Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Mareice Kaiser: Das Unwohlsein der modernen Mutter

Rezensiert von Nina Dorafschan, 21.07.2022

Cover Mareice Kaiser: Das Unwohlsein der modernen Mutter ISBN 978-3-499-00349-3

Mareice Kaiser: Das Unwohlsein der modernen Mutter. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2021. ISBN 978-3-499-00349-3.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die Basis für das „Unwohlsein der modernen Mutter“ ist laut Kaiser eine Gemengelage aus eigenen sowie gesellschaftlichen Mutteridealen, deren Unvereinbarkeit, Unerreichbarkeit und einem allumfassend schlechten Gewissen gekoppelt mit dem Gefühl des Scheiterns. Jeder Bereich des Lebens verändert sich durch Mutterschaft und unterliegt damit einer öffentlichen Bewertung, ohne dass Mütter sich wirklich einer für sie gewinnbringenden Sichtbarkeit erfreuen dürfen.

Autorin

Mareice Kaiser, Jahrgang 1981, ist Journalistin, Autorin, Moderatorin, Gründerin des preisgekrönten Blogs Kaiserinnenreich und Mutter. Ihr beruflicher Fokus liegt auf Gerechtigkeitsthemen. Sie lebt nach eigener Aussage in Berlin und dem Internet, dort zum Beispiel auf mareicekaiser.de oder bei Twitter und Instagram als @mareicares. „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ ist ihre zweite Sachbuchveröffentlichung.

Entstehungshintergrund

Das Buch wurde in seiner Entstehung inspiriert durch eine Studie des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) aus dem Jahre 2018, welche besagt, dass Mutterschaft innerhalb der ersten sieben Jahre für knapp ein Drittel der befragten Mütter eine bedeutende Verschlechterung des mentalen Wohlbefindens bedeutet. Die hier gewonnenen empirischen Ergebnissen belegen die Notwendigkeit einer Entlastung von Müttern und stellen eine Kausalität heraus zu gesellschaftlich auferlegten Mutterschaftsidealen. Die Studie enthält zudem die Empfehlung zur Verbesserung von Kinderbetreuungsmaßnahmen, der Aufhebung des Ehegattensplittings und der Etablierung einer Chancengleichheit, welche in der Summe zu einer Verbesserung der „psycho-emotionalen Lebensbedingungen von Müttern“ beitragen können [1]. Der ursprünglich dazu in ze.tt veröffentlichte Essay [2] wurde für den Deutschen Reporter:innenpreis nominiert. Dennoch erhielt das Exposé zum Buch von Verlagsseite verhaltene Reaktionen, ein Verlag lehnte mit der Begründung ab, die „Kernzielgruppe für diese zweifellos wichtige Thematik“ hätte wohl keine Kapazitäten für kulturelle Güter.

Aufbau

Das Buch ist in 13 Kapitel unterteilt, denen eine Beschreibung des „Ich“ als Darstellung des Status Quo und Vorwort vorausgeht. Die Kapitel sind in der Betitelung einheitlich gestaltet, namentlich auf das Wesentliche reduziert und damit inhaltlich transparent („Die Arbeit“, „Das Geld“ usw.). Eingerahmt in die anschauliche metaphorische Erzählung um einen Pullover, welche die Entwicklung der Mutter im Blick auf sich selbst und der Freiheit in der individuellen Gestaltung und Erfahrung von Mutterschaft illustriert, werden die jeweiligen Themen anhand von eigenem oder Fremderleben, gesetzlichen, politischen und sozialen Grundlagen sowie deren Auswirkungen ausgeführt. Gleichzeitig wird dargestellt, was mögliche Alternativen ausmachen könnte, welche Absurdität oder gar Diskriminierung gängiger Praxis innewohnt und wie traditionell verankert und teilweise veraltet die Ursprünge sind.

Inhalt

Mareice Kaiser analysiert in Bezugnahme auf politische und soziale Rahmenbedingungen die Ursachen für das vielschichtige Unwohlsein der modernen Mutter. Die Mutterrolle wird gesellschaftlich kritischer betrachtet und emotional stärker aufgeladen verhandelt als jede andere Rolle, die ein Mensch potenziell einnehmen kann. Sie birgt Unantastbarkeit, fast Heiligkeit in sich sowie deren Kippfigur, eine bedingungslose und institutionalisierte Erwartungshaltung. Die Assoziation von „schlechter Mutter“ zu „schlechter Mensch“ scheint eine Zwangsläufigkeit, wenn Mutterqualitäten von außen mit menschlichen Qualitäten gleichgesetzt werden. Zum selben Zeitpunkt ist es nicht ohne Reibungsverlust gestattet, Mutterschaft zu bereuen. Hier stellt Kaiser einen Bezug zu „Regretting Motherhood“, der Studie von Orna Donath[3],her, die bei Erscheinen mit hoher Emotionalität rezipiert wurde. Es genügt nicht, die Mutterrolle pflichtbewusst und zuverlässig auszufüllen, wichtig ist, darin aufzugehen. Geschieht dies nicht, hadert nicht nur die Gesellschaft mit den Müttern, sondern sie auch mit sich selbst, was einer Art vorauseilendem Gehorsam gleichkommt und auf bizarre Weise ein Herrschaftsbild qua gesellschaftlicher Erwartung illustriert.

Die Buchthemen der Autorin sind nicht nur durch deren biographisches Erleben miteinander verbunden, sondern bauen in Teilen auch inhaltlich aufeinander auf. In ihrem Vorgängerwerk „Alles inklusive“ schildert sie das (Familien)Leben mit ihrer ersten Tochter, welche mit einem seltenen Chromosomendefekt und dadurch mehrfach behindert geboren wurde. Hierfindet sich als ein Beispiel für die inhaltliche Verwobenheit die Schilderung des Erstgespräches der seinerzeit gemeinsam pflegenden Eltern mit einer Fachärztin, die Kaiser riet, auf ihren Mann „gut aufzupassen“, damit sie nicht bald alleinerziehend sei. Männer bräuchten bekanntermaßen „gutes Essen und guten Sex“, damit sie am Ball blieben [4]. Dass eine solche Aussage den Männern ebenfalls nicht zur Ehre gereicht, sei einmal außen vorgelassen. Die Selbstverständlichkeit und Nonchalance aber, mit der Mütter dazu gehalten sind, nicht nur ein Kind zu versorgen und gegebenenfalls zu pflegen, sondern gleichzeitig das Monopol innehaben auf die Stabilität einer Partnerschaft, indem sie ihren Körper zur Verfügung stellen und auch ansonsten dem Manne zu Diensten sind, ist bezeichnend. Derartige Stereotypen machen Bücher wie das von Mareice Kaiser notwendig, selbst wenn sie möglicherweise für die betroffenen Frauen keine neuen Erkenntnisse beinhalten, aber doch deutlich machen, wie systemimmanent und damit mitnichten individuell verschuldet ihre Lage ist. Vielleicht fehlt es an Zeit oder Energie für Erwerb oder Konsum kultureller Güter, möglicherweise gar an finanziellen Mitteln, denn spätestens nach der Lektüre wird auch deutlich, wie massiv besonders Mütter von finanzieller und beruflicher Deprivation betroffen sind, ihre Altersarmut vorprogrammiert, Lücken im Lebenslauf und Gender Pay Gap inklusive. Monetäre Missstände und deren Institutionalisierung sind es möglicherweise auch, was Kaiser dazu bewog, ihr nächstes Buch dem Thema Geld zu widmen.

Die Arbeitswelt inklusive Ehegattensplitting ist darauf zugeschnitten, dass Mütter sich in ihr nicht (mehr) verwirklichen oder auch nur in irgendeiner Form relevant einbringen wollen. Beförderungen für Mütter werden schon ab Schwangerschaftsbekanntgabe heikel, vorausgesetzt, eine potenzielle Schwangerschaft hat nicht vorab verhindert, bestimmte Posten überhaupt zu bekleiden. Männer hingegen werden nicht danach gefragt, ob sie kleine Kinder haben oder sich Kinder wünschen. Betreuungsfragen hängen in dieser Weltsicht implizit mit der Rolle der Mutter zusammen. Kaiser thematisiert überdies das Phänomen der „MILFisierung“, die sexuelle Attraktivität der Mütter und ihre Reduktion auf diese, die ein populäres männliches Beute- und Pornofavoritenschema beschreibt. Um dergestalt begehrenswert zu sein, gilt es, nach Schwangerschaft schnellstmöglich zu einem nicht mütterlich anmutenden Körper zurückzukehren. Der gesellschaftliche Druck auf Mütter umfasst somit die Verpflichtung, sie mögen in der Mutterrolle aufgehen, keinerlei berufliche Ambitionen mehr hegen und ihren Körper in einer Art pflegen und zur Schau stellen, die dem Manne zum Wohlgefallen dient. Diese Kombination sorgt für ein Unwohlsein vor allem dadurch, dass die Unsichtbarkeit der Frau als Gesamtpersönlichkeit all dem zugrunde liegt. Kaiser thematisiert und belegt dies anhand von Studien, beispielsweise der einleitend erwähnten DIW Studie.

Diskussion

Das Buch strebt nach Sichtbarkeit für Mütter, denen diese trotz hoher gesellschaftlicher Aufmerksamkeit und Erwartungshaltung nicht zuteilwird. Meiner Einschätzung nach leistet es diesbezüglich einen wertvollen Beitrag. Der Schreibstil ist unaufgeregt und in keiner Weise polemisch. Kaiser schreibt, wie man ihren Büchern anmerkt, über Sachverhalte, von denen sie theoretisch und praktisch Kenntnis besitzt. Ihr Blick ist weder monothematisch noch einem biographischen Tunnel unterworfen, sondern umfasst politische, soziale, emotionale und biographische Aspekte, die in Harmonie sinnmaximierend auf den Punkt gebracht werden, ohne an Lesbarkeit einzubüßen. Das Unwohlsein der modernen Mutter in ihrem Streben um Sichtbarkeit, Individualität und letztlich Freiheit und Wertschätzung ist nachvollziehbar dargestellt und gewinnt Struktur dadurch, dass sich die Leserschaft auf Kaisers Inhalte einlässt. Folgt man ihrem Erleben und Argumentationen, sind die Handlungsverläufe und Gedanken überaus transparent. Mütter finden hier eine Darstellung, die solidarisiert, nicht einen weiteren Wettbewerb anfeuert. Die Anregungen sind jedoch nicht geschlechtsspezifisch anzusiedeln – laut Kaiser geht es um Menschenrechte, um Selbstbestimmtheit im eigenen Leben unabhängig vom geschlechtlicher Zugehörigkeit.

Fazit

Das Unwohlsein der modernen Mutter in ihrem Streben um Sichtbarkeit, Individualität und letztlich Freiheit und Wertschätzung ist nachvollziehbar dargestellt und gewinnt Struktur dadurch, dass sich die Leserschaft auf Kaisers Inhalte einlässt. Folgt man ihrem Erleben und Argumentationen, sind die Handlungsverläufe und Gedanken überaus transparent. Mütter finden hier eine Darstellung, die solidarisiert, nicht einen weiteren Wettbewerb anfeuert. Die Anregungen sind jedoch nicht geschlechtsspezifisch anzusiedeln – laut Kaiser geht es um Menschenrechte, um Selbstbestimmtheit im eigenen Leben unabhängig vom geschlechtlicher Zugehörigkeit. Ein klare Leseempfehlung!


[1] Giesselmann, M. (2018): Mutterschaft geht häufig mit verringertem mentalem Wohlbefinden einher. In: DIW Wochenbericht 35/2018, S. 737-744

[2] Kaiser, M. (2018): Das Unwohlsein der modernen Mutter. In: Best of Ze.tt. Online: https://www.zeit.de/zett/politik/2018-09/das-unwohlsein-der-modernen-mutter

[3] Donath, O. (2017): Regretting Motherhood – A Study. Berkeley, North Atlantic Books

[4] Kaiser, M. (2016): Alles inklusive – Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter. Frankfurt a.M., Fischer Verlag GmbH, S. 109

Rezension von
Nina Dorafschan
B.A. Soziale Arbeit
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Nina Dorafschan.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Nina Dorafschan. Rezension vom 21.07.2022 zu: Mareice Kaiser: Das Unwohlsein der modernen Mutter. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2021. ISBN 978-3-499-00349-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29410.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht