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Elmar Habermeyer, Harald Dreßing u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch Therapie in der Forensischen Psychiatrie und Psychologie

Rezensiert von Dr. phil. Gernot Hahn, 20.09.2022

Cover Elmar Habermeyer, Harald Dreßing u.a. (Hrsg.): Praxishandbuch Therapie in der Forensischen Psychiatrie und Psychologie ISBN 978-3-437-23066-0

Elmar Habermeyer, Harald Dreßing, Dieter Seifert, Steffen Lau (Hrsg.): Praxishandbuch Therapie in der Forensischen Psychiatrie und Psychologie. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2022. 449 Seiten. ISBN 978-3-437-23066-0. D: 72,00 EUR, A: 81,30 EUR.
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Thema

Die Herausgeber wollen mit einem Praxishandbuch für den Bereich der Forensischen Psychiatrie und Psychotherapie eine Lücke schließen: ein umfassendes, alle Aspekte der Behandlung psychisch kranker Täter*innen umfassendes, empirisch abgesichertes, die medikamentösen und psychotherapeutischen Interventionen fokussierendes und an der Praxis orientiertes Nachschlagewerk, das im Behandlungsalltag schnell auffindbare Informationen und Handlungsoptionen anschaulich erklärt, gibt es für diesen anspruchsvollen Bereich der Psychiatrie in dieser Form bislang nicht. Dabei sollen die rechtlichen, gutachterlichen, störungsbezogenen Aspekte und umfassend die relevanten Störungsbilder und erfolgreiche medikamentöse und psychotherapeutische Behandlungsoptionen dargestellt werden. Ein weiterer Schwerpunkt liegt im Bereich des Lockerungs- und Übergangsmanagements bei Entlassung aus dem stationären Setting und der wichtige Bereich der forensischen, deliktpräventiven Nachsorge und der Prävention im ambulanten Rahmen.

Herausgebende

Prof. Dr. med. Elmar Habermeyer ist Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Prof. Dr. med. Harald Dreßing leitet den Bereich Forensische Psychiatrie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim. Prof. Dr. med. Dieter Seifert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Forensische Psychiatrie der Alexianer Christopherus Klinik Münster. Dr. med. Steffen Lau ist Chefarzt des Zentrums für stationäre Forensische Therapien der Klinik für Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Die vier Herausgeber haben bereits umfangreich zu Themen der Forensischen Psychiatrie publiziert. Die Einzelbeiträge wurden durch ausgewiesene Experten forensisch-psychiatrischer Versorgung unterschiedlicher Disziplinen aus Deutschland und der Schweiz verfasst.

Aufbau und Inhalt

Das Praxishandbuch steigt nach einem knappen Vorwort direkt in die Inhalte ein, welche in neun Abschnitte unterteilt sind:

  • Kriminologische Grundlagen
  • Rechtliche und Psychiatrische Grundlagen
  • Besonderheiten im forensischen Kontext
  • Störungsbilder
  • Spezifische Vollzugssettings
  • Problemfelder und besondere Herausforderungen
  • Arbeitspartner
  • Entlassung und Nachsorge
  • Prävention

Vorwort

Die Herausgeber betonen im Vorwort ihr Anliegen ein empirisch begründetes, für die Praxis taugliches und dabei umfassendes Handbuch anzubieten, das unterschiedlichen Berufsgruppen Anregungen für die tägliche Arbeit bietet. Der Grundgedanke der Therapiestrategien wird dabei als sozialpsychiatrisches Arbeiten im forensischen Kontext (V) formuliert, ein Ansatz, der die Forensische Psychiatrie und Psychotherapie nicht länger als „Sondergebiet“ definiert, sondern als Behandlungsfeld der Psychiatrie, das sich besonders belasteten und mehrfach beschädigten Menschen zuwendet.

Kriminologische Grundlagen

Zur Einführung befassen sich Dieter Dölling, Julian Wejlupek und Barbara Horten mit der Frage, inwieweit psychische Erkrankungen als kriminogener Faktor angesehen werden müssen und verfolgen dabei einen multifaktoriellen Erklärungsansatz bzgl. kriminellem Verhalten, in dem psychiatrische Symptome ein Anteil neben anderen Merkmalen sind. „Die psychische Störung führt … nicht automatisch zur Delinquenz, sondern ist als ein Risikofaktor in einem Bedingungsgeflecht anzusehen, das zu kriminellem Verhalten führen kann … Insbesondere ist das … Delinquenzrisiko in einem erheblichen Maß von seinem sozialen Umfeld und seiner Betreuung abhängig“ (7).

Rechtliche und Psychiatrische Grundlagen

Im zweiten Abschnitt erfolgt die Darstellung der rechtlichen Grundlagen der Unterbringung im Maßregelvollzug, wobei sich die Ausführungen auf die Situation in Deutschland und in der Schweiz beziehen. Darauf aufbauend folgt in einem Unterkapitel die Erörterung gutachterlicher Fragestellungen und Strategien zur Beurteilung der Schuldfähigkeit und zur Einschätzung der Gefährlichkeit und Unterbringungsnotwendigkeit psychisch kranker Täter*innen. Die rechtlichen und gutachterlichen Aspekte werden dabei konsequent mit praktischen Erwägungen (welche Informationen benötigt das Gericht, Ablauf einer Begutachtung, mögliche Fehlerquellen) verknüpft und in Faktenboxen und durch grafisch hervorgehobene Merksätze zusätzlich erläutert. Ein gesondertes Unterkapitel widmet sich der Frage der Einwilligungsfähigkeit, z.B. im Betreuungsrecht oder, was für die Praxis des Maßregelvollzugs von besonderer Relevanz ist, der Frage der Zwangsbehandlung von nicht einwilligungsfähigen Patient*innen.

Besonderheiten im forensischen Kontext

Im Abschnitt „Besonderheiten“ werden die fundamentalen Grundlagen forensisch-psychiatrischer Kriminaltherapie erfasst: die therapeutische Beziehungsgestaltung im forensischen Kontext, die Grundlagen deliktpräventiver Therapie, die Psychopharmakotherapie im Maßregelvollzug, die generelle fallbezogene Behandlungsplanung, Merkmale und Rahmenbedingungen der Verlaufsdokumentation, das Risikomanagement (Risikoerfassung und -handhabung) und die Messung der Therapiewirksamkeit. Die als „Besonderheiten“ definierten Aspekte beziehen sich auf den Gegenstand forensischer Psychiatrie, also die therapeutische Arbeit am Konstrukt „Gefährlichkeit“, die Auseinandersetzung mit Risikovariablen, das Rückfallvermeidungsparadigma forensischer Kriminaltherapie, aber auch die Ansätze zur Ressourcenförderung und die sich daraus ergebenden Arbeitsbedingungen und -notwendigkeiten. Die zentralen Inhalte werden auch in diesem Abschnitt in Faktenboxen erfasst, wichtige Einzelaspekte in Merkkästen hervorgehoben und zusätzlich in Fallbeispielen expliziert.

Störungsbilder

Der umfangreiche folgende Abschnitt befasst sich mit den wichtigsten Störungsbildern, die in der Forensischen Psychiatrie häufig begutachtet und behandelt werden. Im Eingangskapitel (verfasst von Herausgeber Elmar Habermeyer und Fanny de Tribolet-Hardy, ebenfalls in der Forensik Zürich tätig) wird zunächst ausführlich der Zusammenhang zwischen psychischer Störung und Delinquenz diskutiert. Zwar weisen Personen mit psychischen Störungen gegenüber der Gesamtbevölkerung ein erhöhtes Risiko für fremdgefährdende Verhaltensweisen auf, allerdings erweist sich der Zusammenhang nicht als alleiniger Ausdruck des Krankheitsgeschehens, sondern ergibt sich aus der psycho-sozialen Konstellation, in der sich eine Person befindet. Dieser Ansatz erklärt, warum die überwiegende Mehrheit psychisch kranker Menschen nicht straffällig wird, nur eine Teilgruppe der Patient*innen auffällig wird. Die Erfassung der damit zusammenhängenden Deliktdynamik erweist sich als Dreh- und Angelpunkt in Diagnostik, Behandlung und ambulanter Nachsorge, was dann in den Folgekapiteln für die Störungsbereiche der organischen Störungen, der substanzbezogenen Störungen, Schizophrenien, affektiven und Persönlichkeitsstörungen, die paraphilen (sexuellen) Störungen, Intelligenzstörungen sowie die Störungsbilder Aufmerksamkeitsdefizit-/​Hyperaktivitätsstörung, Autismus-Spektrum-Störungen und die posttraumatische Belastungsstörung ausführlich dargestellt wird. Alle Kapitel in diesem Abschnitt bieten die diagnostischen Grundlagen (nach ICD 11), Überlegungen zur Symptomrelevanz hinsichtlich Delinquenz (forensische Relevanz), Behandlungsstrategien und -optionen, Ansätze für Prävention, Rehabilitation und Nachsorge. Die Ausführungen werden auch hier durch didaktische Bausteine, Zusammenfassungen und Fallvignetten für die praktische Anwendung vertieft.

Spezifische Vollzugssettings

Die Gesamtgruppe der Maßregelpatient*innen ist inhomogen hinsichtlich Alter, Geschlecht und Störungsausmaß. Die Behandlungssettings in Straf- und Maßregelvollzug weisen ebenso unterschiedliche Besonderheiten auf, welche auf Interventionsstrategien und Behandlungseffekte wirken. Der fünfte Abschnitt greift eine Auswahl solcher Effekte auf, z.B. die besondere Situation psychisch kranker straffälliger Frauen, Jugendlicher und Heranwachsender im Maßregelvollzug und den besonderen Bereich der Gefängnispsychiatrie mitsamt den sozialtherapeutischen Behandlungsanstalten der Justizvollzugsanstalten. Die Darstellungen fassen auch in diesem Abschnitt den empirischen Kenntnisstand zusammen, definieren die Praxisrelevanz des aktuellen Wissens und erschließen dazu die diagnostischen und therapeutischen Optionen. Hinsichtlich des Bereichs der Gefängnispsychiatrie und der Sozialtherapeutischen Anstalten erfolgt ein Überblick zu Struktur, Gegenstand und Behandlungsansatz dieser Institutionen und der dort behandelten straffällig gewordenen Menschen.

Problemfelder und besondere Herausforderungen

Im an sich nicht einfachen Arbeitsfeld Forensische Psychiatrie finden sich spezifische, zusätzlich erschwerende Phänomene, welche -eng verknüpft mit den Strukturen und Rahmenbedingungen einer totalen Institution, welche von Zwangsaspekten und dem Doppelauftrag von Besserung und Sicherung geprägt ist- zu zusätzlichen Problemstellungen führen können. Patient*innen mit Migrationshintergrund (besonderen soziokulturellen Merkmalen und Bedürfnissen, Belastungsmerkmalen wie Flucht und Traumatisierung, unklarem rechtlichen Status), suizidale Krisen der zu behandelnden Menschen, Aggressivität im (geschlossenen) stationären Setting oder die Belastungen in der Arbeit mit leugnenden Patienten sind solche „besonderen Herausforderungen“. Der sechste Abschnitt geht in vier Kapiteln auf diese Phänomene ein, definiert die jeweiligen Problemlagen und therapeutischen Optionen, Ansätze für das Krisenmanagement, rechtliche Aspekte und berufsgruppenspezifische Interventionen (z.B. die Rolle der Pflege im Umgang mit Aggression im Stationsalltag). Die Inhalte werden auch in diesem Abschnitt durch Schaubilder, zusammenfassende Textbausteine und Wissensboxen gestaltet und vertieft.

Arbeitspartner

Der Maßregelvollzug kommt ohne externe unterstützende Partner nicht aus. Die Netzwerke sind vielfältig, wovon exemplarisch die Angehörigenarbeit, die Bedeutung der Strafverteidigung im Maßregelvollzug und die seelsorgerische Betreuung in ihren Strukturen, Angeboten und konkreten Formen für Patienten und Mitarbeitende erschlossen werden. Die Ausführungen dieses Abschnitts gründen jeweils auf der knappen Darstellung theoretischer und methodischer Grundlagen, welche mit ausführlichen praktischen Erfahrungen, Ansätzen und Perspektiven vertieft werden.

Entlassung und Nachsorge

Die Unterbringung im Maßregelvollzug ist komplex und langwierig, oft ergeben sich mehrjährige Aufenthalte für die Patient*innen. Die zu Unterbringungsbeginn konstatierte Gefährlichkeit der Straftäter*innen benötigt umfangreiche, mehrdimensionale Interventionen, deren Wirksamkeit zunächst intern, später mehr und mehr extern durch Vollzugslockerungen erprobt und hinsichtlich Stabilität und Tragfähigkeit überprüft werden müssen. Der Weg zu vollzugsöffnenden Maßnahmen, Erprobungen und Beurlaubungen ist ebenfalls langwierig und bedarf einer umfassenden Planung mit dem Ziel der frühestmöglichen Entlassung aus der Unterbringung. In diesem Zusammenhang kommen Lockerungen und die Weiterführung der forensischen Therapie im ambulanten Rahmen durch verbindliche und langfristige Nachsorgemaßnahmen eine besondere Rolle zu. Der achte Abschnitt beschreibt diese Lockerungs- und Nachsorgeaspekte, definiert Behandlungsstandards im Übergangsmanagement und die aktuelle Forschungslage zu dieser Thematik. Alle theoretischen und methodischen Ausführungen werden auch in diesem Abschnitt durch Merkkästen und Info-Boxen und Zusammenfassungen vertieft bzw. herausgehoben.

Prävention

Der Maßregelvollzug reagiert auf bereits erfolgte Delinquenz, bietet Diagnostik, Therapie und Nachsorge für die Fälle an, bei denen es bereits zu Straftaten, starken Störungen im psychosozialen Kontext und zu Opfern gekommen ist. Der letzte Abschnitt greift hier einen Schritt weiter und beschreibt in zwei Kapiteln mögliche Präventionsangebote im Bedrohungsmanagement), z.B. durch enge Kooperation mit den Polizeistellen (z.B. durch Gefährderansprachen) oder den spezifischen Angebotsstrukturen der in Bayern etablierten sog. Präventionsambulanzen, deren Interventionen im Vor-Forensischen Feld potenzielle Deliktneigung und Kriminalitätsentwicklung einschätzen und durch individuelle Behandlungsangebote, Vernetzungsmaßnahmen und enge Begleitung aktiv angehen. Die Präventionsansätze werden vor dem Hintergrund konkreter Praxiserfahrungen reflektiert und durch Praxishinweise, Merkkästen, Tabellen und Info-Boxen zusätzlich vertieft.

Im Anhang findet sich ein umfassendes Stichwortregister mit gut 1500 Fachbegriffen und den zugehörigen Fundstellen im Buch.

Zielgruppe des Buches

Trotz Schwerpunktsetzung des Praxishandbuchs auf psychiatrische und psychotherapeutische Interventionen spricht der Band alle in der Forensischen Psychiatrie tätigen Berufsgruppen an.

Diskussion

Die Messlatte dafür, ein Fachbuch Praxishandbuch nennen zu können, hängt hoch: Die relevanten Inhalte müssen vollständig präsentiert werden, die Darstellung muss didaktisch so gestaltet sein, dass die Einzelaspekte rasch auffindbar sind, dabei zentrale Aspekte gut von Spezial- und Vertiefungsthemen unterschieden werden können. Die theoretischen Inhalte sollten mit Verweis auf praktische Gegebenheiten und möglichst in Fallvignetten vertieft werden. Das präsentierte Wissen sollte empirisch abgesichert und durch möglichst neue Forschungserkenntnisse untermauert werden. Zur Vermeidung von Anwendungsfehlern sollte alles, was unbedingt beachtet werden muss, hervorgehoben werden, die Texte sollten von ausgewiesenen Expert*innen verfasst sein, die in der Lage sind, auch komplexere Inhalte verständlich zu formulieren und mit eigener Praxiserfahrung zu verknüpfen. Die grafische Gestaltung sollte einheitlich, übersichtlich und ansprechend sein. All das ist im Praxishandbuch Therapie in der Forensischen Psychiatrie und Psychologie erfüllt. Mehr noch: Die durchgängig äußerst gelungene grafische Gestaltung ist mit der Zusammenstellung und Aufbereitung der Inhalte äußerst überzeugend. Wichtige Inhalte werden als Fazit oder in sog. „Faktenboxen“ zu Beginn jeden Kapitels zusammengefasst. Das erhöht die Rezeptionsmöglichkeiten und erlaubt -in Zusammenschau mit den Textpassagen und den dort platzierten Wissensboxen und Praxishinweisen den Nutzwert dieses Handbuchs. Verlag und Herausgeber haben damit ein äußerst beeindruckendes Praxiswerk geschaffen, das neben der hervorragenden Zusammenstellung der Inhalte eine didaktische Form aufweist, die rasche Orientierung und sicher einen guten Theorie-Praxis-Transfer erlauben. Der Blick auf die Autor*innenliste zeigt, dass die vier Herausgeber die in jahrelanger Praxis etablierten Kontakte zu ausgewiesenen Experten genutzt haben, um inhaltlich hochwertige Beiträge zu generieren. Entsprechend nimmt das Praxishandbuch im publizistischen Umfeld Forensischer Fachbücher eine gewisse Sonderrolle hinsichtlich Themenvielfalt, Vollständigkeit, Übersichtlichkeit, Aktualität und Praxistauglichkeit ein. Im Rückblick auf das Forensische Publikationsjahr 2022 und in Vorschau auf die angekündigten Publikationsprojekte in diesem Feld kann die Platzierung auf Platz 1 der Bestenliste des Referenten gut begründet erfolgen.

Zur inhaltlichen Seite sind drei Ergänzungen anzumerken, die in einer zweiten Auflage umgesetzt sein sollten (die Herausgeber fordern zu derartigen Rückmeldungen in ihrem Vorwort auf): Auch wenn die Situation lebensälterer psychisch kranker Straftäter*innen kein Kernthema der Forensischen Psychiatrie darstellt, erweist sich diese Gruppe als besonders vulnerabel und schutzbedürftig hinsichtlich Behandlung, Therapieplanung und Resozialisierung. Der Maßregelvollzug ist mit dieser Gruppe besonderer Patient*innen konfrontiert, die Behandlungsoptionen, ethische Fragestellungen und die Reha- und Resozialisierungsplanung erfordern hier besondere Kenntnis und methodische Varianz, welche zusammen mit den in Deutschland vorliegenden Praxiserfahrungen in ein Praxishandbuch Forensische Psychiatrie und Psychotherapie aufgenommen werden sollten.

Stichwort Ethik: Ethische Fragestellungen und Konflikte stellen im Zwangskontext von Behandlung und Sicherung den Alltag dar. Ein entsprechend praxisorientiertes Kapitel zu Behandlungsethik, Machtkonflikten und zum Umgang mit dem Eigensinn von Patient*innen sollte -möglichst noch vor der Darstellung kriminologischer Aspekte- in ein Praxishandbuch einführen.

Last but not least: Der Fokus des Praxishandbuchs liegt auf psychiatrischen und psychotherapeutischen Diagnostik- und Interventionsmethoden. Diese Schwerpunktsetzung greift -fast durchgehend- zu kurz. Die Praxis des Maßregelvollzugs ist durch Multiprofessionelle Ansätze geprägt. Der Behandlungsalltag in den Kliniken und Ambulanzen wird umfangreich durch Pflegekräfte gestemmt, die Gestaltung von Alltag und sozialen Strukturen, Fragen der Außenorientierung und Entlassvorbereitung liegen zentral bei Fachkräften der Sozialen Arbeit, die auch im Bereich des Skilltrainings (Soziales Kompetenztraining etc.) eine wichtige Expertise aufweisen. Die psycho-sozialen und ökonomischen Folgen einer schwerwiegenden psychischen Störung nehmen ebenfalls breiten Raum im Behandlungsgeschehen breiten Raum ein. Kurz: Forensische Kriminaltherapie ist ein Komplexleistungsprogramm, das sich nicht auf Medikamente und Psychotherapie reduzieren lässt. Die im Handbuch spärlichen Hinweise dazu (etwa im Kapitel zu den Persönlichkeitsstörungen oder den Paraphilien) greifen zu kurz. In einer Folgeauflage wären diese (und weitere, z.B. Sport, Kreativtherapien, tiergestützte Therapie etc.) Ansätze mit der gleichen Sorgfalt und Ausführlichkeit wie die restlichen Kapitel aufzugreifen und zu gestalten.

Eine Frage bzw. ein Wunsch für -die sicher folgende- Zweitauflage: inhaltlich und marktstrategisch wäre die Ausweitung der Inhalte auf die Situation in Österreich sinnvoll und auch notwendig. Die Schnittstellen zwischen den deutschsprachigen Ländern sind im forensischen Feld vielfältig, die nationalen Unterschiede nicht zu groß, um in einem Handbuch vereint werden zu können.

Fazit

Ein hervorragend gestaltetes, umfangreiches, wissenschaftlich aktuelles Werk, das den Titel „Praxishandbuch“ mehr als verdient. Die Darstellung der Inhalte erfolgt übersichtlich, stets an den theoretischen Inhalten und dem aktuellen Forschungsstand orientiert und didaktisch hervorragend mit vielfältigen Praxisverweisen aufbereitet. Ein Standardwerk für alle Forensischen Einrichtungen, dem zahlreiche Neuauflagen zu wünschen sind.

Rezension von
Dr. phil. Gernot Hahn
Diplom Sozialpädagoge (Univ.), Diplom Sozialtherapeut
Leiter der Forensischen Ambulanz der Klinik für Forensische Psychiatrie Erlangen
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 20.09.2022 zu: Elmar Habermeyer, Harald Dreßing, Dieter Seifert, Steffen Lau (Hrsg.): Praxishandbuch Therapie in der Forensischen Psychiatrie und Psychologie. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2022. ISBN 978-3-437-23066-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/29429.php, Datum des Zugriffs 26.09.2022.


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