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Projekt "Netzwerke im Stadtteil" (Hrsg.): Grenzen des Sozialraums. Kritik eines Konzeptes

Cover Projekt "Netzwerke im Stadtteil" (Hrsg.): Grenzen des Sozialraums. Kritik eines Konzeptes - Perspektiven für Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. 290 Seiten. ISBN 978-3-8100-4021-3. 26,90 EUR.

Reihe: DJI 19.
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Kontext und Anliegen des Buches

Das Sozialraumkonzept hat Konjunktur. Für die einen ist es ein geeigneter Ansatz, nahe an der Lebenswelt der Adressaten ressourcen- und lösungsorientierte Konzepte subjektbezogener Sozialer Arbeit zu entwickeln und zu erproben. Für die anderen eignet sich Sozialraumorientierung hervorragend, um im Rahmen Neuer Steuerung und angesichts der Finanzierungsprobleme öffentlicher Hilfesysteme das Selbsthilfepotential der AdressatInnen zu aktivieren und durch sozialräumliche Vernetzung professioneller Hilfe über Synergieeffekte Finanzen einzusparen.

Funktion und Reichweite des Sozialraumkonzeptes sind allerdings nicht nur wegen dieser sehr unterschiedlichen sozialpolitischen Positionierung in der Diskussion, sondern auch weil sich die Vorstellungen vom Sozialraum als Lebensraum der AdressatInnen und Handlungsraum professioneller Akteure auf unterschiedliche theoretische Kontexte beziehen.

Aus der Sicht lebensweltorientierter Sozialer Arbeit stellt der Sozialraum eine (geographische) Konkretisierung  der Lebenswelt dar. Städte- und Jugendhilfeplanung sehen den Sozialraum eher als überschaubaren Planungsraum, der eine bessere Strukturierung und Bewältigung aktueller Planungs- und Steuerungsprobleme ermöglicht. Zum dritten kann das Konzept auch als Wiederaufnahme und Weiterentwicklung gemeinwesenorientierter Ansätze in der Sozialen Arbeit verstanden werden. Jede dieser Verortungen ist mit unterschiedlichen theoretischen Paradigmen verknüpft, was das Sozialraumkonzept in hohem Maße diffus und unscharf werden lässt. Hinzu kommt, dass seine praktische Umsetzung je nach Anwendungsbereich (offene Kinder- und Jugendarbeit, Hilfen zur Erziehung, Stadtplanung) deren jeweiliger Handlungslogik folgt.

Verdienst des vorliegenden Bandes ist es, diese divergenten Diskussionsstränge breit abzubilden und damit zu einer (realistischen) Konkretisierung des Begriffes beizutragen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band ist im Kontext des Bundesprogramms " Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten (e&c)" des BMFSFJ entstanden. "Will sich Soziale Arbeit an die Sozialräume ihrer Adressatinnen und Adressaten annähern, benötigt sie eine Vorstellung davon, was Sozialräume sind, wie sie aussehen, wo und wie sie zu finden sind. Sie braucht eine Vorstellung davon, wie gesellschaftliche Verhältnisse den Sozialraum bestimmen, wie sich im Sozialraum Machstrukturen und soziale Hierarchien abbilden, wie Inklusions- und Exklusionsprozesse ablaufen, wie das Gesellschaftliche ein räumliches Gesicht bekommt und welche gesellschaftlichen Grenzen dabei in den Räumen markiert werden." (S. 9) Die im vorliegenden Reader versammelten Beiträge versuchen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven (Teil-)Antworten auf diese Fragen zu geben.

Der vorliegende Band ist in drei Abschnitte gegliedert.

1 "Konturen eines sozialwissenschaftlichen Sozialraumkonzeptes"

Im ersten Abschnitt "Konturen eines sozialwissenschaftlichen Sozialraumkonzeptes" werden die bereits genannten unterschiedlichen Zugänge thematisiert. 

  • Unter kritischer Bezugnahme auf Giddens und Bourdieu arbeitet Benno Werlen in seinem Beitrag das Reduktionistische des Sozialraumkonzeptes heraus, das seiner Auffassung nach darin begründet liegt, "dass mit der einseitigen räumlichen Repräsentation lediglich die materielle Komponente mit ihrer Verortung berücksichtigt wird, nicht jedoch deren sinnhafte Komponente, die in sozialer Hinsicht jedoch gerade von vorrangiger Bedeutung wäre." (18)
  • Lothar Böhnisch und Wolfgang Schröer betrachten den Sozialraum aus sozialpolitischer Perspektive. Für sie ist die Konjunktur des Sozialraumes als sozialer Kategorie entstanden aus dem Bedürfnis nach Überschaubarkeit und kalkulierbaren Strukturen als Reaktion auf Globalisierungsprozesse. Gleichzeitig sehen sie eine sozialpolitische Instrumentalisierung der vielfältigen bürgerschaftlichen Bestrebungen, sich in Quartieren gemeinschaftlich zu engagieren.
  • Eric van Santen und Mike Seckinger arbeiten die unterschiedlichen sozialräumlichen Vorstellungen von Jugendhilfeplanung und einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit heraus und skizzieren deren Auswirkungen auf verschiedene Praxisfelder der Jugendhilfe. Aus ihrer Sicht sind diese unterschiedlichen Perspektiven grundsätzlich nicht zur Deckung zu bringen: "Sozialraumorientierte Arbeit muss mit der Differenz von Lebenswelt der AdressatInnen und extern definierten Sozialräumen zurechtkommen." (67)
  • Florian Straus betont in seinem Beitrag aus gemeindepsychologischer Sicht die Bedeutung sozialer Netzwerke als Unterstützungsressource zur Alltagsbewältigung und kritisiert vor diesem Hintergrund die territoriale Statik der Sozialraumorientierung. "Gerade eine Netzwerkperspektive macht deutlich, dass heute "vernetzte soziale Räume" ohne territoriale Grenzen gedacht werden müssen und je nach Zielgruppe variieren können."(83)
  • Christian Reutlinger schließlich diskutiert das Sozialraumkonzept unter sozialgeografischer Perspektive und geht dabei der "Raumlogik des stadtsoziologischen Diskurses" nach. Diese ist vorrangig daran interessiert, die aus Segregationsprozessen entstehenden städtebaulichen Strukturen zu beschreiben und zu typisieren und damit messbar zu machen. In dieser Betrachtungsweise geraten biografische Bewältigungsaufgaben und - strategien aus dem Blick. Aus diesem Grunde warnt Reutlinger vor der unkritischen Übernahme dieser Raumlogik, da sie den Zugang zur Lebenswelt der AdressatInnen eher verstellt.

2 "Perspektivwechsel in der Sozialen Arbeit"

Im zweiten Abschnitt  "Perspektivwechsel in der Sozialen Arbeit" sind Beiträge vereint, die den Subjektcharakter sozialräumlichen Denkens in den Vordergrund stellen.

  • Hans Thiersch skizziert das Sozialraumkonzept als folgerichtige Konkretisierung lebensweltlicher Sozialer Arbeit im städtischen Raum. Er betont: "Solche lebensweltorientierten sozialräumlichen Erziehungshilfen verlangen den Willen und die Ressourcen zu einer an Urbanität orientierten Kommunalpolitik, zu Politik der Sozialen Arbeit."(121)
  • Fabian Kessl setzt sich kritisch mit dem sozialpädagogischen Sozialraumdiskurs auseinander und sieht hier die Gefahr einer Idealisierung nahräumlicher Selbstbestimmung. Demgegenüber plädiert er dafür, die vielfältigen Interdependenzen von Selbst- und Fremdbestimmung im Sozialraum differenziert wahrzunehmen." Die Aktivierung der nahräumlichen Gemeinschaften dien (nun) der Initiierung lokalen sozialen Kapitals zur Substitution universeller wohlfahrtsstaatlicher Integration. Gemeinschaften sind nicht mehr per se der Raum der Selbstbestimmung, aber eben auch nicht per se ein durchgehend fremdbestimmter." (141)
  • Am Beispiel der Regionalisierung der sozialen Dienste in München beschreibt Werner Schefold die veränderten Anforderungen an professionelle Akteure und soziale Institutionen der erzieherischen Hilfen, die mit einer praktischen Umsetzung sozialräumlicher Vorstellungen verknüpft sind.
  • Ulrich Deinet schließlich plädiert engagiert dafür, die "Sozialräume von Kindern und Jugendlichen als subjektive Aneignungsräume zu verstehen" und führt aus, wie eine an diesem Verständnis orientierte offene Kinder- und Jugendarbeit aussehen kann.

3 "Konkretisierungen für Sozialpolitik, Soziale Arbeit und sozialpädagogische Forschung"

Der letzte Abschnitt des Bandes ist - etwas missverständlich - "Konkretisierungen für Sozialpolitik, Soziale Arbeit und sozialpädagogische Forschung" überschrieben. In den Beiträgen dieses Teil geht es gewissermaßen um die "innere Ausdifferenzierung" sozialer Räume.

  • Susanne Maurer analysiert den Sozialraum unter geschlechtsspezifischen Aneignungsaspekten und verweist auf "die politische Brisanz der Bezugnahme auf Raum im Hinblick auf die Geschlechterordnung" (185). Susanne Lang differenziert den Sozialraum unter ethnischen Gesichtspunkten. Sie geht den sozialräumlichen Segregationsprozessen im städtischen Kontext nach  und stellt die Bedeutung des Sozialraums als Raum ethnischer Differenzierung und kultureller Identität in den Vordergrund.
  • "Soziale Räume sind immer zugleich konstituierende Interaktionsräume, die Zugänge eröffnen oder verschließen und die divergierende Geselligkeitskontexte hervorbringen," lautet die Eingangsthese Stephan Stings. Vor dem Hintergrund der Berliner Ritualstudie zeichnet er die Bedeutung des Sozialraumes als Feld sozialintegrativer Geselligkeit nach und weist auf Anknüpfungspunkte für soziale Bildungsprozesse hin.
  • Mit seinen Ausführungen zur "Sozialen Arbeit als Koproduktion" verweist Hartmut Brocke in seinem Beitrag auf die Notwendigkeit partizipativer Ausrichtung Sozialer Arbeit:  "Koproduktion setzt auf einen Paradigmenwechsel des "öffentlichen Handelns" und auf die Teilhabekompetenz von Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen und Organisationen" (242). Sie zu entwickeln und zu erproben ist aus seiner Sicht besonders gut durch Netzwerkarbeit im  Sozialraum zu realisieren. "Netzwerke können (damit) neue politische Beteiligungsmöglichkeiten an Politikprozessen schaffen und angesichts des Fehlens direkter demokratischer Strukturen Partizipation und Transparenz verbessern." (247)
  • "Bürgerschaftliches Engagement trifft Sozialraum" überschreibt Arno Heimgartner seinen Betrag, in dem auch er die Möglichkeiten einer Verknüpfung von sozialpädagogischer Sozialraumorientierung mit gesellschaftspolitischer Teilhabe nachgeht.
  • Im letzten Beitrag dieses Teils schließlich beschreiben Chantal Munsch und Maren Zeller "die Bedeutung des Stadtteils für Jugendliche". Auf der Grundlage narrativer Interviews, die im Rahmen des Projektes INTEGRA geführt wurden, rekonstruieren die Autorinnen sehr anschaulich und konsequent subjektorientiert die Deutungsmuster und Aneignungsformen, die Jugendlichen in Bezug auf ihren Stadtteil als sozialen Raum entwickelt haben.

Fazit

Der vorliegende Band versammelt neben Beiträgen der "üblichen Verdächtigen" eine Reihe neuer und interessanter Positionen. Er liefert mit seiner Vielfalt an Perspektiven umfangreiches Material  zu einer differenzierten Sicht des Sozialraumkonzeptes und wirkt so einer allzu unkritischen Heilerwartung entgegen. Alle Beiträge sind gut verständlich abgefasst und daher gleichermaßen geeignet für Studierende, Praktiker, Wissenschaftler oder Politiker.

Die Breite der Argumentationen und die Betrachtung durch die Brille verschiedener Professionen unterscheiden diesen Band wohltuend von anderen häufig eher programmatisch ausgerichteten Veröffentlichungen zum Thema. Hierin liegt aber zugleich auch seine Beschränkung: Eine produktive Auseinandersetzung mit den einzelnen Beiträgen und eine eigene Positionierung wird dem Leser nur dann möglich sein, wenn er sich bereits mit den programmatischen Aussagen sozialräumlicher Konzepte vertraut gemacht hat. Hier wären ein einführender Text über den "Stand der Diskussion" oder zusammenfassende Thesen am Ende des Bandes als beitragsübergreifende Klammer eine hilfreiche Ergänzung gewesen


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 31.01.2006 zu: Projekt "Netzwerke im Stadtteil" (Hrsg.): Grenzen des Sozialraums. Kritik eines Konzeptes - Perspektiven für Soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2005. ISBN 978-3-8100-4021-3. Reihe: DJI 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2941.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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