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Thomas Hülshoff: Medizinische Grundlagen der Heilpädagogik

Rezensiert von Dr. Carsten Rensinghoff, 26.07.2022

Cover Thomas Hülshoff: Medizinische Grundlagen der Heilpädagogik ISBN 978-3-8252-5835-1

Thomas Hülshoff: Medizinische Grundlagen der Heilpädagogik. UTB (Stuttgart) 2022. 4. aktual. Auflage. 441 Seiten. ISBN 978-3-8252-5835-1. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema

Bei dem zu rezensierenden Lehrbuch handelt es sich um „eine breit gefächerte Übersicht über die medizinischen Aspekte von Entwicklungsprozessen, Entwicklungsstörungen und Behinderungen. […] Unter heilpädagogisch relevanten Aspekten werden Funktionen und Störungen von zentralen Sinnesleistungen, Motorik, Sprache, Denken und Fühlen sowie die wichtigsten Interventionsformen beschrieben“ (Klappentext).

Die vierte Auflage erhielt neuere Aspekte zur Motorik und zu kognitiven Fähigkeiten.

Autor

Thomas Hülshoff ist Arzt und lehrte als Professor für Medizinische Grundlagen der Heilpädagogik an der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen am Standort Münster.

Inhalt

Allem ist eine Vorbemerkung zur Inklusionsdebatte vorgeschaltet. Hülshoff bezieht sich hier auf die UN-Behindertenrechtskonvention. Eine herausragende Bedeutung dieser Debatte hat die Bildungspolitik. Und hier muss letztlich jeder Lehrer dazu fähig sein, „alle Kinder gemäß ihres individuellen Förderbedarfs zu begleiten“ (S. 14).

Für das Spätere bildet das zentrale Nervensystem die Basis. So führt der Autor aus, dass für die angewandte Heilpädagogik „das Wissen um die Entwicklung des menschlichen, insbesondere des kindlichen Gehirns, mögliche Störungen im Reifungsprozess, die neuronalen Grundlagen der Wahrnehmung, der Motorik, der emotionalen Verarbeitung und der Kognition von großer Wichtigkeit“ (S. 15) ist.

Bei den sozialmedizinischen Grundlagen wird der Blick auf die kulturellen Begebenheiten geworfen. Hier werden die verschiedenen Krankheitsmodelle, wie das medizinische-, das evolutionsbiologische- und das soziologische Krankheitsmodell diskutiert. „Zur Aufgabe von […] Heilpädagogik werden Krankheiten und die mit ihnen verbundenen Krisen erst dann, wenn die Selbsthilferessourcen des Betroffenen und seiner Bezugsgruppe […] erschöpft sind und die Toleranzschwelle überschritten ist“ (S. 64).

Die Besprechung der Grundlagen basaler Wahrnehmungsfunktionen erfolgt an:

  • dem Geruchssinn;
  • dem Geschmackssinn;
  • dem Tastsinn;
  • dem Gleichgewichtssinn.

Bei Störungen der basalen Wahrnehmungsfunktionen kann es zu Aufmerksamkeitsdefizitsyndromen oder Autismus kommen.

Bei Störungen der auditiven Wahrnehmung wird unterschieden in dem Schweregrad der Hörstörungen, dem Zeitpunkt, der Ursache des Entstehens der Hörstörung und dem Ort der Hörstörung

Störungen der visuellen Wahrnehmung zeigen sich in einer Sehbehinderung, bei der die Betroffenen trotz Brille oder Kontaktlinse weit weniger als normal sehende Menschen sehen können. Erhebliche Schwierigkeiten zeigen sich deshalb im Alltag, in der Schule, in der Ausbildung oder im Beruf.

Für die motorischen Steuerungsprozesse sind sehr komplexe Schaltkreise verantwortlich. Das motorische Geschehen läuft „immer in einem zirkulären und rückgekoppelten Prozess“ (S. 223) ab. Und hier kann es mitunter zu motorischen Störungen kommen, die sich z.B. in einer genetisch bedingten Muskeldystrophie Duchenne, einer Querschnittslähmung oder hirnorganischen Krampfanfällen zeigen.

Das Spektrum der motorischen Störungen reicht von der Infantilen Zerebralparese, einer sensomotorischen Störung, welche die Folge einer frühkindlichen Hirnschädigung ist, bis zum Schlaganfall, der v.a. im mittleren bis höheren Lebensalter auftritt.

Heilpädagogisches Geschick ist auf dem Feld der motorischen Störungen z.B. bei der Hilfsmittelberatung notwendig. Ein wichtiges heilpädagogisches Arbeitsfeld stellt die Frühförderung dar.

Die Sprache, so der Autor, gehört wohl zu den erstaunlichsten menschlichen Fähigkeiten. Sprachstörungen können sich in Sprachentwicklungsstörungen oder als erworbener Sprachabbau zeigen. Sprechstörungen zeigen sich demgegenüber in einer Dysarthrie oder Dysartrophonie. Störungen der Stimme werden als Dysphonie bezeichnet. Ein gestörter Redeablauf ist beim Stottern oder Poltern erkennbar. Atem- und Schluckstörungen sind weitere Störungsbilder, die das Sprechen beeinflussen, logopädisch behandelt werden und heilpädagogischer Intervention bedürfen.

Störungen auf dem Feld der kognitiven Fähigkeiten sind mitunter verantwortlich für eine geistige Behinderung oder dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Ein Förderbedarf in der geistigen Entwicklung kann zu einer lebenslangen Hilfsbedürftigkeit in sämtlichen Lebensbereichen führen. Dieser Umstand ist eine Herausforderung für die Heilpädagogik.

Schließlich sind da die Emotionen, die einem Förderbedarf in der sozialen und emotionalen Entwicklung bedürfen. Wichtig ist für die Emotionen das Limbische System, welches Hülshoff zusammen mit der Amygdala als „‘Mischpult der Gefühle‘“ (S. 361) bezeichnet. Limbisches System und Amygdala färben alle eingehenden Informationen mit Emotionen.

Emotionale und psychosoziale Störungen im Kindes- und Jugendalter zeigen sich beispielsweise im Einnässen, nach Kindesmisshandlungen oder bei Angstsyndromen.

Diskussion

Auch wenn die Heil-, Sonder- und Förderpädagogen keine Ärzte sind, so ist es dennoch wichtig auf das notwendige medizinische Wissen zurückgreifen zu können. Dies ermöglicht Thomas Hülshoff über die medizinischen Grundlagen der Heilpädagogik. Bei einem spezifischen Interesse kann auf die Literatur zurückgegriffen werden, auf die der Autor am Ende eines jeden Kapitels hinweist. Das Lesen, dieser oftmals schwierigen Materie wird mitunter durch eine lockerere Ausdrucksweise, wenn er etwa anmerkt, dass die Dendriten als Antennen fungieren, das Axon eine Sendefunktion hat oder das Lymbisches System und Amygdala das Mischpult der Gefühle sind, leichter verdaulich.

Fazit

Dem Verfasser geht es darum „Studierenden und Praktikern der Heilpädagogik eine breit gefächerte Übersicht über medizinische und biologische Grundlagen zu geben“ (S. 11). Dies ist notwendig, weil wir es auf dem heilpädagogischen Feld oft mit Mehrfachbehinderungen zu tun haben. Beispielsweise können sich sensorische Störungen auf die Motorik oder das emotionale Erleben auswirken.

Rezension von
Dr. Carsten Rensinghoff
EUTB beim Malteser Hilfsdienst e.V.
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Es gibt 163 Rezensionen von Carsten Rensinghoff.

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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 26.07.2022 zu: Thomas Hülshoff: Medizinische Grundlagen der Heilpädagogik. UTB (Stuttgart) 2022. 4. aktual. Auflage. ISBN 978-3-8252-5835-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29407.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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