Rita Braches-Chyrek, Jo Moran-Ellis et al. (Hrsg.): Handbuch Kindheit, Ökologie und Nachhaltigkeit
Rezensiert von Prof. Dr. René Börrnert, 30.09.2025
Rita Braches-Chyrek, Jo Moran-Ellis, Charlotte Röhner, Heinz Sünker (Hrsg.):Handbuch Kindheit, Ökologie und Nachhaltigkeit. Verlag Barbara Budrich GmbH ( Opladen, Berlin, Toronto) 2024. 659 Seiten. ISBN 978-3-8474-2649-3. D: 69,90 EUR, A: 71,90 EUR.
Thema
Wenn Erwachsene über Zukunft im großen Zusammenhang nachdenken, dann beziehen sie sich zumeist auf Kinder, weil es um deren Zukunft geht. Eine Grundfrage ist dabei: Wie können Kinder ihr Zuhause in der Mitwelt (Oikos) mitgestalten, sodass es nachhaltig erträglich wird und bleibt. Spätestens mit den Aktionen „Fridays For Future“ (FFF) wurde klar, dass die junge Generation für sich selbst denken kann. Sie fordert eine konsequente Politik gegen Missstände wie hier die Ursachen und Folgen des menschengemachten Klimawandels und mehr Mut, dieses zu verändern (vgl. Neubauer 2025).
Doch das ist der populäre Fokus. Ein Desiderat bleibt in diesem Zusammenhang jedoch bislang der erziehungswissenschaftliche Blick. Den haben die Autor:innen des vorliegenden Buches. Im Vordergrund steht hierbei die Frage: Wie lassen sich die Debatten um den Zusammenhang von Ökologie, Nachhaltigkeit, Postwachstum und sozialer Gerechtigkeit mit dem Leben von Kindern und Formen von Kindheit aus dieser Blickrichtung verknüpfen.
Herausgeber:innen und Autor:innen
Dr. Rita Braches-Cyrek ist Professorin für Sozialpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
Dr. Charlotte Röhner ist emeritierte Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit und der Primarstufe an der Bergischen Universität Wuppertal und Seniorprofessorin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Dr. Jo Moran-Ellis ist Professorin für Soziologie an der Head of School of Law Politics & Sociology University of Sussex.
Dr. Heinz Sünker ist emeritierter Professor für Sozialpädagogik/​Sozialpolitik und Rudolf-Carnap-Seniorprofessor an der Bergischen Universität Wuppertal sowie Honorarprofessor an der Universität von Aarhus/DK.
Um dem Desiderat erziehungswissenschaftlicher Forschung zu dem Themenfeld zu begegnen, bieten die versierten Herausgeber:innen und weitere ausgewiesene Autor:innen hier erste Ansätze zur Beantwortung der Frage, „ob und wie Kinder unter besonderem Bezug auf ihre Agency und ihr mögliches politisches Verständnis wie Bewusstsein […] als Stakeholder im notwendigen sozial-ökologischen Transformationsprozess zu einer nachhaltigen Gesellschaftsformation […] gesehen werden können“ (36).
Aufbau und Inhalt
Auf über 650 Seiten geht es in diesem Handbuch darum, „jene Kontexte und Konstellationen wie Orte, die für das Leben von Kindern, ihre Erfahrungen, Perspektiven und Interessen wie Besorgnisse als auch die diversifizierten Gestaltungen ihrer Kindheiten relevant sind, mit gegenwärtigen Problemstellungen und Interventionsperspektiven zu vermitteln, die durch einen neuen denkerischen Umgang mit Fragen von Nachhaltigkeit, Ökologie und Umwelt insgesamt bestimmt sind“ (12). Dabei werden die nachfolgenden sechs Kapitel unterteilt. Die hier in der Rezension aufgeführten Ausführungen können dabei jedoch aufgrund der Menge der Beiträge nur die generellen Inhalte wiedergeben, ohne auf die einzelnen Texte einzugehen.
1) Zum Verhältnis von Gesellschaft, Mensch und Natur – Transdisziplinäre Diskurslinien zur Bedeutung der Natur für die menschliche Entwicklung
Im ersten Kapitel nehmen sich die Autor:innen grundlagentheoretische Bestimmungen zum Verhältnis von Mensch, Natur und Gesellschaft vor und diskutieren diese transdisziplinär in Bezug auf die Bedeutung der Natur für die menschliche Entwicklung. Hierbei fächern sich die Betrachtungen in ethische, politische, anthropologische, soziologische und nicht zuletzt pädagogische Bezüge auf.
2) Kinder und Jugendliche als Akteure des Klimawandels – Handlungsmacht und empirische Befunde
Im zweiten Kapitel richtet sich der Fokus auf weltweite Protestbewegungen von Kindern und Jugendlichen zur Klimakrise, wobei deren politische Handlungsmacht hinterfragt wird. Wenn wir Nachhaltigkeit als Möglichkeit verstehen, gut zu leben und unser Verhalten dementsprechend auszurichten, dann sehen junge Menschen heute immer mehr die Ressourcen der Umwelt dafür in Gefahr. Die verschiedenen Beiträge nehmen hier Altersgruppen und Formate, Inhalte und Forderungen ihrer Proteste in den Blick.
3) Bildung, Ökologie und Nachhaltigkeit in der Kindheit
Im dritten Kapitel werden aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven grundlegende Fragen von Bildung, Kultur und Nachhaltigkeit in der Kindheit diskutiert. Hierzu gehören u.a. die Themenfelder „individualisierte digitale Massenkommunikation“, Solidarität und Freiheit sowie Flucht und Kindheit.
4) Bildung für nachhaltige Entwicklung im Spannungsfeld normativer Ansprüche
Im vierten Kapitel erörtern die Autor:innen Zieldimensionen und normative Ansprüche einer Bildung Nachhaltiger Entwicklung (BNE) mit Blick auf Kindheit im Zeitalter des Anthropozäns. Die vom Menschen geschaffenen Errungenschaften stehen in Gefahr, Natur und sich selbst und damit den Menschen zu zerstören. Die Beiträge in diesem Kapitel referieren religiöse und anthroposophische Konzepte und diskutieren, wie Kinder derart für die oben genannte Problematik sensibilisiert werden können.
5) Handlungsfelder und Institutionen ökologisch-nachhaltiger Bildung und Erziehung
Im fünften Kapitel stehen Handlungsfelder, Institutionen und Konzepte ökologisch nachhaltiger Bildung und Erziehung im Zentrum der Ausführungen. Hier sprechen die Überschriften für sich und zeigen ein breites Spektrum auf: Wildnisbildung, Natur- und Waldkindergarten, Schulgarten oder Draußenschule sind nur einige Beispiele. Letztlich beschreiben alle Beiträge Projekte von Bildung Nachhaltiger Entwicklung in naturnaher Umgebung, konstatieren aber den weiteren empirischen Forschungsbedarf, um aktuelle Tendenzen im Blick zu behalten.
6) Kinderwelten – Räume des Wandels
Im sechsten und letzten Kapitel versuchen die Autor:innen Kinderwelten als Räume des Wandels zu erschließen. Dabei stellen sie grundlegende Reflexions-Fragen zu entsprechenden Aspekten, wie Architektur, Freiräume für Kinderspiel und Nachhaltige Ernährung.
Im Fazit und Ausblick heben die Herausgeber:innen hervor, „dass die Forschung zum Naturbewusstsein, dem ökologischen Wissen, dem Erkennen und Handeln von Kindern ein Desiderat der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Forschung darstellt und wenig empirisch abgesichertes Wissen zur BNE vorliegt. Resümiert man die hier vorgelegten Beiträge in ihrer Gesamtheit in den möglichen Konstellationen von Akteur:innen, Bewegungen, Institutionen, Strukturen, kapitalistischem Vergesellschaftungsmodus sowie neuartigem Natur- und Generationenverhältnis […], dann stellt sich als eine entscheidende Frage, ob und wie Kinder unter besonderem Bezug auf ihre Agency und ihr mögliches politisches Verständnis wie Bewusstsein […] als Stakeholder im notwendigen sozial-ökologischen Transformationsprozess zu einer nachhaltigen Gesellschaftsformation […] gesehen werden können. Unserer Einschätzung nach zeigen eine ganze Reihe von Analysen, Einschätzungen und Perspektivierungen in Beiträgen dieses Bandes Ansätze zu einer zukunftsfähigen wie überlebensnotwendigen Beantwortung dieser Frage. Allerdings, und dies bleibt eine der unseres Erachtens großen Forschungsaufgaben wie politischen Herausforderungen für die nächste Zukunft, wird ein sozial gerechter Transformationserfolg von einem näher zu bestimmenden intergenerationellen Bündnis abhängen, für das ein die Struktur des die gegenwärtigen Generationenverhältnisse zu überwindendes und von Seiten aller Beteiligten neu zu strukturierendes Vertrauensverhältnis wesentlich sein dürfte […]“ (36 f.).
Diskussion
Tatsächlich bietet der bildungswissenschaftliche Sektor in Bezug auf Didaktik und Methodik viele Konzepte und Ideen, die Thematiken Ökologie und Nachhaltigkeit im schulischen Sachkundeunterricht bis zur außerschulischen Umweltbildung zu behandeln. Die Debatten sind nicht neu. Denn grundlegend aus pädagogisch-anthropologischer Sicht zeigt sich der Mensch als das sym-poetische, also das „mitschaffende“ Wesen (vgl. Börrnert 2005). Gekoppelt an die Selbstbestimmungs- und Partizipationsforderungen der Sozialgesetzbücher wird Nachhaltigkeit im ökologischen Kontext damit zwangsläufig zum Thema von Bildung und Aufklärung der Nachfolgegeneration(en). Zudem: Die Problemlagen werden täglich von den Medien präsentiert, hinterfragt und es wird an die Verantwortlichkeiten appelliert. Dieser Appell kommt vermehrt aus engagierten Kreisen der jüngeren Generation. Von hier aus heißt es, es werde härter werden. Und die Klimaaktivistin Luisa Neubauer (2025: 121) erklärt: „Weil sich Katastrophen, Konflikte, Chaos und Polarisierung häufen, weil wir um jeden Funken Vernunft kämpfen müssen, weil es immer mehr Brände zu löschen geben wird, als Hände zur Verfügung stehen, weil eine neue Müdigkeit einziehen wird in die Gesellschaft, die immer öfter nicht mehr kann und immer öfter nochmal muss“ (Hervorhebungen im Original).
Das vorliegende Buch führt die wesentlichen Aspekte zusammen und verdeutlicht aktuelle Studien und Programme, die aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive das Thema erörtern. Der Gewinn des Buches ist diese umfangreiche Beleuchtung der Problemfelder. Wer sich mit der Thematik einführend vertraut machen will, ist hierbei ebenso bedient, wie derjenige, der sich für weiterführende Facetten interessiert. Der Nachteil des Buches ist jedoch der übliche Blick und Duktus aus der universitären Erwachsenenwelt mit einer gehörigen wie überflüssigen Portion von Maßhalteregeln. Praxisbezogene bzw. evidenzbasierte Beiträge, welche die Sicht der angesprochenen Kohorte zum Thema widerspiegeln, sind leider nur wenige zu finden. Insgesamt jedoch ist das Handbuch eine abgerundete textliche Abhandlung, die in keiner erziehungswissenschaftlichen Bibliothek fehlen sollte.
Fazit
Buchtitel und Inhalt stimmen überein. Wer unter erziehungswissenschaftlichen Gesichtspunkten Kindheit(en) und deren Verhältnis zu den Themen Ökologie und Nachhaltigkeit in den Blick nimmt, findet hier alle relevanten Facetten beleuchtet.
Literatur
Börrnert, R. (2005): Pädagogische Anthropologie. Paradigmen und Anthropina. Braunschweig.
Neubauer, L. (2025): Was wäre, wenn wir mutig sind. Hamburg.
Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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