedliches Zusammenleben der Völker abgedruckt, wie sie in der „Erklärung des KSZE-Treffens der Staats- und Regierungschefs in Paris vom 21. 11. 1990 beschlossen wurden. Im dritten Anhang wird an die Beschlüsse des Treffens der Staats- und Regierungschefs der Teilnehmerstaaten der KSZE vom 5. – 6. Dezember 1994 erinnert, in denen die innere und äußere Sicherheit der Länder mit demokratischen Mitteln versprochen wurde. Im 4. Anhang werden Auszüge aus der „Grundakte über gegenseitige Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit zwischen der Nordatlantikvertrags-Organisation und der Russischen Föderation“, vom 27. Mai 1997, abgedruckt. Und im 5. Anhang wird das Interview wiedergegeben, das der Autor mit dem Titel „Der Friede in Europa ist sehr zerbrechlich“ der Tageszeitung „Trierer Volksfreund“ am14. 11. 2022 gegeben hat. Es ist ein Plädoyer für eine „Europäische Souveränität“, in der gewaltsame, menschenunwürdige Konflikte und Kriege unmöglich werden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1552 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 20.05.2022 zu: Winfried Böttcher: RUSSLAND und DER WESTEN. Romeon-Verlag (Jüchen) 2022. ISBN 978-3-96229-359-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29394.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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