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Ute Clement: Frauen führen besser

Rezensiert von Stephanie Meißner, 07.07.2022

Cover Ute Clement: Frauen führen besser ISBN 978-3-8497-0431-5

Ute Clement: Frauen führen besser. Wahrnehmungshilfen für Männer (und Frauen). Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2022. 113 Seiten. ISBN 978-3-8497-0431-5. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
Reihe: Management, Organisationsberatung
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Thema

Seit den 1970-er Jahren hat sich die Debatte zur Unterscheidung von biologischem und sozialem Geschlecht, den Geschlechterrollen und ihren Zuschreibungen immer weiter entwickelt. Mit unterschiedlichen Blickwinkeln, durch den Einfluss diverser Personen bzw. Personengruppen sowie mit veränderten rechtlichen Grundlagen rückte das Thema zunehmend in den Fokus. Mit zunehmendem Interesse von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wuchs zudem das Forschungsfeld im Bereich der Gender Studies, Geschlechtergerechtigkeit wurde zu einer Leitorientierung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Und dennoch zeigen sich – auch im Arbeitskontext von Organisationen – Handlungsmuster und Wirkmechanismen, die eher einer archaischen Logik folgen. Hier knüpft Ute Clement mit ihrem Buch an, präsentiert anschauliche Beispiele für Unterschiede und Ungleichbehandlung zwischen Frauen und Männern, beleuchtet Hintergründe beobachtbarer Phänomene und untermauert ihre Darstellung mit empirischen Untersuchungsergebnissen.

HerausgeberIn und AutorIn

Torsten Groth ist im Carl-Auer Verlag Herausgeber der Themenreihe Management und Organisationsberatung und beabsichtigt aktuelle Tendenzen und Entwicklungen in Beratung und Organisation aufzugreifen, vielfältige Fragen der dort notwendigen Entscheidungs- und Steuerungsprozesse zu beleuchten und in den Veröffentlichungen fundierte und theoretisch angemessene Führungs-/ Beratungs- und Lösungsansätze vorzustellen.

Die Autorin Ute Clement ist Diplom-Psychologin, Bankkauffrau und Systemische Beraterin. Sie absolvierte zudem ein Studium der Wirtschaftspädagogik und Theaterwissenschaft, war bei einem großen Unternehmen als Führungskraft beschäftigt und arbeitet bis heute als selbstständige Unternehmensberaterin.

Entstehungshintergrund

Das Geleitwort von Prof. Dr. Fritz B. Simon führt die Leser*innen bereits zu beobachtbaren Unterschieden in der Sozialisation sowie den Unterschieden im Führungsverhalten von Frauen und Männern. Außerdem benennt er, dass Organisationen für ihre Aufgabenbewältigung spezifische Kompetenzen benötigen, die nur dann wirksam werden können, wenn alle Qualitäten berücksichtigt werden, und zwar unabhängig vom Geschlecht ihrer Mitglieder.

Ute Clement ist in ihrer eigenen Berufs- und Beratungspraxis verschiedenen unreflektierten Aussagen und Handlungsmustern von Mitarbeitenden und Führungskräften begegnet. Sie sorgt mit ihrem Beitrag für Transparenz zu Wirkmechanismen, die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen begünstigen oder manifestieren. Mit ihrem Werk fordert sie auch eine wachsende Teilhabe von Frauen in allen Gesellschafts- und Arbeitsbereichen.

Aufbau und Inhalt

Der Autorin bietet eine übersichtliche Darstellung unterschiedlicher theoretischer und praktischer Facetten der Thematik. Am Schluss eines jeden Kapitels findet sich eine kurze Zusammenfassung der Kernaussagen.

Ute Clement befasst sich mit

  • Sprache, gesellschaftlich etablierten Normen, äußeren Einflüssen und persönlichen Erfahrungen, welche die soziale Konstruktion von Geschlecht prägen
  • dem Konzept der Helden- bzw. Heldinnenreise
  • dem Für und Wider der Frauenquote
  • den unterschiedlichen Erwartungen an Frauen und Männer im Berufs- und Familienleben sowie geschlechtsbasierter Diskriminierung am Arbeitsplatz
  • dem Begriff der Doppelverdiener*innen
  • der Gender Pay Gap bzw. der Gender-Finanzierungs-Gap
  • der gesellschaftlichen Darstellung von Realität und Rollenstereotypen im kulturellen und organisationalen Kontext
  • kommunikativer Machtausübung von Männern
  • dem Feminismus, als soziale Bewegung und kritische Analyse der Geschlechterordnung

und resümiert schließlich wichtige Ursachen und Lösungsansätze und Verantwortlichkeiten für mehr Gendergerechtigkeit

Im ersten Kapitel „Einen Unterschied machen“ wird dazu aufgefordert Sprache bewusst und differenziert einzusetzen, damit Haltungs- und Verhaltensveränderung ermöglicht werden. Ute Clement weist die Kritik am gendergerechten Ausdruck zurück und verweist auf die reziproke Beziehung zwischen Sprache und Gesellschaft.

Im Kapitel „Ich möchte lieber bei den Männern sitzen“ bezieht sich die Autorin auf ihre Zusammenarbeit mit einem Drehbuchautor und den Erkenntnissen des Mythenforschers Josef Campbell, um einem Schema für Veränderungsprozesse auf die Spur zu kommen. Ergänzt werden die Ausführungen eines typisch männlichen Weges in Anlehnung an Maureen Murdock um die Voraussetzungen und Stationen eines weiblichen Weges, bei dem letztlich die Integration weiblicher und männlicher Anteile einer Person postuliert wird.

Anschließend widmet sich das Kapitel „Wir beurteilen hier nach Leistung“ Zahlen, Daten und Fakten zur Beschäftigung von Frauen in Führungspositionen, Vorständen oder Aufsichtsräten großer privater Wirtschaftsunternehmen, der Politik und der öffentlichen Verwaltung. Außerdem werden das Für und Wider der Frauenquote sowie die Chancen und Grenzen von Maßnahmen, die qualifizierte Frauen ins Management bringen, aufgeführt.

Im Kapitel „Frauen in männerdominierten Umwelten“ und dem Kapitel „Was sagt denn Ihr Mann dazu“ geht es um Frauen in eher männlich geprägten Arbeitsbereichen, die Bedeutung von Solidarität unter Frauen, unterschiedliche Rollenerwartungen an Frauen und Männer, die sich aus der geschichtlichen Entwicklung erklären lassen und das Verhältnis zwischen Staat und Erziehung bzw. Beruf und Familie. Die Autorin kommt an dieser Stelle zu der Erkenntnis, dass die Emanzipation hier zu langsam voran gehe.

Im Kapitel „Frauen und Geld“ befasst sich Ute Clement mit dem bereinigten Gender Pay Gap (der Berechnung eines Anteils von Verdienstunterschieden zwischen Frauen und Männern, die auf strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtergruppen zurückzuführen sind), dem unbereinigten Gender Pay Gap (absolute Bruttoverdienste von Frauen und Männern in einer Alters-/ Branchen- oder Regionalgruppe im Verhältnis zueinander) sowie seinen Ursachen. Dazu führt sie auch Statistiken und Ländervergleiche an. Zudem geht sie auf das deutsche Steuerrecht ein, weist auf Anpassungsbedarfe hin und schlägt zur passenden Beschreibung der wahrgenommenen Ungleichheit den Begriff des Gender-Finanzierungs-Gaps vor.

Das siebte Kapitel „Wenn zu viele Frauen zusammen in Teams sind, dann kippt die Stimmung“ handelt von der sozialen Dynamik am Arbeitsplatz und Verzerrungseffekten, die sich in der Wahrnehmung unbewusst ergeben. Zudem werden anschauliche Beispiele für gelungene und scheinbar fehlende Unterstützung von Frauen in machtvollen Positionen aufgeführt.

Im Kapitel „Mansplaining“ wird die besondere Anforderung an Frauen thematisiert, nicht nur kompetent zu sein, sondern auch wahrgenommen und wirksam zu werden, sich Gehör und Anerkennung zu verschaffen.

Das neunte Kapitel „Das F-Wort“ geht auf vier unterschiedliche Phasen und Verständnisarten des Feminismus ein und begründet, weshalb dieser bedeutsam ist.

Zum Schluss nimmt Ute Clement Bezug auf den Buchtitel und spannt einen Bogen über die zuvor getroffenen Feststellungen. Sie fordert an dieser Stelle u.a., dass Männer und Frauen an einem Strang ziehen und jede*r seine Wahrnehmung fortlaufend überprüft und hinterfragt.

Diskussion

Das vorgelegte Buch ermöglicht einen aktuellen Blick auf bereits Erreichtes und noch zu Erreichendes auf dem Weg zu Geschlechtergerechtigkeit. Auf gut 100 Seiten werden ausgewählte Bereiche der Lebens- und Arbeitswelt umrissen, denen aus Sicht der Autorin besondere Beachtung geschenkt werden sollte. Durch das Anführen von vielen Fallbeispielen, wie etwa zu Beginn des zweiten, fünften oder siebten Kapitels, ist der Text sehr anschaulich und gut leserlich. Der Beitrag regt zur Reflexion eigener, innerer Faktoren und struktureller Bedingungen im eigenen Organisationskontext an. Die Inhalte der unterschiedlichen Kapitel leisten jeweils einen interessanten Beitrag zum Hauptthema, wenngleich sie nicht unmittelbar aufeinander aufbauen und in Form eines Fachaufsatzes auch für sich stehen könnten. Wer ein Fachbuch zu unterschiedlichen Führungsstilen oder geschlechtsspezifischem Management erwartet, findet hier u.U. nicht die gewünschten Antworten. Im Fokus der Autorin stehen eher die Wahrnehmungsbias und gendertheoretische Ansätze.

Die Veröffentlichung ist ein Plädoyer für den Feminismus und gegen einfache Wahrheiten, die Schreibweise wirkt direkt und parteiisch, aber nicht pikiert oder belehrend. Ute Clement wollte kein rein politisches Buch und keinen Ratgeber für Frauen verfassen. Dies ist ihr gelungen.

Zu empfehlen ist das Buch für Leser*innen, die sich für einen psychologischen Blick auf organisationstheoretische Wirkmechanismen sowie Geschlechtsidentität als soziale Kategorie interessieren (insbesondere hinsichtlich kognitiver Verzerrungseffekte) und sich einen Überblick zu Ausprägungsformen, Etappen und Hindernissen der Gleichbehandlung von Frauen und Männern verschaffen möchten. Hervorzuheben ist, dass das Werk von professionsübergreifender Relevanz ist, d.h. sich für Fachkräfte aus der Sozial- und Privatwirtschaft eignet, aber auch für andere interessierte Personen gewinnbringend ist.

Gendergerechtigkeit findet sich im Jahr 2022 auch in modernen Industriegesellschaften und in privaten, politischen, wirtschaftlichen oder Arbeitsorganisationen des Profit- oder Non-Profit-Bereichs nicht selbstverständlich wieder. Welche Ausdrucksformen und Hintergründe in diesem Zusammenhang erkennbar sind, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Verhalten in Abhängigkeit vom biologischen Geschlecht ist, welche Anforderungen sich bei Führungskräften hieraus ergeben und welche Handlungsansätze eine langfristige Veränderung bewirken können, zeigt das Buch mit dem provokanten Titel „Frauen führen besser. Wahrnehmungshilfen für Männer (und Frauen)“ auf.

Die Autorin lässt die Leser*innen an den Ergebnissen ihrer Recherchearbeit teilhaben, befasst sich mit sehr aktuellen gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten, setzt eigene Schwerpunkte durch anschauliche Praxisbeispiele und professionsbezogene Positionen. Ihre klare Haltung und das Aufzeigen individueller sowie gemeinschaftlicher Herausforderungen wirken authentisch und anregend.

Die präsentierten Inhalte sind -wie schon Titel und Kapitelüberschriften vermuten lassen- unterhaltsam und gehaltvoll. Dennoch ist die Lektüre sicher auch in der Lage zu polarisieren.

Fazit

Geschichtliche, gesellschaftlich-kulturelle, sprachliche und psychosoziale Faktoren prägen unsere Rollenbilder im persönlichen und beruflichen Alltag. Das Buch geht auf Szenarien aus der Praxis ein und unterstreicht diese Beispiele mit theoretisch fundiertem Datenmaterial. Die Ausführungen können als ein Aufruf zu mehr Sensibilität bzw. ein Werben für den Abbau von Klischees und Ungleichbehandlung verstanden werden. Das Buch ist lesenswert- unabhängig von Geschlecht oder Berufsgruppe.

Rezension von
Stephanie Meißner
Dipl. Sozialarbeiterin/ -pädagogin, berufsbegleitend Studierende an der Hochschule Koblenz. Diese Rezension ist als Studienleistung im Rahmen des Masterstudiengangs „Kindheits- und Sozialwissenschaften“ mit dem Schwerpunkt „Management und Beratung“ entstanden.
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Es gibt 1 Rezension von Stephanie Meißner.

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Zitiervorschlag
Stephanie Meißner. Rezension vom 07.07.2022 zu: Ute Clement: Frauen führen besser. Wahrnehmungshilfen für Männer (und Frauen). Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2022. ISBN 978-3-8497-0431-5. Reihe: Management, Organisationsberatung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29427.php, Datum des Zugriffs 11.08.2022.


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