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Jens Weidner: AAT - Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter

Cover Jens Weidner: AAT - Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter: ein deliktspezifisches Behandlungsangebot im Jugendvollzug. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2001. 5., aktualisierte Auflage. 263 Seiten. ISBN 978-3-930982-77-6. 20,00 EUR.
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Einführung in das Thema

Gewalttätige Jugendliche bzw. Gewaltkriminalität sind ein gesellschaftspolitisch aktuelles Thema, zumal fremdenfeindlich motivierte Straf- und Gewalttaten seit 1999 um 58.9% zugenommen haben und Jugendliche in diesem Deliktfeld überrepräsentiert sind. Zwar entfielen 1999 auf Gewaltkriminalität lediglich 3% aller polizeilich registrierten Fälle, trotzdem sollte klar sein, dass Handlungsbedarf besteht. Dazu gehören entsprechende Behandlungsmaßnahmen für Gewalttäter. Sowohl in Deutschland als auch international existieren allerdings nur wenige theoretisch fundierte als auch empirisch evaluierte Maßnahmen. Eine löbliche Ausnahme stellt das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) dar, das von Jens Weidner und Kollegen Ende der 80er Jahre entwickelt wurde und zur Tertiärprävention konzipiert ist. Zielgruppe des Trainings sind schwerkriminell auffällige, gewalttätige jugendliche, heranwachsende und jungerwachsene Wiederholungstäter.

Hintergründe für die Entstehung des Buches und Einschätzung der Tauglichkeit des Autors

Das Anti-Aggressivitäts-Training (AAT) wurde Ende der 80er Jahre im Auftrag der Justizvollzugsanstalt Hameln entwickelt, wo es auch zum ersten Mal zum Einsatz kam. Mittlerweile wird am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) eine berufsbegleitende Zusatzausbildung zur/zum "Anti-Aggressivitäts-TrainerIn" angeboten. Das AAT erfreut sich großer Beliebtheit und Verbreitung in ganz Deutschland.

Jens Weidner, Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie an der FH Hamburg, war maßgeblich an der Entwicklung des AATs beteiligt. Dabei sind seine Erfahrungen als Praktikant in dem privaten Jugendvollzug Glen-Mills-Schools (USA) und an den Geschlechtsrollenseminaren für sexuelle Gewalttäter an der Jugendvollzugsanstalt in Hameln eingeflossen. Das vorliegende Buch ist die an der Universität Lüneburg angenommene Dissertationsschrift (1990) des Autors, deren zentraler Inhalt die empirische Überprüfung des AATs ist.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Die fünfte, "aktualisierte" Auflage des Buches enthält als Neuerung bzw. Aktualisierung einen Prolog, in dem einige Wiederabdrucke von Beiträgen zu dem AAT von Anfang der 90er Jahre enthalten sind, wie z.B. ein Bericht aus dem FOCUS, drei Beiträge des Autors selbst sowie internationale Berichte über das AAT. Dem Prolog schließt sich ein Reprint der im Forum-Verlag erschienenen Dissertationsschrift von 1990 an, die aus einer Beschreibung der Konzeption des Trainings und deren erste empirische Evaluation besteht.

Im Theorieteil (Kapitel 2 und 3) werden Aggressionstheorien und kriminalitätstheoretischen Ansätze im Hinblick auf ihre Praxisrelevanz erörtert und kritisch diskutiert. Am Ende jeden Kapitels werden jeweils die trainingsrelevanten Aussagen der Theorien zusammengefasst und im Hinblick auf ihre praktische Anwendbarkeit für das vorliegende Training bewertet.

Im vierten Kapitel werden die Struktur und Organisation sowie mögliche zukünftige Entwicklungen der Institution Jugendstraffvollzug dargestellt, im anschließenden fünften Kapitel werden die lerntheoretischen und kognitiv-verhaltenstherapeutischen Grundlagen des AATs erörtert. Dabei wird auf die soziale Lerntheorie von Bandura und die rational-emotive Therapie von Ellis fokussiert.

Das sechste Kapitel erörtert zunächst die Erfordernisse einer deliktspezifischen Behandlung von Gewalttätern, basierend auf Erfahrungen der Glen-Mills-Schools und des Geschlechtsrollenseminars für sexuelle Gewalttäter an der Jugendvollzugsanstalt in Hameln. Anschließend werden Aufbau und Inhalte des AATs beschrieben. Weiterhin werden die Rahmenbedingungen der Trainingsevaluation, das Therapeutenteam, die institutionelle Bedingungen und die Trainingsteilnehmer (N = 22) vorgestellt.

Im abschließenden siebten Kapitel werden schließlich die Ergebnisse der empirischen Evaluation des AATs dargestellt und diskutiert. Die Ergebnisse der Evaluation zeigen eine Verringerung in der allgemeinen Aggression, der reaktiven Aggression, der nach außen gerichteten Aggression sowie der Erregbarkeit und eine Erhöhung der Aggressionshemmung bei den behandelten Gewalttätern im Vergleich zu einer Kontrollgruppe von nichtbehandelten, inhaftierten Gewalttätern (N = 12) und einer Kontrollgruppe von nichtbehandelten, nichtinhaftierten Berufsschülern (N = 22).

Das Buch wird von einem Literaturverzeichnis abgeschlossen.

Zielgruppen

Weder der Autor noch der Verlag definieren ein Zielgruppe für das Buch. Da es sich bei dem Buch um eine Dissertationsschrift handelt, sollten aber primär Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Studierende, die in diesen Bereich ihren Studienschwerpunkt gelegt haben, angesprochen werden.

Bewertung

Das Buch von Jens Weidner ist empfehlenswert, da es gerade im Bereich der Gewaltprävention bislang nur sehr wenige Maßnahmen gibt, die, wie das AAT, sowohl theoretisch fundiert als auch empirisch überprüft sind. Trotz der Tatsache, dass es sich um einen Reprint der mittlerweile 12 Jahre alten Erstauflage handelt, hat das Buch nicht an Aktualität verloren. Die theoretischen Ableitungen für das Training sind immer noch zeitgemäß, auch wenn die dafür herangezogene Literatur veraltet ist. Die soziale Lerntheorie von Bandura zur Erklärung von Aggression und Gewalt sowie die kognitiv-verhaltenstherapeutische Ausrichtung des Trainings besitzen immer noch Gültigkeit und haben sich in der praktischen Anwendung bei einer Vielzahl von Interventionen und Maßnahmen bewährt. Das AAT stellt im Bereich der Gewaltprävention immer noch eine positive Ausnahme dar und sollte im Hinblick auf theoretische Fundierung und empirische Absicherung ein Vorbild für andere Maßnahmen sein. Mittlerweile existieren weitere empirische Evaluationsstudien zum AAT, die der Autor im Vorwort für die aktuelle Ausgabe zitiert und die zeigen, dass an einer weiteren Verbesserung des AATs gearbeitet wird.

Allerdings müssen einige Einschränkungen gemacht: Zunächst irritiert die Angabe, dass es sich bei dem Buch um eine aktualisierte Auflage handelt. Die einzige Neuerung besteht darin, dass ein Prolog von 29 Seiten hinzugefügt wurde, in dem einige Beiträge zu dem AAT abgedruckt wurden, die an anderer Stelle bereits erschienen sind und die für den Leser keine zusätzlichen inhaltlichen Informationen zu dem AAT liefern außer der Erkenntnis, dass die öffentlichen Medien das AAT rezipiert haben und auch international das AAT auf Resonanz stieß. Somit wird der potenzielle Käufer hinters Licht geführt, da zunächst der Eindruck entsteht, dass es sich tatsächlich um eine umfassende Aktualisierung des Buches handelt.

Weiterhin leidet die Lesbarkeit des Buches an den vielen Fußnoten, dem Layout und der wissenschaftlichen Sprachformulierung, so dass gerade der theoretische Teil des Buches für die/den fachfremde(n) LeserIn nur schwer zugänglich sein wird.

Fazit

Das Buch kann demjenigen Leserkreis uneingeschränkt empfohlen werden, der bislang keine frühere Auflage besitzt, sich intensiver mit den theoretischen Grundlagen des AATs beschäftigen möchte und der im Bereich der Gewaltprävention forscht oder studiert. PraktikerInnen, die primär an dem Training selbst und weniger an den wissenschaftlichen Grundlagen des AATs interessiert sind, empfiehlt es sich, auf andere Veröffentlichungen des Autors zurückzugreifen, wie z.B. J. Weidner, R. Kilb & D. Kreft (2000). Gewalt im Griff. Band 1: Neue Formen des Anti-Aggressivitäts-Trainings. 2., erweiterte und neu ausgestattete Ausgabe. Weinheim: Beltz. Hier sind die theoretischen Grundlagen lesbarer aufbereitet.


Rezension von
Dipl.-Psych. Oliver Christ
FernUniversität in Hagen, Institut für Psychologie, LG Psychologische Methodenlehre und Evaluation


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Zitiervorschlag
Oliver Christ. Rezension vom 08.04.2002 zu: Jens Weidner: AAT - Anti-Aggressivitäts-Training für Gewalttäter: ein deliktspezifisches Behandlungsangebot im Jugendvollzug. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2001. 5., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-930982-77-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/294.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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